Menschen sind keine Inseln, weiß Ninel Çam. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 402
Kultur

Tanz mit mir

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 12.12.2018
Sie ist Tänzerin, Sängerin, Choreografin und einiges mehr. Ihr Lebensweg führte sie von Ostanatolien über Stuttgart nach Barcelona. "Möchten Sie mit mir tanzen?" Mit dieser Frage stellt sich Ninel Çam in Fußgängerzonen. Und wartet, was passiert.

Wie wäre es, einmal nicht durch die Gegend zu hetzen auf der Suche nach Geld, Erfolg, Anerkennung oder Weihnachtsgeschenken? Sondern innezuhalten. Zu sich selbst zu finden. An anderen Menschen nicht vorbei zu hasten, sondern sich zu begegnen, anzusehen, zu berühren. Ninel Çam tut genau das. Sie hat ein rotes Quadrat auf den Fußboden gezeichnet, zwei mal zwei Meter groß, dort, wo viele Menschen aneinander vorbeirennen. Sie stellt sich hinein, ganz ruhig. Davor auf dem Boden ein Schild: Möchten Sie mit mir tanzen?

"Stehblues" nennt sie das Projekt, das der Filmemacher Chris Schaal in abgehackten Zeitraffer-Aufnahmen festgehalten hat, die kürzlich in der Stuttgarter Stadtbibliothek zu sehen waren. In Stuttgart, auf der Königstraße, hat sie "Stehblues" zum ersten Mal – ja was eigentlich? – nicht aufgeführt, vorgeführt noch viel weniger, denn es ging nicht darum, anderen Menschen etwas zu zeigen. Es bildete sich niemals ein Kreis von Zuschauern. Vielmehr ging es um die persönliche Begegnung, Auge in Auge mit einem anderen Menschen. "Partizipative Tanzperformance" nennt sie das: ein Begriff, den ihre Tanzpartner – Männer, Frauen und Kinder – nicht kennen müssen.

Stuttgart ist der Ort, an dem die 44-Jährige die längste Zeit, wenn auch nur ein Viertel ihres Lebens verbracht hat; die Stadt, in der sich vieles von dem, was sie macht, entwickelt hat. Sie war immer unterwegs und hat "Stehblues" auch in anderen Städten realisiert. Sie hat nicht nachgezählt, aber sie kennt die Namen: St Helens in England, Cardiff in Wales, St. Louis in den USA, Straßburg, Łódź, Brno, Göteborg, Barcelona. Wo sie seit drei Jahren lebt.

Mit dem Finger auf der Tastatur entwickelt sie ihre Gedanken

Sie trifft im Stuttgarter Welthaus eine Bekannte, die sie lange nicht gesehen hat, und doch konzentriert sie sich völlig auf ihren Gesprächspartner, wenn sie erzählt. Manchmal scheint eine Spur von Leid wie eine Wolke ihre Gesichtszüge zu verdunkeln. Doch dann, wenn sie den Gedanken zu Ende geführt hat, strahlt umso heller die Sonne hervor.

Bayramuşağı heißt der Ort, in dem sie geboren ist: ein kleines Dorf in der Nähe von Malatya in Ost-Anatolien. Ihre Eltern waren Lehrer, mit ihnen kam sie im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal nach Deutschland. Damals war die deutsche Politik noch der Meinung, die Gastarbeiter würden nach getaner Arbeit wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Deshalb sollten türkische Kinder türkischsprachigen Unterricht erhalten. Und zu diesem Zweck kamen ihre Eltern nach Roth: ein Dorf südlich von Nürnberg.

Sie konnte kein Wort Deutsch und erinnert sich noch heute daran, wie sie im Kindergarten zum ersten Mal "ja" und "nein" sagte. Aber sie war vorher schon, in der Türkei, mit ihren Eltern zur Schule gegangen, da sie nirgendwo anders hin konnte. Als sie eingeschult wurde, waren ihre Deutschkenntnisse noch begrenzt, aber sie konnte längst lesen, schreiben und rechnen. Der Schule in Roth verdankt sie zwei wichtige Dinge, die sie bis heute prägen: Sie begann zu singen. Und es gab in dem kleinen fränkischen Dorf eine junge Lehrerin, die Jazztanz mit ihren SchülerInnen machte. Von dem Moment an lebte sie von einem Montagabend zum nächsten. Ihr Vater brachte ihr auf einer orangefarbenen Olympus-Schreibmaschine das Zehnfingersystem bei. Mit den Fingern auf der Tastatur entwickelt sie seitdem ihre Gedanken.

Nackt getanzt und weiß geschminkt

Mit zehn Jahren zurück in der Türkei, kam sie auf ein englischsprachiges Elitegymnasium in Ankara. Nach dem Abschluss mit Bestnoten, entschied sie sich für ein Architekturstudium. Ihre Eltern waren entsetzt, doch sie setzte sich durch, studierte in Istanbul und ging nach Stuttgart, ganz begeistert davon, was man dort in Architektur alles machen konnte: von Aktzeichnen bis Film, von Soziologie und Philosophie bis Webdesign.

Sie belegte auch ein Seminar über Tanz. Ihrem Professor Erwin Herzberger ging es um die Wahrnehmung von Raum und die Verbindung zwischen den verschiedenen künstlerischen Disziplinen. Er bekam mit, dass sie ihre Gedanken festhielt und ermunterte sie, ein Gedicht zu schreiben, als Grundlage für eine Choreografie. So kam es zu ihrer Diplomarbeit, in Architektur: einer Tanzperformance unter dem Titel "Gedichte eines Körpers im Raum".

Bereits in Istanbul hatte sie einen Butoh-Workshop besucht. Der "Tanz der Finsternis" entstand in der Nachkriegszeit aus japanischen Traditionen und deutschem Ausdruckstanz. Häufig nackt, weiß geschminkt getanzt, bringt er in bis zum Platzen gespannter Langsamkeit die verletzlichen Seiten des Menschseins zum Ausdruck. Sie machte Kurse in New Dance bei der Tänzerin Keriac, mit der sie beinahe nach San Francisco gegangen wäre. "Keriac hat mir den Glauben an mich selbst gegeben", betont sie.

Dass sie zur selben Zeit auch begonnen hatte, als Sängerin aufzutreten, "das liegt an Loretta", erzählt sie. Auf der Geburtstagsfeier eines Freundes in der Kultur-Trattoria Da Loretta hatte sie spontan ein Lied vorgetragen. Sie hat immer gesungen, mehrfach in der Türkei auch in Chören, unter anderem Lieder der Rockgruppe Queen. Doch sie hatte niemals daran gedacht, als Sängerin aufzutreten. Loretta brachte sie in Kontakt mit der Pianistin Irina Gelfand. Sie stellten ein Programm türkischer und aserbaidschanischer Lieder zusammen, die sie zu zweit, später auch zu dritt mit dem Gitarristen Uwe Metzler aufführten.

Ihre Musik ist laut, rockig und experimentell

Bald darauf kam sie über den Oud-Spieler Maiki Mai mit dem E-Gitarristen Thomas Maos und dem Schlagzeuger Jörg Bielefeld zusammen. Sie machten eine andere Musik: laut, elektronisch, rockig, experimentell. Sie tauchte ein in diese neue Welt. "Wir haben anfangs lange Zeit nur improvisiert", erzählt sie von ihren ersten Auftritten. "Kent Masılı" nennen sie sich als Band, das bedeutet so viel wie "Märchen der Großstadt".

Aus einem ostanatolischen Dorf nach Franken, Ankara, Istanbul, Stuttgart, dann wegen eines Promotionsprojekts, das noch immer nicht abgeschlossen ist, auch nach Helsinki, durch die Welten von Tanz und Gesang, Architektur und Literatur: Ninel Çams Leben hat etwas von einem Märchen, in dem die zielstrebige Nüchternheit der gewöhnlichen Alltagswelt außer Kraft gesetzt ist und andere Gesetze regieren.

"Wie geht es Ihnen? Danke, gut und Ihnen? Wie geht es Ihnen? Danke, gut und Ihnen? Wie geht es Ihnen? Danke, gut und Ihnen?" So beginnt ein Text zu ihrer Tanzperformance "The Second Skin", ungefähr zur Zeit ihrer Diplomarbeit. Dann aber: "Es tut mir weh. Es schmerzt." Und später: "Sie wacht auf. Aufwachen. Ein Übergang zwischen Schlaf und Wachsein. Im Schlaf sind wir maskenlos, ungeschützt und ... Wir wachen auf. Entweder sind wir allein, oder mit Menschen die uns ziemlich nahe stehen und uns aus der Nähe kennen. Dann bereiten wir uns vor ... Für das Außenleben. Für das, wovor man sich schützen sollte. Wir verhüllen uns."

Den Gegensatz zwischen Innen und Außen überbrücken

Man könnte meinen, diejenige, die das schreibt, ist noch das fünfjährige Kind, das in einem anderen Land angekommen ist, dessen Sprache sie nicht spricht und genau deshalb, weil sie nicht kommunizieren kann, den Gegensatz zwischen Innen und Außen umso schärfer wahrnimmt. Vielleicht besteht ihre Kunst genau darin, immer wieder zu versuchen, diese unüberbrückbare Distanz zu überbrücken, mit immer wieder anderen Mitteln.

In "Mis-à-nu – nacktgestellt" ging sie den umgekehrten Weg. Sie war eingepackt in Kleidungsstücke, in vielen Schichten übereinander, deren sie sich eines nach dem anderen entledigte. Die Kleidung steht dabei für die Verkleidung, für die Rollen, die man einnimmt, statt man selbst zu sein: das verletzliche, ungeschützte Ich, der nackte Rücken, den sie mit dem türkischen Wort arkadaş – Freund in Verbindung bringt, das sich wiederum aus arka – Rücken und daş – das Gemeinsame, Rücken an Rücken zusammensetzt.

"Mis-à-nu" hat sie aufgeführt, als sie nach drei Jahren auf dem Lande wieder nach Stuttgart zurückkam. Nach dem Studium war sie schwanger geworden. Ihr Mann, Ingenieur, hatte dort einen Job gefunden. Für sie war es keine schöne Zeit, plötzlich allein, auf dem Land, ohne Freunde, auf das Hausfrauendasein reduziert. "Sie wolle stillen", sagt die Protagonistin im Text ihrem Mann. "Sie wolle singen. Sie wolle tanzen und blühen. Sie wolle ihre Schatten in Würde sterben lassen. Sie wolle werden. Sie wolle endlich riechen dürfen wohin es sie zieht." "Mis-à-nu", so die Beschreibung, sei "ein urbanes Märchen, aufgespannt in den vielartigen Tönen und Klängen der Frau, die zur Sprache erwacht."

Heute lebt sie in Barcelona, wieder wegen der Arbeit ihres Mannes. Aber Barcelona ist ein anderes Pflaster. Sie besucht die Theaterschule "Laboratorio Escuela de Expresión Corporal Dramática" der Chilenin Jessica Walker. Und pendelt hin und wieder zu ihren beiden Doktormüttern nach Helsinki. Über die Whatsapp-Gruppe der Eltern der deutschen Schule, die ihr Sohn besucht, fragte sie in die Runde, ob jemand ihre Texte lektorieren könne.

Das Buch, in dem sie ihre Erfahrungen aus dem Projekt "Stehblues" verarbeitet und aus dem sie zur Finissage der Ausstellung in der Stuttgarter Stadtbibliothek vortrug, ist noch nicht fertig. Doch sie hat zwei professionelle Lektorinnen gefunden, die ihr helfen, ihre Texte in gutes Deutsch zu bringen. Nicht um daran zu verdienen, sondern weil sie von diesen Texten so begeistert sind.


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1 Kommentar verfügbar

  • Katrin J. Wagner
    am 12.12.2018
    Meine Zusammenarbeit mit Ninel Cam an ihrem Reisetagebuch ging weit über mechanisches Redigieren bzw. klassisches Lektorieren hinaus; vielmehr waren es oft philosophische Auseinandersetzungen, die als Keimlinge des banalen Alltäglichen poetisch verstanden und zum Ausdruck gebracht werden wollten. Eine wunderbare Reise - und die deutsche Sprache als Vehikel.

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