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AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


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Sender ohne Mitgefühl: Der SWR will Anna Hajek und Jörg Brillen nicht mehr haben. Foto: Röttgers

Sender ohne Mitgefühl: Der SWR will Anna Hajek und Jörg Brillen nicht mehr haben. Foto: Röttgers

Ausgabe 162
Medien

Gefeuert, mit den besten Wünschen

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 07.05.2014
Beide hoch gelobt, beide rausgeschmissen. Anna Hajek (47), die Tochter des berühmten Bildhauers, und ihr Mann Jörg Brillen (58) waren dem Südwestrundfunk (SWR) sogar Preise wert. Als Cutterin und Filmemacher. Ein schwerer Autounfall veränderte alles. Jetzt sehen sich die Parteien vor Gericht wieder. Über den Umgang einer öffentlich-rechtlichen Anstalt mit ihren Mitarbeitern.

Die kleine Anna war einst das Hätschelkind des Senders. Zuerst beim SDR, dann beim SWR. Sie trat als Schüler-Reporterin im Hörfunk, als "SDR-Kind" im Fernsehen auf, sprach Hörspiele und war Hauptdarstellerin in der TV-Serie "Schülergeschichten". Das lag zum einen daran, dass sie ein aufgewecktes, hübsches Mädchen war, mit vielen Talenten gesegnet, zum anderen aber auch am Papa. Das war Otto Herbert Hajek, ein berühmter Bildhauer, ein Säulenheiliger des Senders, der seine Betonfassade heute noch mit einem großformatigen Hajek-Wandbild schmückt. Es passe, befand der ehemalige SWR-Intendant Peter Voß (1998–2007), zum Selbstverständnis des Funkhauses: "Modern und vielfältig in den Programmfarben." Voß ging im Hause Hajek ein und aus und sonnte sich in dessen Glanze.

Als sie noch die Hajek-Tochter war: Die Künstlerin 1998 bei der Einweihung ihres Altars in der Renninger St. Bonifatius-Kirche. Neben ihr Weihbischof Johannes Kreidler. Foto: privat
Als sie noch die Hajek-Tochter war: Die Künstlerin 1998 bei der Einweihung ihres Altars in der Renninger St.-Bonifatius-Kirche. Neben ihr Weihbischof Johannes Kreidler.
Foto: privat

Später, als junge Künstlerin, lobte der SWR im "Kulturcafé" die nunmehr erwachsene Anna als bemerkenswert erfolgreiche Stahlbildhauerin. Zwar war Anna Hajek eine begabte Künstlerin, aber so richtig sicher war diese Perspektive auf Dauer nicht. Und so machte sie sich auf, eine neue, zusätzliche Profession zu suchen. Sie wurde, auch ein bildnerisches Handwerk: Cutterin. Mit 34. Und landete im Jahr 2000 beim SWR-Studio in Karlsruhe, genauer bei der Produktionsfirma Leitz, an welche die öffentlich-rechtliche Anstalt die Cutterei ausgelagert hatte. Sie erwies sich als hervorragende Kraft, viel gelobt und geschätzt, und das nicht nur, weil sie zu jeder Tag- und Nachtzeit abrufbar war.

Anna Hajek liegt wochenlang im Koma

Bis zu jenem 31. Oktober 2002. Anna Hajek ist mit ihrer Mutter Katja unterwegs von München nach Freyung im Bayrischen Wald. Es ist Nacht und nass, 23.35 Uhr, ein unbeleuchteter Traktor mit zwei Anhängern quert, aus einem Feldweg kommend, die Straße. Das Auto, ein Volvo – eingequetscht unter einem Hänger. Die beiden Frauen müssen aus dem Auto herausgeschnitten werden. Die Tochter hat lebensbedrohliche Verletzungen, einen mehrfachen Schädelbasisbruch, durchtrennte Gesichts- und Sehnerven, diverse Knochenbrüche, ein stark beschädigtes Auge. Sie liegt wochenlang im Koma. Das Ende einer Bildhauerinnen-Karriere.

Anna Hajek kämpft sich ins Leben zurück. Im September 2003 kehrt sie an ihren Fernseh-Arbeitsplatz in der Karlsruher Kriegsstraße zurück. An Krücken, mit einem schief stehenden Auge, das Erinnerungszentrum im Gehirn ist geschädigt, ihrer Tochter Katharina will sie das Mau-Mau-Spiel erklären, das die damals Achtjährige schon lange kennt. Beigebracht einst von der Mutter. Und dennoch ist die schwerbehinderte Frau die erste Karlsruher Cutterin, die es sich zutraut, mit dem neu eingeführten digitalen Schnittprogramm Avid einen aktuellen Beitrag ins Programm zu bringen. Anna Hajek schneidet fortan Beiträge für die "Tagesschau", für die "Tagesthemen", für das "Nachtmagazin", die "Landesschau" und "Zur Sache Baden-Württemberg", und das Funkhaus bescheinigt ihr "herausragende Qualitäten" für Schnitt und Dramaturgie. Einmal fällt sogar das Wort "Sergio Leone", was in der Sprache der Fernsehleute der Oberhammer ist.

Aber auf den Fluren wird auch getratscht. Warum die Hajek-Tochter diesen Job überhaupt machen müsse, wird gefragt. Wo ihn andere viel nötiger hätten, gerade wenn der Sender an allen Ecken und Enden spare. Und hier kommt ihr Ehemann ins Spiel: Jörg Brillen, 1,96 Meter groß, ein Kerl wie ein Baum. Seit 1991 beim Südwestfunk, danach in der fusionierten Anstalt, ein Fernsehjournalist der alten Schule mit breitem Kreuz, Anspruch und frecher Klappe. Gewiss nicht der Typ pflegeleicht.

Für den Direktor ist Brillens Wochenshow "gequirlte Kacke"

Das Publikum kannte ihn als Moderator der "Revue", einer Wochenshow in der Sendung "Politik Südwest", die heute nicht mehr durchsetzbar wäre und schon damals, Ende der 1990er-Jahre, aus dem Programm gefallen schien. Die aufs Korn genommenen Herren Teufel & Co. waren gar nicht amüsiert und ihre televisionären Statthalter auch nicht, was sich in dem Urteil des Landessenderdirektors Willy Steul niederschlug. Die "gequirlte Kacke" müsse weg, befand der CDU-Freund (und heutige Intendant des Deutschlandradios), und der unbotmäßige Moderator gleich mit. Den Job erledigte Steuls Kumpel Jörg Brüggemann, einer der vielen Abteilungsleiter, schwarz wie die Nacht dunkel und mit Cowboystiefeln auf dem Tisch. Es sei allgemein von Vorteil, eine politische Heimat zu haben, ließ er Brillen wissen und schickte ihn zum Jahrtausendwechsel ins SWR-Studio nach Mannheim.

Jörg Brillen: Aus dem Kämpfer wurde ein Kranker.
Foto: Röttgers

Nach einem zweijährigen Zwischenspiel landete der Zwangsversetzte ebenfalls in Karlsruhe, eingezäunt von Beiträgen zur Spargel-, Erdbeer- und Zwetschgensaison. Der einst als einer der besten SWR-Filmemacher Gepriesene fand das nicht so aufregend und war dennoch geschätzt von den Planern in der Stuttgarter Zentrale, die sich durch ihn gelegentlich an ihre journalistischen Wurzeln erinnert fühlten. Allerdings geriet Brillen durchaus auch mit dem Hausgesicht, dem Rechtsexperten Karl-Dieter Möller, aneinander. Doch statt sich mit dem Brocken Brillen anzulegen, verlegte sich Fernsehmann Möller auf dessen Frau Anna – ein leichtes Opfer, ein Krüppel, wie hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Ein nur vermeintlich leichtes Opfer, denn der Redakteur Brillen stellte sich vor seine Frau – und Möller in den Weg. Damit hatte sich Brillen in etwas eingemischt, was nicht zu seinen originären Aufgaben gehörte: in die Cutterei.

Nun ist das Schneiden von Filmen beim Fernsehen keine nachrangige Tätigkeit. Hier wird das Rohmaterial zusammen mit den Redakteuren gesichtet, die Dramaturgie von Bild und Ton festgelegt, mit Grafiken und Infotexten gearbeitet und am Ende überspielt, wofür oft starke Nerven nötig sind, wenn die Studiouhr tickt. Für den SWR schien die Cutterei nicht so wichtig. In Karlsruhe waren dafür Fremdfirmen zuständig, auf deren Lohnlisten das Schnittpersonal stand – zu Bedingungen, die man aus dieser Branche kennt. Kein Kündigungsschutz, keine Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld, aber jederzeit Bereitschaft, 365 Tage im Jahr. Brillen nannte das öffentlich-rechtliche "Lohnsklaverei", gestützt vom Personalrat, der solche ungesicherten Arbeitsverhältnisse im gesamten Sender zunehmen sieht.

Filme zu Castoren, NATO und Neonazis – alles hoch gelobt

Den Hierarchen hat das zwar nicht gefallen. Doch um Ruhe in den Karton zu kriegen, haben sie Brillen seine Frau Anna zur Seite gestellt, als quasi exklusive Cutterin, und aus Rücksichtnahme, so hieß es, auf ihre angegriffene Gesundheit. Fortan schnitt sie für ihren Mann, rund um die Uhr beim Straßburger NATO-Gipfel, bei Castortransporten, bei Recherchen zu Neonaziumtrieben in Rastatt und nächtens, wenn es auf der Autobahn mehrere Tote gegeben hatte. Offenbar zu aller Zufriedenheit: Jedes Jahr waren Beiträge, die von ihr geschnitten wurden, unter den nominierten für den Preis der aktuellen SWR-Fernsehnachrichten.

Doch plötzlich war alles anders. Denn seit 2013 lässt der SWR seine Cutterei im Karlsruher SWR-Studio von einer neuen Leiharbeitsfirma bedienen. Arbeitsbedingungen wie gehabt – mit dem kleinen Unterschied, dass Anna Hajek nicht mehr auf der Lohnliste stand. Aus der kleinen Anna, einst Hätschelkind des Senders, war von einem Tag auf den anderen eine arbeitslose Anna geworden. Ohne Einkommen, ohne Sozialversicherung, ohne ein Wort.

Anna Hajek: Ihre Kunst – Vergangenheit. Aber wo ist die Zukunft? Foto: Röttgers
Anna Hajek: Ihre Kunst – Vergangenheit. Aber wo ist die Zukunft?
Foto: Röttgers

Ihre Leistungen genügten "professionellen Ansprüchen nicht in ausreichendem Maße", befand der Sender Monate später und reagierte damit auf eine Kündigungsschutz-Klage seiner Mitarbeiterin, die sich kalt abserviert fühlt – ohne dass auch nur mit ihr darüber gesprochen wurde. Mehr noch: In der juristischen Auseinandersetzung mutierten das einstige Hätschelkind des Senders und dessen hoch gelobter Redakteurs-Ehemann plötzlich zu einem Selbstbedienungsladen, im Juristendeutsch "kollusives Zusammenwirken" genannt. Soll heißen: Der Gatte habe seiner Gattin Aufträge zugeschanzt, um das Familieneinkommen zu mehren. Wie das zugegangen sein soll, bleibt des SWR Geheimnis. Zum einen verfügte Brillen nie über einen Etat, zum andern wurden alle Schnittbuchungen von seinen Vorgesetzten disponiert.

Aus dem Kämpfer Brillen wurde darüber ein kranker Brillen. Wund von den ständigen Attacken gegen sich und seine Frau, bedroht durch den Entzug der wirtschaftlichen Existenz der Familie, schlaflos durch die unbeantwortete Frage nach dem Warum. Seit November 2012 ist er in therapeutischer Behandlung, der Psychiater diagnostiziert eine schwere Erschöpfungsdepression und schreibt ihn krank. Brillen bittet seine Abteilungsleiter in Karlsruhe und Stuttgart, ihm eine andere Arbeit innerhalb der Landessenderdirektion zuzuweisen – und hört monatelang nichts.

Die Chronologie einer sogenannten Wiedereingliederung

Erst am 4. Juli 2013 kommt es zu einem offiziellen Gespräch im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM), das ergebnislos verläuft, weil über eine alternative Beschäftigung offenbar nicht nachgedacht wurde. Zwei Monate später soll ein zweites BEM-Gespräch stattfinden. Es wird kurzfristig abgesagt.

Am 10. September 2013 schreibt Brillen an SWR-Intendant Peter Boudgoust. Er schildert ihm den Fall seiner Frau – und vermerkt, dass es einem öffentlich-rechtlichen Sender schlecht anstehe, eine körperlich gehandicapte und verdiente Mitarbeiterin auf "so schäbige Weise" behandeln zu lassen. Dieses Verhalten würden sie nicht länger klaglos dulden.

Am 10. Oktober 2013 antwortet Boudgoust dem "lieben Herrn Brillen", dass er die "sehr belastende Situation" nachvollziehen könne und hoffe, dass bei seiner Frau "noch Aussicht auf eine vollständige Genesung" bestehe. Er könne allerdings bei den agierenden Kolleginnen und Kollegen "keine schuldhaften Versäumnisse" erkennen. Zudem sei Anna Hajek ja nie "direkte Mitarbeiterin" des SWR gewesen und habe deshalb – "so sehr ich das auch bedauere" – keinen Anspruch auf Beschäftigung bei der Anstalt. Für die Zukunft wünsche er "alles erdenklich Gute".

Immer noch schmückt der SWR sein Stuttgarter Foyer mit Hajek-Erinnerungsstücken. Foto: privat
Immer noch schmückt der SWR sein Stuttgarter Foyer mit Hajek-Erinnerungsstücken.
Foto: privat

Am 29. Oktober 2013 ist Brillen zum nächsten BEM-Gespräch geladen. Dort ist das Klima plötzlich spürbar frostiger. Dem Redakteur wird jetzt erklärt, es gebe keine Beschäftigungsalternative, eine Wiedereingliederung sei nur in Karlsruhe möglich. Die zweitgrößte Anstalt in der ARD weist 3650 Planstellen aus. 

Am 11. März 2014 erreicht Brillen ein Einwurfeinschreiben der SWR-Personalabteilung. Statt einen neuen Job in Aussicht zu stellen, teilt deren Chef, Thomas Schelberg, nun mit, dass man sein Beschäftigungsverhältnis nach 23 Jahren aufkündige. Er bedauere, ihm diese "Beendigungsmitteilung" machen zu müssen, danke für die "erbrachten Dienste" und wünsche für die Zukunft "alles Gute". Der Textumfang beträgt sieben Zeilen, eine Begründung fehlt. Kein Wort zu Anna Hajek.

Am 7. April 2014 schreibt der Stuttgarter SWR-Personalrat an Personalchef Schelberg. Er will wissen, warum er nicht, wie es Gesetz und Recht vorsehen, in den Fall Brillen mit einbezogen wurde. Für die Arbeitnehmervertreter ist die Kündigung damit rechtsunwirksam. Laut Tarifvertrag können freie Mitarbeiter, die mehr als 15 Dienstjahre auf dem Buckel haben und über 55 Jahre alt sind, nur aus "wichtigem Grund" gekündigt werden. Von geklauten silbernen Löffeln haben sie aber bisher nichts gehört.

Der SWR-Personalchef sagt, es sei eine "missliche Situation"

Auf Anfrage von Kontext erläutert Schelberg den Vorgang. Es sei, räumt er ein, eine "missliche Situation". Und das mit der "Beendigungsmitteilung" sei ein bloßes Versehen gewesen. Schließlich habe der Mitarbeiter Brillen seine Rahmenvereinbarung, die seinen Status als fester Freier regelt, nicht unterschrieben. Das hätte er, wie früher auch, alle zwei Jahre, bis zum Jahresende 2013 tun müssen. Brillen sagt, der Vertrag sei nie bei ihm angekommen. Wenn das so sei, sagt Schelberg dazu trocken, dann hätte Brillen das a) monieren müssen und b) sich nicht weigern dürfen, wieder in Karlsruhe anzutreten, was wiederum Brillen bestreitet, gesagt zu haben. Zu Anna Hajek sagt er, sie sei kein Fall für den SWR, ihr Ausscheiden hänge schlicht mit dem Wechsel der Produktionsfirma zusammen. Und was ihren Ehemann anbelange, müsse man eben sehen, dass dessen Stärke offensichtlich in längeren Features liege. Dafür sei aber im Programm immer weniger Platz. Wo also sparen, wenn überall gespart werden müsse? Die Antwort: siehe oben.

Und so endet die Geschichte mit einem Happy End – für den Sender: zwei Mitarbeiter weniger, wieder ein Sparziel erreicht. Und für die Zukunft alles Gute.

PS: Die Klage Anna Hajeks gegen den SWR wird am Freitag, 9. Mai, am Arbeitsgericht Karlsruhe verhandelt.

Update 9. Mai 2014, 21.30 Uhr
Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Karlsruhe

Überraschend schnelle Einigung mit dem Südwestrundfunk (SWR): Anna Hajek und Jörg Brillen akzeptierten ein Abfindungs-Angebot der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Brillen willigte "unter Protest" ein. Er habe nicht mehr die Kraft, begründete er den Schritt vor dem Arbeitsgericht Karlsruhe, sich mit dem SWR auf einen längeren Rechtsstreit einzulassen. Er wolle seinen Frieden haben.


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