Ein Satz auf Wiedervorlage: "Wäre Scheitern in Zahlen messbar, müsste die Einheit Razavi heißen." Erst vor wenigen Monaten bilanzierte damit Kontext-Redakteur Minh Schredle die fünfjährige Amtszeit der Bauministerin, die er für eine glatte Fehlbesetzung hält in einem Ministerium, das angesichts der Wohnungsnot in Baden-Württemberg eigentlich zu den wichtigsten der vergangenen Legislaturperiode hätte zählen müssen. Jetzt ist sie aufgestiegen in ein nicht minder bedeutendes Haus: Als Verkehrsministerin sitzt sie an einer Schlüsselstelle im Kampf gegen die Erderwärmung – sie wird noch eine Menge konkrete Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität ab 2040 beitragen müssen. Vor allem aber darf sich die anhaltend engagierte Stuttgart-21-Befürworterin in den nächsten Jahren mit den immer neuen Malaisen des völlig aus dem Ruder gelaufenen Milliardenprojekts herumschlagen.
Ihre Parteilaufbahn hat die Studienrätin mit der Fächerkombination Englisch, Politik und Sport 1997 als CDU-Kreisvorsitzende begonnen. Seit 2006 vertritt sie im Landtag den Wahlkreis Geislingen. Konsequent arbeitete sie sich als meinungsstarke Konservative mit scharfer Zunge nach oben, die erste herausgehobene Funktion war die der Geschäftsführerin in der noch immer männerdominierten CDU-Fraktion. Und keineswegs nebenbei entwickelte sich die inzwischen 61-Jährige zur Großmeisterin der Verdrängung: Jedenfalls bisher wollte und will sie einfach nicht zugeben, wie falsch sie selbst und die vielen anderen Tiefbahnhof-Unterstützer:innen mit ihrer Vasallentreue gelegen haben und wie unangebracht die Verleugnung von Fakten und Zahlen und der Umgang mit den Kritiker:innen waren.
Von einer jungen, aufstiegsorientierten CDU-Landtagsabgeordneten in ihrer ersten Legislaturperiode war es offenbar zu viel verlangt, gegen den Mainstream in ihrer Partei den Argumenten und Einschätzungen der Gegner:innen das ihnen gebührende Gewicht beizumessen. Anlässe gab es in der aufregenden Historie des Milliardenprojekts mehr als genug. So etwa als Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann den 19. Juli 2007, den Tag der “Memorandum of Understanding” genannten Finanzierungsvereinbarung, zum "teuersten Tag in der Geschichte Baden-Württembergs" erklärte. Und das nicht etwa in Phantasierlaune, sondern weil das Münchner Beratungsbüro Vieregg-Rössler nach Auswertung der Planfeststellungsunterlagen und auf Basis vergleichbarer Projekte statt der damals offiziell behaupteten knapp drei Milliarden Euro für den Bahnhof inklusive der Baurisiken knapp sieben errechnet hatte.
Razavi noch unbelehrbar
Von einer Verkehrsministerin muss erwartet werden, sich endlich ehrlich zu machen. Das verlangt das Amt, weil es nicht mehr um Einschätzungen oder Meinungen geht, sondern um Tatsachen, die einfach nicht zu leugnen sind – allen voran die Kostenexplosion. Vom damit verbundenen Perspektivwechsel wird abhängen, ob sie die Landesinteressen im Kreise der Projektträger überhaupt seriös vertreten kann angesichts vieler bekannter und sicherlich noch auftauchender Probleme. Zum Beispiel und durchaus heute schon absehbar, wenn sich die Gretchenfrage stellt, ob und wie viele Gleise oben bleiben müssen, um eine ausreichende Kapazität im Knoten zu gewährleisten samt der dann notwendigen Sanierung des Kopfbahnhofs. Immerhin wird ihr nach sechs Wochen im Amt Interesse und Engagement nachgesagt. Den ersten Praxistest in den Diskussionen mit der DB muss sie im Lenkungskreis Ende Juni bestehen. Eine Schalte mit der DB-Vorstandsvorsitzenden Evelyn Palla ist schon mal ohne konkrete Erkenntnis geblieben.




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