Ausgabe 394
Kultur

Rechte Räume

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 17.10.2018
Stephan Trüby hat bundesweit Debatten ausgelöst, als er die Frankfurter Altstadtrekonstruktion auf eine Initiative der neuen Rechten zurückgeführt hat. Seit April leitet der Architekt das Stuttgarter Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen.
Was wird renoviert und wer bezahlt? Stephan Trüby hat Gebäude, Geschichte und Geldgeber im Visier. Fotos: Joachim E. Röttgers
Was wird renoviert und wer bezahlt? Stephan Trüby hat Gebäude, Geschichte und Geldgeber im Visier. Fotos: Joachim E. Röttgers

"Zur Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt ist alles gesagt", resümiert Stephan Trüby im Gespräch mit Kontext. Im früheren Kern der im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörten Frankfurter Altstadt erhob sich seit 1974 das Technische Rathaus, ein langer Betonklotz. Ab 2004 wurden verschiedene Varianten diskutiert, vom Umbau bis zur kleinteiligen Bebauung. Schließlich entschied sich der Gemeinderat mit großer Mehrheit für eine Mischung aus rekonstruierten historischen Gebäuden und an historische Formen angelehnte Neubauten. Im Mai wurde die neue Altstadt, auch Dom-Römer-Projekt genannt, eröffnet.

Als Trüby im April in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) schrieb, die erste Initiative sei von dem völkischen Architekturtheoretiker Claus Wolfschlag und dem rechtspopulistischen Kommunalpolitiker Wolfgang Hübner ausgegangen, löste er damit ein bundesweites Echo in allen größeren Tageszeitungen aus. Zu diesem Zeitpunkt leitete er erst seit wenigen Tagen das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) in Stuttgart. Wie kommt ein frisch gebackener Architekturtheorie-Professor dazu, sich mit der neuen Rechten zu beschäftigen?

Trüby ist im katholisch geprägten Wernau in einer Architektenfamilie aufgewachsen. Sein Vater arbeitete am Stuttgarter Hochbauamt. Sein Onkel, Gerold Reutter, in dessen Büro Stephan Trübys Architekten-Laufbahn begann, hat zwei kostengünstige Fertigbau-Systeme für Kirchen katholischer Ost-Vertriebener entwickelt. Trüby hat durchgerechnet: Über hundert Kirchen hat sein Onkel erbaut. Im engsten Familienkreis finden sich zehn Architektinnen und Architekten. Dass er auch etwas anderes hätte werden können, dieser Gedanke sei ihm erst spät gekommen.

Er studierte Architektur in Stuttgart und landete gleich im ersten Semester in einer Vorlesung von Jürgen Joedicke. Das Institut für Grundlagen moderner Architektur (IGMA), dem er heute vorsteht, hat Joedicke vor fünfzig Jahren gegründet – und zugleich mit Günter Behnisch und Frei Otto den Ideenwettbewerb für das Münchner Olympiagelände gewonnen. In seiner Habilitation hatte sich Joedicke mit der Geschichte der modernen Architektur beschäftigt. Doch eine Erfolgsgeschichte des Neuen Bauens reichte ihm nicht. Er wollte zu einem tieferen Verständnis gelangen. Das IGMA richtete sich "gegen die Theoriefeindlichkeit der dogmatisch erstarrten Moderne".

Das IGMA war das erste Institut für Architekturtheorie in Deutschland. "Wir bereiten gerade die 50-Jahr-Feierlichkeiten vor", erzählt Trüby, der auch den zeitweise vernachlässigten Bereich der Entwurfslehre am Institut wieder stärken möchte. "Wir haben realisiert, dass der Schönheitsbegriff jetzt endgültig bei den Konservativen bis Rechtskonservativen gelandet ist", meint er, und bietet daher ein Entwurfs-Seminar zu diesem Thema an.

Nach dem zweiten Teil seines Studiums in London kam Trüby als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans IGMA zurück. 2007 erhielt er eine Gastprofessur an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Er schrieb dort seine Doktorarbeit über den "missliebigen Raum" des Korridors: "Im Architekturstudium lernt man als erstes, Korridore zu vermeiden." Durch die Dissertation wurde Rem Kolhaas auf ihn aufmerksam. So kam er nach Harvard und zur Mitarbeit an der Architekturbiennale Venedig 2014. Von da an, und bis zu seiner Berufung nach Stuttgart, lehrte er als Assistenzprofessor in München.

Gefährlich wie Benzin auf der Straße

Mit dem Problem der neuen Rechten begann Trüby sich noch im Kontext seiner Doktorarbeit in Karlsruhe zu beschäftigen, als er feststellten musste, dass der Herausgeber der Buchreihe "HfG-Schriften", in der er selbst publiziert hatte, Marc Jongen war. Der war zwei Jahre zuvor in die AfD eingetreten, als Mitglied des Vorstands und damals stellvertretender Sprecher des Landesverbands.

Schock für den Sloterdijk-Schüler: Ein AfD-Mann gibt die HfG-Buchreihe heraus.
Schock für den Sloterdijk-Schüler: Ein AfD-Mann gibt die HfG-Buchreihe heraus.

"Ich hatte dieses Schockerlebnis", sagt Trüby, "dass der intellektuelle Stall, dem ich sehr viel zu verdanken habe, um meine beiden Doktorväter Peter Sloterdijk und Heiner Mühlmann, die ich nach wie vor sehr respektiere, geschlafen hat. Ich musste ihnen vorwerfen, dass sie nicht aufmerksam genug waren, diese Tendenzen frühzeitig zu erkennen. Wir sprechen hier über ein Milieu, das nicht eindeutig rechts, schon gar nicht rechtsradikal ist. Aber es ist eine Generation von Menschen, die sich von der Frankfurter Schule absetzen musste und sich seit den Achtziger daran gewöhnt hat, intellektuell mit gefährlichen Gütern zu hantieren. Auch aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen. Dass hier seit ein paar Jahren das Benzin förmlich auf der Straße liegt, haben viele in dieser Generation nicht mitbekommen, auch weil sie in den sozialen Medien nicht zu Hause sind."

Trüby war Mitinitiator eines offenen Briefs – als einziger Sloterdijk-Schüler, wie er betont –, der schließlich dazu führte, dass Jongen als Reihen-Herausgeber abgesetzt und seine Position in der AfD öffentlich bekannt wurde. Als Philosoph werde Jongen nicht ernst genommen, bemerkt er, aber "ich kann nur sagen, wenn er irgendwann mal in eine Regierung kommen sollte, wird er ein sehr gefährlicher Mann sein."

Seitdem beschäftigt sich Trüby mit der neuen Rechten und, wie er es nennt, "rechten Räumen". Er stellt klar, dass damit nicht eine bestimmte Architektursprache gemeint sei. "Ich glaube nicht, dass es eine rechte Architektur gibt, genauso wenig wie es eine linke Architektur gibt", betont er. Das beste Beispiel sei die Architektur des italienischen Faschismus – die ausgesprochen modern war. Der Bahnhof Santa Maria Novella in Florenz etwa, erbaut 1932 bis 1934, war damals der modernste auf der ganzen Welt. Er legt auch Wert darauf, dass er kein Gegner von Rekonstruktionen sei. Dass die kürzlich zum zweiten Mal in Flammen aufgegangene Glasgow School of Art des berühmten Jugendstil-Architekten Charles Rennie Mackintosh wiederaufgebaut werden soll, hält er für selbstverständlich, "koste es, was es wolle".

"Problematisch wird Rekonstruktion dann, wenn geschichtspolitische Überlegungen zu stark werden", erklärt Trüby: "Wenn eine ganze Zeitschicht abgetragen wird, die mit Demokratie verknüpft ist, vielleicht aber auch mit für viele eher unerwünschten Epochen wie dem gescheiterten Experiment des Sozialismus auf deutschem Boden", fügt er mit Blick auf das abgerissene Technische Rathaus in Frankfurt und das Berliner Stadtschloss hinzu. "Ich glaube, dass der Palast der Republik mit etwas Abstand als die wertvollere Architektur anerkannt wird als das rekonstruierte Stadtschloss."

Allerdings hat er festgestellt, dass es in der Neuen Rechten einen Architekturdiskurs gibt. Und zwar sei Rekonstruktion, wie er in der FAS schrieb, das "Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten". Damit sei nicht gemeint, jede Rekonstruktion komme von rechts. Aber "wenn Rechte über Architektur sprechen, dann sprechen sie über Rekonstruktion" – etwa in "Cato", dem "Coffee-Table-Magazin der neuen Rechten". Das nun durch die Altstadt-Rekonstruktion ersetzte Technische Rathaus in Frankfurt hält auch Trüby nicht für "große Architektur". Allerdings findet er grundsätzlich besser, von der Erinnerung auch an unliebsame Abschnitte der Geschichte etwas zu bewahren, statt sie auszuradieren und zu einem vermeintlich besseren Urzustand zurückzukehren.

Mit "rechten Räumen" meint er Gebiete, welche die neuen Rechten besetzen. Dazu gehören nicht nur Rekonstruktionen, sondern auch Rittergüter wie Schnellroda, wo das Institut für Staatspolitik, der Think Tank der neuen Rechten, und der Verlag Antaios von Götz Kubitschek ansässig sind, ebenso wie völkische Siedlungen, die es keineswegs nur in Mecklenburg oder Brandenburg gibt.

Trüby nennt etwa das auf den ersten Blick eher kuriose Netzwerk Familienlandsitze, das auch in Baden-Württemberg zwei Stützpunkte hat. Es handelt sich um eine von Russland ausgehende Bewegung, basierend auf der Fantasy-Romanserie "Anastasia" des Autors Wladimir Megre, die propagiert, aus der technischen Zivilisation auszusteigen und einen Hektar große Familienlandsitze zur Selbstversorgung zu gründen. Die Website erscheint zunächst wenig verdächtig. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Megre klar antisemitische Weltverschwörungstheorien vertritt und sich hinter der Anastasia-Bewegung Reichsbürger und andere wirre Ideologen verbergen.

Wer zahlt, bestimmt: das neue Dorotheen-Quartier vor dem Stuttgarter Rathausturm.
Wer zahlt, bestimmt: das neue Dorotheen-Quartier vor dem Stuttgarter Rathausturm.

Trüby nennt auch die rechtsextremen Verlage Grabert in Tübingen und Kopp in Rottenburg. "Dann sollte man gerade in Stuttgart immer wieder erwähnen, dass das Bauunternehmen Lautenschlager + Kopp, das von öffentlichen Auftraggebern beauftragt wird, von einem Rechten geleitet wird." Der Geschäftsführer Hans-Ulrich Kopp ist oder war Mitglied des sudetendeutschen, völkischen Witikobunds und hat in zahlreichen rechten bis rechtsextremen Zeitschriften publiziert. Trüby nennt ihn "einen Rechtsradikalen mit Kontakten ins neonazistische Milieu".

Nun haben die Wahlerfolge der AfD sicher nicht nur mit Salon-Theoretikern wie Marc Jongen oder Bauunternehmern wie Hans-Ulrich Kopp zu tun. Sie sind auch Folge ökonomischer Verwerfungen, insbesondere der Finanzkrise 2008 – ein Thema, das Trüby sehr interessiert, auch wenn er zu bedenken gibt, dass es etwa im bitterarmen Albanien keine größere rechtspopulistische Bewegung gebe. Insbesondere die Abstiegsängste derjenigen, die noch etwas besitzen, hält aber auch er für eine der Ursachen der Erfolge der neuen Rechten.

Trüby hat ein Buch unter dem Titel "Geldkulturen" mit herausgegeben. Er sagt von seiner Zunft, dass es in der Architektur "von morgens bis abends nur um Geld geht, aber die Wenigsten öffentlich darüber reden". Dies will er mit einem großen Forschungsprojekt ändern. "Jedes Gebäude steht nicht nur auf Fundamenten, sondern auch auf einem Finanzierungsmodell." Was aber ändert sich an der Architektur, wenn etwa statt einer kommunalen Wohnungsgesellschaft ein koreanischer Rentenfonds ein Wohnviertel hochzieht?

"Ein Institut, das die Grundlagen moderner Architektur im Namen führt, kommt um den Moderne-Begriff nicht herum", fasst Trüby seine Überlegungen zum IGMA zusammen. Aber: "Moderne ist für mich nicht nur die klassische, weiße, heroische Moderne auf dem Weißenhof, sondern inkludiert auch Gegenmoderne. Moderne ist ein Prozess, der sehr stark mit der Verbürgerlichung der Gesellschaft nach der Französischen Revolution zu tun hat und einhergeht mit einer Umstellung von Verausgabung zu Sparsamkeit, weg vom Decorum hin zu ökonomischen Überlegungen. Insofern könnte man sagen, dass die Grundlagen der modernen Architektur in der Ökonomie liegen. Ob wir das wollen oder nicht."

Kontext schaut nach den Rechten

Wer sich als Alternative für Deutschland anpreist, muss Lösungen anbieten. Kontext lässt sich durch politische Nebelkerzen und dreiste Lügen nicht einlullen, sondern checkt die Fakten.

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