Wohnen auf Sparflamme. Fotos: Kontext

Ausgabe 241
Gesellschaft

Albtraum Wohnen

Von Minh Schredle
Datum: 11.11.2015
Wohnungen online zu buchen liegt voll im Trend. Mit entsprechenden Nebenwirkungen: Mieter müssen weichen, Vermieter machen Kasse und lassen auf dem Sofa schlafen – wie unseren Autor.

Ilma Lundström holt tief Luft, bevor sie weiterredet. Dann erzählt sie ihr unheimlichstes Wohnerlebnis. "Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, da stand mein 50-jähriger Zimmernachbar neben meiner Couch und fuhr mir schweigend durchs Haar." Kurz lächelt sie gequält, dann schnaubt sie und schüttelt den Kopf. Die 23-jährige Schwedin hat ein Zimmer in Obertürkheim über Airbnb gebucht, einem Online-Marktplatz, über den weltweit Unterkünfte vermittelt werden. Ilma ist ein halbes Jahr in Deutschland, sie hat gerade ihren Bachelor geschafft und macht jetzt ein Praktikum in Stuttgart. Hier eine bezahlbare Wohnung zu finden ist ohnehin eine Herkulesaufgabe – aus dem Ausland erst recht. Es gab kaum Angebote, die sie sich leisten konnte. Das Praktikum rückte näher, die Zeit wurde knapp. Da hat die junge Frau auf Airbnb zugeschlagen. Die Anzeige hatte schlechte Bewertungen, sie hatte sich auf einiges eingestellt. "Aber das hier", sagt sie, "übertrifft alles, was ich mir hätte ausmalen können."

Airbnb wirbt mit über 1,5 Millionen Angeboten in 34 000 Städten, verteilt auf 190 Länder. Nach eigenen Angaben haben seit Gründung 2008 schon über 60 Millionen Gäste das Portal genutzt. Viele Kunden haben offenbar großartige Erfahrungen gemacht, sie singen regelrechte Lobeshymnen auf den Online-Dienst. Andere hatten weniger Glück. Was Ilma erzählt, erinnert eher an Kafka. "Ich würde hier sofort ausziehen, aber wo soll ich hin? Ein Hotel kann ich mir unmöglich leisten, und ein bezahlbares WG-Zimmer finde ich nicht." Wäre es nicht so grotesk, würde die Schwedin lachen.

Versprechungen und Wirklichkeit

In der Anzeige wurde Ilma ein "Privatzimmer" mit "richtigem Bett" versprochen. Beides ist glatt gelogen. Das Zimmer, in dem sie nun wohnt, ist nicht das Zimmer, das im Internet präsentiert wird. Ein Bett gibt es hier nicht, nur eine ungemütliche Couch. Im gesamten Haus lässt sich keine einzige Tür abschließen, sogar die Haustür bleibt immer offen. Gäste bekommen keinen Schlüssel, jeder kann kommen und gehen, wie es ihm beliebt. Insgesamt gibt es in dem Haus sechs Zimmer, verteilt auf zwei Stockwerke. Fünf davon sind vermietet, im sechsten wohnt die Vermieterin mit ihren drei Töchtern. Ilma hat keine Privatsphäre: Sie muss in einem Durchgangszimmer schlafen. Es führt zu einem anderen Zimmer, das ebenfalls vermietet wird. Dieses wiederum lässt sich ausschließlich durch das Durchgangszimmer betreten.

"Ich habe in den letzten Wochen ein paar sehr seltsame Bekanntschaften gemacht", erzählt die Schwedin. Da war der nächtliche ungebetene Besuch, da war der Mann, der ein paar Tage neben ihr gewohnt hat und plötzlich splitternackt in ihrem Zimmer stand. Ilma schaut, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Der Mann habe weder Deutsch noch Englisch gesprochen, sagt sie nach einer Weile. Sie habe sich überhaupt nicht mit ihm verständigen können. "Ich hatte richtig Angst vor ihm."

Nach Eigendarstellung will Airbnb "authentische Urlaubserlebnisse" ermöglichen: In Hotels lerne man nie den wahren Geist einer Stadt kennen, in Privatunterkünften sei man viel näher dran am echten Geschehen, so die Argumentation. Durch den persönlichen Kontakt zu den Vermietern und Mitbewohnern würde man außerdem neue Bekanntschaften machen, teilweise könne man so Freundschaften für ein ganzes Leben schließen. Viele Besucher berichten tatsächlich begeistert von solchen Begegnungen. In den vergangenen Jahren rückte allerdings zunehmend ein anderer Aspekt in den Vordergrund: der gewerbliche. Mit dem Vermieten auf Zeit lässt sich viel mehr Geld machen. 

Verdienst ohne Verdienst

"Wir haben hier in Stuttgart beispielsweise eine Wohnung, die normalerweise etwa 750 Euro Miete pro Monat einbringen würde", sagt Ralf Gaßmann, Vorsitzender des Mietervereins Stuttgart: "Über Airbnb lassen sich mit dieser Wohnung aber deutlich über 3000 Euro pro Monat verdienen. Und da wird garantiert auch nicht zu wenig schwarz kassiert." Es komme zu Verdrängungseffekten: Immer mehr Vermieter würden darauf setzen, ihre Immobilien als Ferienwohnungen zu vermieten – zum Nachteil des Wohnungsmarktes, der in Stuttgart "sowieso schon angespannt genug" sei. Gaßmann sagt dazu: "Wir brauchen unbedingt ein städtisches Zweckentfremdungsverbot, übrigens auch, um Leerstände von Spekulationsobjekten zu verhindern."

Im Frühjahr 2016 könnte ein solches Verbot in Kraft treten: Aktuell arbeitet die Stuttgarter Stadtverwaltung an einem entsprechenden Satzungsentwurf. Vorbild könnte die Gesetzgebung in Berlin sein: Hier ist 2013 ein Zweckentfremdungsverbot in Kraft getreten, nachdem sich die Lage am Wohnungsmarkt immer weiter verschärft hatte. Insbesondere der Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg war davon betroffen: Nach Schätzungen verschiedener Mieterverbände sind zwischen drei und sieben Prozent der Mieter aus ihren Wohnungen verdrängt worden, damit diese als sogenannte Ferienwohnungen weitervermietet werden konnten. Belastbare Zahlen liegen allerdings nicht vor – dafür ist das Dunkelfeld zu groß. Nicht alle Vermietungen laufen über Portale wie Airbnb, vieles läuft unter der Hand. "Ein paar Eigentümer haben hier ordentlich Umsatz auf Kosten der Menschlichkeit gemacht", sagt ein Sprecher der Stadt.

Auch der Vermieterin von Ilma kommt es offenbar nicht darauf an, neue Bekanntschaften zu schließen. "Der geht es eindeutig nur um die Kohle", sagt die Schwedin: "Wir haben noch nie normal miteinander geredet." Als es kalt wurde im November und sie in ihrem Durchgangszimmer fror, hat sie Heizung voll aufgedreht, um es warm zu haben. Wenig später platzte die Vermieterin in ihr Zimmer, stocksauer und kurz vor dem Herzinfarkt. "Sie schrie mich an, was mir einfalle, das sei zu teuer und in Deutschland drehe man die Heizung maximal bis Stufe zwei auf", erinnert sich Ilma.

Für ihr Durchgangszimmer zahlt sie mehr als 20 Euro pro Nacht. Das ist wenig für eine Unterkunft in Stuttgart. Aber viel für eine Schlafcouch ohne Privatsphäre, die unter falschen Versprechungen vermietet wurde. Ilmas Erlebnisse sind kein Einzelfall. Tausende Menschen in Stuttgart und Millionen in Deutschland haben Schwierigkeiten, bezahl- und zumutbaren Wohnraum zu finden. Diese Problematik hat sich in den vergangenen Jahren gerade in Großstädten und Metropolen drastisch zugespitzt. Der Markt versagt. Trotzdem gibt es landesweit bislang kaum nennenswerte Förderprogramme für sozialen Wohnungsbau.

 

Info:

Autor Minh Schredle kann einige der Schilderungen von Ilma Lundström (Identität wurde anonymisiert) aus erster Hand bestätigen: Er war für gut zwei Wochen ihr Zimmernachbar in der besagten Stuttgarter Unterkunft und hat ebenfalls einschlägige Erlebnisse mit Vermieterin und Mitbewohnern vozuweisen. Auch er musste statt in dem versprochenen Bett auf einer Couch schlafen. Schredle ist deutlich jünger als 50 und spricht fließend Deutsch und Englisch.

Weitere Erfahrungsberichte können gerne bei Kontext eingereicht werden.


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11 Kommentare verfügbar

  • zara
    am 17.11.2015
    Bei der Debatte um die Zweckentfremdung von vermietetem Wohnraum hin zu Ferienwohnungen speziell in Großstädten wie Berlin fehlt mir eigentlich immer eine Aussage, wo denn dann die vielen Touristen, Tagesgäste und Zeitmieter schlafen sollen. Es gibt einfach zu wenig Flächen und das führt in unserem System zu Verdrängung. Muss sich der Staat einmischen? Ich bin unsicher...
  • Klaus
    am 14.11.2015
    "Der Markt versagt".

    Nein: der Markt kann es nicht besser.

    Er muß geholfen werden.

    Durch die Politik. Das entspräche dem Primat der Politik
    über die Wirtschaft. Auch eine Basis eines jeden Rechtsstaats.

    So man denn einen hätte.
  • Schwabe
    am 14.11.2015
    "Der Markt versagt" würde ich gerne ersetzen durch "Die Politik versagt"!
    Und das nicht aus Unvermögen solange diese Politik der neoliberalen Ideologie frönt! Also einer marktkonformen Demokratie bzw. einer am Profit/Kapital orientierten Parteilinie/Parteiräson folgt!
    Bitte nie vergessen: Die herrschende regierende Politik eines Landes bestimmt das Leben der Bevölkerung bis ins kleinste Detail. Politik ist nicht weit weg (z.B. in Berlin), sie ist jeden Tag ganz nah bei uns!

    Es wäre aus meiner Sicht interessant zu wissen ob ein derartiges "Mietverhältnis" wie im Artikel beschrieben, dazu führt, dass auch noch die Wohnung selbst entsprechend (anteilig) abgeschrieben werden darf.
    Andererseits handelt es sich im obigen Artikel sicher nicht um eine (reiche) Eigentümerin die mehrere Immobilien besitzt und diese leer stehen lässt bzw. zu den beschriebenen (legalen) Wuchermieten vermietet - so wie es die wirklich Vermögenden tun. Da sie sonst nicht noch mit in der Wohnung wohnen würde.
    Obige Vermieterin möchte eben auch nur - mit ihren Möglichkeiten - ein Stück vom Kuchen abhaben bis die zweite Wohnung finanziert ist. Ganz nach dem Motto "Gier frisst Hirn" (was neoliberale Politik m.E. sehr gut beschreibt).
  • Hans König
    am 13.11.2015
    Soso, Blender, es liegt also an reduzierten Umsatzsteuersatz?!

    SIE haben aber den Durchblick!

    Ironie wieder aus:

    Welchen Umsatzsteuersatz entrichten denn die Langzeitmieter von Wohnungen regelmäßig?

    Schreibt denn in diesem Artikel irgendjemand, dass einer der erwähnten Mieter überhaupt Umsatzsteuer zahlen müsste?
  • Labertasche
    am 13.11.2015
    Ich kenne die region Stuttgart - dort gibt es tatsächlich fast gar keine bezahlbaren Wohnungen mehr, auch nicht für Normalverdiener und schon gar nicht für Studenten. Da schlägt halt die Gier der Immobilienbesitzer zu Buche. Wieso soll man sich mit einem Langzeitmieter abgeben, wenn man das Vielfache durch jederzeit kündbare Kurzzeitmieter rausschlagen kann? Wenn es Mängel gibt wie beschrieben, könnte ein "echter" Mieter Maßnahmen wie Mietminderung durchführen, ein AirBnB-Gast wird das hinnehmen müssen. Wem es nicht passt, der soll ausziehen, dann kommt der Nächste, den man übers Ohr hauen kann. - Tja, die Schwaben sind eben besonders geschäftstüchtig, aber solche Vermieter gibt es wohl überall. Da helfen wirklich nur Gesetze. Auch wenn solche Zweckentfremdungs-Strafen besonders in Stuttgart auf massiven Protest stoßen dürften (MEIN Haus ist MEIN Eigentum, ICH kann damit machen was ich will).
  • Blender
    am 13.11.2015
    @Mona, 11.11.2015 17:03 "..das der Vermieter aus welchen GRÜNDEN auch immer, nur noch tageweise vermieten wollte".

    Das liegt an dem FDP Mövenpick-Gesetz, Danke FDP. Tageweise Vermietungen sind kurzfristige Vermietungen und als solche nur mit dem reduzierten Umsatzsteuersatz zu versteuern. Der eigentliche Clou ist aber, dass dieser Vermieter alle Nebenkosten steuerlich absetzen kann und auf dem Papier einmal am Tag nach seiner Immobilie schaut (Wegstrecke, Autonebenkosten), auch wenn er es tatsächlich nicht tut. Die Kilometer auf seinem Auto-Tacho fallen dann halt im Italienurlaub an. Ein Schelm der Böses dabei denkt.
  • StudentenWG
    am 12.11.2015
    Was ist denn aus Ilma geworden? Ich würde unsere Couch für 0€ die Nacht anbieten - bei uns wird auch geheizt.
  • Mona
    am 11.11.2015
    Hallo Valentin!

    Sicherlich haben Sie den Artikel sorgfältig durchgelesen.
    Ihre Ahnungslosigkeit zeigt mir, daß sie sehr wahrscheinlich noch nie in einer ähnlichen Situation waren?

    Aus meiner StudentInnenzeit (90er Jahre) kann ich berichten, daß es selbst als "Eingeborene" sehr mühsam war, ein Zimmer in Stuttgart zu finden, das nicht mehr als um die 500 DM kostete.
    Schöne Altbau-WG-Zimmer in S-West gabe es zwar ab und an günstiger, die soziale Auslese war dort aber sehr hoch...
    dazu gestern in der taz ein passender Artikel, auch wenn es hierbei allerdings um einen Geflüchteten geht:

    http://taz.de/Wohnungen-fuer-Fluechtlinge/!5246397/

    Zurück zum eigentlichen Thema, die Beschriebene Frau lebt im Ausland und bemühte sich in S ein bezahlbares Zimmer zu finden. Da liegt die Idee, es über dieses Touristik-Portal zu probieren, wenn alles andere scheitert, doch nahe? Oder?

    Letztes Jahr hörte ich von einer Freundin, deren Sohn ganz dringend im Großraum Stuttgart ein Studentenzimmer suchte. Er fand nichts. Als das Semester schon begonnen hatte, zog er zähneknirschend in eine "Ferienwohnung" ein. Das war nichts anderes als ein 1-Zimmer-Appartement, das der Vermieter aus welchen Gründen auch immer, nur noch tageweise vermieten wollte, anstatt wie früher dauerhaft an Pendler oder Auszubildende.
  • Valentin
    am 11.11.2015
    Hallo, bitte helft mir. Ich stehe auf dem Schlauch.

    Sie hat das Zimmer doch für ein Praktikum gemietet, also nicht nur für ein paar Tage. Wenn sie 20 € die Nacht zahlt, dann kommt sie doch auf 600 € im Monat. Und dafür findet sie kein "normales" Zimmer in Stuttgart???

    wo ist der Faehler?

    Gruß

    Valentin
  • Henry Weber
    am 11.11.2015
    Dass der Autor zwei Wochen lang Zimmernachbar von Ilma war, klingt im Kontext des Artikels eher befremdlich.
  • Florian S.
    am 11.11.2015
    ...und weiter, tagein, tagaus, dogmatisch, eigentlich schon psychotisch, hört man die selbe Leier: "Der Markt wird's schon richten." Da kann man eigentlich nur noch Max Uthoff zitieren: "Wer immer wieder das gleiche sagt, hat recht." Das ist marktkonforme Demokratie!

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