Nicht zu fassen: Da demonstrieren Menschen gegen Wohnungsnot, obwohl sie selbst in Wohnungen wohnen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Nicht zu fassen: Da demonstrieren Menschen gegen Wohnungsnot, obwohl sie selbst in Wohnungen wohnen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 377
Debatte

Wir können alles – auch Wohnungsnot

Von Dietrich Krauß
Datum: 20.06.2018
Wenn ein Satiriker zum Moderator wird, gehört Sarkasmus zum Programm. So geschehen beim 4. Flaneursalon des Stuttgarter Stadtflaneurs Joe Bauer. Satire kann guten Journalismus verstärken, meint unser Autor. Hier seine schwarzen Ausflüge zur Wohnmisere in der Landeshauptstadt.

Rund 20 Brücken führen in Stuttgart über den Neckar und mit der Rosensteinbrücke kommt eine neue dazu. Das ist auch gut so, denn die Zahl der Obdachlosen steigt. Die müssen ja auch irgendwo bleiben und in Stuttgart wird an alle gedacht. Was können wir dafür, dass Arme kein Geld für unsere Wohnungen haben?

100 000 Einwohner hätten Anspruch auf eine Sozialwohnung – geben tut's aber nur gut 14 000, und es werden immer weniger. Die Zahl sinkt seit Jahren, denn die mit Steuergeldern bezuschussten Sozialwohnungen bleiben nur ein paar Jahre günstig, dann entfällt die Preisbindung, und damit die Mietobergrenze.

Attraktives Freiluft-Appartement in verkehrsberuhigter Lage.
Attraktives Freiluft-Appartement in verkehrsberuhigter Lage.

Man könnte nun gegensteuern, sich bemühen, den Schwund zu kompensieren und mit einer städtischen Wohnungsgesellschaft vermehrt günstigen Wohnraum schaffen. Unser Oberbürgermeister hält das aber für "Illusionstheater". Und die SWSG macht lieber das Gegenteil, reißt günstige Angebote ab, baut neu und vermietet dann schon mal doppelt so teuer. Städtisches Geld stellt man lieber Investoren zur Verfügung, damit die nicht nur für Wohlhabende bauen, sondern auch ein paar Wohnungen, die günstiger vermietet werden. Also nur für 15 Jahre, dann fallen sie aus der Preisbindung und die staatlichen Subventionen machen sich erst so richtig bezahlt. Das ist so als würde man sich selbst nicht etwa ein billiges Auto kaufen, sondern das Geld lieber einem Millionär geben, damit der einen zu Vorzugspreisen eine Zeit lang mitnimmt – danach ist das Geld weg und die Fortbewegungsmöglichkeit ebenso, aber der Millionär hat ein gutes Geschäft gemacht.

Doch es gibt ja nicht nur schlechte Nachrichten. Stuttgart ist endlich nicht mehr provinziell, sondern spielt ganz vorne mit – was die Höhe der Mieten angeht. Die Konkurrenten Frankfurt und Hamburg hat man schon überholt und ist dabei, zum Klassenprimus München aufzuschließen. Auch die Mieter können stolz sein: Sie leisten mit hohen Abgaben ihren Beitrag zu den tollen Renditen in der Wohnungswirtschaft. Die ist übrigens die umsatzstärkste Branche der Bundesrepublik, weit vor der Autoindustrie, und das gefällt auch internationalen Investoren.

Nirgendwo ist es so schwierig arm zu sein wie in einer reichen Stadt. Trotzdem haben die meisten Stuttgarter entgegen dem Schwabenklischee nie ein Häusle gebaut. Wenn sie wissen wollen, wie die Vermieter ticken, dann lesen sie die Stuttgarter Lokalpresse: In ihrem Mitteilungsblatt haben die Hausbesitzer am 8. Juni ihre Mieter informiert, wie hier in Stuttgart Wohneigentum bei Wohnungsnot zu benutzen ist. Oder besser: Sie haben dazu einen unfreiwilligen Satirekomplex präsentiert, der selbst gestandene Kabarettisten gelb werden lässt vor Neid.

Von der Hausbesetzung in der Wilhelm-Raabe-Straße 4 erfährt man dort, dass diese gar keine echte Besetzung gewesen sei. Die These: Es geht gar nicht um echte Not, weil die Besetzer nach Recherchen der Zeitung eine eigene Wohnung hatten. Nach dieser bestechenden Logik dürfen nur noch Obdachlose gegen Wohnungsnot protestieren. Gegen Abgase nur noch Lungenkranke. Und für Pressevielfalt nur noch die, die keine Zeitung lesen. So kommt dann auch endlich mal Ruhe in den Kessel.

In Wahrheit, so das investigative Rechercheergebnis, diene die Besetzung dem Zweck "extreme" Botschaften zu transportieren. Eine Hausbesetzung, die also von Anfang an explizit auf das Problem der Wohnungsnot aufmerksam machen will – also ihrem ganzen Zweck nach darauf abzielt, eine Botschaft transportieren zu wollen –, wird nun dafür kritisiert, dass sie eine Botschaft transportieren will. Was ist der nächste Aufreger? "Skandal – Sitzblockade erfolgte nicht aus Müdigkeit, sondern um zu demonstrieren."

Linksextremer Nachwuchs hat ein Transparent beschmiert.
Linksextremer Nachwuchs hat ein Transparent beschmiert.

Und was ist die extreme Botschaft der Hausbesetzer? Nun, die lautet wie folgt: Der Grund für Wohnungsnot und steigende Mieten sei ein Markt, der wie alles im Kapitalismus nicht den Bedürfnissen der Menschen dienen solle, sondern der immer nur auf den größtmöglichen Profit hin ausgerichtet sei. Soweit die extreme Botschaft. Die extreme Wirklichkeit ist: eine Million Menschen leben in Häusern des Börsenunternehmens Vonovia. In Stuttgart gehören dem Wohnriesen 4600 Einheiten. Die Aktie des Unternehmens ist im vergangenen Jahr um 33,9 Prozentpunkte gestiegen und die AG konnte ihren Anteilseignern 675 Millionen Euro ausschütten. Finanziert wird das durch machtlose Mieter, denen Modernisierungen aufgezwängt werden, die sie nicht wollen. Anschließend wird die Miete erhöht, um bis zu 80 Prozent, und wer sich's nicht mehr leisten kann, darf gehen. Auch Rentner, die jahrzehntelang zufrieden an Ort und Stelle wohnten.

Diese Entwicklung könnte man als Journalist wie folgt zusammenfassen: Der Grund für Wohnungsnot und steigende Mieten ist also ein Markt, der nicht den Bedürfnissen der Menschen, sondern der profitorientierten Verwertung dient. Wer das nicht sieht, ist auch extrem, nur eben extrem doof.

In dieser Gemengelage fordert nun eine Großbürgerbewegung ein Konzerthaus nach dem Vorbild der Hamburg Elbphilharmonie – und das in einer Stadt, die seit zehn Jahren einen Bahnhof nach dem Vorbild des Berliner Flughafens baut. Stuttgart muss einen Minderwertigkeitskomplex von der Größe des Saarlandes besitzen.


Dietrich Krauß, 1965 in Gerabronn geboren, ist Doktor der politischen Philosophie, Redakteur und Autor bei der Satiresendung "Die Anstalt" und gelegentlich auch bei der "heute show" im ZDF. Unter anderem hat das Trio Dietrich Krauß, Max Uthoff und Claus von Wagner den Grimme-Preis und den Deutschen Fernsehpreis 2016 erhalten.


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