Ausgabe 167
Schaubühne

Herberge der Vagabunden

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 11.06.2014
Vom 7. bis 28. Juni findet im Theater Rampe in Stuttgart und in der ganzen Stadt der Vagabundenkongress statt – angelehnt an den historischen Kongress, den Gregor Gog 1929 im Garten der Freidenkerjugend auf dem Killesberg einberief. Der Kontext-Fotograf Joachim E. Röttgers und Autor Dietrich Heißenbüttel haben die Eröffnungsfeier besucht und Eindrücke gesammelt. Eine Fotoreportage.

Das Programm zum Kongress ist hier zu finden.

Nur herein! Für drei Wochen verwandelt sich das Theater Rampe in eine "Herberge für alle". Gäste aus Russland, Finnland, Rumänien, Belgien, den Niederlanden, Ägypten, Südafrika und Argentinien begegnen lokalen Akteuren aus Stuttgart. Es ist alles etwas anders als sonst: Stadtführungen nennen sich Wanderpredigten, im öffentlichen Raum wird in den nächsten Wochen einiges passieren.

Gregoria Gog alias Tanja Krone eröffnet dem Vagabundenkongress. "Erst wenn diese hohle, blöde, tödliche Welt kaputt ist, erst wenn die 'Herberge für alle' hier auf Erden verwirklicht ist: dann erst ist unsere Mission erfüllt!", schrieb Gregor Gog, der 1929 auf dem Stuttgarter Killesberg den ersten Vagabundenkongress zusammentrommelte: "Wohl an! Was wir bauen, ist: eine neue Welt!"

Ausrüstung für Vagabunden: Saatbomben, Rucksack, Vagabundenliteratur. In historischen Zeiten war die Literatur der Vagabunden die von Gregor Gog herausgegebenen Zeitschrift "Der Kunde". Kunden – so nannten sie sich selbst: Tarnung oder Ironie? Vagabunden, ob aus Freiheitsdrang oder ökonomischer Not, hatten und brauchten nicht viel. Die Konsumgesellschaft war gewiss nicht ihre Welt.

Wo geht's lang? Refugium, Herbergssalon, Sonnenterrasse, das Feld ... Der Vagabundenkongress bietet ein reichhaltiges Programm quer durch verschiedene künstlerische Genres. Man kann Geld anlegen, an Seminaren teilnehmen, immer dienstags eine Zusammenfassung im Radio anhören. Im Musikzimmer tragen Kapellen der Stadt Vagbundenlieder vor. Die ägyptische Streetart-Künstlerin Aya Tarek besucht den Projektraum Ebene 0 im Züblin-Parkhaus. Artúr van Balen zeigt, wie man aufblasbare Skulpturen herstellt und auf Kundgebungen verwendet.

La r.O.n.c.e.: John Jordan kann von seiner Permakultur-Landkommune in der Bretagne nicht weg und predigt über Skype. Die Abkürzung La r.O.n.c.e. steht für résister, organiser, nourrir, créer, exister – widerstehen, organisieren, ernähren, erfinden, existieren. Auf sieben Hektar Land erproben acht Personen und mehr eine postkapitalistische Lebensweise. Als Nächstes ist eine Schule des künstlerischen Aktivismus geplant.

"Kann das Vagabundieren die institutionalisierte Demokratie aus ihren Grenzen lösen? Wie kann ästhetische Praxis festgefahrene Institutionen in Bewegung setzen? Liegt im utopischen Künstlerstaat ein Potenzial, das nicht zwangsläufig in Faschismus mündet oder kapitalistisch einkassiert wird?" Gregoria Gog, 2014

"Wir sind verdammt seit allem Anbeginn
Ruhlos zu wandern über diese Erde hin."

Anonyme Vagbundenlyrik im "Kunden"

Kultiviere das Unerwartete! "Magier der Rebellion" nannte die französische Tageszeitung "Libération" den Künstler-Aktivisten John Jordan. Für die englische Polizei ist er dagegen ein einheimischer Terrorist. Gebannt lauschen die Kongressteilnehmer den Ausführungen des Erfinders neuer Protestformen von "Reclaim the Streets" bis zum "Carnival Against Capitalism."

"Wandertrieb ist Hungertrieb", meinte Gregor Gog: "Die Ethik hat ihren Ursprung in einem knurrenden Magen." In der Vagabundenküche backt Marcus Bergmann Pfannkuchen aus drei Kontinenten.

Bar als Zeitfenster: Eingeschnitten in eine Schwarzweißaufnahme vom historischen Vagbundenkongress auf dem Killesberg, gibt es eine Auswahl kühler Getränke.

"Bewusst faul": Die heutigen Vagabundinnen halten sich an Gregor Gogs Motto. Ihre "Aufgabe ist in dieser Welt nicht die spießbürgerliche Arbeit. Diese Arbeit wäre Mithilfe zur weiteren Versklavung, wäre Arbeit an der bürgerlichen Hölle!"

Saatbomben zur Begrünung der Nachbarschaft. InselGrün nennt sich das Urban-Gardening-Projekt, das seit 2012 auf dem Areal des ehemaligen Cannstatter Güterbahnhofs Kräuter, Beeren und Gemüse wachsen lässt. Dies soll nun auch im Lehenviertel passieren.

"Und nun, liebe Freunde, liebe Kumpels: sehet den strahlenden Himmel! Die Pracht dieses Sonnentages!", sprach Gregor Gog 1929. Zum Vagabundenkongress 2014 ist es plötzlich warm geworden. Die Sonnenterrasse bietet Kühlung.

"Diese Menschen da haben keine dickleibigen, phrasendreschenden Führer, die ihnen das Problem ihrer Freiheit aus den Nöten von Rednertribünen aus vorillusionieren", schrieb der Künstler Hans Tombock, Mitstreiter Gregor Gogs und einer der Redner auf dem Vagbundenkongress 1929, in der Zeitschrift "Der Kunde".

Generalstreik ein Leben lang: Gregor Gogs Motto verfängt auch bei den Vagabunden von heute. Aber bitte ein bisschen bequem! Der Herbergssalon bietet den nötigen Komfort.


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