Die Bewohner der Wagenburg "Sand im Getriebe" sind momentan wagenlos. Kontext hat nachgefragt, was Ihnen fehlt.

Thomas (24), Häuserbesetzer, 6 Quadratmeter Bauwagen: "Ich vermisse das Holz, aus dem meine Wände bestehen."

Bernadette (33), früher mal Realschullehrerin, 16 Quadratmeter Bus: "Ich vermisse meine Tapete: rotes Barockmuster mit Flausch, sie fühlt sich ganz weich an."

Lena (27), Studentin der Erziehungswissenschaft, 8 Quadratmeter Wohnmobil: "Ich vermisse es, den Himmel durch die Dachluke zu sehen, wenn ich morgens die Augen aufmache."

Susanne (32), Fahrradmechanikerin, 10 Quadratmeter Bus: "Dort, wo ich momentan lebe, ist so viel Platz, das alles in Unordnung geraten ist. Ich kann nicht einmal mehr das Salz finden, wenn ich koche."

Nils (25), Kunststudent, 16 Quadratmeter Bus: "Ich vermisse es, morgens die Tür aufzumachen und meine Gemeinschaft zu sehen. Momentan müssen wir uns suchen, wenn wir zusammen sein wollen."

Jenny (24), lebt, 8 Quadratmeter Wohnwagen: "Ich vermisse es, aufzustehen und rauszugehen. Im Moment muss ich so viele Türen aufmachen, bevor ich draußen bin."

Joe (33), Werkzeugmechaniker, 10 Quadratmeter Bus: "Ich vermisse meine Plattensammlung. Die liegt im Wagen hinterm Zaun. Ich komme nicht ran."

Ausgabe 160
Schaubühne

Kann ein Wagen Sünde sein?

Von Martin Storz (Fotos) und Anna Hunger (Text)
Datum: 23.04.2014
Er trägt Iro, in Gelb, seine Hosen sind löchrig, auf einem Hosenbein prangt ein Aufnäher: "Freedom lives when the state dies" – Die Freiheit lebt, wenn der Staat stirbt. Wenn man Thomas fragt, was er sonst so macht, dann sagt er: "Leben." Thomas gehört zum Freiburger Wagenburg-Kollektiv "Sand im Getriebe". Und das ist momentan wagenlos.

Sie waschen in Eimern, kochen mit Gas und betreiben ihre Laptops mit Autobatterien oder Solarpanels. Für die einen sind sie versiffte Habenichtse, die nicht mal eine eigene Wohnung stemmen können. Für die Wagenburgler ist es das schönste Leben der Welt. Ein gemeinsames, auf das Wesentliche reduziertes, bewusstes Dasein. Wie Dauercampen alternativ. Nur ein bisschen bunter.

Seit 2011 tingelt die Truppe in und um Freiburg durch die Landschaft auf der Suche nach einem Platz, an dem sie bleiben kann. Mit 13 Wagen und zwölf Menschen, die lieber das Leben, das Wetter, das Licht und das Freisein genießen, als sich in das enge Korsett des gesellschaftlich Gewünschten pressen zu lassen. Sie leben Konsum-Minimalismus, benötigen keine Shoppingmalls, nicht einmal Wohnungen, die sie mieten könnten. Das macht sie entbehrlich, weil sie kaum einem nützlich sind außer sich selbst und kaum etwas haben wollen außer der eigenen Zufriedenheit und einer Wiese. Deshalb sind sie eigentlich dauernd im Weg.

Rund 100 Wagenburgen soll es in Deutschland geben. In Karlsruhe gibt es welche, in Tübingen sind sie etabliert, in Darmstadt, Kassel und Lübeck gehören sie dazu, in Kiel hat die Stadt sogar ein 70 000-Quadratmeter-Areal zur Wagenburg-Zone erklärt. In andere Städten sind sie oft nur befristet geduldet, manchmal illegal, ab und zu gänzlich unerwünscht, wie in Stuttgart, da gibt es seit den Achtzigern keine mehr.

Die Uni-Stadt Freiburg, mit Dieter Salomon, dem ehemals ersten grünen Bürgermeister einer deutschen Großstadt und dem Bio-Vorzeige-Viertel Vauban, ist die "Hochburg des Lebens auf Rädern", wie die "Badische Zeitung" einmal schrieb. Dort gibt es drei Wagenstellplätzen mit 20, 31 und 45 Stellplätzen, sie wurden über einige Jahrzehnte hart erkämpft und sind voll. Wie die meisten der wenigen etablierten in Deutschland. Und neue in Freiburg, beschloss der Gemeinderat, brauche es keine.

Die Wagen von "Sand im Getriebe" sind nun abgeschleppt worden. Wegen Wildparkens an diversen Straßenrändern und "weil eine weitere illegale Besetzung von Flächen in der Stadt drohte", teilt das Ordnungsamt mit. Jetzt stehen die rollenden Zuhause beschlagnahmt auf einer traurigen städtischen Wiese hinter einem polizeibewachten Zaun. Ihre Besitzer leben bei Bekannten und Freunden – in richtigen, festen vier Wänden. Sogar Kater Adorno. Zumindest solange, bis die Gruppe eine "legale Standfläche" vorweisen kann, die auch allen Seiten passt. Aber das kann dauern.

Und so wird die Wagenburg-Gruppe "Sand im Getriebe" im toleranten, grünen Freiburg wohl erst mal eine Ohne-Wagen-Gruppe bleiben.

Kontext hat die Bewohner gefragt, was sie in ihrem neuen, sesshaften Leben am meisten vermissen. "Das morgens einer mit einer Tasse Kaffee an der Wagentür klopft", sagt Thomas mit dem gelben Iro.


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4 Kommentare verfügbar

  • alte Frau aus dem Norden
    am 01.05.2014
    Ich freue mich, dass es immer wieder Menschen gibt, die es wagen, sich und manches drum herum auszuprobieren ,sich nicht dem Druck der "Normalität" zu beugen. ich wünsche euch von Herzen, dass ihr bald ein passendes Gelände mit toleranten Nachbarn findet.
  • djab
    am 24.04.2014
    sehr schoene fotos!(wenn ich deutsch lese,kan ich nicht alles gut verstehen und schreibe auch nicht gut deutsch...sorry)Aber das hauptsach habe ich doch verstanden.letzte monat,habe ich die gruppe besucht:es sind doch jungen pacifist,ecolo,gut organiziert fur freie leben;Freiburg ist doch eine grune stadt,frei;warum koennten sie nicht eine sichere platz haben fur ihre wohnwagen...?In frankreich,alle menschen haben recht an eine wohnung zu haben(schauen sie:abbe pierre oder robin des toits)und die"roms"haben recht an eine platz mit wasser,duschen,wc,fast uberall in die regionen.die gruppe hat so schon und hubsch seinen wohnwagen,kuche,wc(der "trone")organiziert.I REMEMBER THE CAMPO RHINO,SO LOVELY!Nehmen ihre eigene caravane,van...,das macht mich denken am krieg;40-45,meine grosseltern,vater und seine schwester,mu§ten haus und alles lassen und sofort weggehen;nur gepack mittnehmen und expediert von elsass nach andere lade von frankreich(sud oeste)fur ein par jahren:warum?PRIVATION DE LIBERTE D EXPRESSION!Wenn sie zuruck kommen sind,war alles gestollen in haus(moebel,sachen...)und die haus halbdestructirt...SIND WIR VOR DER DRITTER MONDIAL KRIEG?Schreiben sie doch an angela merckel und an die "COUR EUROPEENNE DES DROITS DE L HOMME"in Strasbourg.GOOD LUCK!die tante von elsa§.
  • Alfred
    am 24.04.2014
    Es gibt auch eine Petition "für die Sofortige Rausgabe der beschlagnahmten Wägen der Freiburger Wagengruppe Sand im Getriebe"
    https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-die-sofortige-rausgabe-der-beschlagnahmten-waegen-der-freiburger-wagengruppe-sand-im-getriebe?utm_source=extern&utm_medium=widget&utm_campaign=fuer-die-sofortige-rausgabe-der-beschlagnahmten-waegen-der-freiburger-wagengruppe-sand-im-getriebe
  • planb
    am 24.04.2014
    Eine wirklich schöne Fotostrecke und spannende Menschen.
    Mehr davon!

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