Je oller desto doller: Nuckes, Lull, Fons und Jängi planen einen neuen Lebensabschnitt. Fotos: Camino Filmverleih

Ausgabe 353
Kultur

Raus aus dem Heim

Von Rupert Koppold
Datum: 03.01.2018
In dem Film "Alte Jungs" versucht ein Seniorenquartett, ein autonomes Wohnprojekt auf die Beine zu stellen. Der Regisseur Andy Bausch schreibt damit seine Luxemburger Außenseitergeschichten fort.

Erst die Stiefel! Spitz zulaufende Westernstiefel sind es, die zum Sound eines Ennio-Morricone-Schrumpf-Imitats in diesen Film hineinführen. Respektive durch die Gänge eines Luxemburger Seniorenheims, in welchem der grauhaarige Nuckes (André Jung) seinen Dienst als Portier verrichten soll, tatsächlich aber Cowboyfilme guckt oder Zigaretten einschmuggelt. Zum Beispiel für Lull (Pol Greisch), den missmutigen Ex-Zahnarzt, der seine Memoiren schreiben will, aber mit dem Computer nicht klar kommt. Der halte sich für was Besseres, sagt der kregel-renitente Fons (Marco Lorenzini) und fragt rhetorisch: "Anderen Leuten im Maul rumwühlen, ist das vielleicht was Besseres?" Fons selber vertickert den Mitinsassen Zugang zu Pornokanälen, versucht auch, eine Prostituierte einzuschleusen und wird deshalb rausgeworfen. So treffen sich die alten Nuckes, Lull und Fons beim noch älteren Jängi (Fernand Fox), der in einer vom Abbruch bedrohten Schrebergartenbude haust. Und sie beschließen, ein eigenes und autonomes Heim aufzumachen.

Also wieder mal ein Film über rebellische Alte, die nicht aufgeben wollen?! In dem ironischen Thriller "R.E.D." (2010) schießen sich Helen Mirren, John Malkovich, Morgan Freeman und Bruce Willis noch einmal den Weg frei. In "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (2013) reüssiert der agile Titelheld in einer Krimigroteske. In deutschen TV-Komödien brechen immer wieder verschmitzte Oldies aus dem Heim aus. Und in der Werbung wimmelt es nur so von dauerlächelnden Senioren, die mit ihren Enkelkindern herumtollen und allenfalls ein bisschen Salbe brauchen für das ewige Leben. Selbstständig sein und bleiben, das ist der Wunschtraum, von dem all diese filmischen Altenbeschreibungen zehren. Der trotzige Schrebergärtner Jäng formuliert es so: "Mit achtzig hat man keine Lust mehr, sich von einer jungen Rotznase herumkommandieren zu lassen!"

Dass dieser Film dann doch nicht ganz in den einschlägigen Vorlagen versinkt, dass er sich so wie seine alten Jungs eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, hat mit dem Regisseur Andy Bausch zu tun. Seit seinem Spielfilmdebüt "Troublemaker" (1988) entwirft er eine quasi alternative und sich immer ein bisschen nach Amerika sehnende Historie seines reich und reicher werdenden Heimatlandes Luxemburg. Er erinnert das zum Finanz- und Spießeridyll mutierte Großherzogtum an seine proletarische Stahl- und Bergarbeiter-Vergangenheit,erzählt mit Empathie von den Kneipenhockern, Kleinkriminellen und sonstwie Randständigen, ja, er fordert sein Luxemburg in Filmen wie "Le Club des Chômeurs" (2001") und "Revanche" (2004) sogar mit einem Verein der Arbeitslosen heraus! Nein, Andy Bausch hat sein armes Außenseitermilieu wahrscheinlich nicht erfunden, aber er musste es in seinem Land wohl immer mehr suchen und herausvergrößern. Und nun findet er, der selber auf die sechzig zugeht, die prekären Verhältnisse nur noch bei den Alten.

Luxemburg lässt sich übrigens gerne mit Filmen von Andy Bausch konfrontieren, vielleicht weil sie jenen irgendwie wärmeren Zeiten nachtrauern, als noch nicht alles so glatt, steif und gesättigt aussah. Zudem dreht der Regisseur mit einheimischen und im Land sehr bekannten Schauspielern, die bei ihm auch Lëtzebuergesch sprechen dürfen, für die deutschen Kinos allerdings auch eine Hochdeutsch-Fassung geliefert haben. Überhaupt: Die Deutschen! Die würden das "Centre Commercial", dem Jängs Schrebergarten weichen muss, wohl noch schneller hinklotzen, so heißt es. Oder die "Grenzfranzosen", die nun Nuckes' Portierjob übernehmen könnten. Oder die so zahlreichen Portugiesen! Fons' Enkelin hat als einzige Luxemburgerin in der Klasse schon deren Akzent angenommen und muss zum Logopäden.

Solche Szenen schwanken hin und her zwischen ein bisschen Ressentiment und Selbstbehauptung. Auf politische Korrektheit, sagt Andy Bausch, gebe er sowieso nichts. Auch deshalb wird in seinen Filmen exzessiv geraucht. Die Feinde sind als Karikaturen gezeichnet und freudlose Verbieter oder Geizhälse. Die rigide Heimleiterin zum Beispiel oder die den alten Jungs finanzielle Unterstützung verweigernde Ministerin, in deren aufgeräumten Büros dann auch noch das jeweils gleiche und selbstverständlich abstrakte Bild hängt. Dass die böse Moderne vor allem von Frauen verkörpert wird und leicht misogyne Formen annimmt, ist natürlich kein Zufall. Besonders Fons trauert den alten Macho- und Vor-Me-Too-Zeiten hinterher: "Bin froh, dass ich Witwer bin, Frauen sind mir zu kompliziert. Ich seh' sie mir lieber im Fernsehen an, da sind sie weiter weg und schöner." Immerhin kontert Nuckes: "In deinem Fernseher sind sie bloß nackter!"

Nein, so richtig festlegen will Andy Bausch seine Charaktere nicht, er lässt ihnen Raum auch für Widersprüchliches. Auch sein Film galoppiert ja nicht geradeaus vorwärts, sondern trabt in altersgemäßem, also gemächlichem Tempo herum und nimmt sich Zeit für Redundanzen und Abschweifungen. Wird das jetzt noch was mit Nuckes und der Immobilienmaklerin? Oder mit Lull und der Freundin aus dem Heim? Sollte man die uralte und bigotte Tante ausrauben? Sollte man ... Da werden also immer wieder neue Plots und Genremöglichkeiten angedeutet, aber dann doch nicht ausgeführt. Auch weil Andy Bausch in die Wunschträume ein bisschen Realität einfließen lässt. Ein krankes Herz etwa wird nicht mehr lange schlagen. Was in diesem Film, der Einblicke ins Seelenleben unseres kleinen Nachbarlandes bietet, letztlich bedeutet: Schon der Weg zum autonomen Heim ist das Ziel.


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