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Zittauer Zelle

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Was meine Omi Glimbzsch in Zittau ist, die war ja damals schon in einer Zittauer Zelle, wegen Agitation. Sie, die Textilarbeiterin, hatte sich 1904 für die aus Polen kommenden jungen Frauen starkgemacht, gleicher Lohn für alle. Hundert Jahre später gehen die Schüsse nach hinten los: Die Zittauer Zellen sind leer, den Fremden macht man Beine, und die Polizei weiß von nichts.

Was ist nicht weiß, macht mich nicht heiß – das weiß man nicht nur in an Oder und Neiße, sondern auch zwischen Rhein und Elbe. Jetzt will aber einer endlich mal richtig durchgreifen: Der brandenburgische Innenminister Dietmar Woidke (SPD) wird 18 Mordfälle, die einen rechten Hintergrund haben könnten, neu prüfen. Ein Aktionsbündnis dort oben hatte lange rumgenörgelt: Es seien gar nicht nur die neun Morde, die man den Nazis zurechne, sondern weit mehr. Journalisten und Initiativen gehen von mindestens 27 Opfern rechter Gewalt in Brandenburg (seit 1990) aus. Und der "Tagesspiegel" wie der Verein Opferperspektive sprechen gar von 169 Opfern rechter Gewalt. Hat jemand mehr?

Richtig ist, dass rechtsradikaler Terror peinlich ist für jede Stadt, und wenn jemand totgeschlagen wird und sich dann die Medien drüber hermachen, kommt eine Gegend schnell ins Gerede. Zittau beispielsweise. Oder eben Brandenburg. Oder Deutschland. In solchen Fällen beginnt das Mitdenken von Staatsanwälten, Bürgermeistern und Pressesprechern bei Polizei und Verfassungsschutz. Es ist gewissermaßen eine Affekthandlung, um Land und Leute zu schonen, nicht nur den Fremdenverkehr! Mord ist Mord, egal warum, und tot wird auch nicht wieder lebendig, wenn's die Nazis waren, sagt man sich. Der Trend, rechtsradikale Überfälle in der Rubrik Wirtshausschlägerei u. a. m. zu führen, ist nicht neu. Wenn einer nicht ausdrücklich zehnmal laut ruft: Juden raus, ist es auch nicht antisemitisch.

Peter Grohmann.Ob der brandenburgische Innenminister einen Knopf drankriegt? Wenn Tötungsverbrechen in unserem Land einen rechtsextremistischen Hintergrund hatten, muss das die Öffentlichkeit in jedem einzelnen Fall wissen. Das sind wir vor allem den Opfern und ihren Angehörigen schuldig.

Freilich – wenn man behördlicherseits seit Jahren Statistiken gefälscht oder geschönt hat, um keinen schlechten Eindruck zu machen, dann reicht es nicht mehr, dass Kottan ermittelt. Dann müssen unabhängige Sachverständiger her. Ausmisten, den Augiasstall. Gottlob haben wir ja noch die vierte Gewalt, die freie Presse, die frechen und investigativen Journalisten, die Kacke dampft ja noch. Ich bin gespannt, Kollegen.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Vereins Die Anstifter.


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