KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Der andere Filbinger

Der andere Filbinger
|

Datum:

Heute grün, gestern schwarz: Matthias Filbinger ist der Prototyp des schwäbischen Grünen. Eher pragmatisch als rebellisch. Eher bewahrend als vorwärtsstürmend. Bei der Kommunalwahl kandidiert der S-21-Gegner erstmals für die Ökopartei. Und er ist sich sicher: Auch S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich geht davon aus, das der tiefer gelegte Bahnhof teurer wird und später kommt.

Ein Revoluzzer war er nie. Vielleicht erinnert sich Matthias Filbinger deshalb so gerne und genau daran, wie er aus dem Internat St. Blasien geworfen wurde. Es war der 13.  Juli 1973. Der 16-Jährige hatte im Lehrerzimmer heimlich einen Sender installiert, der die Lehrerkonferenz auf der SWF-3-Frequenz nach außen übertrug. Die Internatsschüler hingen vor ihrem Lieblingsprogramm und hörten, was sie schon immer vermutet hatten: Wie abfällig in der Konferenz über Schüler gesprochen wurde und dass man den einen Schüler versetzen müsse, leider, weil eine Spende des Vaters eingegangen sei.

Matthias flog auf, weil ein Lehrer im Schlafsaal die Internatszöglinge belauschte, ein Pater packte den Spion, der aus Freiburg kam, in seinen VW Käfer und lieferte ihn auf der Solitude ab, der Dienstvilla des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Die Zeitung titelte "Watergate in St. Blasien, Filbinger-Sohn Minispion?", der Vater hatte Angst, die nächste Wahl zu verlieren, und der Sohn war froh, den Patres entronnen zu sein. Für Furore hat der CDU-Mann immer so nebenbei gesorgt. Etwa, als er vor vier Jahren zu den Grünen wechselte.

Da sitzt er im schmucken Eigenheim in Vaihingen, Jeans, Ralf-Lauren-Hemd, Rolex, und lächelt freundlich, fast schüchtern hinter seiner Brille hervor. Auf diese kleine Rebellion im Schwarzwald ist er heute noch stolz. Matthias Filbinger, ein ruhiger 57-Jähriger, der die Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartner genießt. Die Sonne taucht den lichten Anbau in Frühlingslicht, mit dem er und seine Frau zusätzlichen Raum für die drei Kinder schufen. An den Wänden hängt Kunst, auf dem Tisch steht Kaffee für den Besuch, im Bügelzimmer lehnen die Wahlplakate mit seinem lächelnden Konterfei und dem Slogan: "Natürlich gut für Stuttgart."

Der Gastgeber erzählt mit dieser leisen Stimme, die auch Zweifel zulässt. Von dem missglückten Wahlplakat seiner Grünen, das für mehr Natur in der Stadt werben soll ("Auch so sehen Standortvorteile aus") und mit der Platane doch nur die Wut enttäuschter S-21-Gegner heraufbeschwört, weil es an die Räumung des Schlossgartens erinnert: "Ein Fehler." Von seiner Jugend als Politpromikind: "Das war ein immenser Druck." Von einem Leben, das bis heute davon geprägt ist, den eigenen Weg zu finden und aus dem Schatten eines übermächtigen Vaters zu treten. "Söhne wollen immer besser sein als der Vater", sagt der einzige Filbinger-Sohn. Deshalb ging er in die IT-Branche, denn von Computern verstand der Vater nichts. Deshalb ging er in die Wirtschaft, ist 1. Vorsitzender im Vaihinger Bund der Selbstständigen, sitzt im IT-Ausschuss der Industrie- und Handelskammer.

Fischt nun im schwarzen Teich nach grünen Stimmen

Eigene Spuren legen, eigene Grenzen ausloten, sich einen Vornamen machen – das hat er zu seinem Lebensthema gemacht. Um dann mit 40 Jahren doch noch in der Politik zu landen. In der Kommunalpolitik, ehrenamtlich, zunächst für die CDU. Als Schüler hat er gerne Theater gespielt, stand auf der Bühne. "Unten sitzen und nur zuschauen, das ist auf Dauer nichts für mich", sagt er. Also Bezirksbeirat in Vaihingen, Politik kommunal und konkret, pragmatisch und zielorientiert, so wie er es als Unternehmer gewohnt ist. Und so bahnte er sich in der Politik seinen eigenen Weg. Der Mann, der den Kilimandscharo bezwang und schon 13 Marathonstarts hinter sich hat, ist zäh. Nun tritt er am 25. Mai zur Kommunalwahl an. Für die Stuttgarter Grünen.

Bei ihnen fühlt er sich auch nach vier Jahren Mitgliedschaft noch gut aufhoben. Der Medienhype ist Vergangenheit, Grünsein ist Alltag geworden. Schwer fiel ihm die Umstellung von schwarz auf grün nicht, weil Matthias Filbinger die Dosis bürgerlicher Werte, die er in seinem Elternhaus inhalierte, Fleiß, Disziplin, Leistung, dabei nicht verleugnen muss. Nicht bei den baden-württembergischen Grünen, die aus der bürgerlichen Mitte kommen und so schwarz sein können wie die CDU. Dafür steht auch Winfried Kretschmann, der wie Matthias Filbinger gerne wandert, für den Religiosität kein Fremdwort ist und der so schön Philosophen zitieren kann. Bei diesen Grünen fühlt sich der feinsinnige Filbingersohn mehr beheimatet als bei einer CDU mit ihrem Lautsprecher Peter Hauk und seinem holzschnittartigen Oppositionsgeschrei. 

Der grüne Ministerpräsident war es auch, der letztlich schuld war an seinem Wechsel. Drei Wochen vor der Landtagswahl 2011 übrigens, darauf legt Filbinger wert: "Ich bin kein Trittbrettfahrer, das ist mir zu unsportlich." Mit der Kretschmann-Partei kann er sich nach der Landtagswahl 2016 gut eine grün-schwarze oder schwarz-grüne Koalition vorstellen. Dann wäre er auch mit seiner eigenen Geschichte versöhnt.

Doch nun sind erst mal Kommunalwahlen. Plakate hat der Unternehmensberater schon geklebt, hat sein Konterfei auf Laternenpfähle in seinem Stadtbezirk Vaihingen gehängt und auch in Degerloch und Botnang, 80 insgesamt, alle in den wohlhabenderen Stuttgarter Stadtbezirken. "Da sitzt der eine oder andere CDUler, von dem ich weiß, dass er mir drei Stimmen geben wird", sagt er und lächelt listig. Nun fischt Filbinger im schwarzen Teich nach grünen Stimmen. Auf Platz 24 haben ihn die Grünen platziert, er hätte auch weiter oben auf der Liste einen Platz gekriegt, wenn er gewollt hätte, sie haben ihn gefragt. 

Anders als die CDU vor fünf Jahren. Erst hat ihn Gerhard Mayer-Vorfelder zur Kandidatur aufgefordert, doch die CDU-Städträte bockten. Der Name Filbinger weckte Erinnerungen, die man lieber vergessen wollte, von Sippenhaft war die Rede. Matthias Filbinger wurde zu einem klärenden Gespräch in die CDU-Geschäftsstelle geladen, saß dort – und keiner erschien. Ein Missverständnis, hieß es später. Noch am selben Tag trat er aus der Partei seines Vaters aus.

Der Vater würde seinen Wechsel zu den Grünen verstehen

Sippenhaft. Das Wort steckt ihm in den Knochen. Es ist die Vergangenheit seines Vaters, die Matthias Filbinger immer wieder einholt. Sein Vater, der stockkonservative, langjährige CDU-Ministerpräsident. Sein Vater, der "furchtbare Jurist", wie ihn Rolf Hochhuth nannte, Hans Filbinger, der als Marinerichter kurz vor Kriegsende noch an Todesurteilen beteiligt war, der sich nicht erinnern wollte, keine Reue zeigte und zurücktreten musste.

Da war Matthias 22 Jahre alt, gerade auf Elba in Ferien. Vom Rücktritt seines Vaters erfuhr er aus der Zeitung. Nein, er hat ihn nicht gestellt zu Hause in Diskussionen, hat nicht nachgefragt und gebohrt. Auf die Frage: "Wie war das damals?", kam nicht mehr als in der Öffentlichkeit: Der Vater konnte sich nicht erinnern. Und der Sohn insistierte nicht. In dem Alter, als andere Kinder ihre Eltern fragten, wie sie es mit dem Nationalsozialismus hielten, "da war ich im Internat und ein Feriensohn", sagt Matthias Filbinger, und das klingt fast wie eine Entschuldigung. Man hätte auch am Wochenende oder in den Ferien diskutieren können. Doch der Sohn gab sich damit zufrieden, was die Eltern bereitwillig erzählten: die Mutter von ihrer Flucht aus Oberschlesien. Der Vater von seiner Todesangst, als sein Schiff torpediert wurde und er in der Ostsee ums Überleben kämpfte. Matthias Filbinger hat sich an dem autoritären Vater persönlich abgearbeitet, nicht politisch. 

Heute ist er sich sicher: Der Vater würde seinen Wechsel zu den Grünen verstehen. Die Naturverbundenheit, das Bewahren der Schöpfung, das wäre auch mit einem christdemokratischen Weltbild vereinbar gewesen. 

Matthias Filbinger hat das ganze Programm prominenter Politikerkinder durchlaufen. Personenschützer, die als Party-Killer nicht nur bei Parties dabei waren; einen autoritären Vater, der – "Was sollen da die Leute denken?" – um sein Ansehen besorgt war und zu Hause Ruhe im Karton wollte; Freunde, die keine mehr waren, als der Vater, als "furchtbarer Jurist" entlarvt, zurücktreten musste. Er brauchte den Umweg über die Wirtschaft, um wieder in der Politik anzukommen. Viele Jahre hat er sich in einer IT-Firma bis zum Vorstand hochgearbeitet. Seit dieser Zeit kennt er den S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich. Der war sein Chef.

Man kennt sich, hat die Handynummern gespeichert, hält Kontakt. Das verwundert, weil Matthias Filbinger ein erklärter S-21-Gegner ist, seit die Bahn den Bus-Fernbahnhof von der Innenstadt nach Vaihingen verlegen wollte. Der Bezirksbeirat Filbinger, damals noch mit schwarzem Parteibuch, hat sich erfolgreich dagegen gewehrt. Auch wenn der Stuttgarter OB, der damals noch Wolfgang Schuster hieß, keinen Ärger in Vaihingen wollte. Es war der Anfang der Entfremdung von der CDU. Filbinger wurde zum Gegner des Bahnprojekts. Zu unsicher, "wer weiß denn, ob nicht, wie in Köln, plötzlich ganze Häuser in die Grube rutschen". Zu teuer sowieso.  Matthias Filbinger ist sich sicher, dass auch Wolfgang Dietrich von höheren Kosten ausgeht und dass der Tiefbahnhof nie und nimmer 2021 fertiggestellt sein wird. Wer telefoniert, ist informiert.

Doch auch der S-21-Gegner Filbinger ist kein Rebell. "Es gab eine Volksbefragung, es wurde demokratisch entschieden und wird jetzt kritisch begleitet", sagt er und ist auch hier ganz auf Kretschmann-Linie. Seine Söhne ziehen den Vater gerne mit Schlachtgesängen der Montagsdemos auf. "Lasst das", sagt er dann, "hier darf jeder seine Meinung haben." Die Söhne fanden den väterlichen Farbenwechsel nicht so toll, Tochter und Frau sagten nur eins: "Super."

Draußen in der Garage steht fett der Mercedes, im Garten lümmelt ein Liegestuhl, das Einfamlienhaus leuchtet in freundlichem Hellblau. Es ist ruhig geworden um Matthias Filbinger. Nach seiner Metamorphose vom Schwarzen zum Grünen saß der Mann mit dem berühmt-berüchtigten Nachnamen bei Maybrit Illner, war bei "Spiegel", "Zeit" und "Stern" gefragter Interviewpartner. Er hat es genossen. Er, der immer der Sohn war vom Filbinger. Nun hat Matthias Filbinger einen Vornamen. Den will er sich nicht nehmen lassen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


6 Kommentare verfügbar

  • maguscarolus
    am 12.05.2014
    Antworten
    S-21-Gegner! Und?

    Ob von solchen Leuten überhaupt positive Impulse für eine Verbesserung unserer Gesellschaft zu erwarten sind, halte ich zumindest für fraglich.
    Schließlich war doch der "naturverbunden - begeisterte Wanderer" H.Filbinger einer derjenigen, die gar nicht genug Kernkraftwerke im…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!