KONTEXT Extra:
NSU-Prozesskosten bei etwa 50 Millionen Euro

Nach 313 Verhandlungstagen äußert sich Beate Zschäpe erstmals selbst im NSU-Prozess und gibt sich als geläutert - neue Erkenntnisse über die Morde liefert ihre Aussage allerdings nicht. Immerhin weiß die Presse nun, wie ihre Stimme klingt. Die Süddeutsche Zeitung findet: "klar, tief, weich, mit leichtem thüringischen Einschlag".

Wann der Marathonprozess (verhandelt wird seit Mai 2013) zu einem Ende kommen wird, scheint aktuell völlig unklar. Sicher ist hingegen: Mit jedem weiteren Verhandlungstag steigen die Kosten für das Verfahren. Und bald könnten diese über 50 Millionen Euro liegen. Im September 2013 sagte Karl Huber, damaliger Präsident des Oberlandesgerichts München, gegenüber dem Münchner Merkur, er schätze die Kosten des Verfahrens auf 150 000 Euro pro Verhandlungstag. Dies sei eine gewaltige Summe, "vor allem, wenn man bedenke, dass die Opfer oder Hinterbliebenen keinen einzigen Euro bekommen haben".

Eine Sprecherin des Oberlandesgerichts bestätigt gegenüber Kontext, dass sich an der Kostenschätzung "im Wesentlichen nichts geändert" habe. Somit liegen die geschätzten Kosten aktuell bei etwa knapp 47 Millionen Euro. Die Sprecherin betont allerdings, dass es bislang noch keine genaue Kalkulation gibt - diese erstelle man erst nach Abschluss des Verfahrens. Dann wird die Rechnung an den Bund gestellt. (29.9.2016)


Blitzschnell gegen die AfD

Grüne, CDU, SPD und FDP wollen mit einer blitzschnell auf den Weg gebrachten Gesetzesänderung das Ansinnen der beiden AfD-Gruppierungen unterlaufen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum  Linksextremismus in Baden-Württemberg durchzusetzen. Am kommenden Mittwoch wird der Landtag in erster und zweiter Lesung endgültig eine Änderung des Untersuchungsausschussgesetzes beschließen. Danach können weiterhin zwei Fraktionen das Minderheitenrecht zur Kontrolle von abgeschlossenem Regierungshandeln wahrnehmen, allerdings nur, wenn ihre Mitglieder nicht ein- und derselben Partei angehören. Nach der vorliegenden Tagesordnung wird die gespaltene AfD ihren Antrag unter Punkt zwei einbringen. Es folgt aber keine Abstimmung, sondern eine Überweisung an den Ständigen Ausschuss. Endgültig wird sich der Landtag am 12. Oktober mit dem Begehr befassen, mit dem unter anderem unterstellt wird, dass Linksextreme im Südwesten öffentliche Gelder bekommen. Dann ist allerdings das Gesetz geändert, und die Möglichkeit zur Antragstellung entfallen. Auch die Rechtsexperten der anderen vier Fraktionen schließen nicht aus, dass die AfD deshalb vor den Verfassungsgerichtshof zieht.


Übers Ohr gehauen

Martin Schreier war jahrelang freier Journalist und Fotograf für den Reutlinger General Anzeiger (GEA) und bekam nicht einmal den ihm zustehenden Mindestlohn. Dann hat er sich einen Anwalt genommen und sich die Kohle erstritten – Kontext hat berichtet. Am  Mittwoch, 21.9.,  um 19:30 Uhr,  berichtet der resolute Journalist zusammen mit dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Gerhard Manthey zum Thema „Wie Zeitungsverleger freie Journalisten übers Ohr hauen“ im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus. Sie werden ihre Erfahrungen teilen und erklären, wie sich Betroffene wehren können. Neben der skandalösen Tatsache, dass viele Zeitungsverlage Mindesthonorarvorgaben missachten, wehren sich nämlich viel zu wenig JournalistInnen gegen diese Zustände. (20.09.2016)


Das Schicksal der Jesidinnen in der Geißstraße

Die Stuttgarter Stiftung Geißstraße lädt für den morgigen Dienstag (20.9., 19 Uhr) zu einer Veranstaltung über "Das Schicksal der Jesidinnen". Zu Gast ist Michael Blume, der im Auftrag der Landesregierung weibliche und stark traumatisierte Opfer des IS medizinisch und psychologisch betreut hat. Im vergangenen Jahr waren 1000 Jesidinnen nach Baden-Württemberg gekommen. Blume war als Religionswissenschaftler und Referatsleiter im Staatsministerium mit der Leitung des Projekts betraut. "Eigentlich ist Michael Blume ein Beamter. Dass er in den Irak geflogen ist, um die Frauen dort rauszuholen, ist einfach eine anrührende Geschichte", erzählt Geschäftsführer Michael Kienzle. Nach dem Vortrag gibt es außerdem noch den SWR-Beitrag "Samias Rettung - Neue Heimat" zu sehen - ein Film über eine junge Jesidin in einem Flüchtlingslager im Nordirak. (19.9.2016)


Demo wie zu besten Zeiten

Stuttgart lebt – wie einst zu den Hochzeiten von S 21. Wie der BUND meldet, waren 40 000 Demonstranten auf den Beinen, um gegen TTIP und CETA zu protestieren. 320 000 seien es insgesamt in sieben deutschen Städten gewesen. Viele Junge dabei, viele Organisatoren, die aufgerufen haben, von Attac über den BUND, Gewerkschaften, Menschenrechtler, Friedensfreunde, Wohlfahrtsverbände bis zu Kirchen. Sogar fünf SPD-Fähnchen waren zu sehen. Und: Die Demo hat endlich mal wieder Laune gemacht. Auch dank Körpa Klauz ("Widerstand muss Spaß machen"), der auf der Bühne den Einheizer gab.

Artikel zu TTIP und CETA in der aktuellen Kontext:

Bundesweite Demos

Die Fronten bröckeln

Stolperstein CETA

Mehr dazu in der kommenden Kontext-Ausgabe.


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Sender ohne Mitgefühl: Der SWR will Anna Hajek und Jörg Brillen nicht mehr haben. Foto: Röttgers

Sender ohne Mitgefühl: Der SWR will Anna Hajek und Jörg Brillen nicht mehr haben. Foto: Röttgers

Ausgabe 162
Medien

Gefeuert, mit den besten Wünschen

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 07.05.2014
Beide hoch gelobt, beide rausgeschmissen. Anna Hajek (47), die Tochter des berühmten Bildhauers, und ihr Mann Jörg Brillen (58) waren dem Südwestrundfunk (SWR) sogar Preise wert. Als Cutterin und Filmemacher. Ein schwerer Autounfall veränderte alles. Jetzt sehen sich die Parteien vor Gericht wieder. Über den Umgang einer öffentlich-rechtlichen Anstalt mit ihren Mitarbeitern.

Die kleine Anna war einst das Hätschelkind des Senders. Zuerst beim SDR, dann beim SWR. Sie trat als Schüler-Reporterin im Hörfunk, als "SDR-Kind" im Fernsehen auf, sprach Hörspiele und war Hauptdarstellerin in der TV-Serie "Schülergeschichten". Das lag zum einen daran, dass sie ein aufgewecktes, hübsches Mädchen war, mit vielen Talenten gesegnet, zum anderen aber auch am Papa. Das war Otto Herbert Hajek, ein berühmter Bildhauer, ein Säulenheiliger des Senders, der seine Betonfassade heute noch mit einem großformatigen Hajek-Wandbild schmückt. Es passe, befand der ehemalige SWR-Intendant Peter Voß (1998–2007), zum Selbstverständnis des Funkhauses: "Modern und vielfältig in den Programmfarben." Voß ging im Hause Hajek ein und aus und sonnte sich in dessen Glanze.

Als sie noch die Hajek-Tochter war: Die Künstlerin 1998 bei der Einweihung ihres Altars in der Renninger St. Bonifatius-Kirche. Neben ihr Weihbischof Johannes Kreidler. Foto: privat
Als sie noch die Hajek-Tochter war: Die Künstlerin 1998 bei der Einweihung ihres Altars in der Renninger St.-Bonifatius-Kirche. Neben ihr Weihbischof Johannes Kreidler.
Foto: privat

Später, als junge Künstlerin, lobte der SWR im "Kulturcafé" die nunmehr erwachsene Anna als bemerkenswert erfolgreiche Stahlbildhauerin. Zwar war Anna Hajek eine begabte Künstlerin, aber so richtig sicher war diese Perspektive auf Dauer nicht. Und so machte sie sich auf, eine neue, zusätzliche Profession zu suchen. Sie wurde, auch ein bildnerisches Handwerk: Cutterin. Mit 34. Und landete im Jahr 2000 beim SWR-Studio in Karlsruhe, genauer bei der Produktionsfirma Leitz, an welche die öffentlich-rechtliche Anstalt die Cutterei ausgelagert hatte. Sie erwies sich als hervorragende Kraft, viel gelobt und geschätzt, und das nicht nur, weil sie zu jeder Tag- und Nachtzeit abrufbar war.

Anna Hajek liegt wochenlang im Koma

Bis zu jenem 31. Oktober 2002. Anna Hajek ist mit ihrer Mutter Katja unterwegs von München nach Freyung im Bayrischen Wald. Es ist Nacht und nass, 23.35 Uhr, ein unbeleuchteter Traktor mit zwei Anhängern quert, aus einem Feldweg kommend, die Straße. Das Auto, ein Volvo – eingequetscht unter einem Hänger. Die beiden Frauen müssen aus dem Auto herausgeschnitten werden. Die Tochter hat lebensbedrohliche Verletzungen, einen mehrfachen Schädelbasisbruch, durchtrennte Gesichts- und Sehnerven, diverse Knochenbrüche, ein stark beschädigtes Auge. Sie liegt wochenlang im Koma. Das Ende einer Bildhauerinnen-Karriere.

Anna Hajek kämpft sich ins Leben zurück. Im September 2003 kehrt sie an ihren Fernseh-Arbeitsplatz in der Karlsruher Kriegsstraße zurück. An Krücken, mit einem schief stehenden Auge, das Erinnerungszentrum im Gehirn ist geschädigt, ihrer Tochter Katharina will sie das Mau-Mau-Spiel erklären, das die damals Achtjährige schon lange kennt. Beigebracht einst von der Mutter. Und dennoch ist die schwerbehinderte Frau die erste Karlsruher Cutterin, die es sich zutraut, mit dem neu eingeführten digitalen Schnittprogramm Avid einen aktuellen Beitrag ins Programm zu bringen. Anna Hajek schneidet fortan Beiträge für die "Tagesschau", für die "Tagesthemen", für das "Nachtmagazin", die "Landesschau" und "Zur Sache Baden-Württemberg", und das Funkhaus bescheinigt ihr "herausragende Qualitäten" für Schnitt und Dramaturgie. Einmal fällt sogar das Wort "Sergio Leone", was in der Sprache der Fernsehleute der Oberhammer ist.

Aber auf den Fluren wird auch getratscht. Warum die Hajek-Tochter diesen Job überhaupt machen müsse, wird gefragt. Wo ihn andere viel nötiger hätten, gerade wenn der Sender an allen Ecken und Enden spare. Und hier kommt ihr Ehemann ins Spiel: Jörg Brillen, 1,96 Meter groß, ein Kerl wie ein Baum. Seit 1991 beim Südwestfunk, danach in der fusionierten Anstalt, ein Fernsehjournalist der alten Schule mit breitem Kreuz, Anspruch und frecher Klappe. Gewiss nicht der Typ pflegeleicht.

Für den Direktor ist Brillens Wochenshow "gequirlte Kacke"

Das Publikum kannte ihn als Moderator der "Revue", einer Wochenshow in der Sendung "Politik Südwest", die heute nicht mehr durchsetzbar wäre und schon damals, Ende der 1990er-Jahre, aus dem Programm gefallen schien. Die aufs Korn genommenen Herren Teufel & Co. waren gar nicht amüsiert und ihre televisionären Statthalter auch nicht, was sich in dem Urteil des Landessenderdirektors Willy Steul niederschlug. Die "gequirlte Kacke" müsse weg, befand der CDU-Freund (und heutige Intendant des Deutschlandradios), und der unbotmäßige Moderator gleich mit. Den Job erledigte Steuls Kumpel Jörg Brüggemann, einer der vielen Abteilungsleiter, schwarz wie die Nacht dunkel und mit Cowboystiefeln auf dem Tisch. Es sei allgemein von Vorteil, eine politische Heimat zu haben, ließ er Brillen wissen und schickte ihn zum Jahrtausendwechsel ins SWR-Studio nach Mannheim.

Jörg Brillen: Aus dem Kämpfer wurde ein Kranker.
Foto: Röttgers

Nach einem zweijährigen Zwischenspiel landete der Zwangsversetzte ebenfalls in Karlsruhe, eingezäunt von Beiträgen zur Spargel-, Erdbeer- und Zwetschgensaison. Der einst als einer der besten SWR-Filmemacher Gepriesene fand das nicht so aufregend und war dennoch geschätzt von den Planern in der Stuttgarter Zentrale, die sich durch ihn gelegentlich an ihre journalistischen Wurzeln erinnert fühlten. Allerdings geriet Brillen durchaus auch mit dem Hausgesicht, dem Rechtsexperten Karl-Dieter Möller, aneinander. Doch statt sich mit dem Brocken Brillen anzulegen, verlegte sich Fernsehmann Möller auf dessen Frau Anna – ein leichtes Opfer, ein Krüppel, wie hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Ein nur vermeintlich leichtes Opfer, denn der Redakteur Brillen stellte sich vor seine Frau – und Möller in den Weg. Damit hatte sich Brillen in etwas eingemischt, was nicht zu seinen originären Aufgaben gehörte: in die Cutterei.

Nun ist das Schneiden von Filmen beim Fernsehen keine nachrangige Tätigkeit. Hier wird das Rohmaterial zusammen mit den Redakteuren gesichtet, die Dramaturgie von Bild und Ton festgelegt, mit Grafiken und Infotexten gearbeitet und am Ende überspielt, wofür oft starke Nerven nötig sind, wenn die Studiouhr tickt. Für den SWR schien die Cutterei nicht so wichtig. In Karlsruhe waren dafür Fremdfirmen zuständig, auf deren Lohnlisten das Schnittpersonal stand – zu Bedingungen, die man aus dieser Branche kennt. Kein Kündigungsschutz, keine Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld, aber jederzeit Bereitschaft, 365 Tage im Jahr. Brillen nannte das öffentlich-rechtliche "Lohnsklaverei", gestützt vom Personalrat, der solche ungesicherten Arbeitsverhältnisse im gesamten Sender zunehmen sieht.

Filme zu Castoren, NATO und Neonazis – alles hoch gelobt

Den Hierarchen hat das zwar nicht gefallen. Doch um Ruhe in den Karton zu kriegen, haben sie Brillen seine Frau Anna zur Seite gestellt, als quasi exklusive Cutterin, und aus Rücksichtnahme, so hieß es, auf ihre angegriffene Gesundheit. Fortan schnitt sie für ihren Mann, rund um die Uhr beim Straßburger NATO-Gipfel, bei Castortransporten, bei Recherchen zu Neonaziumtrieben in Rastatt und nächtens, wenn es auf der Autobahn mehrere Tote gegeben hatte. Offenbar zu aller Zufriedenheit: Jedes Jahr waren Beiträge, die von ihr geschnitten wurden, unter den nominierten für den Preis der aktuellen SWR-Fernsehnachrichten.

Doch plötzlich war alles anders. Denn seit 2013 lässt der SWR seine Cutterei im Karlsruher SWR-Studio von einer neuen Leiharbeitsfirma bedienen. Arbeitsbedingungen wie gehabt – mit dem kleinen Unterschied, dass Anna Hajek nicht mehr auf der Lohnliste stand. Aus der kleinen Anna, einst Hätschelkind des Senders, war von einem Tag auf den anderen eine arbeitslose Anna geworden. Ohne Einkommen, ohne Sozialversicherung, ohne ein Wort.

Anna Hajek: Ihre Kunst – Vergangenheit. Aber wo ist die Zukunft? Foto: Röttgers
Anna Hajek: Ihre Kunst – Vergangenheit. Aber wo ist die Zukunft?
Foto: Röttgers

Ihre Leistungen genügten "professionellen Ansprüchen nicht in ausreichendem Maße", befand der Sender Monate später und reagierte damit auf eine Kündigungsschutz-Klage seiner Mitarbeiterin, die sich kalt abserviert fühlt – ohne dass auch nur mit ihr darüber gesprochen wurde. Mehr noch: In der juristischen Auseinandersetzung mutierten das einstige Hätschelkind des Senders und dessen hoch gelobter Redakteurs-Ehemann plötzlich zu einem Selbstbedienungsladen, im Juristendeutsch "kollusives Zusammenwirken" genannt. Soll heißen: Der Gatte habe seiner Gattin Aufträge zugeschanzt, um das Familieneinkommen zu mehren. Wie das zugegangen sein soll, bleibt des SWR Geheimnis. Zum einen verfügte Brillen nie über einen Etat, zum andern wurden alle Schnittbuchungen von seinen Vorgesetzten disponiert.

Aus dem Kämpfer Brillen wurde darüber ein kranker Brillen. Wund von den ständigen Attacken gegen sich und seine Frau, bedroht durch den Entzug der wirtschaftlichen Existenz der Familie, schlaflos durch die unbeantwortete Frage nach dem Warum. Seit November 2012 ist er in therapeutischer Behandlung, der Psychiater diagnostiziert eine schwere Erschöpfungsdepression und schreibt ihn krank. Brillen bittet seine Abteilungsleiter in Karlsruhe und Stuttgart, ihm eine andere Arbeit innerhalb der Landessenderdirektion zuzuweisen – und hört monatelang nichts.

Die Chronologie einer sogenannten Wiedereingliederung

Erst am 4. Juli 2013 kommt es zu einem offiziellen Gespräch im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM), das ergebnislos verläuft, weil über eine alternative Beschäftigung offenbar nicht nachgedacht wurde. Zwei Monate später soll ein zweites BEM-Gespräch stattfinden. Es wird kurzfristig abgesagt.

Am 10. September 2013 schreibt Brillen an SWR-Intendant Peter Boudgoust. Er schildert ihm den Fall seiner Frau – und vermerkt, dass es einem öffentlich-rechtlichen Sender schlecht anstehe, eine körperlich gehandicapte und verdiente Mitarbeiterin auf "so schäbige Weise" behandeln zu lassen. Dieses Verhalten würden sie nicht länger klaglos dulden.

Am 10. Oktober 2013 antwortet Boudgoust dem "lieben Herrn Brillen", dass er die "sehr belastende Situation" nachvollziehen könne und hoffe, dass bei seiner Frau "noch Aussicht auf eine vollständige Genesung" bestehe. Er könne allerdings bei den agierenden Kolleginnen und Kollegen "keine schuldhaften Versäumnisse" erkennen. Zudem sei Anna Hajek ja nie "direkte Mitarbeiterin" des SWR gewesen und habe deshalb – "so sehr ich das auch bedauere" – keinen Anspruch auf Beschäftigung bei der Anstalt. Für die Zukunft wünsche er "alles erdenklich Gute".

Immer noch schmückt der SWR sein Stuttgarter Foyer mit Hajek-Erinnerungsstücken. Foto: privat
Immer noch schmückt der SWR sein Stuttgarter Foyer mit Hajek-Erinnerungsstücken.
Foto: privat

Am 29. Oktober 2013 ist Brillen zum nächsten BEM-Gespräch geladen. Dort ist das Klima plötzlich spürbar frostiger. Dem Redakteur wird jetzt erklärt, es gebe keine Beschäftigungsalternative, eine Wiedereingliederung sei nur in Karlsruhe möglich. Die zweitgrößte Anstalt in der ARD weist 3650 Planstellen aus. 

Am 11. März 2014 erreicht Brillen ein Einwurfeinschreiben der SWR-Personalabteilung. Statt einen neuen Job in Aussicht zu stellen, teilt deren Chef, Thomas Schelberg, nun mit, dass man sein Beschäftigungsverhältnis nach 23 Jahren aufkündige. Er bedauere, ihm diese "Beendigungsmitteilung" machen zu müssen, danke für die "erbrachten Dienste" und wünsche für die Zukunft "alles Gute". Der Textumfang beträgt sieben Zeilen, eine Begründung fehlt. Kein Wort zu Anna Hajek.

Am 7. April 2014 schreibt der Stuttgarter SWR-Personalrat an Personalchef Schelberg. Er will wissen, warum er nicht, wie es Gesetz und Recht vorsehen, in den Fall Brillen mit einbezogen wurde. Für die Arbeitnehmervertreter ist die Kündigung damit rechtsunwirksam. Laut Tarifvertrag können freie Mitarbeiter, die mehr als 15 Dienstjahre auf dem Buckel haben und über 55 Jahre alt sind, nur aus "wichtigem Grund" gekündigt werden. Von geklauten silbernen Löffeln haben sie aber bisher nichts gehört.

Der SWR-Personalchef sagt, es sei eine "missliche Situation"

Auf Anfrage von Kontext erläutert Schelberg den Vorgang. Es sei, räumt er ein, eine "missliche Situation". Und das mit der "Beendigungsmitteilung" sei ein bloßes Versehen gewesen. Schließlich habe der Mitarbeiter Brillen seine Rahmenvereinbarung, die seinen Status als fester Freier regelt, nicht unterschrieben. Das hätte er, wie früher auch, alle zwei Jahre, bis zum Jahresende 2013 tun müssen. Brillen sagt, der Vertrag sei nie bei ihm angekommen. Wenn das so sei, sagt Schelberg dazu trocken, dann hätte Brillen das a) monieren müssen und b) sich nicht weigern dürfen, wieder in Karlsruhe anzutreten, was wiederum Brillen bestreitet, gesagt zu haben. Zu Anna Hajek sagt er, sie sei kein Fall für den SWR, ihr Ausscheiden hänge schlicht mit dem Wechsel der Produktionsfirma zusammen. Und was ihren Ehemann anbelange, müsse man eben sehen, dass dessen Stärke offensichtlich in längeren Features liege. Dafür sei aber im Programm immer weniger Platz. Wo also sparen, wenn überall gespart werden müsse? Die Antwort: siehe oben.

Und so endet die Geschichte mit einem Happy End – für den Sender: zwei Mitarbeiter weniger, wieder ein Sparziel erreicht. Und für die Zukunft alles Gute.

PS: Die Klage Anna Hajeks gegen den SWR wird am Freitag, 9. Mai, am Arbeitsgericht Karlsruhe verhandelt.

Update 9. Mai 2014, 21.30 Uhr
Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Karlsruhe

Überraschend schnelle Einigung mit dem Südwestrundfunk (SWR): Anna Hajek und Jörg Brillen akzeptierten ein Abfindungs-Angebot der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Brillen willigte "unter Protest" ein. Er habe nicht mehr die Kraft, begründete er den Schritt vor dem Arbeitsgericht Karlsruhe, sich mit dem SWR auf einen längeren Rechtsstreit einzulassen. Er wolle seinen Frieden haben.


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Kommentare

Stuttgarter Mensch, 05.01.2015 23:35
Das Rechtssystem ist völlig ungeeignet, wenn die Rechtsanwender
ungeeignet sind. Die Ungeeignetheit setzt die Ausbildung
zur Ungeignetheit voraus.
Bildungsauftrag ? Schon lange nicht mehr so gelacht.
Früher Telekolleg, heute Kochsendungen, friss oder stirb.
Verständlich, wenn die Opfer die Kraft zur Gegenwehr verlieren.
Das hat System.

Monika Koch, 15.06.2014 15:14
Vielen Dank für diesen interessanten Bericht. Unabhängig von den beiden betroffenen Personen geht es um viele Fakten, die die heutige BRD beschreiben.
Zum Beispiel das BEM - auf dem Papier eine hübsche Idee. In Wirklichkeit jederzeit aushebelbar, wenn der Personalchef es torpediert.

Zum Beispiel die Strategie der Psycho-Branche - wer gemobbt wird, soll "zu seinem eigenen besten" aufgeben. Auf diese Weise hören die Mobbenden natürlich nie auf, sondern werden, ganz im Gegenteil, zu immer rücksichtsloserem Treiben ermutigt.

Zum Beispiel die fehlenden Möglichkeiten, gegen Unrecht einzuschreiten - was haben wir nicht alles an papierenen Beschwerdestellen, nur leider wird man dort lediglich routiniert abgefertigt. Das erste Urteil wird nachgeplappert. Charakter, gegen Mißstände einzuschreiten, haben nur noch wenige. Logisch, denn es bringt bloß Ärger, und den solllen wir gemäß Psycho-Rat zugunsten unseres persönlichen Wohlbefindens vermeiden.

Es wundert mich nun nicht mehr, daß ich vom Hörfunkrat des DRadio ignoriert und inzwischen auch abgewatscht werde, siehe Veröffentlichung https://plus.google.com/u/0/100278357741564892406/posts/Ey81jjbrXPP und https://plus.google.com/u/0/100278357741564892406/posts/XThgdt64P8t
Der Deutschlandfunk ist für mich erledigt, denn er beschimpft seit Monaten die Hörerschaft wegen anderer Meinung und überschwemmt mit nationalistischer Kalter-Krieg-Rhtorik.

Nur leider, welchen Sender soll ich nun hören?!? SWR schon vorher nicht, denn der ist mir viel zu seicht. Fernsehen hab ich sowieso nicht, aus Überzeugung, ich will keine Menschen anglotzen. Empfangen kann ich noch den Bayerischen, Schweizer und Vorarlberger Rundfunk.

Warum gibt es für die Zwangsfinanzierung von monatlich knapp zwanzig Euro nicht wenigstens EINEN qualitativ hochwertigen, kritisch hinschauenden, sachlich über sämtliches Unrecht berichtenden, echten Radiosender?
Ach, wären die Deutschen in ihrer Mehrheit nur nicht solche Opportunisten!

T. Neuhaus, 13.05.2014 10:24
Was auch immer da im Hintergrund gelaufen sein mag - folgende Sätze sind entlarvernd:

"Und was ihren Ehemann anbelange, müsse man eben sehen, dass dessen Stärke offensichtlich in längeren Features liege. Dafür sei aber im Programm immer weniger Platz."

Aha - aber den ganzen Tag über eine billige, anspruchslose Soap nach der anderen zu senden, im Wechsel mit Geschichten aus dem Zoo und Kochsendungen mit Gartentipsbeilage - dafür ist Platz. Und abends bringt man dann halt noch Helene Fischer Konzerte und "Hannes und der Bürgermeister" .

Das was der SWR hier seit Jahren für ein beschissenes, verdummendes Programnn abliefert ist schlicht eine Unverschämtheit. Und einem früheren Kontextartikel zufolge schaut es trotzdem kaum jemand - die zweitgrößte Sendeanstalt der ARD bekommt zig Millionen für ein Programnn, das den Namen nicht verdient. Der denkende Bürger ist schon lange nicht mehr gefragt in diesem Sender.

Jörg Krauß, 09.05.2014 18:20
Sagt euch der Begriff "Beweislastumkehr" irgend etwas? Früher durfte z.B. der SDR uns immer davon überzeugen/beweisen, das hier ein qualitativ hochwertiges Radio- und Fernsehprogramm entsteht, für das liebend gerne Gebühren zu zahlen wären. Es war noch einigermassen möglich (Stichwort Freiheit!), nicht zu sehen, nicht zu hören und deshalb auch nicht zu zahlen. Heute ist der digitalisierte Mensch dem Versuch der Beweislastumkehr staatsvertraglich anheimgefallen, der Anstalt zu erklären, das er das Gesendete nur noch bedingt für Qualität hält und deswegen keine "Haushaltsabgabe" mehr zu zahlen bereit ist. Nur, anscheinend gibt es aus dieser äusserst perfide und geschickt eingefädelten Volldigitalisierung kein unbezahltes Entrinnen mehr. Digitale Sippenhaft? Auch hier bezahlen wir für unsere sukzessive Entsendung in die Abulie (Willenlosigkeit, Unentschlossenheit). Wer sich den Persilschein aus der Politik holt, um auf Einwohnermeldeämtern seinen zahlenden Kundenstamm zu generieren und auf 100% zu optimieren ist keinen Deut besser als Goozon, Amagle, Fakelook oder ähnliche Konzerne, die Subventionen einstreichen, dafür untertariflich zahlen und im operativen Geschäft Tausende von Angestellten im eingeführten Einzelhandel vor Ort ähnlich den Arbeitsagenturen, Jobcentern und der Unterbezahlung zuzutreiben wie weiland in der Druckvorstufe- und Werbeindustrie ab den 90ern. Interessant hierbei beim SWR zumindest aus meiner Sicht die Zusammenlegung SWF und SDR, der dann langjährige Sparzwang dieser neuen Anstalt, der zu einer massiven Vermainstreamung zumindest " from 9 to 5" geführt hat, angereichert mit Werbung und immergleichen Nachrichtenfetzen.
Dank an Herrn Freudenreich für diesen Artikel und Frau Hajek und Herrn Brillen wünsche ich alles Gute und wenn es dann mangels Arbeitsalternativen knietief in den Dispo geht, bin ich gerne bereit zu fragen, kann ich etwas für euch tun?

Arbeitnehmer, 09.05.2014 09:45
das was hier an Kommentaren geschrieben wird, ist alles viel zu harmlos für das was sich der SWR hier stellvertretend für die überwiegende Zahl der Arbeitgeber (insbesondere Konzernen) in Deutschland an Verachtung und Niedertracht gegenüber abhängig Beschäftigten leistet bzw. gedekt durch bürgerliche Politik leisten darf.
Es ist ein gutes Beispiel dafür wohin Geldgier, Lobbyismus (hier u.a. die hausinterne politische Linie), Verantwortungslosigkeit, Egoismus, Selbstgefälligkeit etc. etc. führen bzw. welche Menschen verachtenden und zerstörerischen Kräfte entfaltet werden.
Freier unabhängiger Journalismus, soziale Verantwortung, Maß halten, etc.etc. - es war einmal....!

G.Brabbel, 08.05.2014 16:26
Womit wieder mal bewiesen wäre, dass sich
Arbeitseinsatz,
Treue zum Arbeitgeber,
Engagement für den AG
letztlich nicht lohnen.
Traurig, traurig.

Torsten Fuchs, 08.05.2014 15:29
Vermutlich wird das AG der Klage aus formalen Gründen stattgeben, weil der Personalrat nicht angehört wurde. Dann wird sich ein anderer Grund "finden". Ich kenne Fälle, wo langjährige Mitarbeiter denunziert und kriminalisiert wurden, damit diese Statusklagen nicht gewinnen.

Tillupp, 08.05.2014 15:21
Wenn i des her, goht mo's Messer en da Dasch uf.
Bitte dran bleiben an diesem Verfahren

Jeera Rabulski, 08.05.2014 15:15
Müßte ein Personalchef nicht c) nachfragen, wenn ein langjähriger Mitarbeiter die angeblich an ihn adressierte Vereinbarung zur Verlängerung des Vertragsverhältnisses nicht unterschrieben zurückschickt?

Ist den Herren Personalchefs d) eigentlich kein Argument zu billig und kein Statement zu peinlich?

andreas Kerstan, 07.05.2014 17:24
Hallo,

ob das gerechtfertigt ist oder nicht, darüber kann ich nicht urteilen. Den Zusammenhang zwischen der Produktionsfirma und dem SWR und die daraus resultierende Verantwortung durch den Sender. Wenn ich mein nächstes Auto nicht bei Mercedes sondern bei BMW kaufe, bin ich ja auch nicht für die Daimler-Benz-Personalpolitik zuständig.

Was ich aber sagen muß: eine wahnsinnig stark geschriebene Geschichte, die mich von der ersten bis zur letzten Zeile gefesselt hat und die mir häufig ein genaues Bild von den handelnden Personen vermittelt hat. RESPEKT für den Autor!

Hartmut Bernecker, 07.05.2014 16:50
Gefeuert, mit den besten Wünschen

Wie soll der SWR kritisch über soziale Miss-Stände berichten, wenn er selbst nach Gutsherrnart (vielleicht tut man den Gutsherren Unrecht?) so mit seinen Mitarbeitern umgeht. Der schwarze Filz ist übel.

FernDerHeimat, 07.05.2014 13:52
@SoIsses:

Am schlimmsten finde ich ja, wenn auf den Privatsendern (aber auch anderswo) ausgerechnet die schlimmsten Soziopathen, Gierhälse und Menschenverächter aus dem Management als "Vorbilder" verehrt werden.

Und wir hier mit unseren Problemen gefälligst den Mund halten sollen, weil's woanders Menschen ja noch viel schlechter ginge.

Eine ganz miese propagandistische Masche.

SoIsses, 07.05.2014 12:26
Stimme FernDerHeimat zu. Die "Schwachen" sollen sogar mit den "Starken" solidarisch sein, damit diese ihre Ziele erreichen. Sonst bricht uns das System zusamm' - Zitat Georg Ringsgwandl- http://www.youtube.com/watch?v=lUu8gnHtSkc - Wos is' mit de Leit los?

FernDerHeimat, 07.05.2014 09:47
Das Untertanenfernsehen soll gefälligst das Volk unten halten. Anspruch und Preise für guten Journalismus schmücken zwar, aber der Schwarzfunk steht immer vorrangig unter der Kuratel seiner Herren und Meister aus Partei und Politik.

Und für die sind auch die späten Sendeplätze einfach nicht mehr spät genug. (Mal schauen, wann das ZDF sein kabarettistisches Placebo "Die Anstalt" wieder kippt.)

Die "Sparkeule" ist nur das besondes scheinheilige Totschlägerargument, mit dem man auch soziale Standards und jeden Rest an Menschlichkeit aus dieser Gesellschaft heraus-subtrahieren kann.

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Ausgabe 287 / Holy Hooligans / Zaininger, 29.09.2016 00:29
Danke für den Bericht. Da weiß man doch wenigstens, was für Armeen von Betern und Knalltüten auf Gottes Acker so unterwegs sind und sich für allerlei Unsinn erwecken lassen.

Ausgabe 287 / Gefährliche Toleranz / sahofman, 28.09.2016 20:58
Ich kann dem Kommentator E-F Harmsen nur zustimmen. Als Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings habe ich deshalb die große Sorge, dass sich die gleiche Situation anbahnt wie 1933 - die Bilder gleichen sich zu sehr!

Ausgabe 178 / Politsekte unbeobachtet / Ansgar, 28.09.2016 18:47
Die waren ja sogar den Nazis zu krude und darum ironischerweise auch NS-verfolgt. Nun ist Religion eine heikle Sache. Die Frage ist, welche Gefahr heute von dieser Sekte ausgeht.

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