Bleiben lange ein diffuses Rätsel: zwei Herren im Anzug. Fotos: X Verleih

Ausgabe 364
Kultur

Kadaver im Kopf

Von Rupert Koppold
Datum: 21.03.2018
Der Schauspieler Josef Bierbichler hat in seinem Regiedebüt Motive seines Familienromans "Mittelreich" fürs Kino adaptiert. Herausgekommen ist der eigenwillige, oft sperrige und letztlich grandiose Film "Zwei Herren im Anzug", der sich an bayerischer Heimat und deutscher Geschichte abarbeitet.

Sie fängt ordentlich und fast bedächtig an. Mit einer langsamen Kamerafahrt übers Wasser zu einem Gasthaus am Ufer, vor dem sich Trauergäste verabschieden. Und nun hockt sich diese Erzählung im Jahr 1984 quasi in die holzgetäferte Stube, in welcher der Witwer gewordene Seewirt Pankraz (Josef Bierbichler), ein schwerblütiger Brocken, und sein depressiv vor sich hin stierender Sohn Semi (Simon Donatz) das tun, was sie wohl schon jahrelang getan haben: nicht miteinander reden und dazu Bier trinken. Aber jetzt ist halt die Frau respektive die Mutter gestorben, jetzt müsste es also schon sein, dass man ein paar Worte verliert. Semi solle doch mal wieder in die Kirche mitkommen, sagt also der Vater, was der Sohn trotzig ablehnt. Dann fühlt Pankraz sich an etwas erinnert, er kramt in alten Fotos rum, die Familienhistorie legt nun los in bewegten Bildern, und der Film wird dabei zum exzessiv-ungebändigten Monstrum.

Nein, das ist nicht negativ gemeint. Das heißt nur, dass der nach Motiven seines eigenen Romans "Mittelreich" inszenierende Josef Bierbichler – Schauspieler, Schriftsteller und jetzt erstmals auch Regisseur – seinen Stoff gar nicht in die eine und durchgängige Form bringen will. Weil diese nämlich runden und glätten, ja, weil diese dazu führen könnte, etwas zu bewältigen, was für ihn nicht zu bewältigen ist. Diese kurz vor dem Ersten Weltkrieg einsetzende Familiensaga wird deshalb auch ästhetisch zu einem sperrig-eigenwilligen Film, der sich bewusst von üblicher Erzählroutine absetzt. "Man kleistert dem Publikum mit Unterhaltungszeug Augen und Hirne zu, damit es nicht sieht, was es ununterbrochen anschauen müsste. Und das Publikum ist meist auch noch froh drum ...", so konstatiert Bierbichler, und fährt fort: "Mediale Unterhaltung ist organisiertes Verdrängen der Wirklichkeit."

"Zwei Herren im Anzug" dagegen ist dies nicht, dafür aber, man muss es so sagen, eine Zumutung. Will dies aber auch sein und soll dies auch sein. Immer wieder wechselt Bierbichler, damit man sich nur ja nicht zurücklehnen kann, damit nur ja keine Ruhe aufkommt, die Stile, die Tempi und die Tonarten, holpert und stolpert manchmal voran, bricht auf, was gerade in Fluss zu kommen droht, feuert in die zunächst schwarzweiß gefilmten Rückblenden Farbe hinein, beendet eine fast semidokumentarisch wirkende Sequenz vom Wirtschaftswunder mit einer veritablen und kitschkatholischen Himmelfahrt. Und irgendwann ist noch eine drastische Sauschlachtung zu sehen, bei welcher der besoffene Metzger verwundert in die Stille nach dem Schuss sagt: "Jetzt hob I mir in die Hosen g'schissen." In eine Lederhose, eh klar. Denn das ist natürlich auch ein Film, der um Bierbichlers bayerische Heimat kreist. Auf gar keinen Fall aber ist es ein bayerischer Heimatfilm.

Hier sind nämlich Tracht und Niedertracht sofort im Einklang, hier singt eine aufgedrehte Jungmännerschar an einem bayerischen See "Die Wacht am Rhein" und reißt Sprüche wie "Jeder Stoß ein Franzos' oder "Jeder Schuss ein Russ'". Krieg und Folklore, doch, das geht zusammen! "Passt scho'", wie man heute in diesem Bayern sagt, das Bierbichler mit Dirndl, Brezen, Stuben, Kachelöfen und vor allem im Dialekt authentisch vor- und hinstellt, um sich dann wütend daran abzuarbeiten. Die Musik von Kofelgschroa etwa ist nicht auf Wiederaneignung der alten Weisen aus, wie man das etwa von der Biermösl Blosn kennt, sondern auf krachige Dekonstruktion. Pankraz' älterer Bruder Toni (Florian Karlheim) kehrt dann aus dem Weltkrieg – es ist noch der erste – mit Kopfschuss in diese Heimat zurück, agitiert im Wirtshaus aggressiv gegen alles, was fremd und nicht rechts ist, und marschiert schließlich in die Kirche und schießt den Christus vom Kreuz, weil der nämlich ein Jud' ist. So muss also Pankraz, nach Tonis Abgang in die Psychiatrie, seine Hoffnung auf eine Sängerkarriere begraben und Hof und Gasthaus übernehmen.

Im Kopf rumoren Wagner-Opern

Im Kopf aber rumoren noch immer Wagner-Opern herum, zum Beispiel als Pankraz, nun schon in den fünfziger Jahren und ziemlich am Ende, in einer dachabdeckenden Sturmnacht auf den Steg hinaustorkelt und zu Klängen aus dem "Fliegenden Holländer" ("Ihr Welten endet euren Lauf!") ins Wasser springt. Aber so leicht kann sich keiner aus dieser Geschichte rausstehlen. Pankraz treibt bald auf einer mutwillig schlecht getricksten Eisscholle, ruft um Hilfe und es geht wieder weiter. Auch mit seiner Frau Theres (Martina Gedeck), die er damals vor den Konkurrenten erobert und nach Jubelpose umstandslos auf seine Schultern geworfen hat, und weiter geht es auch mit seinem Sohn Semi, der ihm zeitlebens fremd bleibt, und den er deshalb ins kirchliche Internat schickt. Was dort passiert, beim Nachsitzen im pfarrergeleiteten Turnunterricht, nun, man kann sich's denken.

Aber man muss es sich nicht denken, man kann es fast immer sehen. Bierbichler lässt nichts im Vagen, er ist kein subtiler Andeuter, sondern ein Berserker der Visualisierung. Selbst seine barock aufgetürmten Metaphern und Symbole brauchen keine Expertenanalyse, sie sprechen klar und direkt. Nur die Bedeutung dieser zwei Männer, die sich manchmal ins Bild schleichen und aus dem Hintergrund beobachten, bleibt zunächst rätselhaft, die irritieren den Pankraz, der sie nicht kennt und irgendwie aber doch. Haben sie was mit dem nun Zweiten Weltkrieg zu tun, über den Pankraz zu seinem Sohn sagt: "Weiß nichts mehr, nur weiße Landschaften, sonst nix!" Aber irgendwas war da, das spüre er, da sei etwas in seinem Kopf wie ein Kadaver.

Später gesteht Pankraz seinem Semi, der ihn mit Vorwürfen konfrontiert: "Ich war zwar nie ein Nazi, doch kein Nazi war ich auch nicht!" Ein Satz fürs bayerisch-deutsche Geschichtsbuch. Ein Satz, der auch vom Schriftsteller Herbert Achternbusch stammen könnte, in dessen Filmen und Stücken Bierbichler schon früh seine ganze Person hineinwuchten konnte. Könnte umgekehrt auch jener berühmte Achternbusch-Satz, in dem der Autor sein Verhältnis zu Bayern formuliert, von Bierbichler stammen? "Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe so lange hier, bis man ihr das ansieht." Nun, der zweite Teil schon, für den ersten Teil aber wirkt Bierbichler zu widerständig-robust. Es ist in seinem Film übrigens nicht nur Achternbusch als Vorbild zu erkennen, es wirken sozusagen auch noch mit: die kritischen Bayern-Dramatiker Martin Sperr, Franz Xaver Kroetz, Marieluise Fleißer. Oder Rainer Werner Fassbinder, vor allem, wenn dessen Stammschauspielerin Irm Hermann als eine von Pankraz' garstigen Schwestern ihr Markenzeichen spießig-bigotte Pikiertheit zelebriert.

So viele Einflüsse, die bei Bierbichler freilich zu was ganz Eigenem führen! In einer grandiosen Faschingsfest-Sequenz schimmert auch noch Bert Brechts "Kleinbürgerhochzeit" durch, aktualisiert als furioses Nachkriegsmaskenspiel, in dem zum Beispiel ein als Neger geschminkter Mann im Baströckchen neben einem schwarzen US-Besatzungsoffizier feiert. Und in dem Catrin Striebeck einen gespenstischen Auftritt als Hitler hinlegt und Pankraz danach erklärt, die großen Zeiten kämen wieder: "Wir sind noch lange nicht alle abgetreten!" Der Nazismus hängt diesen Menschen eben nicht nur in den Kleidern. Aber jetzt, im Jahr 1984, in der Trauerstube und mit seinem Sohn, der seinen eigenen und schockierenden Erinnerungen ausgesetzt ist, bricht bei Pankraz etwas auf. Da ist der Zweite Weltkrieg nicht mehr bloß diffuse Schneelandschaft, da sind plötzlich konkrete und grausige Bilder da, in denen die beiden unbekannten Gäste endlich von Pankraz erkannt werden. Einhundertneununddreißig Minuten hat sich diese Geschichte Zeit genommen. Aber sie ist noch nicht zu Ende. "Diese beiden Herren im Anzug", so prophezeit Josef Bierbichler, "werden den Deutschen noch über Generationen begegnen."

 

Info:

Josef Bierbichlers "Zwei Herren im Anzug" kommt am Donnerstag, den 22. März in die deutschen Kinos.Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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