Gleich zwei Shoppingmalls eröffneten 2014 in Stuttgart: das Gerber und das Milaneo. Zur Eröffnung war das Haus voll. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 196
Gesellschaft

Laden dicht

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 31.12.2014
Zwei Megabaustellen am Rande der Stuttgarter Innenstadt sind Vergangenheit: Seit Kurzem schmücken zwei gigantische Shoppingmalls das Stadtbild. Die Folgen der verfehlten Stadtentwicklungspolitik sind bereits mit Händen greifbar: Der Verkehr nimmt zu. Die Mieten steigen. Und das Umland geht auf die Barrikaden.

Eines nach dem anderen machen die Geschäfte in der Stuttgarter Innenstadt dicht: Das Karstadt-Kaufhaus in der Königstraße soll schließen, obwohl profitabel. Weiter vorne in der Einkaufsmeile tritt ein Familienunternehmen den Rückzug an: Die Münchener Buchhandelskette Hugendubel verabschiedet sich nach sechs Jahren wieder aus der Schwabenmetropole. Haufler, das letzte Schreibwarengeschäft der Innenstadt, kapituliert endgültig: "Eine 120-jährige Tradition geht zu Ende", verkündet eine Folie, die das Gebäude am Marktplatz verhüllt. Neue Bewerber stehen in den Startlöchern: Wo seit Generationen der Spielwaren Kurtz war, gibt es heute in kleinen, exklusiven Portiönchen Espresso von Nestlé. Der Handel läuft online, aber der Anbieter braucht eine Repräsentanz vor Ort.

Zwischen dem Einkaufszentrum und der Innenstadt gäbe es keinen Konflikt, behauptet Alexander Otto, Chef des Marktführers ECE, der das kurz vor Weihnachten eröffnete Milaneo betreibt. Mit rund 200 Geschäften ist das Center im neuen Europaviertel hinter dem Hauptbahnhof die größte Shoppingmall Süddeutschlands. Otto will "neue Kaufkraft in die Stadt holen". Selbst wenn dies zutrifft – und es stimmt sicher nur zum Teil –, erwachsen daraus zwei weitere Probleme. Erstens der Autoverkehr: 25 Prozent mehr rollt über die Heilbronner Straße, den Hauptzubringerstraße zum Milaneo. Trotz Ausbau von Kreuzungen gibt es Stau. Parksuchverkehr drängt in die Wohnviertel, 1700 Stellplätze im Milaneo reichen nicht aus. Zweitens: Wenn die Kaufkraft nicht aus der Stuttgarter Innenstadt abgezogen wird, kann sie nur aus dem Umland kommen. Der soeben wiedergewählte Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger macht sich zum Wortführer der gesamten Region, wenn er von einer Kannibalisierung des Einzelhandels spricht. Dabei hat sich Zieger nach seinem Amtsantritt 1998 selbst für eine Mall gegenüber dem Esslinger Bahnhof stark gemacht, die seither der östlichen Altstadt Probleme bereitet. Auch am Böblinger Bahnhof hat im Oktober eine für eine Stadt mit rund 45 000 Einwohnern riesige Mall eröffnet. Wenn die Kundschaft nach Stuttgart fährt, droht die Rechnung für Betreiber und Stadt nicht aufzugehen.

Angestoßen durch Bauboom und Immobiliengeschäfte explodieren Grundstückspreise und Mieten. Immer mehr Mieter landen in der Schuldenfalle. Zwischen 300 und 800 Mietparteien jährlich geben unter dem massiven Druck der Vermieter ihre Wohnung auf, statt sich an die Beratungsstellen zu wenden, wie Manfred Blocher von der Caritas bedauernd feststellt. Dabei kann ein Mieter selbst bei einer Räumungsklage laut Gesetz nicht einfach auf die Straße gesetzt werden. Die Notunterkünfte laufen über, warnt Blocher. Und der Trend ist keinesfalls gestoppt.

Nur dem Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn sind offenbar die Worte ausgegangen. Der einstige Kritiker der neuen Malls wünschte dem Gerber zur Eröffnung viel Glück und übt sich anlässlich der Eröffnung des Milaneo in Pragmatismus: "Nachdem die Einkaufszentren gebaut sind beziehungsweise werden, geht es jetzt darum, dass sie erfolgreich sind." Seine Ziele im sozialen Wohnungsbau hat er nach unten korrigiert. Ein Zweckentfremdungsverbot will er nicht wieder einführen. Und den zunehmenden Autoverkehr bremst nicht Kuhn, sondern allenfalls die EU, die der Stadt wegen jahrelanger Überschreitung der Feinstaub-Grenzwerte mit empfindlichen Strafen droht.

***

Ausgabe 160, 23. 4. 2014

Seelenlose Stadt

Shoppingmalls auf der grünen Wiese lassen die Innenstädte verwaisen: So lautete in den 1970er-Jahren die Kritik. Heute entstehen riesige Einkaufspaläste in Deutschland fast nur noch in Stadtzentren. Doch die Stadt selbst beginnt sich nach dem Prinzip der Shoppingmall zu verwandeln. An die Stelle der Stadtplanung tritt der Verwertungsdruck. Wer die steigenden Mieten nicht zahlen kann, gerät in die Schuldenfalle.

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1 Kommentar verfügbar

  • Ulrich Frank
    am 06.01.2015
    Fritz Kuhn ist das politische Kuckucksei welches die arrivierten und narzistisch-selbstzufriedenen Grünen den Bürgern der Stadt ins Nest gelegt haben. Der Lockruf ist "kritisch, kritisch, kritisch". Ist das Nest okkupiert dann gibt's vom bequemen Herrn, angesichts der in Aussicht gestellten Taten, statt derselben, Ausflüchte und neue Ankündigungen und Lockrufe ("Bürgerbeteiligung" beim Rosensteinviertel usw....).

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