Maudie (Sally Hawkins) hat ihr bescheidenes Heim innen und außen bemalt. Fotos: Duncan Deyoung, Courtesy of Mongrel Media

Ausgabe 343
Kultur

Das große Leuchten

Von Rupert Koppold
Datum: 25.10.2017
In Aisling Walshs Film "Maudie" spielt Sally Hawkins ganz herzzerreißend eine körperbehinderte Frau, die sich ihre eigene Welt malt und in einer kleinen Hütte mit einem wortkargen Mann ihr Glück findet.

Sie heißt Maudie (Sally Hawkins), ist sehr schmal und wirkt sehr zerbrechlich. Gerade hat ihr brutal egoistischer Bruder das Haus der Eltern verkauft, den Erlös eingesackt und seine Schwester der strengen Tante übergeben. Aber in diesem nach kleinlicher Sauberkeit und säuerlicher Bigotterie riechenden Haus an der kanadischen Ostküste, in dem ihr nur befohlen und nichts zugetraut wird, will Maudie nicht länger wohnen. Jetzt steht sie in einer Ecke des örtlichen Kramladens und hört, wie der große, klobige Hausierer Everett (Ethan Hawke) sich erkundigt, ob schon jemand auf seinen Haushaltshilfe-gesucht-Zettel reagiert hat. Bald danach hinkt Maudie, die als Kind an arthritischem Rheuma erkrankt ist, über eine staubige Landstraße zu Everetts selbst gezimmertem Holzhäuschen, mit seinem Elf-Quadratmeter-Grundriss eher als Verschlag zu bezeichnen, und stellt sich vor.

Der wortkarg-ruppige Everett aber, ehemaliges Waisenkind und nun ein störrisch auf Distanz bedachter Außenseiter, kann sich für diese Frau mit den dunklen Wuschelhaaren nicht erwärmen. Wie soll sich die so schief ins Leben hineingewachsene Maudie nützlich machen, wie soll sie mit ihren krummen Händen für ihn putzen, waschen, kochen? Everett weist sie ab. Er kann keinen Krüppel gebrauchen, will sie zurückschicken in das Kaff, in dem sie sich wieder vorkommen würde wie eingesperrt. Sie aber steht noch ein bisschen herum, bleibt hartnäckig in ihrer Not, erzählt vom bevorstehenden Weg nach Hause und den Kindern, denen sie begegnen wird. "Ich wette, die werfen wieder Steine nach mir!", sagt Maudie und lächelt. Er wird sie schließlich doch noch aufnehmen, sie werden heiraten und auf ihre Weise glücklich sein.

"Zwei Seelen, die am Rande der Gesellschaft existieren, finden einander und verändern sich im Laufe ihres gemeinsamen Lebens", so fasst die Regisseurin Aisling Walsh ihren in den dreißiger Jahren beginnenden und bis in die sechziger Jahre hinein erzählten Film zusammen, der auf dem wahren Leben der Künstlerin Maudie Lewis und ihres Mannes Everett basiert. "Ein verwundeter Vogel und eine Vogelscheuche", so charakterisiert Walsh ihre beiden Protagonisten, deren Zusammenwachsen sie ebenso einfühlsam wie zupackend schildert. Zum Beispiel, wenn Maudie sich als Köchin beweisen will, ein Huhn aus dem Gehege holt, es ganz sanft hält und tröstet und sich dann, den Tränen nahe, überwindet und zum Beil greift. Und wie Everett, der ihr Essen vorher verächtlich weggeschoben hat, diesmal wortlos reinhaut. In quasi schwäbischer Schweigsamkeit: Nix gsagt isch gnug globt!

Maudie malt einfach, was sie sieht

Und Maudie, die mal sagt, dass sie besser sei "als ein Hund", bringt dann buchstäblich Farbe in Everetts Hütte. Sie pinselt die Wände voll mit Bäumen, Blumen und Vögeln. Sie malt, was sie sieht und vor allem, was sie fühlt. Sie schaut mit wachen Augen aus dem Fenster und holt sich die große Welt in ihr winziges Zuhause, indem sie sich diese Welt auf ihre Art gestaltet. Blaue Himmel und Seen, grüne Wiesen und Wälder, weiße Wolken und Schneelandschaften. Und immer wieder auch ein Mann und ein Häuschen. All dies in kunstvoller Naivität und in Farben, die so leuchten wie ihr Gesicht. Und was macht Everett? Er ignoriert alles mit mürrischer Unbeholfenheit, hat einfach keine Antenne für ihre Malerei, kann mit ihren Bildern nichts anfangen. Nein, er ermuntert sie nicht. Aber er lässt sie immerhin gewähren. Dann steht eines Tages eine reiche und kunstsinnige Sommerfrischlerin aus New York vor der Tür, sieht Maudies Bilder und kauft ihr welche ab. Maudie wird entdeckt.

Nun könnte dieser Film zur "Success Story" werden, zu einer Geschichte also, die sich auf Maudies Erfolg konzentriert. Aber es passiert etwas viel Schöneres: Dieser Erfolg bleibt eine Geschichte am Rande, im Zentrum geht es weiter um Maudie und Everett. Die beiden bleiben einfach in ihrem Refugium, so als wäre es eine von der großen Historie unabhängige Zeitkapsel. Während irgendwo da draußen dies und das passiert, wünscht Maudie sich nur mal ein Fliegengitter an der Tür, das ihr Everett nach ein bisschen Gebrumm auch heranschafft. Dennoch verklärt dieser Film die randständige Hütte nicht zum Idyll. Everett ist ein schwieriger, sturer und versehrter Mann, der sich immer wieder bedroht sieht in seiner Stellung und Eigenständigkeit. "Ich bin der Boss!", herrscht er dann eifersüchtig und hilflos die intellektuell beweglichere Maudie an.

Einmal kommt es fast zum Bruch. Die Tante beichtet auf dem Sterbebett ein Familiengeheimnis, das Maudie in ihrer ganzen Existenz erschüttert. Jetzt bräuchte sie Hilfe und Trost von Everett. Aber der ist wieder mal so mit sich und seinen Problemen beschäftigt, dass er kein Ohr hat für seine Frau. Wie sehr Everett sie braucht, wird ihm erst nach und nach klar. Wie sehr er sie liebt, das deutet sich erst spät und nur in kleinen Gesten an. So wie in Sidney Hayers' "Wie ein Schrei im Wind" (1966), wo Oliver Reed als einzelgängerischer Trapper eine zarte, stumme Frau (Rita Tushingham) lange wie Dreck behandelt. Aber besser spät als zu spät, wie etwa in Federico Fellinis "La Strada" (1954), wo Anthony Quinn als großer Zampano erst nach dem Tod von Gelsomina (Giulietta Masina) erkennt, dass er sie geliebt und nun für immer verloren hat.

Nein, "Maudie" ist kein Fellini-Film. Aber doch ein kraftvolles, unsentimentales, herzzerreißendes Drama und ein Triumph des klassischen Erzählkinos. Aisling Walsh arbeitet den Kontrast zwischen weiter Landschaft und engen Innenräumen heraus, sie weiß, wie man Blicke lenkt oder wann der Worte zu viel werden könnten. Als die reiche New Yorkerin zum ersten Mal auftaucht, schaut Maudie bewundernd auf deren elegante Schuhe und sagt, die könnte sie nicht tragen. Mehr muss sie auch nicht sagen, es schwingen in diesem Satz schon so die bitteren Erfahrungen eines ganzen Lebens mit. Die Regisseurin kann sich bei solchen Szenen auch ganz auf ihre brillanten Darsteller verlassen. Sally Hawkins und Ethan Hawke müssen beide gepriesen werden, gerade weil sie sich eher zurücknehmen und nicht so spielen, als ginge es um eine Oscarbewerbung.

Im Abspann ist die 1970 gestorbene Maudie Lewis selbst zu sehen. Sie wirkt noch fragiler als ihre Darstellerin Sally Hawkins, strahlt aber genau wie diese eine große Warmherzigkeit und Lebenslust aus. Das Häuschen von Maudie und Everett wurde, nachdem es fast verfallen war, inzwischen restauriert und steht in einem Museum in Nova Scotia. Und die Bilder von Maudie Lewis kann man googeln und sich an diesen ungeheuer bunten Szenen erfreuen, in denen die Welt, ganz buchstäblich und natürlich auch metaphorisch, keinen Schatten kennt.

 

Info:

Aisling Walshs "Maudie" kommt am Donnerstag, den 26. Oktober in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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