Ausgabe 306
Editorial

Briefe als Brücke

Von unserer Redaktion
Datum: 08.02.2017

Unsere türkisch-deutsche Kolumne ist im Dialog entstanden. "Die Sprache ist meine Waffe", sagte die Journalistin, Frauen- und Menschenrechtlerin Filiz Koçali im Interview mit Susanne Stiefel. Eine Waffe, die im Exil stumpf geworden ist. Wie die Schriftstellerin Aslı Erdoğan schrieb Filiz Koçali für die Zeitschrift "Özgür Gündem". Beide sind deshalb in der Türkei angeklagt wegen angeblicher Terrorpropaganda. Doch anders als ihre Mitstreiterin ist Filiz Koçali ins Exil geflohen. Die eine ist drinnen geblieben, die andere ist draußen, vereint im Kampf um Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Wie wäre es also, wenn die türkische Kollegin im Exil ihre Sprache wiederfände und ihre Gedanken in "Briefen an Aslı" zu Papier brächte? Und wenn das auf Türkisch und auf Deutsch in Kontext zu lesen wäre?

Filiz Koçali hat Feuer gefangen. Sie mag die kurze journalistische Form, sie ist mit Aslı Erdoğan befreundet, und sie kann endlich wieder journalistisch arbeiten. Und weil sie außerdem viele Intellektuelle kennt, JournalistInnen, SchriftstellerInnen, ÜbersetzerInnen, darunter auch den Übersetzer des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk, fand sie jemanden, der ihren Text ins Deutsche übersetzte. Das Ergebnis ist heute zum ersten Mal in Kontext zu lesen. Wir freuen uns, dass noch weitere deutsch-türkische Kolumnen folgen.

Seit dem Putschversuch im Juli haben wir bei Kontext immer wieder über die Türkei berichtet. Nicht zuletzt, weil auch in Baden-Württemberg eine große türkische Community lebt. Wir haben mit Edzard Reuter gesprochen, mit jungen türkischen Intellektuellen und Künstlern, mit Journalisten.

Auch Aslı Erdoğan und Filiz Koçali haben sich bei einem Interview kennen gelernt. Es stand in "Özgür Gündem" und war der Anfang einer Freundschaft - mit der Zeitung und mit der Journalistin. Es wäre so schön, wenn Aslı ihre Kolumne lesen und antworten könnte, sagt Koçali beim Redaktionsgespräch. Rückmeldungen aus Istanbul, "Briefe an Filiz" – nur zu! Bei Kontext räumen wir der türkischen Autorin jederzeit einen Platz frei.

Viele kennen inzwischen das Gesicht von Aslı Erdoğan. Die Bilder, als sie Ende 2016 nach Monaten aus dem Knast entlassen wurde, krank, aber ungebeugt, empfangen von einer Menschenmenge aus Unterstützern und Freunden. Ihre Interviews und Berichte von der FAZ über das Deutschlandradio und 3Sat bis zur "Süddeutschen". Dort war auch der Brief abgedruckt, den Aslı Erdoğan aus ihrer Zelle schmuggelte, der auch einen Appell an Europa enthielt:

"Ich möchte Europa daran erinnern, dass es seine Identitätskrise und seine Ängste nur überwinden kann, wenn es sich auf jene Werte besinnt, die es zu Europa machen. Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Werte, die über leidvolle Jahrtausende entstanden sind, durch Arbeit und Erfahrung."

Anfang April, wenn das Volk in der Türkei über die Präsidialverfassung abstimmt, wird Aslı Erdoğan in Stuttgart geehrt werden. Am 1. April erhält die 49-jährige Menschenrechtlerin im Haus der Wirtschaft die Theodor-Heuss-Medaille 2017. Die Preisverleihung steht unter der Überschrift "Anerkennung im Streit – die Idee der demokratischen Öffentlichkeit". Die Geehrte wird den Preis nicht persönlich entgegennehmen können. Nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft wurde ihr Pass einbehalten.


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1 Kommentar verfügbar

  • caesar struwe
    am 08.02.2017
    Herzlichen Dank für diese Kolumne.
    ein lange geäußerter Wunsch wird Wirklichkeit.

    So lesen und lernen wir von den Betroffenen, dass sich viele Sorgen hier und dort über die politische Lage in der Türkei und in Deutschland machen.

    Jetzt müssen "wir" die "Döner-Buden" in Stuttgart von "Ützel Brützel" bis "Ali" auch noch zur Unterstützung bewegen: Für Medien. Presse- Kunst- und Kulturfreiheit und gegen die Präsidialverfassung in der Türkei" Der neue Döner heißt "Nazim Hikmet" mit viel Grün und brüderlich wie ein Wald. Die neue Jufka a la Ilmaz Guney, der Tschai mit Servietten, auf denen Pamuks" Schnee" in Fortsetzungen gedruckt, serviert wird und dazu die Briefe von Asli Erdogan und Filiz Kocali in "Kontext": Das ist gelebte Integration.
    Und wenn das die Dialoge zwischen den kurdischen und türkischen Taxifahrern in Stuttgart bereichern kann, wäre das eine Frieden stiftendes Zeichen.

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