Mehr von Klauz gibt's bei Klick auf das Bild.

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Ausgabe 230
Schaubühne

Quatsch mit Köpfchen

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 26.08.2015
Sein Style: keine seichten Liebesgedichte, kein Weltschmerz, kein Haftbefehl-Ätz-Rap, kein "fuck", kein "bitch", wenig "Alter". Körpa Klauz macht "Electro-Boogie-Dancehall-Hip-Hop im Volxmusikstyle", performt aus einer Rikscha oder mit Lautsprecherbox in einem Einkaufswagen und mäandert damit irgendwo zwischen Performance-Kunst und Quatsch. Gegen Rassismus, gegen Engstirnigkeit und alles, was die Biederness zu einer Weltsicht macht, auf die die Welt gut verzichten kann.

Eine Halle im Bad Cannstatter Outback, versifft, oll, halb verfallen, die Wände bemalt mit erstklassigen Graffiti. Drum herum feiert eine Menge Unkraut seit vielen Jahren Renaissance. Irgendwer hat ein Metallschild an einen Kugelgrill gehängt, der an einer Ecke vor sich hin rostet. Ab und zu schlägt das Schild gegen das Metall, das einzige Geräusch weit und breit, es klingt wie die Kugel in einer Sprühdose, die jemand schüttelt, bevor er sprüht. Es ist einer dieser Nichtorte, die der Kapitalismus übrig gelassen und die Subkultur annektiert hat. Klauz passt hervorragend dort hin. 

Er sitzt auf einer Laderampe aus Beton und sagt: "Du hast nen Krauskopf, also verprügeln wir dich nicht. Deshalb war ich immer aufseiten der Immigranten. Mit dunkler Haut und Afro hast du im Schwabenland schon verloren." Was er sagt, ist ernst, wie er es sagt, ist Kabarett. "Schwabenland" – mit breitem A durch die Nase, die Arme werden nach rechts und links immer länger.

Auf seinem Shirt steht Clash. Zusammenstoß. In Klauz' Leben lassen sich da eine Menge Wortpaare bilden: Quatsch und Kunst, Unterdrückung und ziviler Ungehorsam, Zorn und Glück, Deutsch und Nichtdeutsch. Das vor allem hat ihn geprägt. Viele Jahre hat es gedauert, bis Klauz Schwaben mehr abgewinnen konnte als ein zwangsweises Eingeborensein.

Klauz ist eine Kunstfigur. Er trägt Bart aus Kajal. Einen, wie ihn Flaschengeister haben. Dazu einen Riesenhandschuh rechts, Discobrille, grünes Shirt. Bekannt ist er in Stuttgart für Reime wie "Schießt die Angie auf den Mond, dass ist Raumfahrt, die sich lohnt", performt aus einer Rikscha während einer Raddemo. Oder für eine Art Miniode an das Tier, das die Deutsche Bahn für Stuttgart 21 mit vielen Platanen im Schlossgarten der Stadt gefällt hat: "Den Juchtenkäfer hat keiner gefragt, er wurde einfach fortgejagt", in Kurzversion: "Auf die Dauer hilft nur Juchti-Power."

Eine alte Frau wollte ihm eine deutsche Frisur verpassen

Aber der Mann hinter Klauz, 32 Jahre alt, sehnig und kantig, ist ein Musterbeispiel für ein Aufwachsen mit schwarzen Locken und brauner Haut in den fett gefressenen deutschen Achtziger- und Neunzigerjahren, als Integration und Akzeptanz noch Ideen und keine Bestandteil der Gesellschaft waren.

Sein Vater kommt aus Haiti und ist Musiker, die Mutter eine bayrische Holzschnitzerin. Kunst, kein Handwerk. Erzogen worden ist er links-alternativ. "Man ist freundlich zu Menschen, man ist Pazifist, schön gegen Pershing II und gegen den Krieg, Rassismus find mer auch nicht gut, das war schlimm mit den Juden, Asylbewerbern hilft man, andere Kulturen sind interessant." So waren seine Eltern. "Ich dachte, so ist die Welt."

War sie aber nicht. Im Kindergarten sagten die Kinder: "Du hast eine Farbe wie Scheiße." Später sprach ihn eine alte Frau an, mit den Haaren könne man doch nicht rumlaufen, er solle sich doch mal eine deutsche Frisur machen lassen. Der Biolehrer erklärte, die Vermischung von Rassen sei immer schlecht. Bei Obst und auch bei Menschen. "Bei alldem kam dann ein Identifikationsproblem raus", sagt Klauz.

Und daraus hat er Körpa Klauz gemacht. "Klauz", weil das so ein schöner deutscher Name ist, "Körpa" für die Bewegung, den Funky-Boogie-Woogie. "In Europa geht viel über den Geist, da ist man ja eher steif" – Körpa Klauz ist "Move". 

Seine ältere Schwester wollte in einem Jugendspleen zur RAF, sein Bruder war Autonomer, schwarz vermummt. An dessen Jugendzentrum stand "Jesus ist tot", sagt Klauz, "das hat meine Oma erschreckt." Hu, hu – er wedelt mit den Armen, um das Erschrecken noch fett zu textmarkern. Die RAF war ihm zu arg, die Autonomen auch. "Die waren auch alle so religiös fundamentalistisch, so eng gestrickt in ihren Ansichten." Eng, das ist ein klassisches Körpa-Klauz-Wort. Das, was er hasst und warum er hampelt, grient, lacht, singt, sich selbst performt bis zur Albernheit. Eng sein im Kopf, das ist die Angst vor dem Fremden, sagt er. "Angst steckt in jedem. Auch in Körpa Klauz", sagt er. "Angst überwindet man nur durch Neugierde."

Viel Polizei, viel Wut, wenig Plan

In der Schule war er mau. Nicht weil er dumm wäre, sondern weil das nie seins war, das Lernen und Lesen und Stillsitzen. Mit 13 kam er zum Hip-Hop, der softeren, funkigeren Schiene des politischen Widerstands. Advanced Chemistry war seine erste Lieblingsband. Ihr erster Song, "Fremd im eigenen Land", 1992 aufgenommen, als in Rostock-Lichtenhagen das Sonnenblumenhaus brannte, wurde zu seinem Mantra:

"Gestatten Sie, mein Name ist Frederik Hahn, ich wurde hier geboren, doch wahrscheinlich sieht man's mir nicht an, ich bin kein Ausländer, Aussiedler, Tourist, Immigrant, sondern deutscher Staatsbürger und komme zufällig aus diesem Land." 

Mit 14 wurde er Sprayer, dann Kiffer mit viel Polizei um die Ohren, dazwischen ein Hirn voller Wut und ohne Plan, was anfangen mit dem Leben. Irgendwann stand er im Schlossgarten mit den schwarzen Dealern, erzählt er. Nette Leute, abgesehen davon, dass sie harten Stoff verkauften. Sie erzählten von Residenzpflicht, Polizeikontrollen, der Zerrissenheit zwischen Deutschland und Heimat und von Rassismus. "Das war wie eine Selbsthilfegruppe", sagt Klauz. Für einen aus dem Remstal, der nicht aussieht wie der klassische Remstaler. "Von den Schwarzen hab ich viel gelernt. Du kannst nur deine eigene Geschichte sein. Du bist so, wie du eben bist." Was ihm von damals im Schlossgarten in Erinnerung blieb, ist vor allem ein "Rasen betreten verboten"-Schild, das da stand. Sinnbild für all die Miefigkeit von Stuttgart. Pause. Dann sagt er: "Ich dachte damals: Ich kann nix, nur Sport, also bin ich nach Berlin gegangen. Dahin, wo die coolen Typen hinziehen."

Er machte eine Ausbildung zum Artisten, lebte als Exilschwabe auf dem Bergmannstraßen-Kiez, noch bevor die Schwaben sich die Filetstücke davon kauften. Er ist mit Sprayer-Crews rumgezogen, mit Hausbesetzern oder hat mit Sprayer-Crews Häuser besetzt. Einmal lebte er mit einer Menge Viechern unterm Bett in einer Bruchbude, wo sich die eine linke Gruppe mit der anderen nicht vertrug und zwischen sich eine Mauer aus Glasscherben baute. "Bei uns war es schon versifft. Aber auf der anderen Seite sah es aus wie in Mad Max." Zwei Gruppen mit den gleichen Idealen bauen eine Mauer zwischen sich. Das kann er bis heute nicht verstehen.

"Aber Berlin ist voll mit den krassesten, verrücktesten Leuten. Es gibt immer einen, der noch geiler ist als du." Dort ist einer wie Klauz nur einer unter vielen. In Stuttgart, im piefigen, biederen Schwaben, gibt es nicht so viele Verrückte. Und während Berlin in immer gleicher Großartigkeit dahindümpelte, begannen die Stuttgarter ihre Bockigkeit zu entdecken und setzten sich kollektiv vor den Nordflügel ihres Bahnhofs, um dessen Abriss zu verhindern. Und dort, wo früher das "Rasen betreten verboten"-Schild stand, standen nun die Zelte der Schlossgarten-Besetzer.

Ziviler Ungehorsam ist Kunst, sagt Klauz

"Die Stadt hat damals pulsiert", sagt Klauz, Er nennt es den "Stuttgart-21-Aufbruch". Das war noch bevor der Stuttgart-21-Protest samt seinen Wasserwerfern sogar in Hamburg bekannt war. "Ich dachte, was geht denn hier ab? Alle fahren zur Arbeit, und die sitzen da vor dem Bahnhof und singen? Alle dort waren älter als ich. Und cooler." Klauz hat sich dazugesetzt und ist geblieben. 

Und da hat er erfunden, was ihn in der Stadt bekannt gemacht hat: den Handschuh, das grüne Shirt, die Discobrille, das Gehampel, das "körpaklauzige" eben. Er lebte in einem Bauwagen mit integriertem Dosenverkauf für Sprayer, hat legale Graffiti-Wände für den Maler-Nachwuchs organisiert, war bei der Stuttgarter Graffiti-Doku "Paranoid Places" dabei. Er hat angefangen, Breakdance-Workshops an Schulen und Kindergärten zu geben, Filme und Videos aufgenommen, zum Geburtstag der SWR-Ikonen "Äffle und Pferdle" gerappt und mit seinem Einkaufswagen mit Verstärker und Box, in dem er die Beats zu seinen Raps vor sich her schiebt, Demos beschallt, Blockaden bespielt, Haus- und Landfrieden gebrochen.

"Zum zivilen Ungehorsam muss man sich nicht verabreden, es ist wie Improvisation, reine Bewegung. Das ist Kunst", sagt er. Mit Humor gegen das Establishment, falsche Politik, gegen die Ungerechtigkeit der Welt und alles, was diese Gesellschaft eben "eng" macht. "Und das mit den Schwaben, von denen sie überall anders denken, die sind uncool."

Einmal bekam er Post von der Staatsanwaltschaft. Er sei als Person des öffentlichen Lebens maßgeblich für die "sogenannte gute Stimmung" auf einer illegalen Besetzung verantwortlich gewesen. "Ich dachte damals, wenn das sogar die Staatsanwaltschaft sagt, schwarz auf weiß, nehme ich das mal als Prädikat."

Klauz lächelt unter seinem Kajal-Bart. Drum herum rauscht all das Unkraut im Wind, das Metallschild klingelt ab und zu gegen den rostigen Grill. "Der Schwabe wirkt nur so, als wolle er mit keinem was zu tun haben", sagt Klauz. "Wenn man seine Seele geöffnet hat, baut der Nachbar mit einem die Veranda. So Schwaben haben ja alles im Schuppen, was man dazu braucht." An der Wand hinter Klauz steht in bunten Graffiti-Buchstaben "Let's stay here forever".

 

 


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