Der Stuttgarter Bürgerchor: Hier noch in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Stuttgarter Bürgerchor: Hier noch in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 349
Überm Kesselrand

Stuttgart Yurttaslar Korosu

Von Anna Hunger
Datum: 06.12.2017
Der Stuttgarter Bürgerchor von Klaus Grabowski ist ein kleines, aber feines Ensemble mit politischem Anspruch. Kürzlich ist er in der Türkei aufgetreten. Ein Projekt in schwierigem Fahrwasser.

Die Geschichte von Klaus Grabowskis Türkeireise und dem Auftritt des Bürgerchors beginnt genau genommen am 2. Juni 1967. Studenten protestieren in Berlin gegen den Schah, als Benno Ohnesorg erschossen wird, geht die Demo in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Klaus Grabowski war dabei. Einer seiner Kommilitonen wurde damals festgenommen und verhaftet, ein junger Türke. Grabowski und eine Bekannte, Jura-Studentin, fuhren zur Polizeiwache und redeten so lange auf die Polizisten ein, bis die ihn wieder hinaus ließen. "Ich hätte niemals gedacht, dass das klappt", erzählt Grabowski heute, 74 Jahre alt, Stuttgarter, mit einem Schmunzeln. "Aber es funktionierte."

Grabowski wurde nach dem Studium erst Hörfunk-Korrespondent des SWR, dann Pressesprecher der Uni Hohenheim, heute ist er im Ruhestand. Der Kommilitone wurde Architekt, einer mit politischem Anspruch, der erst Sozialwohnungen konzipierte und sich später mit seiner Lebensgefährtin ein Stück Land in der Türkei kaufte. Das Paar baute ein Gästehaus darauf, das Loryma Resort bei Marmaris, 200 Meter über der Bucht von Turunç, mit eigener Milchwirtschaft und selbstgemachter Marmelade. Sanfter Tourismus in der Ägäis.

Vor etwa zehn Jahren lud das Paar zu einem Treffen ehemaliger Studierender in ihr Hotel ein, und Klaus Grabowski traf nach langer Zeit den Kommilitonen wieder, den er aus dem Knast geholt hatte. Was für ein Wiedersehen! Beinahe hatte man sich schon vergessen.

Politisch links, engagiert, laut

Ungefähr zur selben Zeit begann Volker Lösch, damals Hausregisseur am Stuttgarter Schauspiel, damit, Bürgerchöre zu inszenieren, die später sein Markenzeichen werden sollten. Grabowski war dabei, stand im Schauspielhaus auf der Bühne, war eine von zeitweise 150 Stimmen, die Lösch auf Demonstrationen gegen Stuttgart 21 auftreten ließ, und die mit Wucht und Verve die Frechheiten rund um den Bahnhofsbau von der Bühne schmetterten. Seitdem liebt Grabowski das Sprechen im Chor. Und als Lösch die Stuttgarter Bühne verließ, führte er dessen Idee weiter und gründete 2011 den gemeinnützigen Verein Bürgerchor Stuttgart mit 13 Mitgliedern, ein "Ensemble, das aktuelle Geschehnisse mahnend kommentiert", politisch links, engagiert, laut.

Der Bürgerchor 2010 mit Gründer Volker Lösch. Foto: Joachim E. Röttgers

Einmal haben sie für eine Ausstellung über zwei Monate lang jede Woche feministische und queere Manifeste gelesen. Sie performten Hermann Hesses "Stadt", eine Parabel über Aufstieg und Fall der Zivilisation. In Erinnerung an den 80. Jahrestag der Bücherverbrennung 1933 lasen sie im Chor Bertolt Brecht, Anna Seghers und Erich Kästner.

Seit dem Wiedersehen mit dem Studienfreund verbringen Grabowski und seine Frau jedes Jahr im Oktober ihren Urlaub im Ferienresort in der Ägäis. Als sie wieder einmal zu Gast in der Türkei waren, saßen sie am Abend zusammen mit den Gastgebern und deren Freunden. Kulturell Interessierte, sagt Grabowski, Intellektuelle, fest verwurzelt in der kulturellen Szene der Stadt Marmaris. Und Grabowski erzählte vom Bürgerchor und von der Kraft, die das gemeinsame Sprechen auf der Bühne entfaltet.

Seine Freunde waren begeistert. Ob er nicht einmal mit dem Chor im Resort proben wolle? Naja, sagte Grabowski, aber wenn wir hier proben, wollen wir auch was aufführen. Ein paar Gläser ökologisch angebauten Wein später stand die Idee, in Marmaris Homers Odyssee vorzusprechen. Das sei "jugendlicher Leichtsinn" gewesen, als hätte es nicht was Einfacheres sein können, sagt Grabowski heute, und erzählt von der berühmten Zwölfeinhalb-Stunden-Aufführung von Peter Stein. Ausgerechnet die Odyssee!

Der kulturelle Austausch ist gelähmt

Aber irgendwie war es ja auch eine Herausforderung. Die Sirenen für die Frauenstimmen, das ganze Projekt für alle Beteiligten. Und so spannte Grabowski Freunde ein, die altgriechisch können, um ihm beim Lesen des Originaltextes zu helfen, und sein Team dampfte eine Übersetzung von Homers Schrift auf 80 Minuten für das Sprechensemble ein. Das Kammerorchester Marmaris beauftragte einen Komponisten aus Aserbaidschan, die Musik für das Stück zu komponieren, holte geeignete Musiker aus Aserbaidschan und Georgien mit ins Boot. Zwei Jahre ist das nun her, fast drei.

In dieser Zeit hat sich die Politik in der Türkei erst langsam, dann schlagartig verändert. Bei seinen Freunden im Resort brachen die Touristenzahlen ein. Sie berichteten, dass die Intellektuellen und Künstler in der Türkei immer weniger Kontakte nach außen pflegen konnten und nach innen immer weniger miteinander sprachen, dabei seien sie doch gesellschaftspolitisch engagierte, "bewusste Menschen", sagt Grabowski. "Das Klima ist vergiftet, keiner weiß, ob der andere ihn als Gülinisten bezichtigt und man im Gefängnis landet". Das sei lähmend für den kulturellen Austausch.

Bürgerchor und Musiker auf der Bühne in Marmaris. Foto: Bürgerchor
Bürgerchor und Musiker auf der Bühne in Marmaris. Foto: Bürgerchor

Aber der Aufenthalt in Marmaris, der war geplant. Nicht, dass Grabowski und seine Chormitglieder nicht zweifelten, aber je schlimmer die Verhältnisse in der Türkei wurden, desto wichtiger wurde auch diese Reise. Solidarität wurde zu Grabowskis Mantra. Solidarität mit seinen Freunden, die übermitteln ließen, "um Himmels willen, lasst uns nicht alleine." Das Vorhaben, mit seinem kleinen, feinen Ensemble in die Türkei zu reisen, wandelte sich vom netten Aufenthalt am Meer zum grenzübergreifenden Kultur-Projekt. Zu einem kleinen Zeichen in Zeiten von großem politischem Wirrwarr.

Im Oktober sind Grabowski und der Chor in die Ägäis geflogen. Nur zu siebt mit einem Sprech-Coach, denn nicht alle wollten die Reise antreten. Eine Frau aus der tiefen Überzeugung heraus, nicht in ein Land fliegen zu wollen, in dem Menschen willkürlich verhaftet werden. Eine andere wegen eines unguten Bauchgefühls. Einer wegen Krankheit, eine Person, weil sie wohl tatsächlich von politischer Verfolgung gefährdet gewesen wäre.

Der "Stuttgart Yurttaslar Korosu" tritt auf

Und dann waren sie dort, in der Sonne, am Meer, zum Freundschaftspreis untergebracht und konzentriert, nicht abgelenkt von Alltäglichem. Grabowski schwärmt. Der Bürgermeister von Marmaris, ein Sozialdemokrat, hat das Projekt unterstützt, sein Referent wurde zum Sonderbeauftragten für die Aufführung ernannt. Fünf Tage lang hat der "Stuttgart Yurttaslar Korosu", der Bürgerchor aus Deutschland, mit den dortigen Musikern geprobt.

Klaus Grabowski. Foto: Joachim E. Röttgers
Klaus Grabowski. Foto: Joachim E. Röttgers

Zur Erstaufführung des Stücks kamen rund 300 ZuhörerInnen ins Kulturzentrum von Marmaris. "Wir waren sehr zufrieden", sagt Grabowski. Hinterher habe ihm ein weißhaariger, alter Türke die Hand gedrückt und gesagt: "Ich danke Ihnen für alles, was Sie für uns getan haben."

 

Klaus Grabowski plant für 2018 eine deutsche Erstaufführung der Odyssee in Stuttgart. Momentan sucht er dafür Sponsoren und einen schönen Ort. Ein besonderer soll es sein, weil Grabowski den Musikern und Kulturschaffenden aus Marmaris zeigen möchte, wieviel sie ihm bedeuten. Als er das so sagt, steigen ihm die Tränen in die Augen. 


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