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Landesverband BW der AfD-Jugendorganisation

Spätzünder

Landesverband BW der AfD-Jugendorganisation: Spätzünder
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Spät dran sind die jungen AfD-Mitglieder im Ländle. Als letzter Landesverband der Parteijugend Generation Deutschland steht nun Baden-Württemberg vor seiner Gründung und zwar am 14. Juni in Donzdorf im Landkreis Göppingen.

Als am 29. November 2025 in Gießen die Nachfolgeorganisation der zuvor aufgelösten Jungen Alternative gegründet wurde, zog das nicht nur den AfD-Nachwuchs an, sondern auch einen breiten Gegenprotest. Die mehr als 25.000 Demonstrierenden konnten die Gründung der Generation Deutschland (GD) zwar nicht verhindern, aber doch verzögern. Während draußen protestiert wurde, wurde im Inneren der Messehallen ein Gründungsvorstand gewählt. Im GD-Bundesvorstand ist Baden-Württemberg jedoch nicht vertreten. Das war anders geplant. Laut einer internen Konsensliste sollte Mio Trautner den Südwesten im Bundesvorstand vertreten. Doch anders als bei den anderen Posten kam es bei dem für Trautner vorgesehenen Beisitzeramt zu einer Kampfabstimmung. Und die verlor er gegen die aus Baden-Württemberg stammende Julia Gehrckens, die seit 2024 in Niedersachsen lebt. Sie ist auch aktiv bei der Identitären-Frauengruppe "Lukreta", die von der Tochter der AfD-Europaabgeordneten Irmhild Bossdorf angeleitet wird.

Vermutlich zogen viele die damals 26-jährige Gehrckens dem damals 17-jährigen Trautner vor, weil sie mehr Erfahrung mitbrachte und rhetorisch besser war. Während Gehrckens sich mit einer harten Kampfrede – "Denn nur millionenfache Remigration schützt unsere Frauen und Kinder" – für den Beisitzerposten bewarb, blieb Trautner blass und wirkte wie ein Junge im Anzug seines Großvaters. Inzwischen arbeitet er im baden-württembergischen Landtag, vermutlich für eine neu gewählte Abgeordnete.

Seit Dezember 2025 gründeten sich dann die GD-Landesverbände, Baden-Württemberg ist nun der letzte.

Der Name Generation Deutschland soll angeblich eine Idee von Björn Höcke sein, aber viel wahrscheinlicher ist, dass der Name sich an die Génération Identitaire anlehnt, die Organisation der neofaschistischen Identitären Bewegung in deren Mutterland Frankreich. Eigentlich ist dieser Namenspate ein schlechtes Omen, denn die Organisation wurde am 3. März 2021 von der französischen Regierung verboten.

Der Name taucht schon länger bei der AfD-Jugend auf. In den Leitlinien der Jungen Alternative, die sie im Oktober 2022 auf ihrem Bundeskongress im thüringischen Apolda beschlossen hatte, hieß es: "Wir sind nicht die Generation Greta, sondern die Generation Deutschland. Wir treten als starke Männer und starke Frauen an, Deutschland wieder bessere Zeiten zu bescheren." Wobei die Behauptung, man vertrete eine ganze Generation, angesichts von etwa 2.500 Mitgliedern Anfang diesen Jahres ziemlich anmaßend ist. Zum Vergleich: Die SPD-Jugendorganisation Jusos zählt 75.000 Mitglieder, die Junge Union der CDU 90.000 und Solid von der Linken 74.000.

Die Kandidaten stehen rechts von der AfD

Vor allem mittels Instagramkacheln empfahlen sich bereits mehrere AfD-Mitglieder (nur Männer) für einen Posten im zukünftigen Landesvorstand. Als Sprecher wollen Chris Hegel und Benjamin Götz kandidieren, als stellvertretende Sprecher Tim Demuth und Maximilian Gerner. Sollten diese Personen tatsächlich den Vorstand stellen, wäre klar, dass die AfD-Jugend im Südwesten deutlich rechts vom Partei-Mainstream anzusiedeln ist.

Der bei der Landtagswahl am 8. März neu gewählte AfD-Landtagsabgeordnete Chris Hegel war vor seiner Karriere als Berufspolitiker Polizist. Er kann als Hardliner eingeordnet werden. Als persönliches Merchandise ließ er sich Cola-Orange-Dosen mit der Aufschrift "Remigrationsmischung - Erst millionenfach wird's ne richtige Erfrischung!" bedrucken. Hegel verkündete im Mai 2026 in einem Video, das sogenannte 'patriotische Vorfeld' finanziell unterstützen zu wollen: "Es ist unsere Pflicht, Deutschland als Land der Deutschen zu erhalten. Dazu braucht es beides: eine starke AfD im Parlament und ein lebendiges patriotisches Vorfeld, das Ideen zu Ende denkt, Begriffe besetzt und Gegenkultur schafft. Als Landtagsabgeordneter will ich meinen Beitrag dazu leisten. Deshalb werde ich bis zum Ende meines Mandats jeden Monat mindestens 500 Euro an das patriotische Vorfeld spenden."

Der KfZ-Mechatroniker Benjamin Götz aus Ilshofen steht für die Kontinuität zwischen der Vorgängerorganisation Junge Alternative (JA) und Generation Deutschland. Zuletzt war er stellvertretender Landessprecher der JA Baden-Württemberg. Auf einem von ihm im Juni 2025 geposteten Bild ist er in einem T-Shirt mit dem Aufdruck "White Boy Summer" zu sehen, unterlegt ist das Ganze mit dem gleichnamigen Stück des rechten Szenerappers Proto.

Tim Demuth aus Esslingen war seit Oktober 2024 Beisitzer im JA-Landesvorstand. Wie "Correctiv" berichtete, moderierte er am 14. Dezember 2024 eine Veranstaltung der "Junge Tat", einer neofaschistischen Gruppe aus der Schweiz. Auch in andere Länder ist Demuth vernetzt. So nahm er im Dezember 2025 in Rom am rechten Atreju-Festival teil, das von der Jugendorganisation der Regierungspartei Fratelli d'Italia ausgerichtet wurde. Am 20. Februar 2026 war er zu Gast beim berüchtigten Rechtsaußen-Vernetzungstreff "Wiener Akademikerball". In dem Instagram-Post zu seiner Bewerbung für den GD-Landesvorstandsposten schrieb Demuth am 5. Mai 2026: “Wir sollten uns professionalisieren – doch was bedeutet das überhaupt? Es bedeutet keinesfalls eine Mäßigung in Wort und Schrift oder gar Denkverbote, sondern vielmehr Disziplinierung, also das Einhalten von Etikette und das Wahren von Stil.”

Auch Maximilian Gerner aus Reutlingen ist frisch gewählter Landtagsabgeordneter. Im baden-württembergischen Landtagswahlkampf war er für den einzigen Auftritt von Björn Höcke mitverantwortlich (Kontext berichtete). Ideologisch ist er schon länger auf Linie mit der neofaschistischen Neuen Rechten und empfahl die Lektüre entsprechender Literatur. Zuletzt nahm er am 2. Mai 2026 am Treffen des neofaschistischen Verlags Jungeuropa im Kulturhof Kosma bei Altenburg in Thüringen teil. Dabei kam eine Mischung aus unterschiedlichen Brauntönen zusammen bis hin zu gewalttätigen Neonazis, berichtete Correctiv. Dass sich Gerner in Altenburg von dem Neonazi-Aktivisten und Youtuber Sebastian Schmidtke (NPD-Vorsitzender in Berlin 2012 bis 2016) interviewen lassen hat, ist da nur konsequent. Im Interview mit Schmidtke betont Gerner, dass er immer wieder gerne hier bei dem "neurechten Klassentreffen" sei.

Konforme Rebellen von rechts

Jugendorganisationen von Parteien sind oft rebellischer als ihre Mutterorganisationen. So inszenierte sich auch die Junge Alternative, und so tritt auch die Generation Deutschland auf. Da ihre Basis aber ultrakonservative Werte inklusive völkisch-nationalistischer Aufladungen sind, ist der Begriff konforme Rebellen hier passend. Gleichzeitig sind in der AfD-Parteijugend die organisatorische und ideologische Überschneidung zur neofaschistischen ideologischen Strömung der radikalen Neuen Rechten am deutlichsten erkennbar. Ebenso wie der Höcke-Flügel wird man von Kleinstverlagen wie Antaios oder Jungeuropa, von Magazinen wie "Sezession" oder "Die Kehre", diversen Podcasts und durch Vorträge und Schulungen ideologisch aufgerüstet. Dabei wird ein Programm rechts vom offiziellen AfD-Parteiprogramm vermittelt, was trotz gewisser Tarnungen und Selbstverharmlosungen deutlich antidemokratisch und neofaschistisch ist.

Auch das mutmaßlich künftige GD-Personal in Baden-Württemberg weist keine Abgrenzung zur radikalen Neuen Rechten auf. Gerade die beiden jungen AfD-Landtagsabgeordneten und zukünftigen GD-Funktionäre Gerner und Hegel dürften absehbar die Funktion einer Scharnierfunktion zwischen AfD-Landtagsfraktion, Parteinachwuchs und neofaschistischem Vorfeld einnehmen.

Inwieweit die GD bundesweit und im Ländle Einfluss unter jüngeren Menschen gewinnen wird, ist unklar. Die Junge Alternative war weitgehend erfolglos: elitär, ohne Verankerung in der Fläche und oft nur eine Durchgangsstation in der Parteikarriere. Daneben gut für diverse Skandale. Eine Massenwirkung entfaltete sie im Gegensatz zur Mutterpartei nicht.

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