KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Bunt und billig: Gemeindebau in Wien. Foto: www.unseregeschichten.montelaa.net

Bunt und billig: Gemeindebau in Wien. Foto: www.unseregeschichten.montelaa.net

Ausgabe 209
Politik

Besser wohnen in Wien

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 01.04.2015
Es lebe der Gemeindebau: Wien macht vor, was deutsche Kommunen nicht wagen. Auch Stuttgart nicht. Als erste europäische Metropole baut die österreichische Hauptstadt wieder selber Wohnungen. Das hat der Gemeinderat vergangene Woche einstimmig beschlossen. Als Reaktion auf die große Nachfrage nach günstigen Angeboten. Eine Mietpreisbremse alleine reicht eben nicht.

Ernst Reuter und George Washington sind Namensgeber, Goethe und Theodor Herzl, Albert Einstein, Jean Jaurès, Karl Liebknecht und Richard Strauss, natürlich die unvergessenen Olof Palme, Salvador Allende oder Bertha von Suttner. Michael Häupl, Wiens Bürgermeister seit zwanzig Jahren, wird einer werden. Er kann sich auch schon ziemlich genau ausrechnen, wo sein Name in den traditionellen roten Lettern angeschlagen wird, denn rund die Hälfte der mehr als 2300 Gemeindebauten heißt nach berühmten und weniger berühmten Menschen, Sozialisten und Widerstandskämpfern, Denkmalschützern oder Kommunalpolitikern. Der künftige Häupl-Hof wird im Arbeiterbezirk Favoriten stehen, in der Fontana-Straße 1.

Denn dort schreibt der promovierte Zoologe Geschichte: In Bälde zieht die Stadt, den EU-Zielen und allen Investoren-Erwartungen zum Trotz, 120 neue Wohnungen hoch. Während in Deutschland ein Gesetz zur Mietpreisbremse verabschiedet wurde, schwierig zu handhaben und von Ausnahmen durchlöchert wie Emmentaler, heißt die Devise in der Donaustadt: Wir nehmen Geld in die Hand und bauen. Günstigen Wohnraum für maximal 7,50 Euro pro Quadratmeter, inklusive aller Steuern, Abgaben, Betriebs- und Nebenkosten.

Antisemitisches Wahlplakat gegen den Stadtrat Hugo Breitner und die Vertreter des "Roten Wien". Foto: Wikipedia
Antisemitisches Wahlplakat gegen den Stadtrat Hugo Breitner und die Vertreter des "Roten Wien". Foto: Wikipedia

"So wie die Menschen zu Recht fordern, dass sich die Politik im Finanzsektor mehr einmischt, sollten wir es auch im Wohnungssektor machen", sagt Häupl. Ein Sondertopf ist gefüllt mit weiteren 25 Millionen Euro, neben den ohnehin reichlich fließenden Fördergeldern. Allein im Vorjahr kamen fast 8000 mitfinanzierte Einheiten auf den Markt. Ganze Stadtviertel entstehen, wie im 22. Bezirk auf der Fläche von 340 Fußballfeldern.

Dass im Oktober Gemeinderatswahlen stattfinden, spielt gewiss eine wichtige Rolle, erklärt den Schwenk aber nicht erschöpfend. Denn einschneidende Eingriffe in den Markt haben eine fast hundertjährige Tradition in Wien. Nach Ende des Ersten Weltkriegs spitze sich die ohnehin schon verheerende Situation von hunderttausenden Menschen in der viel zu großen Stadt für das kleine neue Österreich unerträglich zu. Nicht nur in Elendsquartieren wurde unter katastrophalen hygienischen Zuständen in Schichten geschlafen. Drei Viertel der Wohnungen waren überbelegt. Hinzu kam, dass immer mehr Armutsflüchtlinge aus dem K.u.K-Reich in die Metropole drängten.

Immobilienbesitzer verdienten mit der Vermietung der damals üblichen Zimmer-Küche-Wohnungen ohne Bad und mit Gemeinschafts-WC Unsummen - bis das rote Wien 1920 ein eigenes Bundesland wurde und das Recht erhielt, selbst Steuern zu erheben. Sofort begannen die mit absoluter Mehrheit regierenden Sozialdemokraten, an der Steuerschraube zu drehen, und zwar in ungeahntem Ausmaß.

Der Finanzstadtrat Hugo Breitner, ein Bankbeamter jüdischer Herkunft, entwickelte ein Abgabensystem für jede Form von Luxus, für Pferde und Sekt, für Lustbarkeiten alle Art, sogar für Hauspersonal. Öffentliche Schulden aufzunehmen war verpönt, um nicht wieder Spekulanten, wie Aktienkäufer und -verkäufer damals hießen, Kreditzinsen zuzuschanzen. Im Januar 1923 verabschiedete der Gemeinderat eine streng zweckgebundene gestaffelte Steuer, zu entrichten von allen Besitzern vermietbarer Räume. Fast die Hälfte der Erlöse wurde von einem halben Prozent der Objekte erbracht. Diese radikal progressive Kurve entzog der Ausbeutung von Mietern im großen Stile die Rentabilität, die Grundstückpreise fielen in den Keller, die Stadt kaufte und machte dem freien unsozialen Markt endgültig den Garaus.

Bertha von Suttner-Hof 1966. Davor steht das Denkmal "Die Waffen nieder". Foto: Wikipedia
Bertha von Suttner-Hof 1966. Davor steht das Denkmal "Die Waffen nieder". Foto: Wikipedia

In nur sieben Jahren entstanden mehr als 60 000 Wohnungen. Zwei Drittel der Bevölkerung wählten rot. Die bürgerlichen und die klerikalen Parteien liefen Sturm. Hetz- und Verleumdungskampagnen zogen aber auch Interessierte aus dem Ausland an. Mit durchaus überraschenden Ergebnissen: Über ein "Wunder, das es im Europa der Gegenwart gibt" schrieb staunend der konservative "Spectator" in London, "über das Wunderbare der sozialen Reformen", über die Kindergärten und die Spielplätze, die Wohlfahrtsanstalten, Ambulatorien, Arztpraxen und Waschküchen, die Friseurläden und Freibäder, die nicht so hießen, weil es kein Hallendach gab, sondern weil der Eintritt frei war. Und über die lockere Bauweise, bei der mindestens 50 Prozent der Fläche begrünter Hof sein musste. Der "Konsum" gehörte zum Standard. Und weil die von der Rechten gern als versoffene Proleten diffamierte Arbeiterschaft einen immensen Bildungswillen entwickelte, wurden reihenweise kleine Bibliotheken eingerichtet und Volkshochschulen, das Sportvereinswesen blühte.

Wien stellte Ende der Zwanziger Jahre eine Milliarde Schilling für Investitionen von allgemeinem Nutzen zur Verfügung und war sogar noch in der Weltwirtschaftskrise schuldenfrei. Dann kam der Bürgerkrieg 1934 und eine von der Christlich-Sozialen Partei angeführte rechte Sammelbewegung zerschlug die Demokratie. Elf Jahre später, gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nahm die Gemeinde ihre segensreiche Tätigkeit sofort wieder auf.

Hugo-Breitner-Hof. Foto: Peter Gugerell/Wikipedia
Hugo-Breitner-Hof. Foto: Peter Gugerell/Wikipedia

Die erste Wohnanlage, in der bis heute 3 500 Menschen leben, trägt den Namen Hugo Breitner. Zwischen 1950 und 1970 entstanden 100 000 Gemeindewohnungen, in den Sechzigern jährlich 9 000. Später rollten mehrere Sanierungswellen durch den Bestand, neuer Komfort inklusive. Weil Staubsauger Standard wurden, boten die Nischen der kleinen Gemeinschaftsbalkone, die geschaffen worden waren, um Bettzeug auszuschütteln oder Teppiche zu klopfen, die Chance zur altengerechten Ausstattung mit Aufzügen. Inzwischen sind viele der Gebäude auch energetisch saniert. 

2004 war Schluss. Endgültig, verlangten die Brüsseler Wettbewerbshüter im neoliberalen Geiste, der auf Privatinitiative, private Rendite, Wettbewerb und auf eine Schwächung des Staates setzt. Zudem entfalteten die Maastricht-Kritierien ihre Wirkung. Die öffentliche Hand hatte sich immer weiter zu zügeln oder gar ganz zurückzuziehen.

In der Bundesrepublik wurde massiv geworben für den Verkauf kommunalen Immobilienbesitzes. Das Institut der deutschen Wirtschaft errechnete einen Reingewinn von 25 Milliarden Euro, würden alle Kommunen in der Republik ihren Besitz abstoßen. Viele folgten den falschen Propheten, allen voran Berlin, Dresden oder die Stadt Hamburg. In Baden-Württemberg kam der LBBW-Wohnungsbestand im Zuge einer Kapitalerhöhung samt EU-Behilfsverfahren unter die Räder und wurde an die Augsburger Patrizia AG verscherbelt. Ein von der Stadt Stuttgart angeführtes Konsortium ging in dem Milliarden-Deal leer aus.

Wien widerstand allen Verlockungen und besitzt heute noch 220 000 Wohnungen. Ab sofort soll mindestens jede zehnte Einheit, die errichtet wird, wieder den Schriftzug "Erbaut von der Stadt Wien" tragen. "Speziell der sensible Wohnungsmarkt ist nichts für das entfesselte neoliberale Spiel der freien Kräfte", wirbt Michael Häupl für die neue alte Linie. Denn dabei "bereichern sich nur einige wenige auf dem Rücken der überwältigenden Mehrzahl hart arbeitender Menschen".

Das Beispiel soll Schule machen. Schon seit 14 Monaten liegt eine von den Wiener Sozialdemokraten angestoßene Resolution "für den sozialen Wohungsbau in Europa" auf dem Tisch. Unterzeichnet haben zahlreiche Bürgermeister von A wie Amsterdam bis Z wie Zagreb, darunter auch jene aus Berlin, Frankfurt, Hamburg und Leipzig. Sie verlangen von der EU unter anderem, sich herauszuhalten aus dieser Form der kommunalen Daseinsvorsorge und "die Einengung auf benachteiligte und schwächere Bevölkerungsgruppen" zu revidieren. In mehreren EU-Mitgliedsstaaten hatten Investoren geklagt und - mit Verweis auf die Brüsseler Wettbewerbsregelungen - Recht bekommen. 2009 mussten deshalb beispielsweise in Holland die Schwellen für das Anrecht auf staatliche Mietzuschüsse um rund ein Sechstel gesenkt werden.

"Geförderter Wohnraum muss für breite Schichten der Bevölkerung weiterhin zugänglich sein", halten die Bürgermeister dagegen. Die Beschränkung allein auf einkommensschwache Gruppen "würde zu sozialer Segregation führen". In Wien werden solche Einsichten Allgemeingut: Um einen Vormerkschein für eine Gemeindewohnung zu bekommen, darf eine dreiköpfige Familie jährlich 74 000 Euro netto zur Verfügung haben. Zum Vergleich: In Stuttgart kann eine dreiköpfige Familie auf eine Sozialwohnung bei etwa der Hälfte der Summe hoffen - brutto. 

Wien ist anders, verspricht die Stadtwerbung seit vielen Jahren. Ein Viertel aller Wiener und Wienerinnen mit und ohne österreichischen Wurzeln lebt im Gemeindebau, im Bezirk Favoriten sogar die Hälfte. Darunter sind Sportlegenden und Burg-Schauspieler, Manager oder grüne Spitzenpolitiker, sie alle sorgen für die gewünschte soziale Durchmischung.

Karl-Marx-Hof 2009. Foto: Wikipedia
Karl-Marx-Hof 2009. Foto: Wikipedia

Natürlich ist auch dort nicht alles rosig: Es gibt Ärger zwischen Ureinwohnern und Migranten, vor allem seit Letzteren der Zugang erleichtert wurde. Es gibt immer wieder erschreckend hohe Wahlergebnisse für die rechtsgerichtete FPÖ. Aber es gibt auch noch das in jedem Stadtführer beschriebene Milieu, mit den spielenden Kindern, den begrünten Innenhöfen, mit manch kleinem Laden, mittlerweile oft von Einwanderern der zweiten oder dritten Generation geführt, in dem keine Rabattmarken mehr geklebt werden, aber Stammkunden finden, was sie brauchen.

Und am 1. Mai sind viele Fenster, dank der extra dafür vorgesehenen Halterungen, noch immer geschmückt mit den kleinen roten Fahnen, samt der drei weißen Pfeilen, die nicht in dem Himmel, sondern auf die Erde weisen, als Symbol für die Vernichtung des Kapitalismus, des Faschismus und der Reaktion.

Im Karl-Marx-Hof, dem Urtypus und größten zusammenhängen Gebäude der Welt mit 1,1 Kilometer Fassadenlänge, ist aus der Bibliothek ein Senioren-Treff geworden und im "Waschsalon 2" das Ausstellungs- und Dokumentationszentrum des "Roten Wien" untergebracht. Viele der Anlagen sind architektonische Leckerbissen, mit jeder Menge Kunst und Skulpturen. Die Größen ihrer Zeit gaben sich die Ehre. Manche sind doppelt verewigt, wie Margarete Schütte-Lihotzky, die als Erfinderin der "Frankfurter Küche" zu Weltruhm gelangte erste Frau, die in Österreich ein Architekturstudium abschloss. Sie entwarf in den Zwanzigern Gemeindebauten, zum Beispiel im 3. Bezirk, und einer wurde nach der unbeugsamen kommunistischen Widerstandskämpferin benannt. 1997, in Wien-Floridsdorf, zu ihrem 100. Geburtstag, tanzte sie mit Häupl einen Walzer. 

Die Häuser und ihre Mieterschaft sind auch ordentlich besungen (Georg Danzer: "Du bist die Blume aus dem Gemeindebau"), TV-Serien sind darüber entstanden, Gedichte wurden geschrieben und jede Menge Kabarettnummern. "Wir müssen wieder beginnen", verlangte Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky, "unsere großen Grundsätze zu verwirklichen." Das war 1977.

2015 sollen alljährlich 2000 neue Gemeindewohnungen entstehen. In der Fontana-Straße 1 in Favoriten könnten es insgesamt 470 sein, samt der obligatorischen Kindertagesstätte. Und Häupl müsste für seine Eröffnungsrede die richtigen Worte nicht lange suchen. "Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen", prognostizierte anno 1930 sein Vorgänger Karl Seitz bei der Einweihung des Karl-Marx-Hofs. Was für ein Privileg für die Bürgerschaft, wenn ihre Stadtmütter und -väter das von sich sagen können.


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