Ausgabe 85
Wirtschaft

Stützlis stützen!

Von Katharina Mayer
Datum: 14.11.2012
Der Countdown läuft. Die Regale werden gerade eingeräumt. Demnächst wird der erste Dorfladen eröffnet, den drei ehemalige Schleckerfrauen in Eigenregie führen werden. Nach einem genossenschaftlichen Modell und mit Unterstützung der Gewerkschaft.

Countdown für den neuen Dorfladen in Erdmannhausen, rechts die drei ehemaligen Schlecker-Frauen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Zukunft leuchtet in Pastellfarben. Lindgrün, Flieder, Apricot. Dazwischen graue Regale und drei Frauen, die sich in den vergangenen Monaten von der Schlecker-Verkäuferin zur veritablen Allround-Handwerkerin gemausert haben. "Ich bohr das noch schnell fertig", sagt Katrin Meinerz, bevor sie und ihre beiden Kolleginnen Annemarie Keller und Bettina Meeh sich Zeit für ein Gespräch nehmen. Mit der Bohrmaschine nehmen die Frauen auch ihre Zukunft in die Hand: Ihr Laden in der Ortsmitte von Erdmannhausen, 35 Kilometer nördlich von Stuttgart, wird die erste Schlecker-Filiale im Südwesten sein, die wieder eröffnet. Allerdings unter anderen Vorzeichen: künftig werden die Frauen ihr eigener Chef sein. 

Von Anfang an waren Annemarie Keller, Bettina Meeh und Karin Meinerz mit dabei, als die Gewerkschaft Verdi das Konzept entwickelte, die umsatzstärksten Schlecker-Filialen im Südwesten zu Dorfläden umzustrukturieren. Diese Läden sollen als Unternehmergesellschaften geführt werden, umgangssprachlich auch als Mini-GmbH bekannt. Anders als die große Schwester braucht eine Mini-GmbH kaum Stammkapital, ein Euro reicht. Finanziert wird das Konzept durch eine im weitesten Sinne genossenschaftliche Herangehensweise: über Spenden und sogenannte Stützlis. Das sind Münzen im Wert von 50 und 100 Euro, die von den Bürgern der jeweiligen Gemeinden gekauft werden. Sie decken erst einmal den Kapitalbedarf ab, nach einer bestimmten Zeit können sie beim Einkauf eingelöst werden.

Stützlis bringen Geld für die Ladenidee

Ohnehin ist Bürgerbeteiligung das Stichwort schlechthin bei der Wiedereröffnung der Schlecker-Filialen. In Bürgerversammlungen wird ermittelt, ob das Dorf einen solchen Laden braucht und will. Wenn ja, stehen auch die Chancen für sein Überleben nicht schlecht: Wer einen Laden vor Ort braucht und sich via Stützli-Kauf an ihm beteiligt, der kauft auch dort ein und nicht beim Discounter, so die Grundannahme. 

Erdmannhausen war bei der Standort-Auswahl im Südwesten ganz vorne mit dabei. Das Dorf hat eine vergleichsweise intakte Infrastruktur. Es gibt einen Bäcker, eine Fleischerei, einen Hofladen, einen kleinen Supermarkt. Sogar ein Blumenladen hält sich in der Ortsmitte. Mit dem Drogeriemarkt wäre die Nahversorgung im Ort wieder komplett.

Die Idee eines eigenen Ladens begriffen die Frauen von vornherein als Chance. "Wir sind alle in einem Alter, in dem man ganz tolle Stellenangebote kriegt", sagt Bettina Meeh sarkastisch. "Da machen wir lieber unser eigenes Ding." Ob sie Angst haben vor der Selbstständigkeit und dem damit verbundenen Risiko? "Nein", heißt es unisono. "Arbeitslos sein ist viel schlimmer", sagt Katrin Meinerz. "Und so können wir etwas bewegen", meint Annemarie Keller. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Das Blau muss weg. Blau, das war Schlecker. Schlecker, der immer wieder mal wegen miserablen Arbeitsbedingungen im Gerede war. Schlecker, der sein Drogeriemarkt-Imperium so gründlich an die Wand gefahren hatte, dass 30 000 Verkäuferinnen arbeitslos wurden. Seither redet keiner mehr über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker. Seither reden alle über die Frauen, die immer noch keine Arbeit gefunden haben. In der öffentlichen Wahrnehmung verschiebt sich das Gleichgewicht – weg von katastrophalen Job-Beschreibungen hin zur Katastrophe, keinen Job zu haben. "Drehpunkt" steht in Erdmannhausen über der Ladentür. In grün. Denn blau, das war Schlecker. Die Kompetenzen für ihren Laden bringen die Frauen von Haus aus mit.

Bei Schlecker haben sie die nötige Erfahrung gesammelt. "Bei uns hat man alles können müssen", erklärt Bettina Meeh: Abrechnung, Bestellung, Warenannahme. "Außer dass wir das jetzt in Eigenregie machen, ändert sich nicht viel." Und trotzdem genug. Schlecker, das ist die große Referenz der Frauen, im Guten wie im Schlechten. Gut, zumindest lange Zeit, was den sicheren Arbeitsplatz betraf. Dass der aber oft teuer erkauft war, erfährt man in Nebensätzen. Etwa, wenn von der Toilette die Rede ist, die ein Stockwerk tiefer lag, weit weg und manchmal fast unerreichbar, da die Frauen immer alleine im Laden waren. Kein Telefon, kein Beistand bei Überfällen. Lustig war das nicht.

Auch die Männer der drei Neu-Unternehmerinnen helfen mit

Immer zu zweit wollen sie nun sein in ihrem neuen Laden. Das Sortiment hingegen wird mehr oder weniger dasselbe sein wie früher. Zu den Drogerieartikeln nehmen die drei handgemachte Deko auf. Und Selbstgenähtes von einer Bekannten. Und Regenschirme. Regenschirme? Ja, das hätte es bei Schlecker nie gegeben, obwohl die Kundschaft danach verlangt habe. "Wir können endlich das Sortiment an die Kunden anpassen", sagt Bettina Meeh. Im Gespräch springen die Frauen oft zwischen früher und heute, altem Schlecker und neuem Drehpunkt. Die Akte Schlecker ist für sie noch nicht geschlossen, solange ihr Laden nicht geöffnet hat.

Das Schaufenster des zukünftigen Dorfladens in Erdmannhausen. Am kommenden Wochenende ist es so weit. Am 17. 11. um acht Uhr öffnen sich die Türen offiziell für die Kunden. Über mangelndes Interesse können sich die Frauen nicht beklagen. Dann und wann schaut ein Erdmannhäuser vorbei, erkundigt sich, wie es denn so laufe oder spendiert eine Runde Brathähnchen. Schön finden die Frauen das. "Unsere Tür ist immer auf", sagt Bettina Meeh.

Auch Bürgermeisterin Birgit Hahnemann freut sich über die beherzte Initiative der Frauen. Das Sammeln der Stützli-Anträge hat die Gemeinde übernommen, damit "die Frauen in Ruhe ihren Laden einrichten können". Hahnemann ist zuversichtlich, dass der neue Drogeriemarkt überleben wird. "Die Erdmannhäuser wissen, was sie dran haben werden." Außerdem kämen auch Menschen aus den umliegenden Gemeinden zum Einkaufen in den Ort. Aber die Bürger vor Ort sind längst nicht die Einzigen, die das Projekt gespannt verfolgen.

Permanent klingeln die Handys der drei Jungunternehmerinnen, trudelt eine Medienanfrage nach der anderen ein. Das Interesse an denen, die der Schlecker-Crash auf die Straßen gespült hat, ebbt nicht ab. "Arte war da, Spiegel online, das heute-Journal, Brisant, mehrere Tageszeitungen, ich blick's schon gar nicht mehr", sagt Bettina Meeh. Ihre Kolleginnen sekundieren mit weiteren Zeitungsnamen, kurz darauf meldet sich RTL. Routiniert beantworten die Frauen Fragen, kichern gelegentlich, dass sie die eine oder andere ja jetzt auch schon zum tausendsten Mal beantwortet hätten. "Am Anfang war das brutal. Mittlerweile ist das wie Kaffeekochen."

So etwas wie ein Privatleben haben die drei kurz vor dem großen Tag nicht mehr. "Meine Familie kennt mich nur noch vom Foto", lacht Katrin Meinerz. Aber das sei okay. Die Männer helfen ohnehin mit, zum Beispiel, wenn es darum geht, die neuen Regale nach Erdmannhausen zu bringen.

In Christina Frank, die bei Verdi in der Region Stuttgart für den Einzelhandel zuständig ist, haben die Frauen eine Mitstreiterin gefunden, wie es sie selten geben dürfte. Frank kümmert sich um alles: vom Konzept über die Treuhand-Vereinsgründung, Spendenakquise und Standortanalyse bis hin zur persönlichen Betreuung. Die geht so weit, dass sie auch mal ihr Auto vorbeibringt, wenn die Frauen selbst keines zur Verfügung haben. Auch bei Christina Frank steht das Telefon seit Monaten nicht mehr still. Nur wollen von ihr nicht nur die Medien wissen, was Sache ist, sondern auch ehemalige Schlecker-Frauen, die überlegen, das Konzept zu übernehmen.

"Fragen Sie das mal die Christina", heißt es deswegen in Erdmannhausen, wenn man etwas wissen möchte, was über die Ladenfläche hinausgeht. Etwa, wie es denn nun mit der übergeordneten Holding aussieht, die den Service für die neuen Läden abwickeln sollte. Da habe man nun eine Lösung, sagt Christina Frank. "Wir sind an Rewe angedockt." "Rewe für Sie" heißt die neue Servicegesellschaft, über die die Dorfläden ihre Abrechnungen abwickeln können. Außerdem werden dort Verhandlungen mit Herstellern geführt und perspektivisch Eigenmarken entwickelt. Noch allerdings besteht das Konstrukt aus einer einzigen Person und steht selbst ganz am Anfang. Ein Glücksfall trotzdem, findet Christina Frank. "Eine eigene Servicegesellschaft zu gründen hätte bestimmt ein Jahr gedauert."

Genossenschaftliche Modelle liegen im Trend

Wer eine funktionierende Nahversorgung wolle, so Frank, müsse sich über die Zusammenhänge im Klaren sein: darüber, dass der Discounter auf der grünen Wiese im Zweifel eine Ortschaft die Infrastruktur kosten kann. Darüber, dass die demografische Entwicklung eine funktionierende Nahversorgung voraussetzt, wenn jene Alten, die sich bei entsprechender Infrastruktur zu Hause selbst versorgen könnten, eines nicht allzu fernen Tages nicht auch noch in den Altenheimen landen sollen. Darüber, dass für all diese Alten dann gar nicht genug Pflegekräfte zur Verfügung stehen. "Da bekomme ich Angst", sagt Christina Frank.

Und kämpft mit allem, was ihr an Idealismus und Kraft zur Verfügung steht, gegen diese Entwicklung an. "Ohne den Kampf um die Köpfe geht es nicht", sagt sie. Die Bürger müssten mit einbezogen werden, sich für die Struktur vor Ort verantwortlich fühlen. Und sich bewusst sein, dass sie mit der Fahrt zum Discounter "der Totengräber ihrer Lebensqualität vor Ort" werden.

Genossenschaftliche Modelle, die auf die Verantwortung vieler setzen, anstatt den Einzelnen seinem Schicksal zu überlassen, liegen im Trend. 2012 ist das Jahr der Genossenschaft, allenthalben versuchen Menschen, in kleinen Initiativen aufzubauen, was es nicht mehr oder noch nicht gibt. Nachhaltig sei das, sagt Christina Frank. Und ein Wirtschaftsmodell für die Zukunft: "Die Bürgerversammlungen und die Stützlis könnten andere eins zu eins übernehmen." Hier könne auch der grüne Ministerpräsident beweisen, dass er ein kluger Kopf ist: "Im Einzelhandel geht es absolut aggressiv ab, und die Grünen wollen doch eine friedliche Politik." 

In Erdmannhausen fiebern derweil drei Frauen der Eröffnung ihrer Dorfdrogerie entgegen. Ob das neue Bewusstsein stark genug sein wird, dieses neue Projekt zu tragen, wird sich zeigen.

 

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2 Kommentare verfügbar

  • Dieter
    am 16.11.2012
    Die Idee finde ich nicht schlecht. Ich wage allerdings zu bezweifeln das ein Dorfladen 3 Frauen ernähren kann. Währe dem so, würde sich bestimmt eine "LadenKette" dort niederlassen und solche Dorfläden verdrängen.

    Ich wünsche diesen Frauen viel Glück für Ihre Zukunft, auf das sie nicht verdrängt werden. Ich würde mir wieder mehr dörfliche Läden wünschen statt diesen 53 bitte 68 Tempeln in denen der Kunde zur Zapfsäule des Geldes verkommt.
  • Thomas Albrecht
    am 14.11.2012
    "2012 ist das Jahr der Genossenschaft". Die Genossenschaft wäre für vieles die optimale Rechtsform. Leider macht ein überfrachtetes Gesetzeswerk solche Kleingenossenschaften so unattraktiv, dass man lieber auf Vereine ausweicht. Schade! Und schade auch, dass die Geno-Verbände und die Politik an dieser Stelle überhaupt keinen Handlungsbedarf sehen.

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