Kleiner Kommentar zur Stuttgarter Luft: Rehbock mit Mundschutz, ein Werk von Helga Stöhr-Strauch, Mitbegründerin der Montagsdemos gegen Stuttgart 21. Fotos: Joachim E. Röttgers

Kleiner Kommentar zur Stuttgarter Luft: Rehbock mit Mundschutz, ein Werk von Helga Stöhr-Strauch, Mitbegründerin der Montagsdemos gegen Stuttgart 21. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 364
Gesellschaft

Rebellion im Heimatbund

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 21.03.2018
Was ist Heimat? Von Versuchen der Rechten, den Begriff zu besetzen, grenzt sich der Schwäbische Heimatbund deutlich ab. Doch der traditionsreiche Verein hat einige hausgemachte Probleme. Einige unzufriedene Mitglieder zeigen sich nun entschlossen, ihn zu reformieren.

"Wenn es den Schwäbischen Heimatbund nicht gäbe, man müsste ihn erfinden", meint Martin Beutelspacher, der Leiter der Städtischen Museen Esslingen. Und tatsächlich, was der Heimatbund (SHB) macht, kann sich sehen lassen: Er besitzt 30 Naturschutzgebiete, setzt sich für Bäume und Blumenwiesen und gegen den Landverbrauch ein. Er vergibt, unterstützt von der Sparkassen-Stiftung, einen Kulturlandschaftspreis und mit Hilfe der Wüstenrot-Stiftung den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg. Ein Aufruf des SHB hat die Aufmerksamkeit auf Kleindenkmale gelenkt, seiner Initiative ist die Sanierung des Hoppenlaufriedhofs in Stuttgart und die Wiedereröffnung des Tübinger Stadtfriedhofs zu verdanken.

Hervorgegangen aus einer Initiative zur Rettung einer Platanenallee auf der Tübinger Neckarinsel im Jahr 1909, hat sich der Heimatbund (SHB) dem Denkmalschutz, dem Naturschutz und der Landesgeschichte verschrieben. "Diese Aufgaben bedeuten für den Schwäbischen Heimatbund ein Alleinstellungsmerkmal unter den Vereinen des Landes": so lautet sein Selbstverständnis. Und: "Die Pflege und Weiterentwicklung unserer Kulturlandschaft schaffen einen Raum und sozialen Ort, der den Menschen Zugehörigkeit und Orientierung ermöglicht."

Mag sein, dass die Kombination von Denkmal-, Naturschutz und Landesgeschichte unter den württembergischen Vereinen einzigartig ist. Aber natürlich gibt es große Vereine wie den BUND oder den NABU, die sich mit mehr Nachdruck und wesentlich mehr Mitgliedern für den Naturschutz einsetzen. Und mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz kann der Heimatbund, auch wenn er sich immer wieder für Baudenkmale engagiert, kaum mithalten. Die Stiftung hat bundesweit 200 000 Förderer, der BUND 584 000 Mitglieder, der NABU allein in Baden-Württemberg 96 000.

Heimat gegen Rassismus

Unter dem Titel "Heimat" finden derzeit zum dritten Mal die Internationalen Wochen gegen Rassismus in Stuttgart statt. Veranstaltet werden sie zwischen 12. und 23. März vom Stadtjugendring Stuttgart, dem Forum der Kulturen, dem Büro für Antidiskriminierungsarbeit, dem Forum 3 und dem SÖS-Stadtrat Luigi Pantisano. Wir haben auch mal reingeschnuppert. (red)

Im Heimatbund sind dagegen derzeit nur rund 4300 Personen Mitglied, daneben gibt es den kleineren Landesverein Badische Heimat mit weniger als 3000 Mitgliedern. Es waren schon einmal 7500 allein im SHB, wie ein Memorandum des Hohenstaufen-Kreises moniert: ein Kreis von Unzufriedenen, die sich zum ersten Mal im Sommer 2016 auf dem Hohenstaufen getroffen haben, weil, so Beutelspacher, man von dort oben einen besseren Überblick habe. Während die Mitgliederzahlen sinken, steigt das Durchschnittsalter: Derzeit liegt es irgendwo zwischen sechzig und achtzig.

Verein muss seine künftige Rolle diskutieren

Der Museumsdirektor betont, dass er nur für sich selbst sprechen könne. Die zwanzig Personen, die sich im Hohenstaufen-Kreis zusammengefunden haben, sind durchaus nicht immer einer Meinung. Was sie eint, ist nur, dass sie glauben, der Heimatbund müsse sich über seine Zukunft Gedanken machen. Immer weniger Mitglieder, das bedeutet, dass der Heimatbund, der sich neben Spenden überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, irgendwann einmal seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann. Dass über Familienprogramme noch nicht einmal richtig nachgedacht wurde, erscheint in dieser Situation fatal.

Aber es geht nicht nur um Rückzugsgefechte. Der Hohenstaufen-Kreis fordert, der Verein müsse sich aktiv mit seiner Rolle auseinandersetzen und lädt zu diesem Zweck nun am Samstag, den 24. März zu einem Zukunftskongress ein. Angesichts der Ernennung Horst Seehofers zum Heimatminister fragt die Pressemitteilung: "Ein Heimatministerium auch für Baden-Württemberg?" Die Antwort des Vereinsvorsitzenden Josef Kreuzberger darauf ist klar: "Nein, strukturiertes bürgerschaftliches Engagement im Land vermag das auch."

Der Zukunftskongress soll keine geschlossene Veranstaltung sein: "Eingeladen sind nicht nur Mitglieder des SHB", heißt es ausdrücklich, "sondern auch Bürger/innen, aus allen Gesellschaftsschichten gleich welcher Nationalität. Südwestdeutschland war schon immer von kultureller Vielfalt und weltweiten (Wirtschafts-) Verflechtungen geprägt."

Horst, der Heimatminister

Der Seehofer-Horst (CSU) war dem Winfried Kretschmann (Grüne) sein Freund, so lange er nicht Heimatminister werden wollte. Das sei "aufgeblasener Politkitsch", schimpfte der Mann aus Sigmaringen-Laiz, und womöglich ein "Allmachtswahn" des Bayern. Dann könnte man auch noch ein "Sex-Ministerium" eröffnen. Das wollte im Stuttgarter Theaterhaus, wo sich Kretschmann und der Soziologe Armin Nassehi von der Schriftstellerin Thea Dorn vernehmen ließen, natürlich niemand. Zumal die Wüstenrot-Stiftung als Veranstalterin zum einen für solide Häuser steht, zum anderen den Abend unter das Thema "Heimat-Identität-Zusammengehörigkeit" gestellt hatte. By the way, Seehofe-Horst, dazu gehöre selbstverständlich auch der Islam, fügte unser Ministerpräsident an. Gut und gern 200 Menschen spendeten lange Beifall, ehe sie die heimatlichen Butterbrezeln verspeisten. (jof)

Vom rechten Rand und Seehofers Attacken gegen den Islam grenzt sich der Heimatbund deutlich ab. Als Diskussionsgrundlage sieht eine Arbeitsgruppe, die auf dem Kongress das Selbstverständnis des Vereins diskutieren will, unter anderem dessen "Offenheit für alle Bevölkerungsgruppen ... ohne Rücksicht auf Herkunft, Alter, Dauer des Aufenthalts, gesellschaftliche Stellung etc." Sie will "'Heimat' nicht ausgrenzenden und unsolidarischen Gruppen überlassen" und fordert "eine klare Trennung von 'Heimat' und 'Nation'."

Lange Zeit große Nähe zu nationalistischen Ideologien

Das war nicht immer so: Seit der Gründung des "Bunds Heimatschutz" (heute Bund Heimat und Umwelt) 1904 in Dresden und der anschließenden Entstehung zahlreicher Heimatbünde in allen Regionen des Reichs standen diese lange Zeit in bedenklicher Nähe zu nationalistischen Ideologien und erlebten ihren größten Aufschwung im "Dritten Reich". Nach dem Krieg ersetzte der SHB den von den Nazis eingesetzten Mundartdichter August Lämmle durch einen neuen Vorsitzenden.

Ansonsten änderte sich nicht viel. Der Historiker und Heimatbund-Vorstand Wilfried Setzler resümiert: „Die Mitgliederversammlung von 1949 bedeutet, trotz der Namensänderung vom Bund für Heimatschutz zum Schwäbischen Heimatbund keine Neugründung und keinen wirklichen neuen Beginn, sondern eher die Fortsetzung alter Tätigkeit." Erst als Willi Leygraf, Kulturredakteur des Südwestfunks in Tübingen, 1970/71 vehement eine Aufarbeitung der dunklen Kapitel des Heimatbunds einforderte, begann ein Umdenken.

Zum hundertjährigen Jubiläum 2009 hat der SHB begonnen, sich aktiv mit seiner eigenen Geschichte im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Ein Bombenangriff 1944 hat die damalige Geschäftsstelle und sämtliche Unterlagen zerstört. Aber ein "Verschweigen und Schönreden" soll es nicht länger geben. In der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift "Schwäbische Heimat" erscheinen regelmäßig Artikel zur NS-Geschichte, ebenso wie auch zu Revoluzzern aus der schwäbischen Provinz. Die Zeitschrift gehört zu den großen Pluspunkten des Vereins, manche sagen, viele Mitglieder seien eigentlich vor allem Abonnenten.

Aber eine Zeitschrift macht noch keinen Verein. Wo will der Schwäbische Heimatbund hin, wie kann er seine Ziele besser vertreten? Was will er überhaupt sein, ein regionaler Geschichtsverein oder ein Lobbyist für den Natur- und Denkmalschutz? Der Heimatbund hat, wie eingangs erwähnt, durchaus Erfolge vorzuweisen. Aber häufig genug gehen solche Erfolge auf Einzelinitiativen engagierter Mitglieder zurück. Wäre der Heimatbund tatsächlich in ganz Württemberg und Hohenzollern als Vorkämpfer für den Natur- und Denkmalschutz unterwegs, so hätte er sich bei der Gartenschau 2020 in Überlingen an seinen Ursprung erinnern und sich gegen die Fällung der Platanenallee einsetzen müssen. Das Projekt Stuttgart 21 war im SHB stark umstritten. Obwohl viele die Demolierung des Baudenkmals Hauptbahnhof ablehnten, konnte sich der Verein nicht zu einer Stellungnahme durchringen. Das Programm, das der Verein seinen Mitgliedern anbietet, hat zu großen Teilen eher die Landesgeschichte im Blick. Was will der Heimatbund sein: ein gehobener Reiseveranstalter oder eine Bürgerinitiative?

Der Aussteiger

Seine Heimat hat Felix Benneckenstein als Jugendlicher bei Neonazis gefunden. Im Rahmen der Heimatwochen und auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung sprach der Ex-Nazi über seinen Ein- und Ausstieg und darüber, wie er heute Menschen hilft, aus der rechten Ecke heraus zu kommen. Viele Jugendliche saßen im Stuttgarter Forum 3 und wollten mit dem Mann diskutieren, der als Liedermacher Flex ein Held der rechten Szene war. Etwa darüber, wie er die AfD einschätzt. Und vor allem, welche Werte er heute vermittelt, wenn er an Schulen über die rechte Szene und deren Musik aufklärt. Der 31-Jährige scheint überzeugend zu sein: Inzwischen habe er eine "mittelgroße Kameradschaft zum Ausstieg bewegt". (sus)

Der SHB, so fordert der Hohenstaufen-Kreis, muss demokratischer werden. "Transparenz und Teilhalbe der Mitglieder" ist ein weiterer Arbeitskreis überschrieben, "Präsenz in der Öffentlichkeit – Transparenz im Inneren" ein Dritter. Nicht transparent genug erscheint vielen die Tätigkeit des Vorstands, sie bemängeln bei dessen Mitgliedern eine zu große Nähe zu den Ministerien und Behörden des Landes. So ist Josef Kreuzberger, der Vorsitzende, Ministerialdirigent im Umweltministerium, ebenso wie die Schriftführerin Jutta Lück. Albrecht Rittmann war bis 2011 Abteilungsleiter ebenfalls im Umweltministerium, Reinhard Wolf leitete bis 2013 das Referat für Naturschutz und Landschaftspflege im Regierungspräsidium. Schatzmeister Karl Epple war zuletzt im Vorstand der L-Bank. Lediglich Wilfried Setzler, der in diesem Jahr aus dem Vorstand ausscheidet, kommt aus der Wissenschaft.

Solche Nähe zu den staatlichen Stellen kann von Vorteil sein. Sie kann aber auch dazu führen, dass Probleme nicht offen genug angesprochen werden. Auf jeden Fall gibt es aus Sicht des Hohenstaufen-Kreises erhebliche Kommunikationsdefizite, und zwar nach innen wie auch nach außen. Viele Mitglieder wissen überhaupt nicht, wer die Vorstände sind, sagt ein Kritiker, weil sie nie etwas von ihnen hören. Die einzige Gelegenheit dazu böte die Jahreshauptversammlung, wo aber nicht viel mehr stattfinde als die übliche Routine: Berichte über den Kassenstand, Entlastung des Vorstands und so weiter. Neue Vorstandsmitglieder werden vom Vorstand bestellt und von den Mitgliedern nur abgenickt, ebenso die Ausschussvorsitzenden.

Der Hohenstaufen-Kreis fordert nun, die Mitglieder der Ausschüsse sollten ihre Vorsitzenden selbst wählen. Über Neubesetzungen im Vorstand müsse es einen offenen Austausch mit geheimer Wahl geben und die Kommunikation zwischen Basis und Führungsebene deutlich intensiviert werden. Ein kleines Manko dabei: Bisher ist nicht erkennbar, dass einer der Kritiker auch selbst kandidieren will. Wenn sich aber niemand bereit erklärt, Verantwortung zu übernehmen, werden sich die angestrebten Veränderungen schwer durchsetzen lassen.

 

Info:

Der Zukunftskongress des SHB am 24. März von 9.30 bis 17.30 Uhr im Salemer Pfleghof in Esslingen steht allen Interessierten offen. Um Anmeldung wird gebeten unter der Telefonnummer 0711/239 42 12.


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