Geht voraus: Catherine Weldon (Jessica Chastain). Sitzt: Sitting Bull (Michael Greyeyes). Foto: Tobis Film

Ausgabe 379
Kultur

It is a Man's World!?

Von Rupert Koppold
Datum: 04.07.2018
Die Regisseurin Susanna White bringt in "Die Frau, die vorausgeht" den Indianerfilm mit weiblicher Emanzipation zusammen. Jessica Chastain spielt eine Malerin, die den Sioux-Häuptling Sitting Bull porträtieren will.

Es ist das Jahr 1889. Die New Yorker Malerin Catherine Weldon (Jessica Chastain) ist gerade Witwe geworden. Und wenn sie nun aus einer Kutsche heraus das gerahmte Porträt ihres Mannes in den Fluss wirft, dann ist das für sie ein Abwurf von Ballast, ein Bruch mit der Vergangenheit, eine Befreiung von jenen Zwängen, denen sie als Ehefrau ausgesetzt war. Raus aus dem bürgerlichen Ehe-Joch, auf in den Westen! Catherine hat es sich in den Kopf gesetzt, den Sioux-Häuptling Sitting Bull zu malen. Sie setzt sich in den Zug und als sie eines Morgens die Jalousie ihres luxuriösen Pullman-Abteils öffnet, sieht sie einen großen Himmel über unermesslich weitem Land. So wie damals Liz Taylor als Reisende aus dem Osten, die sich in George Stevens' Epos "Giganten" (1956), in einen Großrancher verliebt.

Aber das war's für Catherine dann auch mit der Willkommenskultur im Wilden Westen. Im Speisewagen wird sie feindselig ausgefragt vom rüpelhaften Colonel Groves (Sam Rockwell), bei der Ankunft wird sie bespuckt von einem Indianerhasser, und auf einem kleinen Holzpodest, das als Bahnsteig dient, sitzt sie mit ihrem großen Koffer dann alleine und unabgeholt da. So geht sie schließlich los in ihrem langen und hochgeschlossenen Kleid, schleift ihr Gepäck durch den Staub, beginnt unter ihren Löckchen zu schwitzen. Ein Reiter taucht auf am Horizont. Sie will ihm wortreich ihre Lage erklären, versucht so etwas wie Small Talk. Er ist ein Anhänger von No Talk und bleibt stumm. Schließlich kommt sie doch an im Reservat, wo der Regierungsbeauftragte (Ciaran Hinds) sie sofort zurückschicken will.

Frauenpower am Lagerfeuer in der Prärie

Ja, der Wilde Westen! It's a Man's World! Und im Western, jenem US-Kinogenre, das auch die Rolle der Frau in dieser Welt absteckt, waren weibliche Wesen lange Zeit entweder noch gar nicht da oder zu beschützende Anhängsel des erobernden Mannes. Ein bisschen zivilisierend tätig sein durften sie, also Kaffee machen oder Blockhütte putzen, und wenn's ganz gut lief, auch mal Kinder unterrichten. Den so genannten Bechdel Test aber – benannt nach der Comic-Zeichnerin Alison Bechdel, die ihn entworfen hat –, würde kaum einer der klassischen Western bestehen. Es geht dabei nämlich um die Frage, ob im getesteten Film mindestens zwei Frauen vorkommen, die miteinander reden – und zwar nicht nur über Männer.

Trotzdem haben auch in diesem Genre starke und selbständige Frauen hie und da ihren Platz gefordert. Joan Crawford etwa als stolze Saloonbesitzerin in Nicholas Rays "Johnny Guitar" (1954), die dafür allerdings gehasst und getötet wurde, oder Claudia Cardinale als Ex-Prostituierte in Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968), die nach dem Gemetzel der Männer zurückbleibt als reiche Besitzerin einer Bahnstation. In "Meek's Cutoff" (2010) hat die Regisseurin Kelly Reichhardt den Western dann in experimenteller Weise und aus radikal emanzipatorischer Sicht durchgespielt und sozusagen auf den Kopf gestellt. Auch "Die Frau, die vorausgeht", inszeniert von Susanna White, bringt nun eine weibliche Perspektive ins Genre, bewegt sich formal jedoch im Rahmen des klassischen Erzählkinos, präsentiert also elegische Musik und große Westernbilder von Prärie, Sonnenuntergang oder Lagerfeuer.

Und einen Wigwam vor Bergkulisse. Denn dies ist eben nicht nur ein Emanzipationswestern, sondern auch ein Indianerfilm, in dem die hartnäckige Heldin sich mit einem Häuptling anfreundet. Im Vergleich zu jenen biestig-verbitterten und gewalttätigen Weißen, die Catherine mal brutal zusammenschlagen, ist dieser im Reservat zum Kartoffelbauern gewordene Sitting Bull (beeindruckend: Michael Greyeyes) ein verständnisvolles und weises Männermodell (und mit seinem muskulösen Körper auch ein bisschen –Model), von dem sich sogar lernen ließe. "Ihr bewertet die Menschen danach, wieviel sie besitzen", sagt Sitting Bull zu der ihn porträtierenden Catherine, und er fährt fort: "Wir bewerten sie danach, wieviel sie geben." In solchen Sentenzen wird die Indianer-Kultur, so wie schon in Arthur Penns "Little Big Man" (1970), als die gute respektive die Alternativ-Kultur gepriesen.

"Diese verdammten Liberalen aus New York"

Dass die pferdescheue und den offerierten Vierbeiner deshalb zunächst ablehnende Catherine dem Häuptling gern zu Fuß vorauseilt, was den Hierarchie-Vorschriften der Sioux widerspricht, wird von Sitting Bull eher nachsichtig angesprochen. Er lässt sich von ihr auch juristisch beraten, als die Behörden die Indianer durch Kürzung der Essens-Rationen zur "Vernunft" bringen wollen und dann ihre Landraub-Verträge vorlegen – es darf eben nur nicht in der Öffentlichkeit sein. So kommen sich Catherine und Sitting Bull immer näher, so nahe sogar, dass die lange am Rande mitschwingende Romanze zur zentralen Love Story werden könnte. Aber soweit geht die Regisseurin dann doch nicht, schließlich basiert ihre Geschichte ja auf realen Personen, auch wenn sie sich vor allem bei Catherine Weldon große Freiheiten gestattet.

"Die Frau, die vorausgeht" nimmt sich in dieser Beziehung also wieder zurück. Der Film trägt in manchen Szenen sowieso schon recht schwer an seinen Themen, die Susanna White dann als Botschaften behandelt. Am Ende aber dominiert doch wieder die Historie, es sind Schwarzweiß-Fotos von Wounded Knee zu sehen, dem letzten großen Massaker an den Indianern im Jahr 1890. Abschiedsszenen, in jedem Sinn. Denn wie Scott Coopers prägnant-wuchtiges Indianerfilm-Pendant "Feinde – Hostiles" oder Taylor Sheridans in der Gegenwart spielender Reservats-Thriller "Windriver" (beide 2017) wird auch "Die Frau, die vorausgeht" zur Revision eines Genres und zur Revision der US-Historie. Wie sehr Geschichte auf negative Weise nachwirkt, das sieht man eben nicht nur am Umgang mit den Schwarzen und dem Verbrechen der Sklaverei, sondern auch am Umgang mit den Indianern, die ihres Landes beraubt und an den Rand gedrängt wurden. Und wie wenig gerade Trump-Amerika daran interessiert ist, diese Geschichte aufzuarbeiten, das nehmen Colonel Groves und Co. schon vorweg, wenn sie fluchen: "Diese verdammten Liberalen aus New York!"


Info:

Susanna Whites "Die Frau, die vorausgeht" kommt am Donnerstag, den 05. Juli in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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