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Nicole Razavi unterwegs

Friede, Freude, Eierkuchen

Nicole Razavi unterwegs: Friede, Freude, Eierkuchen
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 Fotos: Jens Volle 

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Endlich ist Nicole Razavi in ihrem Wunschamt angekommen: dem der Verkehrsministerin. Seit Mai darf sich die Christdemokratin mit der maroden Infrastruktur in Baden-Württemberg beschäftigen. Doch die Sommerpause nutzt sie lieber für ein paar Wohlfühltermine. Etwa auf der Horber Hochbrücke.

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Sommerreisen sind bei Minister:innen beliebt, die Plenarpause lässt Zeit, sich im Lande umzusehen, Neues kennenzulernen. Das ist umso sinnvoller, wenn das Ministeramt neu ist. So wie bei Nicole Razavi, frisch gebackene Chefin des Verkehrsministeriums, das seit 2011 von Winfried Hermann von den Grünen geprägt wurde. In den Koalitionsverhandlungen im Mai dieses Jahres hatte die CDU den Grünen dieses Ministerium abverhandelt und mit Razavi sitzt dort nun eine eifrige Verfechterin von Stuttgart 21. Sie steht für Technologieoffenheit, spricht von "sauberen Verbrennern", glaubt an synthetische Kraftstoffe, will "Arten- und Umweltschutz verträglicher gestalten", um schneller bauen zu können, wie sie kürzlich in einem Interview mit der Pro-S-21-Zeitschrift "Bezug" sagte.

Nun, in ihrem vermeintlichen Traumjob – "Mobilität und Verkehr ist mein thematisches und politisches Steckenpferd" – muss sich die Ex-Wohnbauministerin zunächst in all die laufenden Projekte einarbeiten, die Hermann auf den Weg gebracht hat und bei Verkehrspartnern bekannter machen. Auch dazu dient eine solche Sommerreise, die Razavi seit voriger Woche absolviert. Kontext begleitete die 61-Jährige zur Horber Hochbrücke und im Regionalverkehr. Spoiler: Es war alles super.

Wenn Minister:innen sich ankündigen, kommen in der Regel auch andere politisch wichtige Personen – schließlich will man ein gutes Miteinander und die Presse ist in der Regel auch da. In Horb tauchten Vertreter des Regierungspräsidiums Karlsruhe, das Bauherr der Brücke ist, auf, zudem der Oberbürgermeister von Horb Michael Keßler (CDU), Leute aus dem Landratsamt und auch der Projektleiter des Baus, Markus Jahn von der Firma Porr, kam extra aus Berlin. Die Brücke ist imposant: 2.100 Meter lang, bis zu 90 Meter hoch überspannt sie das Neckartal. Sie wird die Stadt Horb vom Durchgangsverkehr entlasten, denn bislang geht es von Ost nach West stets über die B 32 und die zerschneidet Horb in eine Ober- und Unterstadt. Geredet wird über eine Umgehung seit mehreren Jahrzehnten, Spatenstich für die Ortsumgehung war Ende 2018, Grundsteinlegung für die Brücke im April 2023. Für Baden-Württemberg erfreulich: Bezahlt wird die Hochbrücke vor allem vom Bund: 167 Millionen Euro soll sie kosten, davon zahlt das Land 3,1 Millionen.

Über die Opferfamilien weiß niemand was

Razavi wurde in einem der Baucontainer ein Werbefilm vorgeführt, dann ging's mit Helm und Weste – aber ohne Sicherheitsschuhe – auf die Brücke, die inzwischen beide Seiten verbindet. Fertig soll sie 2028 sein. Ursprünglich war 2026 vereinbart, doch bald nach Baubeginn erklärte Porr, es dauere bis 2030. Nach intensiven Gesprächen legte sich die Baufirma auf 2028 fest – mehr Leute, mehr Material machten das wohl möglich, wie am Rande der Brückenbesichtigung zu erfahren war. Mehrkosten? Keine Antworten. Die Vertragsparteien befinden sich in einem Schlichtungsverfahren.

Stolz sind die Baubeteiligten auf die Eleganz der Hochbrücke, den Baufortschritt und den Einsatz von BIM, Building Information Modelling, eine digitale Arbeitsmethode für Baustellen, die das Bauen schneller, effizienter und genauer machen soll. Der Bund hat vorgegeben, dass BIM bundesweit eingesetzt werden soll, Baden-Württemberg will mit dem BIM-Läb dabei Vorreiter sein. Technisch sei das System sehr weit entwickelt, wird bei der Besichtigung erklärt, allerdings würde es die gesamte Baukultur komplett verändern, denn jede:r Beteiligte müsse das System kontinuierlich pflegen – und das dauere. 

Vorreiter sein – das hörte die Ministerin gerne, auch die Versicherung, dass Baufirma, Bauherr, Kommune gut zusammenarbeiten. Dennoch, so Razavi: "Wir müssen schneller werden."

Zu Beginn des Besuchs wies sie auf den Arbeitsunfall im Mai 2025 hin: Eine Arbeitsgondel war abgestürzt, zwei polnische und ein deutscher Bauarbeiter starben. Beschuldigt wird bislang ein Kranführer, der einen falschen Schwenk gemacht haben soll, wodurch das Kranseil mit der Gondel sich in quer laufenden Drahtseilen verfangen habe und dann gerissen sei. Ihm wurde ein Strafbefehl zugestellt, gegen den er beziehungsweise sein Anwalt Einspruch eingelegt hat. Gegenüber mehreren Zeitungen erklärte er, der Unfallhergang sei nicht wirklich geklärt, der Kranführer nicht eingewiesen worden. Auf die Frage vor Ort, wie es den Familien der Bauarbeiter heute gehe, antwortete der Vertreter vom Bauherrn RP: "Da müssen Sie Porr fragen." Dessen Vertreter weiß auch nichts. Zumindest die Stadt Horb hatte nach dem tödlichen Unglück eine Spendenaktion organisiert, um die Familien zu unterstützen.

Keine Probleme, nirgends

Anderthalb Stunden dauert der ministerielle Brückenbesuch, dann ging's per Auto zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Aber nicht, um sich die Baustelle anzuschauen, sondern damit Razavi mit einem Arverio-Regionalzug nach Hause, nach Salach fahren konnte. Im Zug war ein Gespräch mit Arverio-Beschäftigten angekündigt. Ein Kundenbetreuer und eine Triebwagenführerin standen offenbar gut eingenordet bereit, dazu der Chef der Kundenbetreuer:innen, Pressesprecherin, Arverio-Chef und wie schon auf der Baustelle der Social-Media-Beauftragte der Ministerin, der dafür sorgte, dass alle in kleine Mikrofone sprachen. Ergebnis: Arverio ist toll, die Kundschaft meistens nett, wenn nicht, sei das Personal in Deeskalation geschult, notfalls wird die Polizei gerufen und eigentlich ist alles sehr familiär. Das freute die Ministerin, die zudem erklären konnte, dass sich laut einer Umfrage Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr ziemlich sicher fühlen. 

Sich Arverio-Beschäftigte als Gesprächspartner:innen auszusuchen, war insofern schlau, als Bahnmitarbeitende wahrscheinlich mehr Ärger im Job haben, weil die Bahn in großen Teilen dysfunktional ist, worunter auch Angestellte leiden. Am Ende durfte Razavi noch nach ganz vorne zum Lokführer und das war's. In den nächsten Tagen stehen Besuche unter anderem im KIT in Karlsruhe auf dem Programm (autonomes Fahren), beim Flughafen Stuttgart, einer Straßenbaustelle, Verkehrsbetrieben, dem Mannheimer Hafen. Fahrrad- oder Fußgängerprojekte oder kaputte Brücken sind nicht dabei.

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