Das Performance-Duo NAF in seinem Atelier in Stuttgart-Nord. Foto: Joachim E. Röttgers

Das Performance-Duo NAF in seinem Atelier in Stuttgart-Nord. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 287
Kultur

Intervention mit *

Von Elena Wolf
Datum: 28.09.2016
Nana Hülsewig und Fender Schrade sind NAF. Mit Performances im öffentlichen Raum zeigen sie, wie absurd „normal“ ist. Jetzt sind ihre Arbeiten mit der Ausstellung "Norm ist F!ktion #1" in Stuttgart zu sehen.

Eine alltägliche Szene im Edelkaufhaus Breuninger in Stuttgart-Mitte: Eine attraktive Mittfünfzigerin in hellblauer Bluse, Blazer und Blingbling steht am Schminkstand von Chanel und dreht sich einen knallroten Lippenstift zum Testen heraus. Sie sieht nach Geld aus. Könnte eine erfolgreiche Managerin sein. Vielleicht auch eine Personalerin, die einen beim Vorstellungsgespräch mit demselben Stoizismus verbal in den Boden rammt, mit dem sie nach dem Meeting einen Espresso in perfektem Italienisch ordert. Sie setzt den Lippenstift vor dem Spiegel an und beginnt, sich das komplette Gesicht rot anzumalen – bis auf die Lippen. Seelenruhig. Als wäre es das Normalste der Welt. Nach etwa vier Minuten ist sie fertig. Betrachtet selbstgerecht ihr Werk und wandelt stilsicher mit der Kriegsbemalung durch die Menschenmenge Richtung Ausgang. Was um Himmels willen war das denn?

"Niemand hat mich angesprochen oder rausgeschmissen", erzählt die Stuttgarter Künstlerin Nana Hülsewig belustigt von ihrer Performance "Die schönen Dinge des Lebens". "Wäre ich nicht so schick angezogen gewesen und hätte mir die Verhaltenscodes im Breuninger nicht genau abgeschaut, wär ich sofort rausgeflogen." Ist sie aber nicht. Und an diesem Punkt sei die Aktion ein Erfolg. Hülsewig ist erster Teil des Stuttgarter Künstler*innen-Duos NAF. Der andere Teil ist Fender Schrade – er hat die Intervention gefilmt und legt Wert auf das Gender-Sternchen, denn es ist Ausdruck dessen, was beide hinterfragen wollen: Rollen. Nicht die, die es mit Lachs gefüllt neben dem Piano-Man in der Karlspassage von Breuninger gibt. NAF haben sich auf soziale Rollen eingeschossen. Die, die wir spielen, wenn wir einkaufen, arbeiten, Mann, Frau, Eltern, Single oder Pärchen sind, auf die Bank gehen oder einfach nur an der Bushaltestelle sitzen. Schon Simone de Beauvoir wusste: Man wird nicht als Frau geboren, man wird es. Doch bei NAF geht es nicht nur um Frauen.

Hülsewig und Schrade haben sich lange angeschaut, wie Menschen im öffentlichen Raum agieren. Wie sie sich organisieren. Welche Handlungen sie wo und wie ausführen und normierten Verhaltenscodes unterworfen sind. Dann gehen sie unangemeldet in Shoppingmalls oder an öffentliche Plätze und konfrontieren ihre Mitmenschen mit Verhaltensweisen, die als paradox empfunden werden. Gleichzeitig gibt das aber Aufschluss darüber, was als "normal" gilt. Was "normale" Menschen an so einem Ort, als Frau, als Mann, eigentlich nicht tun. Ja, warum eigentlich nicht in einem schicken Einkaufszentrum in Leipzig einfach mal mit weißer Hotelbettwäsche auf den Boden legen und schlafen, bis der Handywecker klingelt? Auch hier wirkt es völlig gaga, wenn sich Schrade – in schicker cremefarbener Hose und gebügeltem Hemd – nach ermüdender Shoppingtour unvermittelt auf den Boden vor die Rolltreppen legt, die teuren Sneaker akkurat nebeneinanderstellt, die persilreine Bettwäsche zurechtzupft und ein Nickerchen macht. Kurz darauf gesellt sich Hülsewig dazu, im Louis-Vuitton-Chic gekleidet, als würden sich die beiden nicht kennen. Die meisten Mall-Besucher*innen laufen um sie herum und wundern sich. Zwei Jugendliche fragen, warum sie sich auf den Boden legen. "Ich bin so müde", sagt Hülsewig knapp. Würden beide nicht nach Kohle riechen, hätte man sie herauskomplementiert. Da ist sich das Duo sicher.

Dass bei NAF auch immer Körper im Mittelpunkt stehen, zeigen sie eindrucksvoll mit einer weiteren Performance im Bankenviertel oberhalb des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Als Banker*innen getarnt, mischen sich die beiden zur Mittagszeit unter die pausierenden Krawattenträger und werden urplötzlich von unsichtbaren Angreifern heimgesucht. Wie in Hitchcocks "Die Vögel" rauft sich Hülsewig die Haare, während ihr Kollege sich schützend die Hände vor die Kronjuwelen hält und panisch um sich schaut. Dann fallen beide zu Boden. "Unsere Themen kreisen immer auch um Verletzbarkeit und Scheitern, beides ist für Männer im öffentlichen Raum völlig tabu", sagt Schrade, der seit 2003 als Mann lebt. Als im September vergangenen Jahres der BMW-Chef Harald Krüger bei einem Termin auf der Automesse IAA in Frankfurt mit einem Kreislaufkollaps zusammenbricht, steht die Männerwelt für einen Augenblick lang still. Auch NAF hat die mediale Aufmerksamkeit des Zwischenfalls beeindruckt. "Ich glaube, an dem Tag sind sogar die BMW-Aktien leicht gefallen", lacht Schrade und streicht sich lässig die Locken zurück.

Der 44-Jährige weiß, wovon er spricht. Schon bevor er sich entschieden hat, das "Sie" gegen "Er" zu tauschen, macht er Musik, wird in einer männerdominierten Welt immer wieder mit Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert. Auch als er als Tontechniker die Bühne gegen das Mischpult tauscht, spielt das Frau-Mann-Ding immer eine Rolle. "Wenn es beim Einpegeln einer Band völlig normal zu 'ner Rückkopplung kommt, glauben gleich alle, du hast es nicht im Griff als Frau, und wollen helfen", erzählt Schrade. "Bei einem Mann ist das nicht so." Wenn der Diplomingenieur und Synthesizer-Fan nicht neue Streiche mit Hülsewig ausbaldowert und den gemeinsamen Videos die passende Musik verleiht, gibt er auch am MIT in Boston, USA, Workshops und Vorträge zu den Themen Transgender und Sound.

Ausstellungen und Performances gegen die Konvention

Jetzt will das Duo in enger Zusammenarbeit mit der Kostümbildnerin Mona Kuschel seine Gesellschaftsbeobachtungen wieder zurück an die Sender schicken und hat eine groß angelegte, unkonventionelle Ausstellung auf die Beine gestellt. "Norm ist F!ktion #1" heißt der mehrdimensionale Rundumschlag, bei dem die beiden zahlreiche Orte in Stuttgart ab Ende September für einen Monat mit ihren Aktionen und Performances bespielen. Im Theater Rampe werden Raum- und Videoinstallationen sowie Dokumentationen zu sehen sein, die von NAFs Streifzügen durch die City erzählen. Ausgehend von der Rampe ranken sich die lustig-skurrilen Interventionen dann durch die ganze Stadt. Werden sich als Kinotrailer getarnt in die Innenstadtkinos und ins Kommunale Kino in Esslingen schleichen. Im Media-Markt am Hauptbahnhof auf allen Bildschirmen der TV-Abteilung laufen. Oder als lebensgroße Aufsteller von Schrade und Hülsewig auf dem Marienplatz installiert. Letzteres wollte der AfDler Ernst Udo Abzieher übrigens verhindern. Als der Stuttgarter Bezirksbeirat Süd darüber entscheidet, ob die Aufsteller klargehen oder nicht, stimmen zwölf dafür – bis auf Abzieher. "Der wollte einfach keine Darstellung von Transgender im öffentlichem Raum", erzählt die Künstlerin mit ansteckendem Lächeln. Doch genau darum geht es NAF: um einen öffentlichen Raum, in dem sich Bürger*innen in der Freiheit, sie selbst zu sein, begegnen können. Ohne Kauf-, Verhaltens- oder sonstige Zwänge.

Dass NAF mit ihren Ideen einen Nerv treffen, bestätigen auch ihre Auszeichnungen. 2015 werden sie für die Theater-Performance "Nana not alone" mit dem Stuttgarter und Baden-Württembergischen Tanz- und Theaterpreis ausgezeichnet. Ihre aktuelle Projektreihe "Norm ist F!ktion" erhält im Juni 2015 die begehrte, dreijährige Konzeptförderung vom Land Baden-Württemberg. Bevor Hülsewig 2013 auf ihren Trans-Gefährten trifft, wird NAF bekannt für "Nana&Friends" – ein Künstler*innen-Kollektiv, das sich seit über zehn Jahren locker um Nana Hülsewig zusammenfindet und bekloppte Theaterperformances und andere Projekte umsetzt. 2011 sorgte sie mit Hannelore Kober bei S-21-Demos als Polizeidoubles für Verwirrung. Damals war auch noch Hülsewigs Ehemann, der Stuttgarter Schauspieler und Regisseur Günter Brombacher, Teil von Nanas Friends. Dass er im November 2012 völlig unerwartet an einem Herzinfarkt stirbt, trifft die herrlich verrückte Stuttgarterin immer noch tief. "Günter war mein Hauptfriend", sagt sie bitter. Trotzdem sieht sie immer auch das Gute und flüstert beim Abschied: "Dafür habe ich Fender kennengelernt."

 

Info:

Die Vernissage der Ausstellung "Norm ist F!ktion #1" findet am 30. September 2016 um 20 Uhr im Theater Rampe in Stuttgart statt. Weitere Infos zur Ausstellung finden Sie hier.


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3 Kommentare verfügbar

  • Ronald Ransik
    am 05.10.2016
    Nun Frau Wolf,
    bis heute hatte ich den Eindruck, dass es der Zeitung mit den grossen Buchstaben vorbehalten sei, notfalls einen Satz ohne Zusammenhang zum übrigen Text interpretiert zu wissen.
    Mit Ihrer jetzt wiederholten Aussage, suggerieren Sie eindeutig einen inhaltlichen Zusammenhang (...wie heisst nochmal Ihr Blatt?) mit dem zuvor geschriebenen: Zitat "..um Nana Hülsewig zusammenfindet..".
    Na klar, was bedeutet das schon... Es reicht doch, wenn es jede/r so versteht.
  • Elena Wolf
    am 04.10.2016
    Lieber Herr Ransik,

    ein sehr schöner Kommentar - leider ändert Ihre - interessante und erweiternde - Ergänzung nichts an der Richtigkeit der Aussage, dass Hülsewig 2011 mit Hannelore Kober bei S-21-Demos als Polizeidoubles für Verwirrung sorgte.

    Nirgendwo steht, dass die Polizeiaktion was mit "Nana&Friends" zu tun hätte oder Hülsewigs Solo-Ding sei. Ich habe sie nur knapp in einem Satz erwähnt. "Nana&Friends" ist es auch, was ich als (herrlich) bekloppt Theaterperformance bezeichne.


    Bekloppte Grüße und Spaß dabei
    Elena Wolf
  • Ronald Ransik
    am 04.10.2016
    Ein sehr schöner Artikel - leider mindestens an einer Stelle ebenso schlecht recherchiert (den Rest kann ich nicht beurteilen). Im letzten Absatz wird über Hülsewigs lange Jahre zurückreichendes Künstler*innen-Kollektiv berichtet. Dazu wird aber nur ein einziges Beispiel angeführt, und das ist leider unzutreffend:
    Hülsewig sorgte "2011 .. mit Hannelore Kober .. als Polizeidoubles für Verwirrung".

    Tatsächlich war es genau umgekehrt: seit 2010 veranstaltete Hannelore Kober mit nachempfundenen martialischen Polizei-Klamotten bei S-21-Demos die Fake-Police-Auftritte. Weil diese Aktionen bei Polizeigrosseinsätzen aber nur in einer Gruppe mit mehreren Sinn macht, forderte Kober ständig zum Mit-Faken auf. Mit vielen anderen hat auch Hülsewig hier mitgemacht. Es war aber weder ihre Aktion, noch hatte es irgendwie mit Nana&friends zu tun. Und war schon gar keine bekloppte Theaterperformance.

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