Ausgabe 435
Zeitgeschehen

Komplizierte Nazi-Frage

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 31.07.2019
Die avantgardistischen Architekten waren die Guten, denn sie wurden von den Nazis bekämpft. Zu den Bösen zählt die konservative "Stuttgarter Schule", die dem Hitler-Regime gefährlich nahestand. Diese politische Einordnung ist weit verbreitet – und falsch.

"Wir Architekten müssen bauen, wissen Sie", sagt Ludwig Mies van der Rohe in seinem letzten Interview auf die Frage, warum er 1933 am Reichsbank-Wettbewerb teilgenommen habe, diesem prestigeträchtigen ersten großen Architekturwettbewerb seit Hitlers Machtübernahme. Das Interview ist fiktiv, die Aussagen sind echt: Dieser Kniff entspricht der Arbeitsweise des in Berlin lebenden israelischen Künstlers Dani Gal, der das Video für die aktuelle Ausstellung "Weissenhof City" der Staatsgalerie Stuttgart angefertigt hat.

Mies – den Beinamen "van der Rohe" gab er sich selbst, um sich einen Touch von Adel und Internationalität zu verleihen. Die Person Mies verbindet die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, deren Gesamtplan und größtes Haus er 1927 entwarf, mit dem vor 100 Jahren in Weimar gegründeten Bauhaus, dessen letzter Direktor er 1930 wurde. Hat er sich den Nationalsozialisten angedient? Und wenn ja: Was bewog ihn dazu?

Die Nazis, in Thüringen bereits 1931 an die Macht gekommen, vertrieben das Bauhaus aus Dessau. Die Weißenhofsiedlung war für sie der "Schandfleck Stuttgarts", den sie durch ein Generalkommando des Heeres, eine monumentale Kaserne ersetzen wollten. 1927 hatten sich die Baumeister Paul Bonatz (der 1911 den Stuttgarter Hauptbahnhof entwarf) und Paul Schmitthenner, die führenden Köpfe der "Stuttgarter Schule", gegen die Weißenhofsiedlung gestellt. Schmitthenner versuchte 1933 sogar, eine führende Rolle in der nationalsozialistischen Baupolitik zu erlangen.

Klischees wie im Wildwest-Film

Die Schlussfolgerung liegt also nahe: Die "Stuttgarter Schule" stand in gefährlicher Nähe zum Naziregime. Die modernen Architekten dagegen wurden verfolgt, können also nur Gegner gewesen sein. "Es geht so schön einfach zu wie in einem Wildwest-Film:", spottete schon 1984 der Architekturtheoretiker Vittorio Magnano Lampugnani in der "Zeit", von 1990 bis 1995 Direktor des Deutschen Architekturmuseums: "Die avantgardistischen Architekten sind die Guten, die traditionalistischen die Bösen." Das mag einleuchtend klingen, stimmt aber so nicht.

Bereits vor dreißig Jahren hat die New Yorker Kunsthistorikerin Elaine S. Hochman, nach fünfzehnjährigen Recherchen und Gesprächen mit vielen Zeitzeugen, unter dem Titel "Architects of Fortune" eine Arbeit über Mies van der Rohe im "Dritten Reich" veröffentlicht. "Er war für uns alle ein Verräter", sagt da etwa Sibyl Moholy-Nagy, die Witwe des Bauhaus-Meisters, zu Mies und seiner Teilnahme am Reichsbank-Wettbewerb, "und ein Verräter all dessen, wofür wir gekämpft hatten." Mies hatte im August 1934 nach dem Tod Hindenburgs einen "Aufruf der Kulturschaffenden" mit unterzeichnet, man solle für Hitlers Ernennung zum "Führer" stimmen; das bezeichnet Sibyl Moholy-Nagy als "a terrible stab in the back for us": einen schrecklichen Dolchstoß.

Hochman will Mies (der in den 1960er Jahren die Neue Nationalgalerie in Berlin entwarf) allerdings nicht vom Sockel stoßen. Sie will verstehen, was ihn, wie so viele andere, zu seinem Verhalten bewog. Mies war von seinem Naturell her ein wortkarger, phlegmatischer Mensch, ein Grübler und Perfektionist: ein außergewöhnlicher Architekt, aber für eine Lehrtätigkeit eigentlich ungeeignet. Dass er trotzdem Bauhaus-Direktor wurde, hängt zum einen damit zusammen, dass Walter Gropius, der Bauhaus-Gründer, nach der Entlassung seines kommunistischen Nachfolgers Hannes Meyer einen eher unpolitischen Leiter suchte. Mies wiederum fehlten nach der Weltwirtschaftskrise 1929 die Aufträge. Er brauchte Geld.

Mies sprach couragiert bei den Nazis vor

Mies tat, was von ihm verlangt wurde: Er warf linke, aufmüpfige Studenten hinaus. Trotzdem waren die Tage des Bauhauses in Dessau gezählt, das 1932 nach Berlin umziehen musste. Als es auch dort im April 1933 geschlossen wurde, brach für Mies eine Welt zusammen: Aber nicht etwa, weil er am Bauhaus hing, sondern weil er, als einer von sechs Architekten zum Reichsbank-Wettbewerb eingeladen, um seinen Ruf fürchtete. Couragiert, um nicht zu sagen starrköpfig, sprach er bei Alfred Rosenberg vor, dem Leiter des Kampfbunds für Deutsche Kultur, der die moderne Architektur wie kein anderer bekämpfte. Und er ließ nicht locker, bis er sogar beim Gestapo-Chef Rudolf Diels einen Termin bekam.

Und siehe da: Er erhielt die Genehmigung, das Bauhaus wieder zu eröffnen, unter der Bedingung, dass Wassily Kandinsky und der Stadtplaner Ludwig Hilbersheimer, die als politisch unzuverlässig eingestuft wurden, aufhörten. Für Mies ein Triumph. Dennoch schloss er das Bauhaus nun selbst, aus ökonomischen Gründen. An der Designschule hing er nicht, doch sein Ruf war gerettet. Allerdings ging seine Rechnung nicht auf. Denn Hitler selbst, ein Architektur-Fanatiker seit Jugendzeiten, hatte völlig andere Pläne. Dies musste Mies schließlich einsehen. Nach der Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 verzichtete er widerstrebend auf eine weitere Mitgliedschaft in der Akademie der Künste und emigrierte schließlich nach langem Zögern in die USA.

Mies war also kein Nazi, er war erklärtermaßen unpolitisch. Und doch gab er sich fast fünf Jahre lang der trügerischen Hoffnung hin, in der Architektur des "Dritten Reichs" eine führende Rolle spielen zu können. Dies unterschied ihn in keiner Weise von seinem schärfsten Widersacher aus Zeiten der Weißenhofsiedlung, Paul Schmitthenner, der wie Mies am Wettbewerb für den Deutschen Pavillon der Weltausstellung in Brüssel 1935 teilnahm. Die Entwürfe ließ sich Hitler persönlich vorlegen. Seine Reaktion, so Hochman, deute auf einen Wutanfall hin: Sämtliche Pläne und Modelle wurden in einem Haufen hinter seinem Schreibtisch gefunden. Ein Deutscher Pavillon kam nicht zustande.

Der Architekt des Stuttgarter Hauptbahnhofs – verfolgt

Schmitthenner hatte bereits 1932 einen Wahlaufruf für die NSDAP unterzeichnet und wollte offenbar Hitler 1933 die Ehrendoktorwürde andienen. Doch die Nazis ließen sich nicht einwickeln. Schmitthenners biedere Architektur spielte in der NS-Zeit eine untergeordnete Rolle, denn was Hitler anstrebte, war Monumentalität, um nicht zu sagen Gigantismus. Allerdings war Schmitthenner kein überzeugter Nazi und schon gar kein Antisemit: Sein Assistent Karl Erich Loebell, nach Schmitthenners Aussagen der beste, den er jemals hatte, stand in einer homosexuellen Beziehung zu seinem Sohn Martin. 1933 musste er ihn als Nichtarier entlassen, half ihm aber, im Elsass Arbeit zu finden. Anders als Schmitthenners Sohn überlebte Loebell den Krieg und wohnte bis 1993 in Südfrankreich.

Loebell war kein Einzelfall: "Die Professoren Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Hugo Keuerleber ließen auch sogenannte 'Mischlinge ersten Grades'… 'schwarz' oder 'vorläufig' studieren, was eine Missachtung von ministeriellen Erlassen darstellte", steht in einer im Vorjahr erschienenen Dokumentation der Universität Stuttgart zur "Verfolgung und Entrechtung" an der Technischen Hochschule in der NS-Zeit. Solche Eigenmächtigkeiten habe es auch an anderen Hochschulen gegeben, "sie bedurften aber zumindest einer aufrechten Haltung der Beteiligten und einem festen Auftreten gegenüber dem Studentenführer, der den sogenannten 'Mischlingen' nicht wohlgesonnen war." Solche "nicht-arischen" Studierenden arbeiten auch weiter in Schmitthenners und Bonatz' Büros.

Bonatz findet sich sogar selbst unter den Verfolgten. 1930 hatte er einen dezidierten Vertreter der Moderne, Walter Körte berufen, 1931 "den Juden Friedberg zum Hauptassistenten für Entwerfen gemacht", wie ihm der NS-Kurier vorwarf. Kurt Friedberg, später Curtis Ralph Fremond, emigrierte nach 1935 in die USA. Bonatz, der den Autor des Artikels umgehend in sein Büro zitiert hatte, stand nun unter Beobachtung. Wilhelm Stortz, NS-Staatskommissar, später Rektor der Hochschule, ließ ihn bespitzeln. Ein früherer Schüler, Adolf Schuhmacher, lieferte die erwünschte Munition. In der Schweiz hatte Bonatz gesagt: "Hitler bringt uns um hundert Jahre zurück."

Avantgardist und Traditionalist – beide wollten nur bauen

Von nun an trug der Architekt auch bei warmen Temperaturen wollene Unterhosen, denn er rechnete jederzeit damit, ins KZ eingeliefert zu werden. Und er hatte so unrecht nicht, wie die zitierte Publikation nachweist. Nur seine offenbar überzeugende Verteidigung – Zeugen stellten Schuhmachers Aussage als Racheakt hin – und vermutlich Protektion von höherer Stelle, bewirkten, dass er auf freiem Fuß blieb.

In die Organisation Todt zum Autobahnbau abgestellt, unterrichtete Bonatz Studierende, die als jüdisch eingestuft wurden, so lange wie möglich weiter und beschäftigte sie als Mitarbeiter in seinem Büro. Seiner Studentin Getrud Goldschmidt stellte er noch nach den Novemberpogromen 1938 ihr Diplom aus. Sie emigrierte über London nach Venezuela und wurde später als Künstlerin unter dem Namen Gego bekannt – ihr Werk war 2014 in einer Einzelausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

"Ich hab' während der Studienzeit nicht ein einziges Mal einen Affront von Seiten der Kollegen oder Professoren erlebt", sagt sie 1946 in einem Interview. "Immer erscheint es den 'demokratischen' Menschen 'wunderbar' dass ich im Jahr 38 noch diplomiert habe und dass ich ein Diplom habe, das nach den Schreckenstagen im November ausgestellt ist. Das war eben nur unter den nicht nazigesinnten Stuttgarter Architekten möglich."

Bonatz ging 1943 nach Ankara und kehrte erst 1954 wieder nach Stuttgart zurück. Er blieb nicht aus politischen Gründen fort, sondern weil ihn der architektonische Größenwahn Hitlers – die geplante Münchner Bahnhofskuppel hätte rein technisch gar nicht gebaut werden können – zur Verzweiflung trieb. In einem Tagebucheintrag von Juli 1944 spricht er von seinem "abgrundtiefen Hass" auf das Regime, "wie ich ihn vor den unpassendsten Leuten herausschreie." In seiner gut verkauften Autobiografie "Leben und Bauen" bekennt er, ähnlich wie Mies van der Rohe: "Wenn ihr mich fragt: Warum hast du bei dem Blödsinn mitgearbeitet? so muss ich die Antwort geben: Wir Architekten wollen und müssen arbeiten."


Info:

Die Ausstellung "Weissenhof City" in der Staatsgalerie  läuft bis 20. Oktober. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.

Elaine S. Hochman: Architects of Fortune – Mies van der Rohe and the Third Reich, New York 1989.
Norbert Becker, Katja Nagel: Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit (im Auftrag des Rektorats der Universität Stuttgart), Stuttgart 2017.


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1 Kommentar verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 01.08.2019
    Gute Beispiele für Ehrgeiz, die Gefahr durch Unpolitische, Opportunismus durch Karriere - Und nach dem Krieg waren sie hochgeehrt - diejenigen, die auf der Strecke blieben aber wurden vergessen. Erschreckend banal und aktuell........

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