Ausgabe 196
Zeitgeschehen

Das Geschäft läuft wie geschmiert

Von Wilhelm Reschl
Datum: 31.12.2014
Das todsichere Geschäft blüht in Oberndorf auch gut 200 Jahre nach Gründung der (Königlich Württembergischen) Gewehrfabrik und 100 Jahre nach dem ersten Boom im Ersten Weltkrieg. Die glanzvollen Zeiten sind aber spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges vorbei.

Die Namen wechseln, das Gewerbe bleibt: Zunächst ein Staatsbetrieb, dann lange Jahre die weltbekannte Gewehrfabrik Mauser, seit 65 Jahren nun Heckler & Koch – Deutschlands größter Kleinwaffenproduzent.

"Kleinwaffen" – das hört sich fast ein wenig putzig an. Doch damit, also mit Pistolen und Gewehren aller Art, werden inzwischen etwa 90 Prozent der Opfer gewaltsamer Konflikte getötet. Sie sind die eigentlichen Massenvernichtungsmittel. Die Kleinwaffen passen nur allzu gut oder vielmehr schlecht zu den Kleinkriegen, die rund um den Erdball toben. Der international agierende Rüstungskonzern aus Oberndorf am Neckar lebt vor allem vom Export, besonders begehrt ist dabei das Sturmgewehr G 36, mit dem auch die Bundeswehr ausgerüstet wurde; immerhin sind Gewehre und andere Handfeuerwaffen von Heckler & Koch bei Polizei und Militär in 92 Staaten auf der ganzen Welt verbreitet.

Nun dürfen Waffen hierzulande nicht ganz so einfach exportiert werden wie etwa Schuhe oder Gummireifen. Das Kriegswaffenkontrollgesetz soll verhindern, dass deutsche Waffen in "falsche Hände" kommen. Wer die sind, bestimmen das Wirtschaftsministerium und ein parlamentarisches Kontrollgremium. Die Exportchancen deutscher Rüstungsfirmen hängen also stark von der Poltik ab.

Schön, wenn man da einflussreiche Poltiker gleich um die Ecke hat. Zum Beispiel den mächtigen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder. Zu seinem Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen gehört auch Oberndorf mit dem Kleinwaffenkrösus Heckler & Koch. Kein Wunder, dass Kauder als "gewichtiger Fürsprecher", so die "Zeit", des Waffenproduzenten gilt.

Im Gegenzug lässt sich die Firma auch nicht lumpen: 93 000 Euro Spenden, davon 70 000 Euro für die CDU und 20 000 Euro für die FDP, wurden alleine in den Jahren 2001 bis 2011 bezahlt; gerade mal 3000 Euro gingen an eine thüringische SPD-Abgeordnete, die mit Waffenexporten befasst war. Die Grünen und die Linken haben natürlich nichts abgekriegt. Heckler & Koch spendet nach eigenen Angaben nur an Parteien, "deren sicherheitspolitische Programmatik die Verlässlichkeit der Bundesrepublik Deutschland als NATO-Partner in den Mittelpunkt stellt". Volker Kauder bestreitet die Spenden nicht; beteuert aber, dass er sich um alle Firmen in seinem Wahlkreis kümmere, aber nicht käuflich sei.

Trotz politischer Rückendeckung zählt das abgelaufene Jahr 2014 weniger zu den guten, eher zu den schlechten Zeiten der Firmengeschichte. Bereits im Januar verliert HK vor dem Arbeitsgericht Freiburg; zwei leitende Mitarbeiter hatten gegen ihre Kündigung geklagt. Sie sollen eigenmächtig illegale Geschäfte in Mexiko betrieben haben. Das Gericht sah das nicht so. Die beiden Herren mussten wieder eingestellt werden. Im Sommer wird bekannt, daß der Bestseller, das Sturmgewehr G 36, technische Mängel haben soll. Es ergeht ein faktischer Beschaffungsstopp für die Bundeswehr. Zum Stichtag Mitte November zittert ganz Oberndorf: HK muss Millionen Euro an Zinsen zur Bedienung einer Unternehmensanleihe bezahlen. Wer das klamme Unternehmen in letzter Sekunde durch eine gewaltige Geldspritze gerettet hat, ist nicht so recht bekannt.

Proteste von Friedensfreunden und Rüstungsgegnern, die – wie etwa die Familie Pfaff – manchmal schon seit Generationen gegen die Waffenschmiede kämpfen, verbessern das Image von HK auch nicht gerade. So fragt sich selbst der gutwilligste Beobachter, warum man nach mehr als 200 Jahren, nach Demontagen, Zwangsarbeit, Wirtschaftskrisen, Prozessen, Bombenopfern in zwei Weltkriegen nicht endlich Schluss macht mit dem todsicheren Geschäft.

***

Ausgabe 166, 4. 6. 2014

Ein todsicheres Geschäft 

Freund und Feind, Hitlers Gestapo und Stalins Geheimdienstler; auf allen Kontinenten sind Mauser-Waffen im Einsatz. Sie kennen weder Monarchie noch Republik, weder Demokratie noch Diktatur, weder Kommunisten noch Faschisten – sie kennen nur zahlende Kunden. Teil VIII unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

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2 Kommentare verfügbar

  • Online-Shoppen
    am 01.01.2015
    wird ja immer beliebter. Im amerikanischen Online-Shop von Heckler & Koch gibt's beispielsweise 10- und 20-Schussmagazine fürs Sturmgewehr HK416 zu kaufen. Für Sport- und Jagdzwecke dürfte diese Waffe wohl weniger geeignet sein.
    Wer so etwas braucht?
    Ganz sicher hat das rein gar nichts damit zu tun, dass mit Academi (ehemals Blackwater) eines der größten privaten Militärunternehmen dort beheimatet ist.
    Denn offiziell ist die Zusammenarbeit zwischen den zwei Unternehmen ja seit 2008 beendet.
  • By-the-way
    am 31.12.2014
    Zitat:
    "Wer das klamme Unternehmen in letzter Sekunde durch eine gewaltige Geldspritze gerettet hat, ist nicht so recht bekannt."

    WER HAT DIE INSOLVENZ VERHINDERT ?!!
    Liebe Kontext: hier mal weiter recherchieren!

    Es ist doch sehr bedauerlich, daß das Unternehmen nicht endlich im Nirwana gelandet ist...

    Die hätten ja auch rechtzeitig auf die Produktion von Kochtöpfen und anderen nützlichen Dingen umstellen können...

    Ich persönlich habe zum Beispiel an einem Auto einen Sportauspuff (Baujahr 1979),
    Marke "Sauer und Sohn",
    der Sound ist fast "waffenscheinpflichtig" ... (aber eingetragen und damit zugelassen!)

    Die ehemalige Waffenfabrik gibt´s nicht mehr, jedoch der Beweis steht:
    Waffenfabriken können auch sinnvolle Dinge herstellen...

    Bitte, geht doch!!!

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