Bild 1 von 7: Kuschelige Privatnische. Bilder vom Aufbau in der Klickstrecke oben.

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Ausgabe 377
Gesellschaft

Wohnen im Schaufenster

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Jens Volle
Datum: 20.06.2018
Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, doch es gibt viele leerstehende Räume. Stuttgarter ArchitekturstudentInnen haben einen Geschäftsraum für fünf Tage in Wohnraum verwandelt. Sie wollen mehr: Zwischennutzung für ein Jahr.

"Wir haben uns Ende letzten Jahres zusammengesetzt und überlegt, was fehlt uns eigentlich in Stuttgart?", erzählt Christiana Weiß. Nun haben die Architekturstudentin und vier KommilitonInnen einen leerstehenden Geschäftsraum für fünf Tage zu ihrer Wohnung gemacht.

Ihr Pilotprojekt fällt in eine Zeit, in der die wohnungspolitische Debatte in Stuttgart einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Zwei Wochen sind seit der Räumung des besetzten Hauses in der Wilhelm-Raabe-Straße im Stadtteil Heslach vergangen. Eine Kleinfamilie und eine allein erziehende Mutter mit Sohn sind nun wieder wohnungslos. Als das Projekt der Studierenden endet, findet im Gemeinderat eine Generaldebatte zum Thema Wohnen statt, vor dem Rathaus eine Demonstration und in Bad Cannstatt eine neue Besetzung.

Dass bezahlbarer Wohnraum in Stuttgart Mangelware ist, haben die angehenden ArchitektInnen selbst schon zu spüren bekommen. Aber sie sind nicht an Stuttgart gebunden. Sie sind zum Studium hierhergekommen und fragen sich jetzt, wie es danach weitergeht. "Was wäre nötig, damit wir hier bleiben wollen?", so umreißt Weiß die Frage, die sie sich für die Zeit nach ihrem Studium gestellt haben. Die Antwort: Sie bräuchten einen "Raum, um etwas auszuprobieren". Wo sie "gemeinsam etwas machen können, um Teil von Stuttgart zu werden." Wo sie sich einbringen können.

Die Gruppe "Adapter" (von links): Richard Königsdorfer, Elif Kälberer, Verena Vollath, Christiana Weiß und Paul Vogt.
Die Gruppe "Adapter" (von links): Richard Königsdorfer, Elif Kälberer, Verena Vollath, Christiana Weiß und Paul Vogt.

Adapter für Wohnraum in temporärem Leerstand: So nennt sich ihr Projekt, das nicht etwa im Rahmen eines Seminars entstand, sondern als eigenständige Initiative der Studierenden. Die Architekturfakultät der Uni Stuttgart bietet diese Möglichkeit. Seit sich Leslie Koch und Ulrike Perlmann 2010 mit der Spendenbüchse in die Königstraße gestellt haben, um in Südafrika mit eigener Hände Arbeit und der Hilfe von KommilitonInnen ein Heim für Aids-Waisen zu errichten, nimmt eine wachsende Zahl von Studierenden die Gelegenheit wahr, ihre Abschlussarbeit nicht nur auf dem Papier oder am Computer, sondern im Maßstab eins zu eins zu realisieren.

Am Institut für Raumkonzeptionen und Grundlagen des Entwerfens (IRGE) wurde die Plattform e1nszue1ns eingerichtet, damit die Erfahrungen aus den vorangegangenen Vorhaben nicht verloren gehen. Eine beeindruckende Zahl von Bauten ist bereits entstanden: in Peru und Guatemala, von Ägypten über Zimbabwe bis Sri Lanka. Und natürlich auch in Stuttgart: zum Beispiel der Begegnungsraum an der Flüchtlingsunterkunft in der Breitscheidstraße, ganz in der Nähe der Uni, für den Meike Hammer und Tine Teiml soeben mit dem Hugo-Häring-Nachwuchspreis des Bunds Deutscher Architekten (BDA) ausgezeichnet wurden.

An der Fakultät selbst stießen die Adapter auf offene Ohren. Gleich drei Lehrstühle sind beteiligt, wie Martina Baum, Professorin für Stadtplanung und Entwerfen, erläutert. An ihrem Institut sind als Akademische Mitarbeiter auch Sebastian Klawitter und Hanna Noller tätig, die als Initiatoren des Vereins Stadtlücken einschlägige Erfahrungen mitbringen. Mit verschiedenen Aktionen wie der Zwischennutzung des ehemaligen Commerzbank-Gebäudes direkt neben der Stiftskirche oder am Österreichischen Platz haben sie viel Aufmerksamkeit geweckt.

Das Hintergrundwissen der Stadtlücken und der Plattform e1nszue1ns können die fünf jungen ArchitekturstudentInnen gut gebrauchen. Denn obwohl es viele leerstehende Gewerberäume gibt: Sie auch nur zeitweise in Wohnraum umzuwandeln, ist gar nicht so einfach. Normalerweise steht schon die Baugesetzgebung dagegen, die klar zwischen Wohn- und Gewerberaum unterscheidet. Es genügt keineswegs, Leerstände ausfindig zu machen. Um einen Raum umnutzen zu können, muss der Besitzer der Immobilie gefunden und überzeugt werden. Dank früherer Projekte gibt es aber bereits Standard-Verträge für solche Zwischennutzungen. Schwierige juristische Probleme müssen nicht jedes Mal neu angepackt werden. Den Vertrag für den Raum hat Martina Baum als Lehrstuhlinhaberin unterzeichnet.

Blick aus dem Schaufenster.
Blick aus dem Schaufenster.

Den Besitzer des Raums an der Friedrichstraße haben die Studierenden ausfindig gemacht, weil er seine Visitenkarte im Schaufenster hinterlassen hatte. Von der Lautenschlagerstraße führt eine Passage mit anschließendem Fußgängersteg zur Universität hinüber. Früher einmal der Automatenraum einer Direktbank, war hier zuletzt ein Fitnessstudio für Frauen untergebracht. Der jetzige Besitzer vertreibt Notebooks. Online läuft das Geschäft bereits gut, ab Herbst will er den Laden renovieren.

"Wie ist das Nachbarschaftsverhältnis zu einer Stadtautobahn?" steht unter dem großflächigen Schaufenster. An einer Art Wegweiser ist unter anderem ein Bild des besetzten Hauses in Heslach befestigt. Die Gruppe hat zu einem zweitägigen Workshop eingeladen, zu dem die TeilnehmerInnen atmosphärische Bilder mitbringen sollten. Davon gingen sie bei der Einrichtung des Ladenlokals aus. Material der Wahl war Wellpappe: leicht, einfach zu bearbeiten und schnell wieder zu entfernen. So entstanden Regale, Zwischenwände und Vorhänge; eine Art Foyer, ein halb öffentlicher Konferenzraum, ein schon etwas privateres Esszimmer und ein großer Schlafraum mit abgeteilten Umkleidekammern. Sanitäreinrichtungen waren zum Glück noch vorhanden.

Gewerberäume temporär in Wohnraum umzuwidmen, mag schwierig sein. Unmöglich ist es nicht. Davon zeigt sich Student Richard Königsdorfer überzeugt und verweist auf das WohnBüro Offenbach: In unmittelbarer Nähe des Rathauses haben dort ArchitektInnen, nach einem Entwurf von Studierenden, das ehemalige IHK-Verwaltungsgebäude in temporären, experimentellen Wohnraum verwandelt. Sein Mitstreiter Paul Vogt nennt die Zwischenzeitzentrale (zzz) in Bremen. Und Verona Vollath weiß zu berichten, dass Hausbesetzungen in den Niederlanden bis 2010 geduldet waren, wenn das Haus seit mindestens einem Jahr leer stand.

Vogt und Elif Kälberer waren auch zu einer Veranstaltung des Citizen-Kane-Kollektivs am Nordlabor des Stuttgarter Staatstheaters eingeladen, ebenso wie die Heslacher Hausbesetzer. "Wie transformiert sich die Stadt?" fragt das Künstlerkollektiv in der Ankündigung. Und: "Welchen Gestaltungsfreiraum müssen sich Bürger und Künstler erkämpfen? Wir suchen nach Antworten und praktischen Tipps!"

Volle Hütte bei der Finissage am 14. Juni.
Volle Hütte bei der Finissage am 14. Juni.

Ganz praktisch haben die ArchitekturstudentInnen und eine Workshop-Teilnehmerin vier Nächte in den temporär eingerichteten Räumen verbracht. Wie wohnt es sich nun in der Nachbarschaft zu einer Stadtautobahn? Der Verkehrslärm war weniger schlimm als ein Club nebenan, dessen Besucher sich den neuen Nachbarn ebenso neugierig wie respektvoll näherten. Sehr viel Laufpublikum gibt es an der Hauptstraße nicht: immerhin einige Büroangestellte, die morgens überrascht in die großen Schaufenster blickten. Vor allem Studierende auf dem Weg von und zur Uni kamen immer wieder herein und stellten Fragen.

Die fünf ArchitekturstudentInnen möchten gern alle Beteiligten zusammenzubringen: Immobilienbesitzer, Stadtverwaltung und zeitweilige Nutzer. Sie sind überzeugt, dass es für alle von Vorteil sein kann, leerstehende Räume zwischenzunutzen. Der Betreiber des Laptop-Versands ließ sich überzeugen. Miete wollte er nicht. Die Aktion lenkt Aufmerksamkeit auf den etwas abgelegenen Raum, die seinem zukünftigen Laden nicht schaden kann.

Die Gruppe Adapter ist mit den fünf Tagen noch lange nicht am Ziel ihrer Träume. Mindestens für ein Jahr würden sie gern leerstehende Büroräume nutzen. Denn sie wissen, dass es solche Räume gibt und dass manche noch wesentlich länger brachliegen. Ihr Pilotprojekt an der Friedrichstraße, so hoffen sie, kann Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen lenken und andere Immobilienbesitzer von ihrer Seriosität überzeugen. Denn Hausbesetzer sind sie nicht. Am Donnerstagabend hat zum Abschluss noch eine Band in den Räumen gespielt. Dann haben sie ihre temporäre Möblierung wieder abgebaut und die Räumlichkeiten so sauber hinterlassen, wie sie sie vorgefunden haben.

Vor allem StudentInnen kamen häufig auch nach drinnen und informierten sich über das Projekt.
Vor allem StudentInnen kamen häufig auch nach drinnen und informierten sich über das Projekt.

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