Ausgabe 435
Gesellschaft

Zug um Zug

Von Julia Schweizer
Datum: 31.07.2019
Konkurrenz belebt das Geschäft, glaubt die Landesregierung. Also fahren seit Juni neben der Deutschen Bahn auch Züge von Abellio und Go-Ahead im Neckartal-Netz. Bis 2023 laufen die Verträge. Und wie läuft's bislang für die Fahrgäste? Ein Selbstversuch.

Mittwochmorgen, kurz vor sieben Uhr. So ganz wach sind die Fahrkartenautomaten am Ludwigsburger Bahnhof noch nicht. Einer ist ganz schwarz, ein anderer lädt, ein dritter will zunächst die EC-Karte nicht erkennen. Doch bis zur Abfahrtszeit 6.56 Uhr ist es geschafft – auch, weil die Abellio-Regionalbahn zwei Minuten Verspätung hat. Dass der Zug von dem niederländischen Unternehmen betrieben wird, erkennt man auf die Ferne aber nicht, es ist ein roter der Deutschen Bahn (DB). Einer der geliehenen also, weil es der Hersteller Bombardier zum Betriebsstart am Pfingstsonntag, vor genau einem Monat, nicht geschafft hatte, alle von Abellio bestellten 16 Talent-2-Züge zu liefern. Nur zwei sind fertig geworden, beim anderen neuen Betreiber Go-Ahead fehlten vor allem Lokführer. Viel Kritik gab es deshalb schon vor Betriebsstart – hat sich das einen Monat später gebessert? Mein Selbstversuch möchte das herausfinden, die Strecke ist Ludwigsburg – Vaihingen/Enz – Stuttgart – Vaihingen/Enz (über Bietigheim) – Ludwigsburg.

Bislang sieht es nicht so aus. Denn durch den Fahrzeugmangel gab es zahlreiche Ausfälle, vor allem am letzten Juni-Wochenende, aber auch vier Wochen später, weil die DB für einige Tage viele ihrer Fahrzeuge zu Überprüfungen oder Reparaturen in die Werkstatt gerufen hatte. Hoffnung setzte Abellio während der ersten großen Ausfallphase noch auf Anfang August, wenn alle Züge da sein sollten. Doch schon da schob die Pressesprecherin Hannelore Schuster aus leidvoller Erfahrung mit verschobenen Lieferterminen gleich hinterher: "Aber ich muss auch sagen: Es ist schon zwei Mal vorgekommen, dass Bombardier wortbrüchig geworden ist." Mit ihrer Skepsis sollte sie Recht behalten: Mitte Juli legt Bombardier einen neuen Zeitplan vor. Statt aller 14 Züge sollen demnach in den kommenden Tagen nur sechs übergeben werden, zwei bis Ende August und fünf weitere bis Ende September – macht aber nur 13. Die Anfrage bei Abellio bestätigt, dass Bombardier mit der Auflistung der einzelnen Termine geschickt umgeht, dass ein Zug für die erste Tranche fehlt. Der soll erst im Dezember eintreffen, so die Information, die die Abellio-Sprecherin bekommen hat.

Die Leihfahrzeuge von drei Unternehmen, der DB, der Albtal-Verkehrsgesellschaft und von Agilis, werden also noch deutlich länger als geplant im Einsatz sein – wenn sie nicht wieder in der Werkstatt sind, womit man laut Abellio auch in den nächsten Wochen weiterhin rechnen müsse. Im Innern meines Zugs ist der neue Netzbetreiber Abellio aber durchaus sichtbar: Ein Schaffner in dunkelgrauer Uniform kontrolliert die Tickets – Standard.

7.08 Uhr. Der Zug fährt am Bahnhalt Ellental ein, weitere Schüler steigen ein. Die Fahrplanauskunft warnt zu dieser Zeit vor einer hohen Auslastung, "Grund: anderes Fahrzeug", heißt es. Doch noch reicht der Platz aus. Wird das auch so sein, wenn nur noch die Bombardier-Fahrzeuge unterwegs sind, wie einige Pendler mit Verweis auf die geringere Zahl an Sitzen befürchten? "Die Fahrzeuge und Kapazitäten sind vom Land vorgegeben", sagt Abellio-Sprecherin Hannelore Schuster auch hier. Basis dafür seien Zählungen gewesen. Und die gibt es laut Verkehrsministerium nun ständig automatisiert in den neuen Fahrzeugen, allerdings würden die Werte nur in großen Abständen übermittelt.

7.20 Uhr. Die Bahn hält in Vaihingen, leicht verspätet. Für mich heißt es nun, kurz vor der Grenze des Kreises Ludwigsburg, aussteigen. Und um 8.08 Uhr einen Interregio von Go-Ahead – die Briten fahren mit neuen Wagen des Herstellers – über die Schnellfahrstrecke nach Stuttgart zu nehmen. Für Pendler aus Sachsenheim oder Sersheim ist eine derart lange Wartezeit natürlich keine Option, allerdings gibt es 20 Minuten vorher einen Intercity der DB. Oder …

7.23 Uhr. Kurzer Spurt auf das andere Gleis, denn dort fährt plötzlich ein Go-Ahead-Zug ein. Für mich praktisch, für die Pendler nervig. Denn die Verbindung (planmäßig 7.09 Uhr) sei nicht nur oft rund 20 Minuten verspätet, sondern auch noch gut ausgelastet. Das macht sich auch beim Einstieg bemerkbar. "Halt, das schöne Ende kommt noch!", ruft ein Mann, drückt noch herein. Nach gefühlt zwei Minuten kann sich endlich die Tür schließen. Durch die Menge kann ich einen Blick auf einen Monitor im Innern des Waggons werfen, er zeigt an, dass wir nun um 7.39 statt 7.29 Uhr ankommen – schön, wird der Zug ein paar Minuten der Verspätung wieder hereinfahren, denke ich. Doch falsch gedacht. Denn um 7.39 Uhr stehen wir noch am Nordbahnhof. Ein anderer Fahrgast weist deutlich hörbar auf diese Diskrepanz hin.

Ausgebremst – das Umsteigen auf die Schiene wird verleidet

Hauptthema der Gespräche der Pendler untereinander: Wer wann wie viel Verspätung zu ertragen hatte. Oder gar Ausfälle. "So wird das nichts mit der Verkehrswende", sagt ein Mann, viele hätten schon angekündigt, aufs Auto umzusteigen – spätestens, wenn 2020 die Schnellfahrstrecke saniert wird. "Es ist vor allem misslich, wenn sich die Fahrtzeit von 18 Minuten auf eine Dreiviertelstunde ausdehnt", berichtet eine Frau von ihren Erfahrungen, zu DB-Zeiten sei es nicht ganz so schlimm gewesen.

Auch im Verkehrsministerium hat man die Klagen schon gehört. "Die Pünktlichkeit von Go-Ahead und Abellio ist momentan noch nicht zufriedenstellend", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Beide Firmen müssen, wie die Deutsche Bahn, die Werte liefern und das nach Ende eines vollen Monats. Mittelfristig sollen die Daten auch auf der Homepage der Nahverkehrsgesellschaft veröffentlicht werden – allerdings nur halbjährlich aktualisiert.

7.52 Uhr. Eigentlich wollte ich nun von Stuttgart zurück nach Ludwigsburg. Doch dann sehe ich einen anderen Interregio von Go-Ahead abfahrbereit nach Vaihingen – das hätte eigentlich schon um 7.32 Uhr so sein sollen. Und es dauert weitere fünf Minuten, bis es so weit ist. Ob die defekte Tür Grund für die Verspätung ist? Das bleibt unklar, Go-Ahead antwortet nicht auf meine Anfrage. Immerhin: das W-Lan funktioniert, ebenso die Klimaanlage, weshalb derzeit gerade Pendler auf der Frankenbahnlinie große Hoffnungen in die beiden ab 9. Dezember dort neu fahrenden Betreiber setzen.

Ob sie da mal nicht enttäuscht werden? Denn zum einen hatte auch Go-Ahead zum Betriebsstart nicht nur mit Lokführermangel, sondern auch mit technischen Problemen wegen ebenfalls zu spät gelieferter Fahrzeuge von Stadler zu kämpfen. Wegen Softwareproblemen und Störungen an den Schiebetritten der Türen gab es viele Ausfälle, das Beheben der Probleme könnte sich bis Oktober ziehen, ließ Go-Ahead Anfang Juli die dpa wissen. Und auch für Abellio wird der Betriebsstart von Stuttgart aus Richtung Heilbronn nicht reibungslos verlaufen, das steht schon jetzt fest. Denn nur zehn der 25 Züge werden rechtzeitig von Bombardier geliefert, alle weiteren erst zum Fahrplanwechsel Mitte 2020. Grund sei die späte Zulassung des Eisenbahnbundesamts für aneinander gekuppelte drei- und fünfteilige Fahrzeuge – es wird also zunächst weniger Platz in den dann nur dreiteiligen Zügen geben als kalkuliert. "Wir bedauern, dass wir unseren ursprünglichen, ambitionierten Lieferplan korrigieren mussten und werden die neuen, modernen Bombardier-Züge entsprechend dem vorgestellten Plan ausliefern", heißt es dazu vom Deutschlandchef bei Bombardier Transportation, Michael Fohrer. Den "ambitionierten" Lieferplan gibt es mittlerweile übrigens in der 13. Fassung, so das verärgerte Verkehrsministerium. Aber, immerhin: es gibt "neue, moderne Züge".

8.18 Uhr. Ich komme wieder in Vaihingen an. Auf einem der Gleise Richtung Stuttgart fährt in dieser Sekunde ein Zug ab, ebenfalls verspätet. Ich nutze die Zeit für Sightseeing – so man das an diesem Bahnhof überhaupt so sagen kann. Kurzer Blick ins Reisezentrum, ebenfalls von Go-Ahead übernommen, Spaziergang zu dem neuen Parkhaus und ein Fotostopp an den außer Betrieb genommenen Schließfächern, ehe es zurück auf den Bahnsteig geht. Ein im Intercity-Design umlackierter (und natürlich so bepreister) Doppelstockwagen der DB hält auf einem der Gleise Richtung Bruchsal.

8.39 Uhr. Der Abellio-Zug über Ludwigsburg nach Stuttgart fährt ein. Diesmal mit Doppelstockwagen der DB. Und pünktlich.

Freitag, halb sieben, Testtag zwei. Nun trifft es auch eine Abellio-Fahrt massiv. 20 Minuten Verspätung zeigt die Tafel in Ludwigsburg für die Bahn um 6.25 Uhr an, die App ist schon bei plus 30 Minuten. Mein gewählter Fahrplan ist durcheinander, aber es ist noch genug Zeit für den Ticketkauf. Zwei Zonen – doch bis wohin darf ich damit fahren? Über das Bietigheimer Ellental hinaus? Mit der Reform zum 1. April ist nicht nur die Zahl der Tarifzonen im VVS reduziert worden, auch die Aushangpläne sind nun kleiner und verzeichnen nur wenige Orte.

Aber, juhu: Eines der neuen Fahrzeuge fährt ein, mit der markanten weiß-gelben Front, weshalb sie auch "Hamsterbacke" genannt werden. Doch der Einstieg verzögert sich: Auch hier ist eine Tür defekt. Ob wir deshalb nun so viel verspätet sind, will ich vom Schaffner wissen, der durch den großräumigen Wagen mit den Panoramafenstern geht, in denen es kostenlos W-Lan und Steckdosen gibt. "Nein, wir haben kein Ausfahrsignal in Stuttgart bekommen." Die DB-Züge waren dagegen pünktlich. Ein Mann lässt sich die Verspätung bestätigen, um – mal wieder – etwas beim Arbeitgeber vorzulegen. "Irgendwann macht der das nicht mehr mit", schimpft der Fahrgast.

7.15 Uhr. Ankunft im Ellental, vor dem Aussteigen schaue ich, ob die – wie der ganze Wagen behindertengerechte – Toilette funktioniert. Ja, so hat es zumindest den Anschein.

Für die Rückfahrt könnte ich jedoch an dieser Station kein Ticket lösen: Die Displays der neuen Automaten sind schwarz. "Wir konnten erst spät beginnen, die Betriebssysteme aufzuspielen", erklärt Abellio-Sprecherin Schuster, denn die DB habe ihre Geräte erst zum 9. Juni abgebaut. "Bis Mitte Juli soll aber alles funktionieren."

Allerdings nur im VVS-Gebiet. Denn noch Ende Juli blieben die Automaten im Pforzheimer Verbund dunkel. "Wir haben im VPE Probleme, die Tarife aufzuspielen. Aber wir hoffen, das in den nächsten Tagen hinzubekommen", so Schuster.

Um 7.23 Uhr fährt der Zug ein, diesmal ein Ersatz von Agilis, im Innern ähnlich wie die "Hamsterbacke". Zwei Minuten später, am Bietigheimer Bahnhof, muss ich schon wieder raus, denn der Zug fährt nun ohne Stopp in Ludwigsburg weiter bis Stuttgart. Mit der S 5 geht es deshalb weiter, in der Barockstadt steige ich aus. Und bin froh, nicht täglich mit der Bahn fahren zu müssen.


Julia Schweizer ist Redakteurin bei der Ludwigsburger Kreiszeitung (LKZ). Ihren Selbstversuch hat sie ursprünglich für die LKZ geschrieben, auch auf ihrem Blog veröffentlicht und für Kontext aktualisiert und ergänzt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Sebastian
    am 31.07.2019
    "Die Neuvergabe des Stuttgarter Netzes bedeutet einen Quantensprung im Zugkomfort." las man vor einigen Jahren in der Kontext-Zeitung und schien ganz hoffnungsvoll.

    https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/244/angst-vor-dem-abstellgleis-3287.html

    Nun häufen sich die kritischen Berichte über die DB-Konkurrenten, dieser immerhin deutlich sachlicher als neulich der von Arno Luik. Abgesehen davon dass Abellio und Go Head noch deutlich Luft nach oben haben: Man fragt sich schon ob die kritische Berichterstattung nicht doch auch eine Retourkutsche gegen den Verkehrsminister ist der erst vor kurzem den Umstiegsträumen in Stuttgart deutlich den Wind aus den Segeln genommen hat...

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