KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Ausgabe 85
Debatte

Wir Mörder

Von Anna Hunger
Datum: 14.11.2012
Katharina Bretsch hat ein veganes Kochbuch geschrieben. Es soll ein politisches Statement sein. Grund genug, sich Gedanken zu machen über ein Leben ohne Käse, Fleisch und Ledersohlen.

Traute Zweisamkeit: Schwarzwurzel und Rosmarin. Illustrationen: Katharina Bretsch

"Es kann doch nicht sein", sagt mein Mann, "dass wir an Gemüsebrühe scheitern." Er dreht ein Glas in der Hand, Maggi. "Spuren von Ei", steht drauf. Wir sind schon den halben Tag unterwegs, auf der Jagd nach Seitlingen (Austern- und Kräuter-), auf der Pirsch nach Gluten und Sojamehl und Zeug, von dem wir bisher nicht wussten, dass es existiert (Agar-Agar). Und dann so was. Wir entscheiden, wenigstens die totale Biovariante zu nehmen. "Trotzdem ein Schandfleck", sagt mein Mann, als wir samt Brühe an der Kasse stehen. Er sieht unglücklich aus.

Wir kochen zwei Tage vegan, haben wir uns vorgenommen. Mein Mann, großer Freund von Serrano-Schinken auf Laugenbrötchen. Ich, passionierte Milchkaffeetrinkerin. Wir sind Ritter-Sport-Vollmilch-Liebhaber, wir tragen Schuhe mit Lederbestandteilen, wir sind uns bewusst, dass Tiere für uns sterben und leiden müssen, weil wir gerne den leckeren Ziegenkäse von der Käsetheke essen, den sie auch noch mit Schinken umwickelt haben. Natürlich bemühen wir uns, politisch korrekt zu leben. Aber wir sind Omnivoren, Allesfresser, so, wie Gott oder wer auch immer den Menschen geschaffen hat.

Fressen und gefressen werden. Der Frosch frisst die Fliege, der Storch den Frosch, irgendein anderes Tier den Storch, okay, der Mensch, zugegeben, hat es übertrieben. Und natürlich ist uns das bewusst. 

Die Lebensmittelknappheit in dem, was wir "Dritte Welt" nennen, liegt an unserem Fleischkonsum. Und an dem der Chinesen, sagte Professor Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel kürzlich der "Tagesschau". Mehr als 1,7 Milliarden Tiere werden weltweit als Nutztiere gehalten. Sie bedecken ein Viertel der Landfläche des Planeten. Für das Futter werden ein Drittel aller zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen gebraucht. Eier werden milliardenfach in Legebatterien produziert, Küken werden geschreddert, ihre Eltern elektronisch enthauptet, Schweine gepfercht, Kühe gequält. Und wenn sie doch ein einigermaßen gutes Leben führen, dann zumindest komplett menschenfrei gemolken, weil kein Großbauer es schafft, über tausend Zitzen am Tag in die Hand zu nehmen. Die Meere sind bald fischfrei. "Tragik der Allmende" nennt man das, die Übernutzung von Ressourcen im Sinne des "Allgemeinwohls". Das ist nicht gut.

Und bekannt.

Gut für den Magen: Rettich und Schaumsüppchen.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie hat ein österreichischer Forscher herausgefunden, dass für nur ein Kilo Fleisch, rechnet man die Produktion der Futtermittel mit ein, 335 Kilogramm Kohlendioxid ausgestoßen würden. Das Schlimme: eingesperrte Rinder und Batteriehennen aus Holland schneiden im Sinne der Ökobilanz am besten ab. Biotiere am schlechtesten, weil die länger leben, deshalb mehr fressen, mehr Platz brauchen und über einen längeren Zeitraum pupsen. Bio lässt unsere Welt demnach noch schneller untergehen.

Als BSE aufkam und im Fernsehen Kühe gezeigt wurden, die krampfend auf dem Boden lagen, habe ich beschlossen, Vegetarier zu werden. Nach drei Jahren habe ich verloren gegen eine profane Bolognese-Sauce. Man kann es Willensschwäche nennen. Vegetarier zu sein ist aber auch nichts, lerne ich auf der Homepage "Vegetarier sind Mörder". "Nicht nur durch Leichenfressen, sondern auch durch den Konsum von Milch, Eiern und Honig wird Mord an Säugetieren, Vögeln bzw. Bienen in Auftrag gegeben." Ohne Kalbfleisch eben auch keine Milch. 

Die einzige Lösung: ein veganes Leben. 

In Deutschland leben laut dem Vegetarierbund etwa fünf Millionen Vegetarier und circa 500 000 Veganer, genau kann man es nicht sagen. Sie leben bar jeglicher tierischer Produkte, keine Milch, kein Fleisch, kein Käse. Mein Mann sagt, ein Leben ohne Käse sei ein trauriges. 

2010 wurden in Deutschland 5 392 000 000 Liter Milch getrunken

Er und ich stehen im Reformhaus zwischen Weißwürsten ohne Wurst, Reisbratlingen und einer Packung "Das Schnitzel" aus Haferfasern und Weizeneiweiß. Wir suchen Räuchertofu. Weil wir schon da und aufgeschlossen sind für unseren Selbstversuch, kaufen wir gleich noch einen Hanf-Brotbelag, er ist grau und quietscht beim Draufbeißen. Mein Mann sagt: "Och, so schlecht isses doch gar nicht." Ich sage: "Doch, wohl." Es schmeckt – um das in aller Deutlichkeit zu sagen – scheiße. "Mit Brot geht's", sagt mein Mann. Aber ist unser Steinofenbrot vegan? Wir werden keins dazu essen.

Wir kaufen viel Soja für unser veganes Essen, obwohl all die Soja-Monokulturen weltweit den Regenwald zerstören und für die benötigten Flächen indigene Völker umgepflanzt werden. Wir kaufen Gluten und überlegen lange, ob wir das für 3,69 Euro kaufen oder ob das für 6,80 Euro wohl doch besser ist. Wir nehmen das günstige, vermutlich aus Ignoranz. Die Frau vor uns an der Kasse packt eine Packung quietschenden, grauen Brotbelag in ihre Tasche. Ich fühle mich schlecht, weil ich grinse, innerlich. 

Am 1. November war Weltvegantag. Entstanden 1994 anlässlich des 50sten Jahrestags der Gründung der Vegan Society in Großbritannien. "Ich war umgeben von interessanten Tieren. Sie 'gaben' alle etwas", sagte der Vegan-Society-Gründer Donald Watson mal. Hennen gaben Eier, die Schafe Wolle, das Pferd zog den Pflug. Mit 14 wurde er Vegetarier, nachdem er gesehen hatte, wie die Schweine geschlachtet wurden, und als er sah, wie Milch produziert wird, wurde er zum Veganer. Er hat das Wort vegan überhaupt erst erfunden – gebildet aus "vegetarian". Das Ende des Vegetarismus, für eine Ernährung ohne Tiere. 

Käsekuchen gab's schon in der Antike.

"Essen ohne Tiere" – so heißt auch das Kochbuch, nachdem wir einkaufen und kochen. Geschrieben hat es Katharina Bretsch, 31 Jahre alt, Veganerin aus Stuttgart. Alles was drinsteht, klingt lecker. Ich sitze Tage vor unserem Einkauf im Café Stella ein Stockwerk unter unserer Redaktion, da arbeitet sie. Ich trinke Milchkaffe und komme mir schon wieder schlecht vor.

Im Jahr 2010 verbrauchte jeder Bundesbürger 67,4 Liter Milch, schreibt der Milchindustrie-Verband. Das sind 5 392 000 000 Liter insgesamt, die meisten davon stammen von unglücklichen Kühen, weil kaum einer mehr als einen Euro für einen Liter Kuhglück bezahlen möchte. Katharina Bretsch hat nichts gegen Milchtrinker. Nicht mal was gegen Fleischesser. "Grillen riecht fantastisch", sagt sie, was mich beruhigt. Sie schaut Kochsendungen, in denen sie Braten braten, und holt sich dort Anregungen für die eigenen Rezepte. Zum Kochen hört sie Punkrock. Sie ist tätowiert, Blumen auf der Schulter, zwei Stifte auf dem Finger, sie zeichnet, auch die Illustrationen für ihr Buch selbst. Es ist bunt, nicht grau. Es war ihre Diplomarbeit, Kommunikationsdesign. Sie sagt: "Das Buch ist ein politisches Statement."

Mein Mann und ich stehen in der Küche und lassen den Sojajoghurt durch ein Küchentuch abtropfen. Wir rühren das Agar-Agar zu einer grauen Masse. Wir backen Käsekuchen. Nach 50 Minuten wird er super schmecken. Weil's so lecker war, machen wir uns lauwarmen Seitlingsalat mit Granatapfelkernen.

"Men's Health" hat 2007 getitelt: "Kein Sex mit laufenden Tierfriedhöfen!" Es ging um eine Studie, für die Veganer interviewt wurden. Eine der Befragten sagte, sie fände Nichtveganer zwar attraktiv, wolle aber nicht mit jemandem intim werden, dessen Körper durch tote Tiere am Leben gehalten würde. Ich finde Blogs, in denen sich Veganer darüber aufregen, dass das Gemüse, das sie kaufen, von Menschen geerntet wird, die ihre Energie aus tierischen Produkten beziehen. "Wie kann man sicher sein, dass der Fahrer des Gemüsetransporters keine Lederschuhe trägt?", fragt eine. Ich denke an Straßen, Wollmäntel, Vesperbrote.

60 Millionen tote Schweine im Jahr 2011

Im Vegetarierforum.com finde ich einen Beitrag eines Veganers, der seinen Tag beklagt: "Ich treffe eine alte (scheinbar) nette Dame mit einer schweren Tasche. Ich frage nett, ob da was Tierisches drin sei, wenn nicht, würde ich tragen helfen. Dann sagt die blöde Kuh, von einem blöden Vegetarier nehme ich keine Hilfe an, ihr gefährdet mit eurer Lebensweise die Arbeitsplätze aller Fleischfachverkäufer ... Ich dachte wütend, wieso helfe ich solchen bösartigen Menschen?" Mein Mann sagt: "Fundamentalismus ist ein Grundübel der Menschheit." 

"Vegan sein soll Spaß machen und einem nicht das Leben versauen", sagt Katharina Bretsch und erzählt, wie sie vor einiger Zeit immer wieder träumte, sie schwämme in Käse. Danach hatte sie eine Eier-und-Käse-Phase. Die ging vorbei. Vegan leben sei eine Bereicherung. "Wenn ich die Leute angehe, weil sie Fleisch essen, dann ist das gleich so eine Antihaltung", sagt sie. Damit bewege man ja nichts.

Wir sitzen in einem Supermarkt, weil wir nach einem Gemüsehändler, dem Reformhaus und einem Bioladen noch einiges brauchen und keine Lust mehr haben, durch die Gegend zu fahren. Unser veganes Essen hat sowieso eine sehr maue CO2-Bilanz. Wir trinken Kaffee. Um uns herum Einkäufer mit vollgeladenen Einkaufswägen. "Es gibt zu viel", sagt mein Mann. Zu viele Produkte, zu viele Menschen. Es ist unmöglich, für sie alle politisch korrektes Fleisch zu produzieren. 60 Kilo wurden pro Kopf in Deutschland 2011 gegessen. 60 Millionen tote Schweine.

"Wenn keiner mehr Fleisch isst, was machen wir dann mit all den Tieren, die keiner mehr braucht?", fragt mein Mann.

Seitansteak mit Gnocchi und Pesto Rosso.

Wir kochen Hartweizengrießnudeln und Bolognese-Sauce mit Walnüssen und Karotten statt Hackfleisch. Es schmeckt lecker. Zugegeben, wir streuen irgendwann Käse drüber, geriebenen Emmentaler, bio, immerhin.

Vegan zu leben bedeutet, keinerlei Tierprodukte zu konsumieren, keinen Honig, keinen Kaviar, selbstverständlich keinen Pelz zu tragen, kein Leder, nicht in Zoos zu gehen und nicht in den Zirkus. Keine Tierversuche. Ich denke an Medikamente, die an Tieren getestet werden, und finde das besser, als sie an indischen Kindern zu testen. Keine Daunen für das Bettzeug. In einem Ratgeberblog empfiehlt ein "Sinden" deshalb Chemiefasern fürs Bett, das sei vegan. Die Rohstoffe dafür stammen aus Erdöl. 

Wir machen Wurstsalat aus Räuchertofu. Ich bin skeptisch. Katharina Bretsch, die Autorin des veganen Kochbuchs, isst eigentlich keinen Fleischersatz. Der schmeckt ja nicht wie Fleisch. Konsequent, denke ich. Der Tofu-Wurstsalat ist trotzdem gut.

Ich lese eine Geschichte über den Hund Felix, einen Yorkshire-Terrier, der mit einem Brei aus Möhren, Äpfeln, Blaubeeren, Erdbeeren, Broccoli, Fenchel, Kür­bis, Spinat, Paprika, Kartoffel, Reis und manchmal auch Linsen mit Hafermilch gefüttert wird. Er tut mir leid. Nichtvegane Hundeernährung sei Tierquälerei, schreibt Veganismus.de. Peta schreibt: "Wenn Sie Ihr Tier mit konventionellem Tierfutter ernähren, unterstützen Sie die Fleischindustrie, die jährlich ca. 570 Millionen leidensfähige Kühe, Kälber, Schafe, Schweine oder Hühner allein in Deutschland grausam schlachtet und zerlegt." Ich gebe meinem Hund ein Stück Apfel. Er rümpft nur die Nase. Tofu mag er auch nicht.

17,5 Milliarden Eier wurden im Jahr 2012 in Deutschland gegessen

Ich finde eine Unmenge Zitate gegen Fleisch im Netz: 

"Nichts wird die Gesundheit der Menschen und die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung." (Albert Einstein)

"Wahre menschliche Kultur gibt es erst, wenn nicht nur die Menschenfresserei, sondern jede Art des Fleischgenusses als Kannibalismus gilt." (Wilhelm Busch)

"Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben." (Leo Tolstoi)

Tolstoi ist 1910 gestorben. Zwischenzeitlich hat die Menschheit Ställe entwickelt, die Kühe automatisiert füttern, Lagerhallen mit Schlachtfließbändern, quadratkilometergroße Ställe zur vollautomatischen Eierproduktion. Fleisch wird um die halbe Welt gekarrt, um es zu verpacken, zu normen, zu stempeln. Tiere sind Produkte. Der Konsum von Eiern, Milch und Fleisch hat sich verdrei-, vervier-, verfünffacht.

Kochbuch-Autorin Katharina Bretsch. Foto: Martin Storz 17,5 Milliarden Eier wurden im Jahr 2012 in Deutschland gegessen. Mein Mann und ich essen keine Eier. Nicht, weil wir Eier nicht mögen, wir kaufen eben keine. Wir haben mit Eiern sozusagen nichts zu tun. Und so ist es eigentlich ein Witz, dass uns gerade die Gemüsebrühe einen Strich durch die Rechnung macht. Wegen Spuren von Ei. 

 

Katharina Bretsch ist 31 Jahre alt, Grafikdesignerin und Illustratorin. Ihr Kochbuch "Kochen ohne Tiere" ist im Christian Verlag erschienen und kostet 29 Euro 95. Die Illustrationen zu den Rezepten hat sie selbst gezeichnet. "Vegan kochen soll ja Spaß machen", sagt sie.

 


Für Selbstversorger, Veganliebhaber und Hobbyköche geht's hier zu "Kontext kocht". 


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