Ausgabe 274
Editorial

Nur Druck hilft

Von unserer Redaktion
Datum: 29.06.2016

Geht doch: Michael Lünstroth, der Kollege vom "Südkurier" (SK), darf wieder schreiben. Nicht nur Polizeimeldungen, sondern richtige Artikel. Das ist zunächst eine gute Nachricht. Noch besser wäre sie, wenn sie gar nicht nötig gewesen wäre. Aber so ist es halt, wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist. Wie zum Beispiel Lünstroths Kritik am Konstanzer Oberbürgermeister, dem er vorgehalten hat, den Bezug zur Realität verloren zu haben.

Das Zentralorgan der Heimatpflege, der "Südkurier", hat damit offenbar Probleme. Wie berichtet, war Autor Lünstroth stillgelegt und mit einer Abmahnung belegt worden, weil er, laut SK-Chefredakteur Stefan Lutz, die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt habe. Der Vorwurf dürfte, nach Lage der Dinge, schwer zu belegen sein, ist in Wirklichkeit aber auch nur ein Hilfsargument, mit dem ein kritischer Kollege geknebelt werden soll.

Normalerweise bleiben solche Vorgänge in Zeitungshäusern unter der Decke. Sie stören das Bild, das für die Kundschaft gezeichnet wird. Das Bild von der freien und unabhängigen Presse. Und sie stören die Geschäfte, die am Bodensee gepflegt werden müssen, wenn man "jeden Tag ein guter Freund" sein will. Im Fall Lünstroth hat das nicht geklappt, weil der Eingriff in die innere Pressefreiheit öffentlich geworden ist – und sich die Öffentlichkeit gewehrt hat. Zuletzt waren es die Rektoren der Konstanzer Hochschulen und die LeiterInnen ihrer Kommunikationsabteilungen, die dem Monopolblatt mitgeteilt haben, was sie erwarten: eine "unvoreingenommene, kritische Berichterstattung". Nur die werde von den Leserinnen und Lesern "als glaubwürdig erachtet". Spätestens da müssen dem Chefredakteur eigentlich die Ohren geklingelt haben, sollte ihm das bundesweite Negativecho bis dahin verborgen geblieben sein. Im eigenen Blatt hat der "Südkurier" bis heute nicht darüber berichtet.

Ein "Grand Canyon" bei der GLS-Bank

Verkehrte Welt: PR-Leute fordern ein, was zur Grundausstattung bürgerlicher Medien gehören müsste. Und ein Geldinstitut sorgt sich um den Qualitätsjournalismus. So geschehen am vergangenen Mittwoch (22. 6.) in der voll besetzten Stuttgarter Zentrale der GLS-Bank. Sie erklärt das Thema zur Zukunftsfrage, erkennend, dass die Zivilgesellschaft einen Journalismus braucht, auf den sie sich verlassen kann.

Moderiert von Bascha Mika, der Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau", zeigte sich Wolfgang Molitor, der Vizechef der "Stuttgarter Nachrichten", zuversichtlich. Keine Gefahr im Maschinenraum, die Leserschaft werde mit allem bedient, was sie brauche. Nachjustiert werden müsse nur im Internet, das bisweilen nicht alle Standards einhalte. David Schraven vom Recherchezentrum "correctiv" sah Defizite bei der Gründlichkeit, die er auf gemeinnützige Weise angeht: mit sorgfältig erarbeiteten Texten zum Nulltarif. Kontext macht gerne davon Gebrauch, bestätigte Josef-Otto Freudenreich, den der Vertrauensverlust des Publikums umtreibt. Den Vorwurf der "Lügenpresse" nur weit von sich zu weisen helfe nicht weiter, so der Kontext-Redakteur. Ehrlicher sei, sich zu fragen, welchen Anteil JournalistInnen daran haben, oder wie es eine Besucherin ausdrückte: wie es gelingen kann, den "Grand Canyon" zwischen Sender und EmpfängerInnen zu überwinden? Walter Münch, der Stuttgarter GLS-Chef, will das Thema fortführen.

Zeitungen unter Druck

Nach der GLS-Bank haben auch die Stuttgarter Volkshochschule und die Landeszentrale für politische Bildung den Qualitätsjournalismus entdeckt. Grund für die vhs-Verantwortlichen war das Erstaunen darüber, dass die Fusion der Redaktionen von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" nahezu geräuschlos über die Bühne gegangen ist. Das soll sich am heutigen Mittwochabend (29. 6.) ändern. "Zeitungen unter Druck" heißt das Thema des vhs-Bürgerfoyers. Es geht um den sogenannten Neuen Stuttgarter Weg, um alternative Medien, um Gemeinnützigkeit und die Finanzierung von neuen Medienmodellen. Im Treffpunkt Rotebühlplatz diskutieren ab 18 Uhr Michael Maurer ("Stuttgarter Zeitung"), David Rau (Stuggi.TV) und Susanne Stiefel (Kontext) auf dem Podium. Axel Graser (SWR) moderiert die Veranstaltung, in der nicht nur die Meinungen der MedienexpertInnen, sondern vor allem auch die Erwartungen der BürgerInnen gefragt sind.

!!!Die vhs hat das Bürgerfoyer heute vormittag kurzfristig verschoben auf Herbst wegen des Journalistenstreiks!!!

JournalistInnen streiken für mehr Geld

Ihre Maschinenräume verlassen haben am gestrigen Dienstag (28. 6.) rund 500 JournalistInnen aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, um in Ulm für mehr Geld zu demonstrieren.

Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus forderten ihre Gewerkschaftsvertreter eine "angemessene Einkommenserhöhung", die ihnen die Zeitungsverleger bisher verweigern. Sie bieten etwa 1,3 Prozent mehr an. Der Vorsitzende der Deutschen Journalisten-Union dju, Ulrich Janßen, nannte dies eine "Geringschätzung statt Wertschätzung", man werde sich "nicht wegducken", sondern "mutig und konfliktfähig" weiter kämpfen. Sollten sich die Arbeitgeber bei der nächsten Verhandlungsrunde am Mittwoch (29.6.) nicht bewegen, was zu erwarten ist, soll der Ausstand bis zum Wochenende fortdauern. Es empfiehlt sich also, die Zeitungen genau zu lesen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 01.07.2016
    ....ich frage mich auch, ob mit Molitor der richtige Diskutant für unabhängigen Qualitätsjournalismus ausgewählt wurde.
    Man denke nur zurück an seine "Schustergetreuen" Kommentare bei der "Geißler"schen Schlichtung 2010, während der Phönix- Übertragung aus dem Stuttgarter Rathaus.
    Sämtliche an mehreren Tagen vorgestellten Fakten waren für ihn völlig uninteressant, es galt für ihn einzig und alleine das politische Spätzleconnection-Diktat a la Oettinger durchzuboxen....im Interview als Chef damals einer der 2 Stuttgarter unabhängigen Zeitungen.
  • Andreas
    am 29.06.2016
    Molitor und "Qualitätsjournalismus" in einem Satz - das passt ja nicht so wirklich zusammen.
    (Und wenn dessen "Standards" nicht eingehalten werden, ist das, angesichts der Schlagseite der Artikel der StN und insbesondere Molitors eigentlich ein Pluspunkt.)

    Seit der Zusammenlegung der beiden Redaktionen und der Abschaffung der "Sonntag Aktuell" hat auch die StN einen gewaltigen Sprung in Richtung endgültiger Unlesbarkeit gemacht - Ausnahme: die Artikel von Herrn Müller.

    Wenn es nur eine gute, also journalistisch orientierte, andere Tageszeitung in und für Stuttgart und Umgebung gäbe.

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