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AfD in Baden-Württemberg

"Dann wird ausgemistet"

AfD in Baden-Württemberg: "Dann wird ausgemistet"
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Der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) hat die AfD aufgefordert, sich zu entscheiden, ob sie eine Partei im Rahmen der Verfassung sein will. Oder den Weg des Völkischen vorzieht. Die Richtung wird erkennbar an den Reden und Zwischenrufen ihrer Abgeordneten.

Ausgerechnet der neue AfD-Fraktionschef und Oppositionsführer im baden-württembergischen Landtag hat sich in der letzten Plenarsitzung vor der Sommerpause am 23. Juli selbst entlarvt. Dabei sollte Martin Rothweiler aus dem Wahlkreis Villingen-Schwenningen, blitzbefördert ohne landespolitische Erfahrungen, doch die Rolle des gemäßigten Aushängeschilds an der Spitze der 35 Abgeordneten spielen. Überraschend schnell fiel er lärmend aus ihr heraus, als der frühere Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) in der Grundsatzdebatte über die AfD auf den Wolf im Schafspelz zu sprechen kam. "Das hat schon Goebbels gesagt", dröhnte Rothweiler sein einschlägiges Wissen in den Plenarsaal.

Dem 48-Jährigen werden solche Kenntnisse kaum im FH-Studium der Betriebswirtschaft oder in Madrid, als er den Master in Internationaler Unternehmensführung machte, zugeflogen sein. Eher also zählt das Goebbels-Zitat zum AfD-Kanon, zum historischen und jederzeit abrufbaren Wissen. Im Wahlkampf 1928 hatte der spätere Propagandaminister das Selbstverständnis der NSDAP-Kandidaten entblättert, die dann, demokratisch gewählt, zu zwölft in den Reichstag einzogen: "Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir!" Das erinnert schon lebhaft an den Ausspruch des baden-württembergischen AfD-Landesparteichefs Markus Frohnmaier: "Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet."

Auslöser des Schlagabtauschs vor den Ferien war die AfD-Fraktion selber. Sie wollte Cem Özdemir (Grüne) an den Karren fahren, weil der als gastgebender Ministerpräsident auf der traditionellen Stallwächter-Party in der Berliner Landesvertretung am 9. Juli "vor rund 1800 Gästen die 5,5-Prozent-Splitterpartei SPD begrüßt hat und deren Fraktionsvorsitzenden mit 'Mein lieber Sascha' umgarnte", wie Rothweiler über die Vorzugsbehandlung für den Genossen Binder klagte. "Vielleicht unbewusst" habe der "zum Trauzeugen einer schmutzig-grünen Hochzeit degradiert" werden sollen, so der AfD-Fraktionschef weiter, "deren einziger Ehezweck Ihre Machtoptionen sind". Rothweiler hingegen blieb unbegrüßt, was dieser als Verstoß gegen "demokratische Prinzipien, Anstandsregeln und das Neutralitätsgebot des Staates" wertete und natürlich als Missachtung der eigenen Wählerschaft.

Täter-Opfer-Umkehr-Expert:innen

Özdemir hielt dagegen. Gemäßigter und ministerpräsidentieller als bei seiner Bundestagsrede im Februar 2018, als er Teilen der AfD vorwarf, die Werte der Aufklärung sowie die liberale deutsche Gesellschaft zu verachten. Im Landtag stellte er den AfD-Abgeordneten eine Reihe von Fragen: "Wie stehen Sie zu unserem deutschen Grundgesetz? Wie stehen Sie zu unserer Landesverfassung? Wie stehen Sie zu unserer liberalen Demokratie? Wie stehen Sie zu unserer freiheitlichen Gesellschaft? Wie stehen Sie zu verfassungsmäßigen Garantien, dem Rechtsstaat?" Und auch er hatte ein Zitat dabei von ehemaligen AfD-Abgeordneten, darunter einem Vorgänger von Rothweiler, von Jörg Meuthen. Denn nach dessen Einschätzung habe "die AfD inzwischen ganz klar totalitäre Anklänge", weil weite Teile "nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen". Die AfD müsse sich entscheiden, forderte Özdemir, ob sie Teil "einer demokratischen Partei am rechten Rand" sein wolle oder den Weg des Völkischen vorziehe, "der uns schon einmal in den Abgrund geführt hat".

Antworten bekam der Ministerpräsident keine, aber er löste Kaskaden von Zwischenrufen aus, darunter von Rothweiler: "Das ist Täter-Opfer-Umkehr, was Sie hier machen!" Tatsächlich aber sitzen die Täter-Opfer-Umkehr-Expert:innen ganz rechts außen. Die ersten zehn Plenartage der Legislaturperiode haben hinlänglich gezeigt, wie faktenwidrig von der AfD berechtigte Kritik an ihren Positionen verdreht wird, im Netz oder mit Blick auf die in der Regel gut besetzte Besucher:innen-Tribüne des Landtags. Der neue CDU-Fraktionschef Tobias Vogt zog den Vergleich zu Mimosen, in die sich AfD-Abgeordnete verwandelten, wenn jemand gegenhalte. Der Ministerpräsident sei aber kein Mimosengärtner. Er müsse die Rechte der Opposition achten, sie aber keineswegs vor politischer Kritik schützen. "Widerspricht man Ihnen, sehen Sie Ihre Grundrechte in Gefahr", so Vogt. Woraufhin der Calwer AfD-Abgeordnete Miguel Klauß sogleich brüllte: "Wehret den Anfängen!"

Die Immunität von Klauß ist wegen des Verdachts der Volksverhetzung Ende Juni durch die Landtagsmehrheit aufgehoben worden. Die Staatsanwaltschaft Tübingen wirft dem parlamentarischen Geschäftsführer daneben die Billigung von Straftaten vor. Seit seinem Einzug in den Landtag 2021 geriert sich der langjährige frühere Mercedes-Benz-Mitarbeiter als Hardliner, der den Diskurs der konkurrierenden Parteien mit seinen krachledernen Eingebungen befeuert. Die CDU, findet er, "ist das Grundübel unserer Zeit", der SPD sagt er den Untergang voraus, er fabuliert von millionenfachen Ausreisen, nach einer entsprechenden Aufforderung durch Özdemir verweigert er ausdrücklich jegliche Distanzierung vom Thüringer Bernd Höcke. Die AfD versucht er als "normale rechte Partei" hinzustellen, und wenn Mitglieder seiner Fraktion kraft Mehrheitsbeschluss der anderen drei Parlamentsfraktionen nicht in Gremien entsandt werden, ist das für ihn nichts Geringeres als eine Missachtung des Wählerwillens.

Krude Positionen, aber eine Million Wähler:innen

Seit 2016 sitzen AfD-Abgeordnete im baden-württembergischen Landtag, gewählt mit Spitzenergebnissen im Ranking westdeutscher Wahlkreise. Seit 2016 haben Politiker:innen von Grünen, CDU, SPD und bis 2025 der FDP in inzwischen zahllosen fachpolitischen Debatten versucht, einerseits die Realitätsverleugnung und die Demokratieverachtung bei der AfD herauszuarbeiten. Und andererseits die kruden inhaltlichen Positionen in der Bildungs- oder der Wirtschaftspolitik, in Fragen der Inneren Sicherheit oder der Gesundheitsversorgung zu begegnen, von der Klimapolitik ganz zu schweigen. Das Ergebnis ist erschütternd. Gut eine Million Baden-Württemberger:innen haben 2026 die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestufte Partei gewählt – mehr als doppelt so viele wie fünf Jahre zuvor.

Die Hoffnungen, die AfD politisch bekämpfen zu können, sind weitgehend zerstoben. Hetze und Faktenferne gehören zum Standard-Repertoire, dem mit Argumenten nicht beizukommen ist. Gerade im Hitzesommer 2026, in dem die menschengemachte Erderwärmung immer weiter geleugnet wird. "Zwangsgebühren sind kein Freibrief für Klimapropaganda", poltert der medienpolitische Sprecher der Landtagsfraktion Dennis Klecker in Richtung des SWR. Und wenn der der neue innenpolitische Sprecher Chris Hegel ungeniert nach Remigration verlangt, wenn Uwe von Wagenheim, der neue kultuspolitische Sprecher, dem Literaturbetrieb vorwirft, "'Links' als 'normal' und 'Rechts' als gefährlich zu framen". Keine Rede ohne Verdrehungen, keine Pressemitteilung ohne haltlose Unterstellung.

Auch Teile der CDU sind für ein Verbotsverfahren

Grüne und SPD im Landtag befürworten deshalb zusätzlich zur inhaltlichen Auseinandersetzung die genaue verfassungsrechtliche Prüfung eines Verbotsverfahrens. Sie verweisen auf Artikel 21 des Grundgesetzes, in dem das von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes bewusst verankert worden ist. "Daraus", sagt Ministerpräsident Özdemir, "erwächst ein politischer Auftrag, diesen Schutzmechanismus bei Bedarf anzuwenden." Teile der CDU argumentieren ähnlich, allen voran Daniel Günther, Regierungschef in Kiel. Ein Staat müsse sich vor seinen Feinden schützen, und das Verbotsverfahren sei selbst bei einem theoretischen Restrisiko "eine Pflicht".

Die Südwest-CDU allerdings zögert. Seine laute Pro-Stimme hat Roderich Kiesewetter erhoben. Der Unions-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Aalen-Heidenheim gehörte zu den Erstunterzeichner:innen eines in der vergangenen Legislaturperiode noch gescheiterten parteiübergreifenden Gruppenantrags. Sein Parteifreund Guido Wolf öffnete an dem denkwürdigen Plenartag im Juli die Tür einen Spalt weit mit dieser Feststellung: "Unsere Verfassung ist nicht Ihr Schutzschild, sie ist die Grenze Ihrer Politik, und wir werden diese Grenze jeden Tag mit Leidenschaft, Herzblut und Überzeugung verteidigen."

Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September ein neuer Landtag gewählt wird und die AfD in Umfragen mit 36 Prozent Platz eins belegt, liefert nicht nur Argumente genau dafür. Sondern er beschreibt in der eigenen Entstehungsgeschichte auch die Toleranz gegenüber Extremisten vor 100 Jahren, um auf die Notwendigkeit effektiver Instrumentarien gegen Verfassungsfeinde zu verweisen. Unterfüttert mit einem Zitat, mit einem von Joseph Goebbels übrigens: "Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen."

Das sollte Warnung genug sein.

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