Nina, Ferdinand und eine Blume. Fotos: Twentieth Century Fox

Ausgabe 350
Kultur

Der an den Blumen riecht

Von Rupert Koppold
Datum: 13.12.2017
Pünktlich zu Weihnachten kommt eine computeranimierte Ode an den Pazifismus in die Kinos: Auch in der Verfilmung ist der Kinderbuchklassiker Ferdinand der friedlichste Stier aller Zeiten.

Ein Stier im Porzellanladen, ein verdammt großer Stier noch dazu. Ja, es ist ein monströser schwarzer Fleischberg, der gerade wie tollwütig durch die Gassen einer spanischen Kleinstadt gerast ist und dabei die Stände und Büdchen eines floralen Folklorefests zertrümmert hat. Der Zuschauer weiß also, was jetzt kommt. Eine Sequenz mit hohem Klirrfaktor nämlich, eine scheppernd-scherbige Destruktionsorgie, die ... Aber was macht dieser Stier denn nun? Er steht so bedröppelt da, als wüsste er ganz genau, was die Zuschauer erwarten. Und als wolle er diese Erwartungen auf keinen Fall erfüllen. Was er vorher angerichtet hat, das passt ja auch gar nicht zu ihm. Zu dieser wilden Wüterei ist es bloß gekommen, weil ihn eine Biene ins Hinterteil gestochen hat. Tatsächlich ist er doch Ferdinand, ein sanfter Riese und der friedlichste Stier aller Zeiten.

Im Jahr 1936 kam er auf die Welt, da wurde nämlich Munro Leafs Kinderbuch "Ferdinand, der Stier" veröffentlicht, in dem der Titelheld lieber an Blumen riecht, als in der Arena zu kämpfen. Es war das Jahr, in dem der spanische Bürgerkrieg begann, und tatsächlich wurde diese Geschichte von manchen auch als aktueller Kommentar gesehen und mitunter auch denunziert. Die überwiegenden Reaktionen aber fielen so positiv aus, dass die Walt Disney Studios das Buch schon 1938 als achtminütigen Zeichentrickfilm adaptierten. "Wie soll man denn gegen jemanden kämpfen, wenn der gar nicht will?", fragt am Ende dieses schnellen und spritzigen Abenteuers (unter anderem auf Youtube zu finden) ein verzweifelter Matador. Und der liebe Ferdinand darf schließlich zurück auf seine Blumenwiese.

Nun also, fast acht Jahrzehnte später, ist Ferdinand in einem von Carlos Saldanha inszenierten, computeranimierten Spielfilm in 3-D zu erleben, der sich 106 Minuten Zeit nimmt und deshalb der Originalgeschichte viele neue Figuren und viele neue Schauplätze einschreibt. Unter anderem eben diesen Porzellanladen, durch den Ferdinand nun ganz, ganz vorsichtig hindurch will. "Denk dich dünn", befiehlt er sich, rückt spitzhufig Tellerstapel auseinander, schiebt seinen massigen Körper an ihnen vorbei, und versucht auch dann noch ruhig zu bleiben, als die kurzsichtige Ladenbesitzerin seinen Schwanz mit einem Staubwedel verwechselt. Nein, Ferdinand ist wirklich nicht schuld, dass in dem Porzellanladen am Ende trotzdem das passiert, was im Englischen eben nicht der sprichwörtliche Elefant, sondern der Stier anrichtet.

Begonnen hat dieser von den Blue Sky Studios ("Ice Age") produzierte Kinderfilm auf einer Kampfstierfarm in Andalusien und auf einem Hof, in dem die Jungstiere wie Schulhofrüpel ihre Hierarchie auskämpfen. Mit Ausnahme des blauäugigen Ferdinand eben, der sich diesem Konkurrenz-und-Mobbing-Treiben verweigert. "Schlag mich, aber lass die Blume in Ruhe!", setzt er dem duellfordenden Oberbully entgegen. Sein Papa hat für Ferdinand sogar Verständnis, auch wenn er selber freudig die Fahrt zur Arena antritt – und nicht mehr zurückkehrt. Da bricht sein Sohn aus und findet Zuflucht bei einem Gärtner und dessen kleiner Tochter Nina, für die er zum geliebten Haus(s)tier wird. Nachts in Ninas Bettchen schlafen, tagsüber an Blüten riechen und dabei so euphorisch-verzückt lächeln wie früher mal friedselige Hippies, wenn sie andere Pflanzen inhalierten: Ach, es ist das Paradies!

Kindgerechte Ernsthaftigkeit

Und kann natürlich kein Paradies bleiben. Nach seiner Kleinstadtraserei findet Ferdinand sich erneut auf der Kampfstierfarm wieder, wo ihm, dem vermeintlich aggressiven Testosteronpaket, die Beruhigungsziege Elvira zugeteilt wird, ein sehr verplappertes und auch sehr lustiges Geschöpf. Überhaupt ist nun die Zeit für liebevoll charakterisierte und karikierte Nebenfiguren gekommen. Für einen Stier zum Beispiel, dem das Haar so sichtbehindernd in die Stirn wächst, dass er auf Traktoren losgeht. Für einen andern, dem vor Kämpfen immer so kotzübel wird, dass er einen Kotzkübel braucht. Auch für die drei frechen Igel Uno, Dos und Cuatro ("Wir reden nicht über Tres"), die sich gern und buchstäblich zusammenballen und in hohem Tempo herumrollen. Und für das hochmütige, besser: für das hochtrabende Lipizzaner-Trio auf der anderen Seite des Elektrozauns, das "stinkende Stiere" verachtet und sich in Wiener Tonfall mokiert: "Schleich di!"

Dieser Film spielt auch dunklere Töne an, und wenn in ihm der Schlachthof droht ("Entweder Kämpfer oder Hackfleisch"), dann wirkt er sogar wie das Kinderfilmpendant zu Bong Joon-Hos preisgekröntem Werk "Okja", in dem ein Mädchen versucht, seinen früheren Spielkameraden, ein genmanipuliertes Schwein, aus der Fleischfabrik zu befreien. So düster wie "Okja" wird "Ferdinand" freilich nicht, es gelingt ihm eine kindgerechte Mischung, bei der auch ernstere Themen durch Komik und Slapstick ausbalanciert werden. Zum Beispiel beim erneuten Ausbruch aus der Kampfstierfarm, an dem sich – und das geht über den Ferdinand als individuelle Ausnahme zeigenden Disney-Film hinaus – alle Tiere endlich solidarisch zeigen und sich und ihre Talente gemeinsam einbringen.

Trotzdem wird Ferdinand am Ende in eine Arena müssen. Der eitle Matador El Primero, ein dünner Kerl mit messerscharfem Bärtchen, will ihn dort mit gelissspelten Provokationen zum Kampf aufstacheln. Unser Stier aber kehrt die Rollen um und tanzt den zornig anstürmenden Matador auf sehenswerte Weise aus! Das Ende bleibt also der Originalgeschichte treu, anders gesagt: Der pazifistische Klassiker bleibt auch in dieser Neufassung pazifistisch. Und während Kinder sich bei den Konkurrenzspielen der Stiere an ihre Schulkameraden erinnern mögen, ersetzt manch Elternteil die tierischen Physiognomien in Gedanken wohl mit jenen von Kim oder Trump.

 

Info:

"Ferdinand – Geht stierisch ab" kommt am Donnerstag, den 14. Dezember, in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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