Das alte Bad vor dem Haus auf der Alb wurde zugeschüttet. Zur Erinnerung gibt es an Ort und Stelle blaue Figuren. Mehr Fotos vom heutigen Haus mit Klick aufs Bild.

Schneck hat auch die Möbel selbst designt.

Reinhold Weber, Historiker und Herausgeber der Schriften der LpB zur politischen Landeskunde.

Ausgabe 415
Schaubühne

Eine fast weiße Weste

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 13.03.2019
Zum Bauhaus-Jubiläum steht es wieder im Rampenlicht: das Haus auf der Alb in Bad Urach. Es ist das größte Gebäude der frühen Moderne im ländlichen Raum von Baden-Württemberg. Erstaunlich ist vor allem, wie der Bau und sein Architekt scheinbar unbeschadet die nationalsozialistische Zeit überstehen konnten.

Adolf Gustav Schneck, Architekt und Professor für Innenarchitektur und Möbelbau an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule gewann 1928 den Wettbewerb für seinen größten Auftrag: das Haus auf der Alb, ein Erholungsheim für kaufmännische Angestellte, zehn Minuten vom Stadtzentrum Urach entfernt. Es ist das größte moderne Gebäude der 1920er-Jahre außerhalb von Stuttgart in Baden-Württemberg.

Lange Zeit hat dieser Bau, etwas versteckt 82 Meter oberhalb der Stadt im Wald gelegen, nur wenig Beachtung gefunden. Nun rückt er im Zuge des Bauhaus-Jubiläums als herausragendes Exemplar der frühen Moderne wieder in den Blick: konsequent modern, schmucklos weiß verputzt, Flachdächer – was man eben so Bauhaus-Architektur nennt, auch wenn es mit dem Bauhaus eigentlich nichts zu tun hat. Auf den ersten Blick ein Bau wie viele andere, bestehend aus vier Kuben: ein sechzig Meter langer Gästetrakt, leicht abgewinkelt der Wirtschaftstrakt, vorgelagert ein breiterer, flacher Bau mit Gemeinschaftsräumen und im Zentrum ein Treppenturm.

In den Korridoren hängt moderne Kunst, passend zum Gebäude, aber erst aus der Nachkriegszeit. Mehrere Schulklassen sind im Haus unterwegs. Im Tagungszentrum gibt es eine Ausstellung zum Thema Klimaflucht. Viele Besucher würden wohl gar nicht auf den Gedanken kommen, dass das Haus auf der Alb fast neunzig Jahre alt ist. Den Nürtinger Architekten Hellmuth Kuby, der das Haus um 1990 für die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) renoviert hat, erfüllt es mit Stolz, wenn man denkt, es sei ein Neubau. Sagt zumindest Reinhold Weber, Historiker und Herausgeber der Schriften der LpB zur politischen Landeskunde.

Die Historie scheint weit entfernt. Dabei hat der Bau einiges erlebt, und es ist keineswegs selbstverständlich, dass er nahezu unversehrt erhalten geblieben ist. Schließlich kamen drei Jahre nach der Eröffnung die Nationalsozialisten ans Ruder, die bekanntlich für die Moderne nicht viel übrig hatten. Wie kam Adolf Schneck überhaupt dazu, mitten in der Weltwirtschaftskrise auf der Schwäbischen Alb ein solches Gebäude zu errichten?

Das Haus hat nicht in die Zeit gepasst

Eigentlich Möbelbauer, hatte Schneck zunächst im väterlichen Betrieb in Esslingen eine Sattler- und Polstererlehre absolviert, später den Betrieb übernommen, aber zugleich an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule zu studieren begonnen. Bernhard Pankok, sein Lehrer, zuvor Mitbegründer der Deutschen Werkstätten für Kunst im Handwerk in München, war einer der großen Neuerer auf dem Gebiet der angewandten Kunst. Auf ihn geht auch der Altbau und die Struktur der heutigen Kunstakademie mit ihren vielen Werkstätten zurück.

Später, ab 1915, studierte Schneck noch Architektur an der Technischen Hochschule bei Paul Bonatz. Zu dessen gerade erst im Bau befindlichen Stuttgarter Hauptbahnhof wollte Schneck seine Diplomarbeit anfertigen, allerdings wurde er nicht zugelassen, weil er kein Abitur hatte. Später wurde er Leiter der Abteilung Möbelbau und Professor an der Kunstgewerbeschule und kam so in engen Kontakt mit dem Deutschen Werkbund und den Vertretern des Neuen Bauens.

So kam es, dass Schneck 1927 als einziger Stuttgarter Architekt neben Richard Döcker, dem lokalen Bauleiter, an der Weißenhofsiedlung beteiligt war. Während aber die beiden Häuser Döckers heute nicht mehr erhalten sind, stehen von Schneck am Weißenhof sogar vier: Sein eigenes Wohnhaus baute er außer Konkurrenz, weil er mehr Wohnraum für sich beanspruchte, als dies in einer von der Reichsforschungsanstalt für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen geförderten Siedlung möglich war. Zwei weitere Häuser baute Schneck im folgenden Jahr für private Auftraggeber.

Die Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK) gab es bereits seit 1910, gegründet von einem Wiesbadener Textilunternehmer. Nicht den Kaufleuten selbst, sondern deren Angestellten wollte der Verein unter "Fernhaltung von überflüssigem Luxus" einen bezahlbaren Urlaub ermöglichen. Was das heißt, lässt sich anhand der Zahlen von 1935 ermessen: 3,60 Reichsmark pro Tag musste der Kurgast im Haus auf der Alb bezahlen, bei einem durchschnittlichen Arbeitnehmer-Monatseinkommen in Deutschland von 150 Mark.

Eigentlich war das Haus schon seit 1916 geplant. Die Gesellschaft köderte die Kommunen mit dem Angebot, ein solches Heim zu errichten, wenn ihr das Grundstück kostenlos überlassen würde. 45 Gemeinden bissen an, Urach erhielt den Zuschlag.

Das Baugrundstück befand sich außer Sichtweite, über 160 Eichenstufen führt die "Himmelsleiter" in den Wald hinauf. Doch mit dem Haus auf der Alb entwickelte sich Urach zum Luftkurort. Bad Urach nennt sich die ehemalige Residenzstadt der Württemberger erst seit 1983.

Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten infolge von Weltkrieg und Inflation kam der Bau zunächst jedoch nicht voran. Bis die Gesellschaft 1928 einen Wettbewerb ausschrieb. Den gewann Schneck mit einem höchst funktionalen Bau, der sich an den Hang anschmiegt, den Kurgästen südliche Sonne und eine herrliche Aussicht auf den Albrand beschert, mit einem Turm als Akzent im Zentrum. Wer sich länger mit dem Stuttgarter Hauptbahnhof von Paul Bonatz beschäftigt, erkennt die Verbindungen: auch dies ein höchst funktionaler Bau, nur mit Naturstein verkleidet, während das Haus auf der Alb weiß verputzt ist.

Adolf Schneck, ein Handwerker alter Schule

Schneck war kein radikaler Neuerer wie Le Corbusier, der den Bewohnern seiner Weißenhof-Häuser den Komfort eines Eisenbahnwaggons zumuten wollte. Als gelernter Schreiner und Polsterer baute er handwerklich solide: gediegen, aber nicht luxuriös. So sind auch seine Möbel: schlicht, reduziert, zurückhaltend, doch geschreinert nach allen Regeln der alten Handwerkskunst. Dazu hat er eine Reihe von Büchern geschrieben, die bis in die 1960er-Jahre immer wieder neu aufgelegt wurden und bis heute die Schreinerausbildung prägen.

Vielleicht war es diese Gediegenheit, seine Position als angesehener Handwerksmeister und Lehrer der Kunstgewebeschule, die es ihm ermöglichte, die NS-Zeit nahezu unbeschädigt zu überstehen. Freilich: völlig unkompromittiert blieb niemand, der in dieser Zeit in Amt und Würden war. Später versuchte Schneck, sich selbst als linken Dissidenten darzustellen, in Wirklichkeit war er eher unpolitisch. Erich Schairer, der ehemalige Mitherausgeber der "Stuttgarter Zeitung", dem er bald darauf ein Haus baute, bescheinigte ihm vor der Spruchkammer eine "politisch einwandfreie Gesinnung". Dass ihm allerdings nach dem Krieg die große Anerkennung versagt blieb, hat er wohl auch ein wenig sich selbst zuzuschreiben.

Nach der Machtergreifung blieb Schneck als Professor im Amt, erhielt aber einen Aufpasser zur Seite gestellt. Er trat nicht dem NS-Dozentenbund bei, wohl aber der NS-Volkswohlfahrt und dem NS-Lehrerbund und wurde Ende 1933 in die Reichskammer der bildenden Künste aufgenommen: die Voraussetzung, um weiter künstlerisch tätig zu sein. Selbst dass er 1937 schließlich doch NSDAP-Mitglied wurde, bewertet die Spruchkammer nur als "Grenzfall".

Dass Schneck in seinen Möbelentwürfen ein wenig von der Moderne abrückte, ist ihm kaum vorzuwerfen. Auch nicht, dass er 1938 aus der Weißenhofsiedlung auszog und sich weiter oben am Killesberg ein anderes, deutlich traditionelleres Haus mit Natursteinsockel und Satteldach baute. Stuttgarts damaliger Oberbürgermeister Karl Strölin wollte den "Schandfleck" am Weißenhof weghaben und an seiner Stelle das Generalkommando V des Heeres errichten. Am Wettbewerb für das Heereskommando nahm letztlich auch Schneck teil. Als Verteidiger der Moderne konnte er sich so später kaum mehr gerieren.

Hatte er Angst, die Einladung zum Wettbewerb abzulehnen? Hatte er sich mittlerweile von der Moderne distanziert? Oder wollte er seine guten Beziehungen zu Reichstatthalter Wilhelm Murr nicht aufs Spiel setzen? Wenige Jahre später hat er dessen Amtsräume in der Villa Reitzenstein ausgestattet, wie Historiker Weber herausgefunden hat. Schon ab Februar 1945 war Schneck stellvertretender Direktor der Kunstakademie, die vier Jahre zuvor mit der Kunstgewerbeschule zusammengelegt worden war. Was er, als Mitläufer eingestuft, auch in der amerikanischen Besatzungszeit blieb.

Georg Goldstein, seit 1912 Leiter der DGK und als Bauherr des Hauses auf der Alb sein Auftraggeber, war zu dieser Zeit bereits tot. Als Jude war er 1933 sofort entlassen worden. Seine beiden Kinder konnten emigrieren, er und seine Frau Margarethe wurden in ein Judenhaus eingewiesen, 1943 nach Theresienstadt deportiert und bald darauf in Auschwitz ermordet. Seit 2009 erinnert ein Stolperstein vor dem Haus auf der Alb an den früheren Direktor.

Das Haus selbst wurde in der Nazizeit zum "Kraft-durch-Freude-Heim" umfunktioniert und im Krieg als Lazarett genutzt. Es wurden aber keine Fensterläden angebracht und kein Satteldach aufgesetzt. Nach dem Krieg diente das Haus kurzzeitig als Ferienheim für französische Kinder, dann als Klinik für Gesichtsverletzte und als Tuberkulosestation, bevor die DGK 1950 ihr Erholungsheim zurückerstattet bekam. Mit zunehmendem Wohlstand der Nachkriegsgesellschaft wurde ein so vergleichsweise spartanisches Feriendomizil immer unattraktiver. 1974 stellte es seinen Betrieb ein. Seit 1992 dient das außergewöhnliche Bauwerk, unter Denkmalschutz gestellt und restauriert, der LpB als gut ausgelastete Tagungsstätte.

Zwischendrin erfuhr das Gebäude-Ensemble ein eher abgehobenes Intermezzo: Die Internationale Meditationsgesellschaft des bekannten Gurus Maharishi Mahesh Yogi mietete das Haus und richtete hier eine Akademie für Transzendentale Meditation ein. Die Gesellschaft hätte das Haus gern gekauft, doch sie wurde misstrauisch beäugt und das Vorhaben kam nicht zustande. Das Gerücht vom "yogischen Fliegen" in Schnecks Haus hat sich aber bis heute gehalten.


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4 Kommentare verfügbar

  • Birgit Weidmann
    am 23.03.2019
    Als Enkelin von A. Schneck weiß ich, dass mein Opa kein Hitlerfreund war. Er war sogar sehr sauer auf ihn. Aber er sah keine andere Chance für sich und seine Familie, sich irgendwie anzupassen. Zu Hitlers Plan, die Weissenhofsiedlung abzureißen und eine Kaserne dort zu errichten, sagte er mal: "Besser eine Kaserne in einem guten Baustil als diese Naziarchitektur, das hätte ich nicht ausgehalten." Meine Mutter hat mir erzählt, als sie in der Weissenhofsiedlung gewohnt haben, seien immer wieder Busse voller Menschen gekommen, denen entartete Architektur gezeigt worden sei. Sie hat als Mädchen auf dem Balkon gestanden und zugesehen, wie die Leute mit dem Finger auf sie gezeigt haben. Zum Schutz seiner Familie hat mein Opa ein einigermaßen "angepasstes" Haus gebaut. Gefallen hat es ihm nie, meiner Mutter auch nicht. Ich wiederum habe als Kind überhaupt nicht verstanden, warum sie ihr eigenes Haus blöd finden und trotzdem darin lebten. Als meine Mutter in die HJ kam, wurde sie zu einem stolzen Nazi-Mädel und hatte Nazi-Freunde und ich glaube, ihr erster Freund war bei der SS. Meine Mutter war als Jugendliche eifrig bei der "guten Sache". Mein Opa musste vorsichtig sein. Er hörte täglich den englischen Sender, um andere Informationen zu bekommen. Das war aber total illegal und richtig gefährlich. Wegen seiner pubertierenden, eifrigen Tochter (meiner Mutter) hat er den Sender immer erst nach 22 Uhr gehört, wenn er sicher sein konnte, dass seine Tochter schlief. Meine Tante, die älter als meine Mutter war und damals meist in der Schweiz lebte, hat mir das erzählt. Sie stand nämlich heimlich auf der Treppe und hat gelauscht. So lebt es sich in einer Diktatur. Das ist für uns kaum vorstellbar.
  • Hans-Jürgen Maes
    am 15.03.2019
    Ihr Autor Dietrich Heißenbüttel schreibt, die Nationalsozialisten hätten "bekanntlich für die Moderne nicht viel übrig" gehabt. Es ist klar, dass er damit speziell die architektonische Moderne, das sog. Neue Bauen meint. Ich kann mich immer wieder nur wundern, dass die Nazis nicht als Teil der Moderne verstanden werden. Unter ihrer Herrschaft erfuhr Deutschland einen Schub der infrastrukturellen und technologischen Modernisierung (Autobahnen, Kanalisierungen, Elektrifizierung, Volksempfänger, Volkswagen, Fernsehtechnologie, Raketentechnik, Atombombenforschung...). Umgekehrt hat Emanzipation nichts mit Flachdächern und Fensterbändern zu tun. Selbst ein Walter Gropius hat Entwürfe für die Nationalsozialisten geliefert. Es tut mir leid für den Lokalstolz der Stuttgarter, aber die Planungsskizze von Gropius für ein Haus der Arbeit der Deutschen Arbeitsfront von 1934 würde sehr gut als Stadtteilzentrum in die Weissenhofsiedlung passen.
  • Horst Ruch
    am 14.03.2019
    Nicht alles was weiß ist, ist Bauhaus Original. So wird mancher Architekt, dessen weißes Gebäude in den letzten Jahren erstellt wurde hochgelobt, nach 90 Jahren die Neo-Sachlichkeit wiederentdeckt zu haben. Der Hype einer wiederbelebten Erinnerung an bessere und epochemachende Architektur aus deutschen Landen hat was Eventhaftes in diesen Tagen. Der Artikel über Schneck ist gut recherchiert. Nur ein Hinweis ist vielleicht noch angebracht: das „Haus auf der Alb“ ist zeitgleich vom Entwurf [1928] bis zur Fertigstellung mit dem Sanatorium in Paimio von Álvar Aalto (der mit Bauhaus nichts gemein hatte) zu vergleichen. Es lag also in der Luft dem ersten Weltkrieg alles Alte zu verdrängen, Jugend bzw. Gründerstil zu verlassen. Während Aalto auf der Suche nach einem „National“Stil für die junge Republik Finnland war, hat Schneck durch Bonatz/Scholer ( deren prämierter Entwurf des Stuttgarter Bahnhofs übrigens noch Gründerzeitliche Architektur aufwies) eine internationale Bewegung entdeckt, die leider durch die völkische „National“Idee des „Führers“ unterbrochen wurde. Aber ebenso leider nach Ende des „1000jährigem Reich“ mit falsch interpretierten Versimplifizierungen wieder auferstanden ist.
  • Waldemar Grytz
    am 13.03.2019
    Ein von Döcker gebautes Wohnhaus steht heute noch in der Zeppelinstraße. Auftraggeber war der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf - samt Familie 1933 aus Stuttgart vertrieben. Das Haus wurde deutsch-nazional umgebaut und mit einem Satteldach versehen.

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