Ausgabe 367
Kultur

Nicht Sissi!

Von Rupert Koppold
Datum: 11.04.2018
Emily Atefs Film "3 Tage in Quiberon" inszeniert ein legendäres Interview nach, das Romy Schneider dem "Stern" gab. In der Hauptrolle brilliert Marie Bäumer als schonungslos offene Frau in der Krise.
Marie Bäumer spielt Romy Schneider.
Marie Bäumer spielt Romy Schneider. Fotos: Prokino Filmverleih GmbH

Das Jahr 1981. Ein weißes Wellness- und Diäthotel in der Bretagne. "Ich soll hier nüchtern werden", sagt der Filmstar Romy Schneider (Marie Bäumer) zur gerade angereisten Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), einer bodenständigen Freundin seit Kindertagen. Die Schauspielerin durchlebt eine existenzielle Krise, sie sucht Hilfe und braucht Unterstützung. Ja, sie ist zu einem Idol des französischen Kinos geworden, aber sie hat auch, was in diesem Film nach und nach und manchmal implizit zu erfahren ist, einige private Schicksalsschläge hinter sich, unter anderem den Suizid ihres Ex-Mannes Harry Meyen. Und nun treffen auch schon jene zwei Herren vom "Stern" ein, denen ein ausführliches Interview samt Fotoshooting versprochen wurde. Jahrelang hat sich Romy Schneider, bei uns hartnäckig auf die Rolle der "Sissi" reduziert, den deutschen Medien verweigert. Nun will sie sich quasi erklären.

Das Interview mit dem Journalisten Michael Jürgs (Robert Gwisdek) hat tatsächlich stattgefunden, die Regisseurin Emily Atef inszeniert es in ihrem Film "3 Tage in Quiberon" nun nach in einem stilvoll-atmosphärischen Schwarzweiß, das an die damals vom Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner) aufgenommenen Bilder erinnert. Romy Schneider kennt diesen großen, väterlichen Mann und sieht in ihm einen Vertrauten. "Soll ich dir den Mantel abnehmen?", fragt Lebeck freundlich. Den kühl-distanzierten Jürgs kennt Romy Schneider noch nicht, und der scheint auch nicht darauf aus zu sein, ihr Freund zu werden. "Lieben Sie Ihre Arbeit mehr als Ihre Familie?", fragt er in mokant-näselndem Ton und setzt gleich nach: "Sind Sie bankrott?". Nein, zum Aufwärmen sind solche Fragen nicht gedacht. Michael Jürgs will provozieren, er führt sich auf wie der Richter eines Tribunals, der aus überlegener Haltung heraus Pfeile abschießt und ungerührt zuschaut, wie sich das Opfer windet.

Und es funktioniert. Romy Schneider, die während des Interviews raucht und trinkt (und danach Tabletten zum Einschlafen nimmt), bricht eben nicht empört ab, im Gegenteil: Sie liefert sich ihrem Interviewer immer mehr aus. "Ich bin nicht Sissi", erklärt irgendwann der Star, der bei uns vielleicht auch deshalb in einem kaiserlich-kindlichen Märchenreich festgehalten wurde, weil Deutschland und Österreich so viel zu verdrängen hatten und deshalb selbst nicht erwachsen werden wollten. "Ich war viel zu folgsam", urteilt die extrem aufgekratzte Schauspielerin mit Blick auf ihre Jugend, in der sie von ihrer naziaffinen Mutter Magda Schneider gegängelt wurde. "Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren." So zieht sie schließlich in erschütternder Offenheit biografische Bilanz. Nein, das ist längst kein Interview mehr, das ähnelt fast einer therapeutischen Sitzung oder einer Beichte. Bloß, dass Jürgs eben kein verschwiegener Beichtvater sein wird.

Sie solle sich doch nicht so preisgeben, warnt Hilde ihre Freundin immer wieder. Sogar der sonst diskret aus dem Hintergrund fotografierende Lebeck gibt mal seine Beobachterrolle auf und will eingreifen, als der manipulative Jürgs den Mitteilungsdrang der aufgewühlten Romy Schneider zu sehr befeuert und ausnutzt. Aber sie kann gar nicht anders. In ihren Rollen schlüpft sie in andere Leben und spielt großartig, im Privatleben gelingt ihr das nicht. Da ist sie immer Romy Schneider, eine an sich selbst zweifelnde Frau, die sich nach Nähe sehnt und ihren Stimmungen ausgesetzt ist, die so spontan, impulsiv und ungeschützt agiert, dass es manchmal schmerzt. All dies lässt die exzellente Marie Bäumer im Film spüren, sie vertraut also nicht nur ihrer verblüffenden physischen Ähnlichkeit mit Romy Schneider, sie hat sich auch deren Mimik, deren Gestik und deren Tonfall angeeignet. Und sie hat sich mit dem Mythos Romy Schneider auseinandergesetzt: Es sei seltsam, so Marie Bäumer in einer Talkshow, dass dieser Star bei uns immer noch nur beim Vornamen genannt werde. Tatsächlich steckt in der anhaltenden Romy-Verehrung (in Österreich wurde gerade Iris Berben mit dem "Romy" ausgezeichnet) nicht nur die euphorische Liebe zu einem Idol, sondern auch anmaßende Vertraulichkeit.

Journalist Jürgs (Robert Gwisdek, hinten) beobachtet Schneider im Gespräch mit einem unbekannten Poeten (Denis Lavant).
Journalist Jürgs (Robert Gwisdek, hinten) beobachtet Schneider im Gespräch mit einem unbekannten Poeten (Denis Lavant).

Aber es war ja auch so leicht, von Romy Schneider als Vertrauter behandelt zu werden! Als sie im Film mit Hilde, Jürgs und Lebeck abends in ein Restaurant geht und der Champagner fließt, da merken die anderen Gäste schnell, wie zugänglich diese berühmte Frau ist, wie sie lachen und sich freuen kann. Wie vorurteilslos sie auch ist, sodass in dieser Hommage-Sequenz ans französische Kino bald auch ein struppiger Poet mit am Tisch sitzt, gespielt von Denis Lavant ("Die Liebenden von Pont Neuf"), der mit ihr zu Akkordeonklängen durchs Lokal tanzt. Die Aura der Romy Schneider wirkt eben anders als etwa die von Catherine Deneuve: Sie richtet für die Bewunderer keinen Abstand ein, sie löst vielmehr Grenzen auf. Selbst der hartgesottene und beherrschte Jürgs hat jetzt Mühe, sich dieser magnetisch anziehenden Aura zu verweigern.

Nach drei intensiven Tagen im Hotel, in den Dünen und am Felsenstrand des stürmischen Quiberon, die in diesem atmosphärischen Film sehr frisch und gegenwärtig wirken und nicht wie eine museale Rekonstruktion, hat vielleicht auch Jürgs sich ein bisschen verändert. Jedenfalls schickt er Romy Schneider das Interview, das in Deutschland Furore machen wird, zum Autorisieren zu. Sie blättert die Seiten ein bisschen durch, ohne etwas anzumerken, und sagt dann schlicht: "Er soll es drucken." Ein paar Monate nach der Veröffentlichung verliert sie ihren Sohn durch einen schrecklichen Unfall. Und ein Jahr danach stirbt auch Romy Schneider, die so viel Talent hatte, aber leider keines zum Glücklichsein. An Herzversagen, wie es offiziell heißt. An gebrochenem Herzen, wie es bei uns heißt, in diesem Deutschland, in dem sie für so viele verbissene Fans für immer Sissi sein musste. 

 

Info:

Emily Atefs "3 Tage in Quiberon" kommt am Donnerstag, den 12. April,  in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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