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Ingenhoven-Poesie

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Das geht wie ein heißes Messer durch die Butter: "Unsere Arbeit lässt sich am besten als nachhaltige, zeitlose und natürliche Architektur beschreiben", lobt Christoph Ingenhoven sich und sein Team. Gemeinsam sei man "Ideen wie Transparenz, Klarheit, Plausibilität (...) und Langlebigkeit" verpflichtet. Bei Stuttgart 21 ist das mehr als zweifelhaft.

Er ist ein Provokateur, aber keiner, der die Welt verändern oder gar verbessern will. Anecken und Auffallen ist ihm wichtig, auch weil es das Ego streichelt. "Finden Sie mich unangenehm?", fragt er irgendwann während der mit Spitzen überreich garnierten Ausführungen bei der Schlichtung im November 2011 die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender. Die Antwort erspart sie ihm, sich selbst und dem Millionenpublikum, das die Live-Übertragung im Fernsehen sieht.

Heiner Geißler konnte ebenfalls wenig anfangen mit dem langen Düsseldorfer, der seine Jugendlichkeit mit Krawatten-Total-Verzicht oder über die Sakkoärmel umgeschlagenen offene Hemdmanschetten zu unterstreichen versucht. Gern rempelt er höhere Semester an, zumal wenn sie den Tiefbahnhof nicht mögen: "In Stuttgart hat eine lautstarke Minderheit von alten Menschen Stimmung gegen das Projekt gemacht. Wir reden von Menschen, die den Bauzaun dekorierten wie bei Prinzessin Dianas Beerdigung." Es könne doch nicht sein, dass 20 Prozent der Bevölkerung über die Zukunft aller bestimmen. 

Es kann aber auch nicht sein, dass ein national und international hochanerkannter Fachmann einfach immer neue Behauptungen, Euphemismen und Verklärungen in die Welt setzen darf. Jüngst bei der vielbejubelten Grundsteinlegung für den Tiefbahnhof, dem mindestens dritten Baubeginn, den die S-21-Fangemeinde feierte, beklagte er sogar, wie sich "Europa an uns vorbeientwickelt hat". Wobei "uns" für Stuttgart steht und Abhilfe dank Ingenhoven in Sicht ist. Denn der neue Tiefbahnhof bringe die Stadt zurück "auf die europäische Landkarte", prophezeit er.

Ein Architekt mit immensem Selbstbewusstsein

Womit sich mal wieder die alte Faustregel bewährt: Wer notorisch übertreiben muss, traut den eigenen Argumenten zu wenig. Beispielsweise fabulierte Ingenhoven während der Schlichtung, "das halbe Tal" sei von Gleisanlagen belegt und müsse davon befreit werden. Eigenwillig die Prosa, die die Stadtgeschichte umschreibt: "Stuttgart, das einst vom Württembergischen König ins Tal nahe an das Schloss heran befohlen wurde, wird jetzt befreit von den Fesseln durch die Tieferlegung der Durchgangsgeleise." Großväterlich gestimmt nennt er das "wichtigste Projekt" sein "Baby". Lyrisch lobt er den unterirdischen Bahnhof eine "lichtdurchflutete poetische Raumkonstruktion" eine, "die versucht, ihre Poetik durch einen naturähnlichen Entwurfsprozess zu erlangen". Und weiter: Die Schnittstelle werde zwischen "dem alten und dem neuen Herzen der Stadt als Katalysator einer kommenden Entwicklung" wirken.

Schöne Worte, unschöne Ahnungslosigkeit. Der "Ästhet mit Ecken und Kanten" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") geht schonungslos und zugleich ziemlich unbedarft mit Gegnern und Grünen ins Gericht. Wobei es ihn im überbordenden Selbstbewusstsein nicht stört, wie gravierende Lücken im Wissen zur Geschichte und den Motiven des Protests ans Licht kommen. "Ich glaube nicht, dass die Grünen ursprünglich gegen das Projekt waren", sagt er dem "Spiegel". Aber sie seien eben eine "populäre Partei in Stuttgart und ambitioniert, einmal den Bürgermeister zu stellen und meinen wohl, es wäre besser, zum Lager der Gegner zu gehören". Das war im Sommer 2010. Da hatten Grüne wie Kuhn und Schlauch, Hermann und Kretschmann, Palmer oder Bender schon seit 15 Jahren ihr Nein vorgetragen und immer neu begründet. Die erste einschlägige Broschüre stammt aus dem Jahr 1995.

Da hatte der Architektensohn allerdings ganz andere Sorgen. 1982, mit 22 Jahren und noch während des Studiums, fährt er seine erste Anerkennung ein, 1985 gewinnt er den ersten Wettbewerb und soll für die Deutsche Post bauen. Aus dem Millionenprojekt wird Makulatur, weil die Post zur Telekom mutiert. Mehr als zehn Jahre muss der Überflieger, der schon im Gymnasium als ungewöhnlich begabt auffiel, auf den Erstling warten: die gut 120 Meter hohe neue RWE-Zentrale in Essen. "Ich war langsam nervös geworden", gab er später zu. 

Bis heute wird das Gebäude gerühmt als erstes ökologisch orientiertes Hochhaus in Deutschland. Ingenhoven sah sich den Grünen nah, bezeichnet sich selbst als inspiriert von Herbert Gruhl, dem Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten, der 1980 die Grünen mit aus der Taufe gehoben hatte, um sich zwei Jahre später wieder abzuwenden. Immerhin quert in seinen Planungen keine neue Bahnhofshalle den Talkessel. Zwar werden die Seitenflügel des alten Bonatzbaus geopfert, was wohl mit ein Grund für den anhaltenden Widerstand ist. Der Schlossgarten jedoch ist – sollte das Bauwerk wirklich irgendwann einmal fertig werden – tatsächlich weniger tangiert als durch andere Entwürfe.

Der Bahnhof sollte "nicht vor 2008" fertig werden

1997 waren in der ersten Runde des Realisierungswettbewerbs vier davon prämiert und in eine Überarbeitungsphase geschickt worden. Der Stuttgarter Preisrichter Klaus Humpert gab den Planern ausdrücklich mit auf den Weg, ihre Vorschläge zu verbessern in Bezug auf "die Verkehrssituation, den Denkmalschutz, den Städtebau und den Umgang mit der Parklandschaft des Mittleren Schloßgartens". Vier Monate später bekam das damalige Architekturbüro Ingenhoven, Overdiek, Kahlen und Partner in Zusammenarbeit mit Frei Otto den Zuschlag.

"Der neue Bahnhof wird keine klassische Halle bekommen", hieß es. Stattdessen würden "futuristisch anmutende Bullaugen in einer ebenerdigen Betonplatte die Bahnsteige auf ganzer Länge belichten". Weder der denkmalgeschützte Bonatz-Turm noch der Schlossgarten hätten größere Einschnitte zu erleiden. Die Jury ging von einem Baubeginn 2001 und einer Fertigstellung "nicht vor 2008" aus. "Als ich den Wettbewerb gewann, war ich 37 Jahre alt und habe scherzhaft gesagt, schön, dass ihr einen jungen Architekten ausgesucht habt, ich werde wohl noch erleben, dass der Bahnhof fertig wird", erzählt Ingenhoven (56) heute. "Das war als Scherz gemeint. Jetzt werde ich darüber wohl eher 60 werden." Das sei "schon herb".

Die Schuldigen hat er längst ausgemacht: Etliche Politiker ("Das ist ein echter Kindergarten") und vor allem die Grünen, denen der seit drei Jahren geschiedene Vater von fünf erwachsenen Kindern zumal seit dem Machtwechsel 2011 allein Taktik unterstellt: Dagegen zu sein, das habe ihre Wähler in die Kabinen getrieben. Herber als herb sind die Vorwürfe, sie hätten sich "nie bemüht, das Projekt zu verbessern" und "unredlich" immer nur getan, was "der Zerstörung" diene. Und den Wunsch nach einer "ehrlicheren und sachlicheren Diskussion" würde er besser an die DB richten.

Eine neue Chance dafür besteht. Oberbürgermeister Fritz Kuhn plant zwei etwa fünfstündige "Projektdurchsprachen" für den 26. Oktober und den 15. November im Stuttgarter Rathaus. Noch immer liegen zwei Bürgerbegehren von Kopfbahnhofbefürwortern auf dem Tisch. Die sollen aus rechtlichen Gründen zwar zurückgewiesen werden, nicht aber ohne sie zum Anlass für eine neue ausführliche Befassung mit Zahlen, Daten und Fakten, den aktuellen Kosten oder dem Baufortschritt zu nehmen. 

Einer wird auf der Seite der Gegner fehlen, der sich regelmäßig und hart mit dem berühmten Kollegen auseinandergesetzt hat: Der im März verstorbene Peter Conradi zerpflückte viele der Argumente ähnlich einleuchtend wie den Vergleich zwischen der Stuttgarter Kostenexplosion und der Preissteigerung beim VW Golf, die binnen 25 Jahren ganz ähnlich stattgefunden habe. "Allerdings ist der VW Golf heute technisch weit besser und leistungsfähiger als der VW Golf der 80er-Jahre, während der geplante Tief­bahnhof nicht einmal das leisten kann, was der alte Bonatz-Bahnhof heute leistet", so Conradi an die Adresse Ingenhovens, der leider zu jenen Architekten gehöre, die "auf der Seite der Macht stehen, denn von dort bekommen sie ihre Aufträge".


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4 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 14.10.2016
    Antworten
    @ Maria...leider kann ich Ihre "feministischen" Auffassungen zu den Architekten im allgemeinen und Besonderem, ihre Beurteilungen und Vorstellungen zu den Lichtaugen, zumindest aus ästhetischer Sicht nicht nachvollziehen, selbst wenn auch Oberkochweltmeister Vincent Kling-als Mann- ähnliche…
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