Heute arbeitslos: Die ehemaligen SWR-Mitarbeiter Jörg Brillen und Anna Hajek. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 196
Medien

Ziemlich hirnrissig – der Fall Brillen/Hajek

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 31.12.2014
Eigentlich gibt es für JournalistInnen keinen besseren Job als beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Arbeitsplatz scheint sicher, der Auftrag klar, die Ansage der Hierarchen (Qualität!) vielversprechend, der Mut zur Courage kein Hexenwerk. Der Fall Brillen/Hajek hat gezeigt, dass es beim Südwestrundfunk (SWR) auch anders geht.

Besuche in den Anstalten sind meist geprägt von ausgesuchter Höflichkeit der Gastgeber. Vor allem in den Chefetagen. Dort gibt es Kaffee und Gebäck, und dort sitzen Menschen, die täglich darüber nachsinnen, wie sie das Programm noch besser machen können. Und dafür finden sie Worte, die den Gast beeindrucken. Sie sprechen von Relevanz, Akzeptanz und Emotionalität, was in der Summe ein Angebot offeriert, das bestens informiert und unterhält. Am besten Südwesten eben. Fritz Frey, der SWR-Chefredakteur, spricht sogar von einem "aufklärenden, hintergründigen und investigativen" Journalismus. Darüber freut sich der Gast sehr, denkt er sich doch, dass da einer auf dem richtigen Weg ist.

Nun gab es einmal in Karlsruhe einen SWR-Redakteur, der auch so gedacht hat. Der Mann heißt Jörg Brillen. Von 1991 an war er dabei, ein Kollege der alten Schule, mit allerlei Preisen bedacht, aber auch mit einer frechen Klappe ausgestattet, die im öffentlich-rechtlichen System kein integraler Bestandteil ist. Einst galt er dem Sender als einer der besten Filmemacher, seine Frau Anna Hajek als ausgezeichnete Cutterin, bis ins Jahr 2013, als plötzlich alles anders war. Der 58-Jährige mutierte zum Querulanten, die Tochter des Bildhauers Hajek genügte "professionellen Ansprüchen" nicht mehr, und schließlich traf man sich dort wieder, wo man sich immer trifft, wenn einen der Arbeitgeber unbedingt loshaben will: vor dem Arbeitsgericht. Dort wird dann eine Abfindung ausgehandelt, und der Kittel scheint geflickt. Wieder eine Stelle eingespart, ein Störfaktor weniger, Qualität hin oder her. Ob er wieder in den Journalismus zurückwill, weiß Brillen nicht.

Für das Programm, das wieder journalistischer werden soll, wie Frey und seine Senderdirektorin Stefanie Schneider betonen, ist das schlecht. Für die "Zeitenwende", die Intendant Peter Boudgoust im Nachrichtenwesen verspricht, ist das ziemlich hirnrissig. Brillen war einer, der lange Strecken gehen konnte, wusste, wie ein Feature, eine Dokumentation, eine Story so aufbereitet werden musste, dass sie Dramaturgie und Spannung bis zum Ende hielt. Wer heute in die verdoppelte "Landesschau aktuell" reinschaut, merkt den Irrtum schnell: Ein doppelt so langes Stück wird nicht dadurch besser, dass aus dem Kurzstück eine Langfassung wird.

Das hat viel mit Erfahrung und Handwerk zu tun. Aber nicht nur. Dahinter steckt auch eine kritische Sicht auf die Dinge, eine Haltung, wie man heute zu sagen pflegt. Ohne sie bleibt Journalismus, auch im Fernsehen, oberflächlich und beliebig, im Grunde langweilig. Wo alles glatt geschliffen und der (scheinbaren) Pflicht zum allseitigen Wohlfühlen unterworfen ist, gibt es keine Debatten mehr – nur mehr vom Gleichen.

Der Fall Brillen wäre für den SWR eine Chance gewesen, sich selbstkritisch zu prüfen. Die Hierarchie hätte sich fragen müssen, wie es um ihren Umgang mit MitarbeiterInnen bestellt ist, und jene wiederum hätten darüber nachdenken können, ob sie wirklich tun, was sie tun könnten. Die Kontext-Geschichte ans Schwarze Brett zu hängen ist das eine, sich für Jörg Brillen und Anna Hajek einzusetzen wäre das andere gewesen. Aber dazu hätten sie den Rausschmiss als Symbol für die Zukunft verstehen müssen.

***

Ausgabe 162, 7. 5. 2014

Gefeuert, mit den besten Wünschen

Beide hoch gelobt, beide rausgeschmissen. Anna Hajek (47), die Tochter des berühmten Bildhauers, und ihr Mann Jörg Brillen (58) waren dem Südwestrundfunk (SWR) sogar Preise wert. Als Cutterin und Filmemacher. Ein schwerer Autounfall veränderte alles. Jetzt sehen sich die Parteien vor Gericht wieder. Über den Umgang einer öffentlich-rechtlichen Anstalt mit ihren Mitarbeitern.

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2 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Frank
    am 06.01.2015
    Nichts ist besser geworden im SWR seit angeblicher "Zeitenwende" und sich als belanglos erweisender Programmreform (z.B. in Form längerer Abendnachrichten). Das Ziel ist nach wie vor nicht einschneidender persistenter Qualitätsjournalismus sondern Erzeugung von diffusem Konsens, ohne bleibendes Interesse an der Sache, im Einklang mit der Ideologie der herrschenden Staatsparteien und der IHK. Nur im Grad aber nicht in der Art verschieden vom Rundfunk in totalitärem Systemen.

    Zu sehen zum Beispiel an der absurden Abhandlung anläßlich des Hartz-IV Jahrestags in der Landesschau: vor der Kamera eine photogene Frau die ihre Erfahrungen mit der Arbeitsvermittlung als überraschend positiv beschreiben darf - dann ein Interview mit einem von einem Wirtschaftsinstitut herbeibeigerufenen "Experten" der über Hartz-IV auch nur Positives sagen kann - man wartete nur noch aufs "Arbeit macht frei". Keine Rede von der Verwahrlosung des Arbeitsmarktes in D, dem extremen Niedrigstlohnsektor hierzulande .

    Damit dann der letzte Anruch von Problem vertrieben wird und sich letztlich alles ins gewünschte Wohlfühlen auflöst gibt's wieder einen Helikopterflug übers Land, mit Gebimbel und einfältigen Erklärungen von welchen, wenn man sich aufs längere Zuhören verlegen würde, nur schlecht wird. Aber Hauptsache der Kanal ist voll.

    Das "nächste Beste" - /höchstens/ - im swr, nicht das - großsprecherische - "am besten Südwesten". Es fragt sich wozu die gesamte aufgeblasene Führungsriege - der Intendant Herr Boudgoust, Chefredakteur Frey, "Landessendedirektorin" Stefanie Schneider usw. - überhaupt gebraucht werden - als permanenter hochbezahlter Ballast zur Gewährleistung von miserabler Qualität?
  • Insider
    am 01.01.2015
    Wird bei Tageszeitungen im Südwesten nicht ähnlich verfahren?
    Hier können sogar Anzeigenkunden und Provinzpolitiker dafür sorgen, dass Redaktionsleiter abgelöst werden.

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