Traktor spritzt Herbizide. Foto: Joachim E. Röttgers

Traktor spritzt Herbizide. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 355
Wirtschaft

Glyphosat in den Wein

Von Minh Schredle
Datum: 17.01.2018
Ein Antrag im Stuttgarter Gemeinderat möchte den Einsatz von Glyphosat auf Grundstücken der Stadt komplett verbieten. Und verschwindet in der Versenkung. Wenig später verkündet der grüne OB Fritz Kuhn persönlich das Verbot des Unkrautvernichters. Ausnahmen sind das städtische Weingut und verpachtete Flächen. Eine komische Geschichte.
Das bekannteste Glyphosat-haltige Mittel: Roundup. Foto: Mike Mozart/Flickr, CC-BY 2.0
Das bekannteste Glyphosat-haltige Mittel: Roundup. Foto: Mike Mozart/Flickr, CC-BY 2.0

Der wundersame Werdegang des Antrags beginnt bereits vor fast zwei Jahren. Anfang Februar 2016 forderte die SÖS-Linke-Plus-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat das strikte Verbot des Unkrautvernichters Glyphosat auf Grundstücken der Stadt. Eine offizielle Reaktion aus der Stadtverwaltung gab es zunächst nicht. Allerdings hat der Oberbürgermeister – zufällig, wie ein Sprecher der Stadt auf Rückfrage versichert – nur wenige Wochen später einen ganz ähnlichen Einfall: "Kuhn veranlasst", so ist es einer Pressemeldung vom 08. März 2016 zu entnehmen, den "Verzicht auf Glyphosat auf städtischen Flächen." Relativ unmissverständlich, möchte man zumindest meinen, steht da auch, die Landeshauptstadt werde "ab sofort das Unkrautvernichtungsmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat nicht mehr" einsetzen.

Das klingt fast so, als würde die Landeshauptstadt seitdem das Unkrautvernichtungsmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat nicht mehr einsetzen. Naja, nicht ganz. Denn was sich der Meldung nicht entnehmen lässt, sind die umfangreichen Ausnahmen. Da ist einmal das städtische Weingut, auf dem das Mittel nach wie vor versprüht wird. Und außerdem alle Ackerflächen, welche die Stadt verpachtet, wobei sie es den Bauern freundlicherweise freistellt, ihre Felder mit dem laut Weltgesundheitsorganisation wahrscheinlich krebserregenden Unkrautvernichter zu bestellen.

Glyphosathaltig: Stuttgarter Weinrebe. Foto: Joachim E. Röttgers
Glyphosathaltig: Stuttgarter Weinrebe. Foto: Joachim E. Röttgers

Das sind Extrawürste, die der SÖS-Linke-Plus-Antrag nicht vorsah. Was wohl aus der Forderung nach einem wirklich strikten Verbot geworden ist?, wundert sich Christoph Ozasek, der für die Linke im Gemeinderat sitzt, Wochen und Monate später. Eigentlich schreibt die baden-württembergische Gemeindeordnung vor, dass ein Verhandlungsgegenstand spätestens in der übernächsten Gemeinderatsitzung, nachdem er von einer Fraktion beantragt worden ist, behandelt werden muss.

Das wäre in diesem Fall am 03. März 2016 gewesen. Doch auch im Herbst 2017 ist der Antrag – trotz "beharrlicher Rückfragen", wie Ozasek im Gespräch mit Kontext versichert – noch nicht auf der Tagesordnung gelandet. "Offenbar ist unser Anliegen im Orkus der Verwaltung verschwunden", sagt der linke Stadtrat.

Dem widerspricht die Stadt. "Anfragen oder Anträge gehen nicht verloren, sie werden allesamt sorgsam von der Verwaltung beantwortet", betont ein Sprecher auf Rückfrage der Redaktion und erklärt angesichts der stattlichen Bearbeitungsdauer: "Manche Anfragen sind leider länger offen, als Fraktionen dies wünschen."

Jetzt jedenfalls geht es ans Eingemachte und siehe da: Nach fast zwei Jahren schafft es das Thema doch noch auf die Tagesordnung. Nachdem die SÖS-Fraktion dies durch einen zweiten Antrag erzwang, wird das Gremium nun am 25. Januar über ein Glyphosat-Verbot ohne Ausnahmen abstimmen. Im Gegensatz zum grün-geführten Baden-Württemberg ist ein solches auf öffentlichem Grund in Rheinland-Pfalz und Hessen schon lange Standard. Auch auf kommunaler Ebene haben Gemeinden, Städte und Kreise, sogar im erzkonservativen Oberbayern, bereits rigidere Auflagen zum Gyphosat-Gebrauch erlassen, als die Landeshauptstadt im Südwesten mit dem grünen Oberbürgermeister.

Nachdem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die EU-Zulassung des Unkrautvernichters im Alleingang um fünf Jahre verlängert hat, kommen Bundestagsjuristen zu der Einschätzung, dass ein nationales Glyphosat-Verbot für Deutschland rechtlich machbar wäre. "Städte und Kommunen müssen hier Vorreiter sein", sagt Ozasek. Als grüne Hauptstadt in einem grünen Bundesland trage Stuttgart hier eine besondere Verantwortung.

Wo ist eigentlich unsere Anfrage hin, fragt sich Christoph Ozasek. Foto: Joachim E. Röttgers
Was ist eigentlich aus unserem Antrag geworden?, fragt sich Christoph Ozasek. Foto: Joachim E. Röttgers

Seit vergangenem August ist die Leitung des städtischen Weinguts in den Händen von Timo Saier. Der Önologe hat zuvor neun Jahre lang Biowein angebaut, er wüsste also, wie es ohne Herbizide geht. "Das ist teurer und aufwendiger", sagt er, "aber machbar, also eine Frage des politischen Willens." Bis der sich aber umfassend pro Umwelt- und Menschenschutz formiert hat, bleibt es erstmal beim Glyphosat für den Stuttgarter Wein.

Was neben einer verbesserten Ökobilanz für das Verbot im Weinbau spräche: Ein Team von WissenschaftlerInnen um den Lebensmittelforscher Matteo Scampicchio betont, dass der Glyphosat-Einsatz auch die Qualität des Traubenmosts beeinträchtige. Wie Scampicchio gegenüber dem "Natur"-Magazin erläutert, hemme der Unkrautvernichter die Hefegärung. Ob sich diese feinen Nuancen jedoch tatsächlich erschmecken lassen, ist selbst unter Kennern umstritten.

Unabhängig davon ist sich der Stuttgarter Linke Christoph Ozasek sicher: "Glyphosatfreier Anbau wäre auf jeden Fall ein Argument mehr, bei der Stadt zu kaufen."


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