KONTEXT Extra:
Beschwerde beim Presserat gegen den "Südkurier"

Die rassistischen und fremdenfeindlichen Kommentare, die der Konstanzer "Südkurier" in der Vergangenheit veröffentlicht hat, haben ein Nachspiel. Der Journalist Holger Reile, der das Online-Magazin "seemoz" herausgibt, hat Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht. Über Monate hinweg habe die Zeitung auf ihren Online-Seiten Kommentare der "übelsten Art" zugelassen, schreibt Reile. Darunter einen, der im Anschluss an eine CSD-Veranstaltung gefordert hatte: "Schwule gehören vergast". Er wurde erst später gelöscht. Nach den Berichten in der "seemoz" und den Beschwerden vieler LeserInnen habe, so Reile, die Lokalzeitung die schlimmsten Äußerungen "anonymer Hassprediger" entfernt. Der "Südkurier" hat eine Netiquette, die besagt, dass Verstöße gegen deren Regeln eine Löschung von Kommentaren nach sich zieht.


Sammelabschiebung: Busfahrer im Thor Steinar T-Shirt

Der Baden-Airport war wieder gut abgeschirmter Ort für eine Sammelabschiebung. Am Montag, den 24. August, wurden 75 Personen "rückgeführt", wie es im Sprachgebrauch des Karlsruher Regierungspräsidiums heißt. Es handelte sich dabei mehrheitlich um Roma, darunter fast die Hälfte Kinder und Jugendliche, die nach Belgrad (37) und Skopje (38) verfrachtet wurden. Bis auf sechs Personen waren alle in Baden-Württemberg ansässig. Besonders empört zeigt sich das Freiburger Forum "Aktiv gegen Ausgrenzung" über den Fahrer des Busses, der die Flüchtlinge zum Flughafen brachte. Er trug ein Thor Steinar T-Shirt, eine Marke, die ein Erkennungszeichen rechtsextremer Kreise ist. Auf Kontext-Nachfrage betonte ein Sprecher des Regierungspräsidiums, dass dies "nicht tolerierbar" sei. Das Busunternehmen Eberhardt habe zugesagt, seine Fahrer ab sofort per Dienstanweisung zu neutraler Kleidung zu verpflichten. Der Fahrer ist laut Auskunft der Pforzheimer Firma inzwischen fristlos gekündigt.


Es war ein Wolf

M 53 war sein Name, bevor den nach Ewigkeiten ersten Wolf in Baden-Württemberg im Juni ein Auto auf der Autobahn bei Lahr dahinraffte (Kontext berichtete). Zwar ziemlich aber nicht zu tausend Prozent sicher war bis heute, ob es sich tatsächlich um einen Wolf gehandelt hat oder doch nur um einen promenadigen Hundemischling. Die Senckenberger Gesellschaft für Naturforschung in Gelnhausen bestätigt jetzt hochoffiziell: jawoll, es war ein Wolf! Reinrassig, aus den Alpen. Genauer aus dem Calandagebiet bei Chur, hat die Uni Lausanne ergänzend festgestellt. Geboren im Frühling 2014, keine Krankheiten, 30 Kilo schwer und ziemlich fit: Luftlinie 200 Kilometer liegen zwischen seinem Rest-Rudel und der Lahrer Autobahn. Tja. Wie Brigitte Dahlbender in Kontext sagt: "Das Bekenntnis zum Auto ist falsch". Wir plädieren jedenfalls für mehr Fahrräder. Auch zum Wohle des Wolfs.


Baugenehmigung für Stuttgart 21 hinfällig?

Stuttgart 21 beschäftigt wieder die Justiz. Nach Kontext-Informationen ging am vergangenen Montag eine Klage gegen die Baugenehmigung für den Tiefbahnhof beim Verwaltungsgericht Stuttgart ein. Die Planfeststellung sei hinfällig, da die extreme Gleisneigung im neuen Bahnhof gegen alle Regeln der Technik verstoße und ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstelle, so der Kläger Sven Andersen, ein früherer Bahn-Manager. Erst vor kurzem hatte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken bestätigt, dass in Deutschland weitaus mehr Züge unbeabsichtigt wegrollen als bislang bekannt. Die meisten in Köln, wo die schiefe Ebene weit unter der in Stuttgart geplanten liegt. Das Verwaltungsgericht prüft derzeit die Klage auf Zulässigkeit, wahrscheinlich ist, dass es sie an den Verwaltungsgerichtshof weiterleitet.


Siehe da: In Meßstetten ist Bewegung

Nach dem öffentlichen Druck bewegt sich auch die Meßstettener Lokalpolitik. Während  Bürgermeister Lothar Mennig versucht, sich der Medienanfragen zu erwehren („ich warte nur noch auf das ZDF“), sagt auch der Vorsitzende der Freien Wähler zum ersten Mal etwas. „Wir wollen hier prinzipiell keine NPD“, teilt Tarzisius Eichenlaub mit, allerdings wisse er nicht, „was wir tun sollen“.  Der SPD-Kreisverband Zollernalb weiß das inzwischen. Er ruft seine Mitglieder auf, am Samstag, 15. August, um 15:00 Uhr, auf die Straße in Meßstetten  zu gehen, um ein „Zeichen gegen Rechts“ zu setzen. Auf Landesebene wird bisher nur von der Linken zum Kommen aufgefordert. Geschäftsführer Bernhard Strasdeit appelliert an die Landesregierung, den Landkreis und die Kommune, den Verkauf der Gaststätte Waldhorn an die NPD mit „allen politischen und rechtlichen Mitteln“ zu unterbinden. Getragen wird die Kundgebung von dem Bündnis „Keine Basis der NPD“. Ihr Aufruf ist in dem Artikel „NPD-Zentrale auf der Zollernalb" verlinkt.


Amselfreier August? Keine Angst, sagt der Nabu

Wer sich wundert, warum er so wenig Amseln in seinem Garten sieht, der wird jetzt vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beruhigt. Das sei ganz normal, sagt der Vogelexperte Stefan Bosch, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens ist die Paarungszeit vorbei, das Brutgeschäft erledigt. Zweitens flammen die Aktivitäten erst im September wieder auf, wenn neue Reviere gegründet werden. Drittens fehlen die Regenwürmer, die sich bei der Hitze verständlicherweise tiefer in den Boden graben. Viertens sind die Beerensträucher abgeerntet und die Amseln deshalb am Waldrand oder Bach. Aus allen vier Gründen will der Nabu "Entwarnung" geben, nachdem ihn doch viele besorgte Anrufe aus der Bevölkerung erreicht haben.


Mediendienst Kress: Aus für "Sonntag Aktuell" zum März 2016

Das Sterben dauert schon viele Jahre. Nun haben die Gesellschafter von "Sonntag Aktuell" beschlossen, das Dahinsiechen zu beenden. Wie der Mediendienst Kress heute Freitag (7. August) berichtet, wird das Blatt zum 31. März 2016 eingestellt. Wieder ein bisschen weniger Meinungsvielfalt in der deutschen Presselandschaft. Was aber nicht weiter auffällt, weil das Totsparen schon mit der Entlassung einer eigenständigen Redaktion vor fünf Jahren begonnen hat. Als Trostpflaster für AbonnentInnen ist weiterhin eine Erweiterung der Samstagsausgabe von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten und anderer Regionalblätter geplant (Kontext berichtete). In der Marktforschung aber komme das neue Produkt, so Kress, bisher noch nicht an, das damit betraute Team müsse nacharbeiten.

Betroffen vom Aus der Sonntagszeitung, die einmal über eine Million Auflage hatte und inzwischen auf die Hälfte geschrumpft ist, sind bis zu 4000 ZustellerInnen. Erste Kündigungen sollen laut Kress schon in den kommenden Wochen ausgesprochen werden. Betroffen sind aber auch DruckerInnen und JournalistInnen der "Stuttgarter Nachrichten", deren Chefredakteur Christoph Reisinger "Sonntag Aktuell" verantwortet. Im Gespräch mit Kress klagte ein Gesellschafter: "Wir geben "Sonntag Aktuell" für die "Süddeutsche Zeitung" auf. Ich hoffe, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben."


Aus dem Parkschützer von Herrmann wird ein Linker

Ganz so schlimm, wie zu den Hochzeiten des S-21-Protests, wird's bei der Linken nicht kommen. Damals hing Matthias von Herrmann von früh bis spät am Handy, um den Journalisten zu erläutern, wie es um den Bahnhof und die Bäume steht. In stets "verbalradikaler" Tonlage, wie die FAZ vermerkte, obwohl der "ewige Sprecher der Parkschützer" (SZ) gar nicht radikal aussah. Eher wie ein Oberprimaner, der sich auf das Studium der Volkswirtschaftslehre freut, was er dann auch absolviert hat. Das hat seiner Berühmtheit aber keinen Abbruch getan.

Wie bekannt, hat sich die Sache mit dem Protest etwas beruhigt, weswegen es dem 42-Jährigen nicht zu verübeln ist, wenn er einen neuen Wirkungskreis sucht. Den hat er jetzt beim Landesverband der Linken gefunden, für den er ab sofort die Pressearbeit übernimmt. Unter Beibehaltung seines Ehrenamtes bei den Parkschützern, was sich inhaltlich nicht beißt. Die Redaktionen dürfen sich somit über noch mehr Post freuen, die der Kampagnenerfahrene mit hoher Schlagzahl ausschickt. Auch Parteichef Bernd Riexinger ist beglückt, weil er in von Herrmann eine Bereicherung seines Wahlkampfteams "in toller Weise" sieht. Und wenn selbst Ur-Protestler Gangolf Stocker, der den Parkschützer Nummer 190 nicht ausstehen konnte, dessen mediale Fähigkeiten rühmt, wird die Linke bald in aller Munde sein.


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"Natürlich ist radikale Kritik nötig"

Von Susanne Stiefel (Interview)

Die Intensität der Kritik hat Wolfgang Storz überrascht. Keineswegs wolle er mit seiner Arbeit über das Netzwerk "Querfront" eine linke Gegenöffentlichkeit wie etwa die "Nachdenkseiten" politisch denunzieren, sagt der Ex-Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau" im Kontext-Interview.

23 Kommentare

"Die hohe Schule der Manipulation"

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)

Grobe Geschütze fährt Albrecht Müller gegen die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) und ihren Autor Wolfgang Storz auf. Beide stützten einen neoliberale Politik und verteufelten alle, die sie zur Gegenöffentlichkeit zählten, sagt der Herausgeber der "Nachdenkseiten" im Kontext-Interview. Er sei aber keineswegs verbittert.

19 Kommentare

Lustige Prolls

Von Rupert Koppold

Der Regisseur Markus Sehr hat mit "Die Kleinen und die Bösen" eine Gaunerkomödie inszeniert – und sich dabei vergriffen, meint der Kontext-Filmkritiker.

Flucht ins Chaos

Von Johanna Henkel-Waidhofer

Die Situation der Flüchtlinge im Land spitzt sich immer weiter zu. Alle Erstaufnahmestellen sind überfüllt, Ausweichquartier Mangelware. Und den größten Teil der politisch Zuständigen eint nur eins: die Schuld zuerst bei anderen zu suchen, anstatt endlich eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen.

4 Kommentare

Kampf gegen die Gemeinschaftsschule

Von Johanna Henkel-Waidhofer

Die Gegner der Gemeinschaftsschule im Südwesten ziehen seit drei Jahren viele Register. Neuerdings wird sogar mit wichtigen Medien über Bande gespielt: Die FAZ präsentiert eine kritische Studie, die gar keine ist. Und selbstreferenzielle Gefälligkeitsberichterstattung liefert der Opposition immer neue Steilvorlagen für ihre Angriffe auf die Landesregierung.

5 Kommentare

Heimat ist das Land der Kindheit

Von Erhard Eppler

Erhard Eppler, der Grandseigneur der SPD, lebt mit seiner Frau in Schwäbisch Hall. Wieder, denn dort ist er aufgewachsen. In einem Brief an Lisa, verfasst 1994, beschreibt er, wie diese Stadt zu ihm spricht. Teil vier der literarischen Sommerreise.

Wo Despina Kult ist

Von Susanne Stiefel

Auf ihre griechisch-orthodoxe Kirche mitten im Ort sind sie stolz. Doch derzeit diskutieren die Waiblinger Griechen andere Glaubenssätze wie Schuldenschnitt, Rettungspaket, Grexit oder den Vorwurf, sie alle seien faul. Ganz gleich, ob sie sich in der Änderungsschneiderei, zum Zocken im Ochsen oder im Gemeindezentrum treffen.

Doktor besiegt Wunderläufer

Von Holger Reile

Die deutschen Leichtathleten sorgten bei der WM in China für die beste Bilanz seit 1999. Unser Autor geht noch weiter zurück und erinnert an den Juristen und Mittelstreckenläufer Otto Peltzer, der 1926 den Wunderläufer Nurmi besiegte. Er wurde von den Nazis verfolgt und im Nachkriegsdeutschland kaltgestellt.

Top 5 im August

Von unserer Redaktion

"Das Leid der 1000 Frauen" war der meistgelesene Text im August. Auch unsere Berichterstattung über die NPD in Meßstetten fand große Beachtung und das baldige Aus für das Café Stella. Für Aufregung sorgte vor allem das Editorial der vergangenen Woche.

Schmuddel statt Schmuck

Von Dietrich Heißenbüttel Fotos: Joachim E. Röttgers

Das Leonhardsviertel, Stuttgarts einziges komplett erhaltenes Altstadtquartier, könnte ein Schmuckstück sein. Doch es ist zur Schmuddelecke verkommen. Nun geht die Stadt gegen illegale Bordelle vor. Doch sie hat selbst zum Verfall beigetragen.

1 Kommentar

Letzte Kommentare:

Ausgabe 231 / "Natürlich ist radikale Kritik nötig" / doctorwho, 04.09.2015 15:17
@Anja Böttcher, 04.09.2015 01:45 auch meinen besten dank , frau böttcher

Ausgabe 231 / "Natürlich ist radikale Kritik nötig" / Schwabe, 04.09.2015 14:37
@Anja Böttcher Vielen Dank für Ihren hervorragenden und aufklärenden Kommentar!

Ausgabe 231 / "Natürlich ist radikale Kritik nötig" / doctorwho, 04.09.2015 14:35
hier noch stellvertretend zwei reaktionen aus dem mainstream : > http://www.berliner-zeitung.de/politik/studie-der-otto-brenner-stiftung-zur--querfront--was-pegida-fans-und-anhaenger-der-linkspartei-verbindet,10808018,31469374.html >...

Ausgabe 231 / "Die hohe Schule der Manipulation" / Schwabe, 04.09.2015 14:35
@Christian Bader für mich sind Sie ein Scheinheiliger!

Ausgabe 231 / Mauern einreißen / Hartmut Waldbauer, 04.09.2015 13:08
Ich muss leider noch einen Disclaimer/Warnhinweis zu meinem Beitrag schreiben: 1. Ich bin nicht Ken Jebsen. Mir fiel aber auf, dass ich sehr Ähnliches wie er behauptet habe. Ich habe auch seinen Betrag gesehen, bin sicher beeinflusst,...

Ausgabe 231 / "Natürlich ist radikale Kritik nötig" / doctorwho, 04.09.2015 12:53
"invinoveritas, 04.09.2015 10:52 Die Borniertheit und die Wahnvorstellungen, die ideologische Konfusion und die methodische Unbedarftheit, die sich hier mal wieder ungehemmt austoben, sind beeindruckend. " richtig . das kann man mit...

Ausgabe 231 / Mauern einreißen / doctorwho, 04.09.2015 12:47
danke frau rath , für ihre beiträge . auch hier sei nochmals auf die notwendigkeit einer alternative zu den laut herrn storz so "unverzichtbaren klassischen Massenmedien" hingewiesen : in einer zeit , in der die deutsche presse sich...

Ausgabe 231 / Mauern einreißen / Redaktion Kontext, 04.09.2015 12:15
@Hartmut Waldbauer Kontext finanziert sich über Spenden, Soli-Geber und eine Lizenzgebühr der taz. Nachzulesen z.B. hier http://www.kontextwochenzeitung.de/editorial/102/in-eigener-sache-206.html und hier...

Ausgabe 231 / Mauern einreißen / H.Ewerth, 04.09.2015 11:57
@Aindre Gaida einiges was Sie schreiben, ist durchaus richtig. Aber alleine die USA als den "Übeltäter" hinzustellen, ist nicht zielführend. Das Deutschland da in Teilen mitzieht, hat Gründe die in der deutschen Geschichte begründet...

Ausgabe 126 / Kahlschlag im Schwarzwald / Marco Schneider, 04.09.2015 11:14
Nachdem der Schwarzwälder Bote mit der Konkurrenz eine "Gebietsbereinigung" (=Pressevielfalt) vorgenommen hatte (Mitarbeiter gekündigt, Immobilien aufgegeben), schöpft er jetzt in den aufgegebenen Gebieten aus dem Vollen: Via...

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