Mit Klick auf das Bild geht es zur Fotostrecke. Hier: Liane Schmid. Sie hat das Café mitgegründet. Fotos: Joachim E. Röttgers

Mit Klick auf das Bild geht es zur Fotostrecke. Hier: Liane Schmid. Sie hat das Café mitgegründet. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 228
Schaubühne

Ein Stern geht unter

Von Anna Hunger
Datum: 12.08.2015
Das Café Stella schließt. Es ist eine Institution in Stuttgart. Und das beste Beispiel dafür, dass die altmodische Idee, eine alternative Location mit Herz und nicht mit dem Geldbeutel zu betreiben, langsam, aber sicher aus der Zeit gefallen ist. Nach dem Landespavillon, der Röhre und dem Rocker 33 geht der Stadt damit schon wieder ein Stück Kultur verloren. Eine Schaubühne über das erste richtige Café der Stadt.

Nena hatte mit 99 Luftballons gerade einen Welthit gelandet, der Nato-Doppelbeschluss trieb tausende Friedensaktivisten auf die Straße und Westdeutschland wurde zum ersten Mal von Helmut Kohl regiert. Und vom "Kännchen Kaffee" auf dem Silbertablett mit eierschalengelber Plastikspitze.

Zu dieser Zeit setzten sich in einer rauchigen Punkkneipe am Stuttgarter Marienplatz, dem "Exil", fünf junge Leute um die 30 zusammen und beschlossen, der biederen Spießigkeit des Kännchenkaffees den Kampf anzusagen. "Damals kam kein junger Mensch im Traum drauf nachmittags einen Kaffee trinken zu gehen", sagt Liane Schmid, heute 58, damals im Exil 27 Jahre alt und gerade Co-Autorin für ein Drehbuch über eine Prostituierte in Los Angeles. "Kaffeeklatsch. Das war was für Omas. Wir wollten etwas Neues erfinden."

Kurz vor dem Eröffnungstag. Wo heute der Gastraum ist, war damals eine Edeka-Bank. Fotos: Stella
Kurz vor dem Eröffnungstag. Wo heute der Gastraum ist, war damals eine Edeka-Bank. Fotos: Stella

Liane, Valli, Peter, Rainer und Werner - so hieß die Gründergeneration der brandneuen Kaffeekultur in Stuttgart. Jeder mit einer Eigenkapitaleinlage von 25 000 Mark und dem zündenden Idealismus ausgestattet, Stuttgart neben dem damals eher abgeratzten Szenecafé Soho im Westen noch eines in Mitte zu schenken. Italienischen Flair sollte es haben, mi piace l'italiano! Mit echtem Cappuccino, den die Stuttgarter bis dahin nur aus dem Toskana-Urlaub kannten.

1983 bauten die fünf Freunde den alten Ausstellungsraum eines Fliesenfachgeschäfts an der Hauptstätterstraße um. An die Wand hatten die Fliesenleger irgendwann einmal ein großes S verlegt. Und so nannten sie ihr Café "Stella": Stern. In 31 Jahren wurde der Name zum Kult.

Am 30. September verabschiedet sich das Stella von der Bildfläche. Mit ihm geht ein Stück Kultur, das die alternative Seele Stuttgarts mitgeprägt hat. Über drei Jahrzehnte ist es mit seinen Gästen gewachsen und gealtert, wie ein großer Baum. Mit Kerben am Stamm und wettergegerbt, mit immer neuen Trieben und ein paar alten Ästen. 

Sogar ein US-Reiseführer hat das Stella empfohlen

Liane Schmid, die alle nur Lili nennen, ist die einzig Verbliebene von der Stella-Erstbesetzung. Sie kennt jeden Winkel in und auswendig, jeden verlegten Mosaikstein, jede Wölbung des Wellblechs an der Bar und jede Biegung der dicken, runden Röhren, die schon immer unter der Decke hängen wie riesige Würmer. "Wir haben damals alles selbst gemacht", sagt sie. "Alles mit unseren eigenen Händen aufgebaut."

Marmor von Viareggio nach Stuttgart gekarrt, den Lastenaufzug ins Erdgeschoss in eine Wendeltreppe umgebaut, die Möbel und die Bar gezimmert, Glasbausteine gestapelt, Wände verputzt. Alles möglichst günstig, alles mit Liebe. Zur Eröffnung 1984 kamen 200 Gäste. "Wir haben richtig Gas gegeben und die Stadt hat es uns gedankt. Das Café Stella hat eingeschlagen wie eine Bombe." Es wurde ein Geheim-Tipp. Sogar ein Reiseführer aus Kalifornien empfahl es für Europa-Reisende. Der Renner - damals wie heute: Das große Frühstück. Und der Cappuccino.

Das Stella in den Achtzigern.
Das Stella in den Achtzigern.

Die alte Maschine stammte zwar ursprünglich aus Italien, aber eigentlich aus der Garage eines Freundes. "Da musste man den Hebel ziehen, dann warten, bis sich innen Druck aufgebaut hat und dann den Hebel wieder lösen", sagt Michael Scheunemann, 50 Jahre alt, Sonnyboy mit grauem langem Haar und seit 1987 Kellner im Stella. "Auf keinen Fall durfte man den schnalzen lassen!" Das Kaffeemachen sei da noch ein echter Prozess gewesen. 

Die Marmelade war selbst gemacht, ebenfalls die Kuchen, den Käse gab es nicht aus dem Päckchen, sondern frisch geschnitten. Sie kochten auch vegetarisch, natürlich. "Wir haben auch Demeter-Produkte angeboten, schon 1987! Das war so teuer, das hat uns beinahe das Genick gebrochen", erinnert sich Lili Schmid. Und als viele Jahre später veganes Essen zwar gut für die Welt, aber in fahler Grauheit immer noch mau fürs Auge daherkam, hat Kellnerin Katharina Bretsch einfach ein buntes Kochbuch herausgebracht über würzige und gar nicht öde vegane Küche. Das Stella ist politisch korrekt, schon immer gewesen und unveränderlich - wie das Ambiente.

Kein "Plüsch und Plum" weit und breit

Auf den Stühlen und Polstern saßen über die Jahrzehnte hunderte junge und alte und reiche und arme Hintern nebeneinander. Intellektuelle, Gescheiterte, Erfolgreiche, Kämpfer und Mitläufer, Studenten, Alternative, Berühmtheiten und deren Parvenüs. Die Wände stecken voller kleiner und großer Geschichten über Liebe, Gerüchte, Träume und Verluste.

Zwei herbe Verluste hat das Stella selbst zu verzeichnen: Den Brand 2004, als die Spaghetti im Lagerraum weichgekocht aus den Kisten hingen. Und den plötzliche Tod von Tine Raetzer im vergangenen Jahr. Sie war eine Marke mit ihren schrillen Klamotten und ihren bunten Kopftüchern. Ihr Bild hängt noch an der Wand des Cafés, über der Patina, die 31 Jahre Geheimnisse, Geschäfte und nicht wenige politischen Clous hinterlassen haben.

Fritz Kuhn war Stammgast, bevor er nach Berlin ging. Dann kam er zurück und plante im Café Stella seinen OB-Wahlkampf. Der Grüne Rezzo Schlauch hat hier in den Neunzigern Plakate, Texte und Aktionen ent- und verworfen. Inspiriert durch "besten Kaffee und viel alternative Lässigkeit konnte man da seinen Gedanken und Ideen freien Lauf lassen", sagt er heute. "War ja das erste Off-Café in Stuttgart, ohne Plüsch und Plum und ohne Kuchen verdrückende Omas." Mit dem Stella verschwinde wieder ein Stück mehr des alten Stuttgart, sagt er und seufzt.

Und mit ihm der Geburtsort einer Menge Stuttgarter Prominenz: Die Schauspielerin Ute Lemper ist dort ein und ausgegangen, Roland Emmerich auch, bevor Hollywood ihn entdeckte. "Das Café Stella war in den Achtzigern Place to be!", sagt die Managerin der Fantastischen 4 und Max Herre am Telefon. Das war lang bevor die Erstgeborenen des deutschen Hip Hop überhaupt Manager brauchten. Stuttgarts Kriminalschriftsteller Wolfgang Schorlau saß dort viele Stunden seines Lebens und dachte über seinen Kommissar "Dengler" nach. "Wenn Dengler nicht Stammgast im Basta wäre, säße er im Stella", sagt Schorlau. "So wie ich. Hier frühstücke ich, hier kann ich sitzen, Zeitungen lesen und Freunde treffen. Das ist für mich Stadtkultur."

Es war Stadtkultur. Denn trotz aller Solidaritätsbekundungen und Spenden-Angebote von Stammgästen und Stella-Liebhabern wird es dicht machen. "Ich muss jetzt loslassen", sagt Lili Schmid. Sie ist diejenige, die über Jahrzehnte die leeren Stellen mit neuem Leben ausgefüllt hat, als die Gründer nach und nach Lust oder Gesundheit verloren haben, bis nur noch eine übrig war, die mit dem Café alt geworden ist. Und vielleicht auch mit der schönen Idee, einen Laden mit Herz zu betreiben und nicht mit der Excel-Tabelle, wie der heutige Besitzer das versucht. Ihm schien das Café ein Fass ohne Boden. 

Nur die Gäste, die sitzen noch bis zum bitteren Ende. Georg zum Beispiel. Er war Architekt, bevor er Stella-Inventar wurde. Ein gepflegter, ältere Herr mit grauem Bart und immer sauberen Schuhen. Er hat hunderte Bücher im Café Stella gelesen, immer Science Fiction-Romane. Im Sommer unterm blauen Sonnenschirm mit dem urbanen Sound der Hauptstätterstraße zu Cappuccino und Camel aus dem Softpac, im Winter im ersten Stock mit Blick zum Hinterhof auf die verlebte Fassade der Stadt. Kaum ein Stella-Tag verging ohne ihn. Weil er um die Ecke wohnt, sagt er. Weil es im Stella guten Kaffee gibt. Weil die Leute freundlich sind. Weil es gemütlich ist, das Zischen der Kaffeemaschine, das Murmeln der Stimmen, Gabeln, die auf Tellern klappern und der Geruch von Curry oder Linsensuppe, der ab und zu vorbeiwabert.

Georg trägt seine leere Tasse zum Tresen. "Das wird ein herber Verlust", sagt er. "Für Stuttgart. Und für mich auch." Dann geht er langsam die Straße entlang, die bald ohne den ältesten Cappuccino der Stadt auskommen muss.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!