In Weinstuben wird laut Kelter schlecht über den Südkurier gesprochen. Foto: Joachim E. Röttgers

In Weinstuben wird laut Kelter schlecht über den Südkurier gesprochen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 379
Medien

Gehen Sie in eine Weinstube

Von unserer Redaktion
Datum: 04.07.2018
Der Konstanzer Schriftsteller Jochen Kelter hat zehn Jahre lang kritische Kolumnen für den "Südkurier" geschrieben. Damit ist jetzt Schluss. Er sei in der Redaktion kaum noch durchsetzbar, heißt es.

Der Herr Kelter sei ein staunenswert produktiver homme de lettres, ein wunderbarer Erzähler, Lyriker und Übersetzer, stand einst auf der Website der Stadt Konstanz, und sie lag damit nicht falsch. Der Schriftsteller, Jahrgang 1946, hat schließlich zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, obwohl er eher nicht ins satte Lokalkolorit der Stadt am See passte. Nannte er sich doch selbst einen "Achtundsechziger", womit er sich eigentlich nicht zu einem Kolumnisten für den "Südkurier" eignete. Doch siehe da, das konservative Blatt engagierte den kritischen Geist und ließ ihn auf den Wirtschaftsseiten schreiben. Zehn Jahre lang.

Nun begab es sich, dass dieses Ressort einen neuen Leiter bekam: Walther Rosenberger, 2016 von den "Stuttgarter Nachrichten" kommend, mit dem Anspruch, spannende Geschichten aus der Region zu erzählen, "die kein anderer hat". Vornehmlich wird der Bergfreund an die eigenen gedacht haben, denn, wie anders ist zu erklären, dass er die Geschichten von Kelter, die kein anderer hatte, nicht mehr drucken wollte? Oder hat ihm die politische Richtung nicht gepasst?

Wir hätten es gerne erfahren, aber Rosenberger mochte nur "unter drei" reden. Das machen normalerweise Politiker, wenn das Gesagte vertraulich sein soll, nicht zitiert und der Urheber nicht genannt werden darf. Wir haben davon Abstand genommen, und so muss der Brief von Kelter an den "Sehr geehrten Herrn Rosenberger" unkommentiert stehen bleiben. Hier ist er in leicht gekürzter Form:

Jochen Kelter, Ex-Kolumnist. Foto: Privat
Jochen Kelter, Ex-Kolumnist. Foto: Privat

Dass Sie sich nach meinem letzten Kommentar für die Wirtschaftsseiten des Südkurier dann doch noch zu einem Gruß und Abschiedswort aufgeschwungen haben, fand ich fast schon rührend: "...Austausch mit Ihnen auch auf der persönlichen Ebene immer sehr angenehm." Auch wenn ich das von unserem letzten Telefonat im April, bei dem wir die Beendigung meiner Kolumnistentätigkeit besprochen haben, anders in Erinnerung habe. Da war die Rede davon, ich hätte mich auch schon abfällig über die Zeitung geäußert und meine Beiträge seien in der Redaktion kaum noch durchsetzbar.

Zu ersterem kann ich nur sagen, gehen Sie einmal in eine beliebige Weinstube oder ein Restaurant. Da können Sie hören, wie die Leute über Ihre Zeitung sprechen, die die meisten ja nur noch wegen der Lokalnachrichten lesen (und auch die gehen den Dingen selten genug auf den Grund). Zum anderen kann ein vertragsloser Kolumnist mit maximal zwei Beiträgen pro Monat kaum zur Linientreue verdonnert werden. Dass meine Kommentare intern zunehmend auf Ablehnung stossen, kann ich sogar nachvollziehen: Der Mainstream, dem sich der Südkurier verpflichtet fühlt, rückt ja zusehends nach rechts.

Als mich Ihr Vorgänger Peter Ludäscher vor zehn Jahren angeheuert hat, standen wir noch ganz am Beginn der Finanz-, Immobilien- und folgenden Euro-Krise. Naturgemäss haben sich meine Beiträge mit dieser Krise und ihren Auswirkungen auf Staaten und Bürger beschäftigt. Das hat zu zahlreichen Leserreaktionen geführt, ob in der Weinstube oder auf der Strasse, in Zuschriften, Leserbriefen oder bei Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen war.

Nun hat mich Peter Ludäscher, obwohl liberal und sogar Personalrat (was von der Geschäftsleitung Ihres Hauses offenbar gar nicht gerne gesehen wurde), der den Südkurier bestens kannte, nicht etwa wegen meiner blauen Augen angestellt. Er wollte offenbar, dass potenzielle Leser, die von der "alternativlosen" Berichterstattung und "Analyse" Ihres Blatts nicht angetan waren, nicht völlig abgeschreckt wurden. Das hat er geschafft, das hat häufig zu Reaktionen geführt wie: So etwas hätte ich dieser Zeitung nie und nimmer zugetraut.

Ich, der ich kein gelernter Ökonom bin, aber als "Achtundsechziger" schon in jungen Jahren an Makroökonomie interessiert war, habe meine Kolumnen gerne geschrieben, weil ich gemerkt habe, dass sie ein Echo auslösen. Allerdings bin ich nie der Illusion verfallen, eine Mehrheit der nach wie vor strukturkonservativen Leserschaft der Zeitung überzeugen zu können. Aber ein klein wenig zum Entstehen einer Zivilgesellschaft beizutragen, die sich etwa in der grossen Anti-TTIP-Demonstration in Berlin im Oktober 2015 mit 250 000 Teilnehmern manifestierte, war für mich als Schriftsteller, der nicht unbedingt mit Massenbewegungen oder direkter Aufklärung zu tun hat, ein Gewinn.

Nun haben Ihre Chefs, haben Sie entschieden, dass es Ihnen auf die mainstreamdissidenten Leser nicht mehr ankommt. Ihr Kerngeschäft ist die Werbung, für Anzeigen musste auch meine Kolumne mehrmals weichen. Profit vor Inhalt. Zu denken geben sollte Ihnen, sollte uns etwa die Aussage eines Fernfahrers in der kürzlich ausgestrahlten ZDF - Reportage "Was für mich deutsch ist". Der Mann sagte, natürlich habe auch er Angst vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes, Hartz IV sei dazu da, die Menschen auf Trab zu halten und den Leitmedien traue er nicht, seine Informationen beziehe er aus dem Internet und der deutschen Ausgabe von "Russia today".

Das hat weniger mit "Fake News" oder der Unübersichtlichkeit des Internet zu tun, sondern mehr mit dem Verfall des Qualitätsjournalismus, den der Philosoph Jürgen Habermas jüngst beklagt hat. Die immer selben Kommentatoren und Leitartikler, die Teil der "liberalen" Eliten sind, erklären nach den immer gleichen Mustern unsere alternativlose Gesellschaft und alle anderen käuen sie wieder. Dabei wäre es nach der Krise von 2007/2008 endlich an der Zeit gewesen zu erkennen und darzutun, dass unsere gesellschaftlichen Bedingungen keineswegs alternativlos sind, sondern nach Veränderung und Verbesserung geradezu schreien. Ihnen persönlich wünsche ich Glück und Gesundheit.


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