Über 300 SchülerInnen und FfF-FreundInnen im Flughafen Stuttgart. Foto: Jens Volle

Über 300 SchülerInnen und FfF-FreundInnen im Flughafen Stuttgart. Foto: Jens Volle

Ausgabe 435
Gesellschaft

Li-la-linksextrem

Von unserer Redaktion
Datum: 31.07.2019
Ganz schön was los im aktivistischen Stuttgart: Kriegsprotest und Klimastreik, Seebrücke und CSD, der alte Gemeinderat tritt ab, ein neuer an, mit vielen Wünschen, die ihm die Zivilgesellschaft auf den Weg gibt. Da können Schlapphüte schon mal den Bleistift spitzen.

Von der Ungeheuerlichkeit haben die jungen Menschen am Stuttgarter Flughafen noch gar nichts mitbekommen. "Linksextremisten unterwandern Fridays-for-Future" (FfF), berichteten die "Stuttgarter Nachrichten" (StN) vergangenen Freitag auf ihrer Titelseite. Nisha Toussaint-Teachout, die für die Klima-Aktivisten spricht, wusste davon am Nachmittag noch gar nichts, betont aber schon mal, dass alle der über 70 FfF-Aktionen in Baden-Württemberg absolut friedlich verlaufen sind. So auch im Flughafen der Landeshauptstadt, wo gut 300 SchülerInnen und Sympathisanten gegen die Fahrpreise der Bahn (zu teuer) und der Billig-Airlines (zu günstig) protestieren.

Aber. Dann. DAS!

Die Schlapphüte beobachten zunehmende Einflussnahmen linksextremistischer Kreise auf die Klima-Proteste. Konkret geht es laut StN darum, dass es der Interventionistischen Linken (IL), Bezirk Rhein-Neckar, gelungen sei, bei Klima-Protesten in Mannheim "Solidarisierungseffekte für die linksextremistisch beeinflusste Kampagne 'Ende Gelände' zu erzielen". Auch bei anderen Gelegenheiten habe der Verfassungsschutz vereinzelt Linksextremisten gesichtet. Und all das ist ja wohl Grund genug, einen aufgeregten Text auf der Titelseite zu bringen, haufenweise Eltern in Panik zu versetzen und einen AfD-Mann sagen zu lassen, dass Linksextremisten "von anderen politisch-gesellschaftlichen Akteuren mit offenen Armen empfangen" würden. Andere politisch-gesellschaftliche Akteure kamen in dem Beitrag nicht zu Wort.

Wie schlimm ist schlimm?

Nach eigener Darstellung strebt die IL die "Abschaffung aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" an. Laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz fungiert die Organisation mit bundesweit 850 Mitgliedern aber als "Scharnier zwischen militanten Gruppierungen und nicht gewaltorientierten Linksextremisten". Klingt ja schlimm. Und was stellen sie in Baden-Württemberg an?

Krawall gab's jedenfalls keinen. Auf den 327 Seiten, die der aktuelle Verfassungsschutzbericht zählt, werden ihre Aktivitäten drei Mal erwähnt: Einmal, weil sie an einer Demo gegen Rüstungsexporte teilnahmen (=linksextremistisch beeinflusst), und einmal, weil sie auf einer Demo gegen staatliche Repression waren (auch linksextrem). Außerdem haben die Extremisten an die Opfer des NSU erinnern wollen und dafür Straßenschilder mit deren Namen überklebt. Wörtlich heißt es bei den Verfassungsschützern: "Die 'Interventionistische Linke' (IL) selbst berichtete von 'Umbenennungen' von mehr als 200 Straßen in über 20 Städten. In Baden-Württemberg wurden Aktionen in Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart und Mannheim bekannt."

Das war's?

Nicht ganz. Denn was dem Verfassungsschutz bislang offensichtlich entgangen ist: Auch die kommunistische MLPD versucht die Klima-Jugend aufzuwiegeln – bei verschiedenen Gelegenheiten wurde mindestens ein Anhänger vor Ort beobachtet. Die linksextreme Einflussnahme ist demnach sogar noch größer als befürchtet. Vergangenen Freitag hatten die Kommis sogar ein Plakat am Start: "Wer den Drachen bezwingen will, muss wissen, wo sich sein Herz befindet." Damit auch jeder Trottel rafft, was gemeint ist, hat jemand einen Drachen darüber gepinselt, dessen goldenes Herz mit "Internationales Finanzkapital" beschriftet ist – und das kann man ja wohl auch als Aufruf zum bewaffneten Kampf verstehen (gegen ausgestorbene Reptilien, hihi).

Scherz beiseite: Wer mal vor Ort war, um zu sehen, was die jungen Menschen bei ihren Klima-Protesten umtreibt, erlebt Veranstaltungen, die kaum friedlicher sein könnten. Der Stuttgarter Flughafen jedenfalls hat die Fridays-for-Future-Leute gerne bei sich demonstrieren lassen. "Klimaschutz ist von überragender Bedeutung", erklärt Sprecher Johannes Schumm und kündigt große Pläne an: In den nächsten elf Jahren wolle man den CO2-Ausstoß halbieren und bis 2050 völlig klimaneutral fliegen. Wie's funktionieren soll? Mit synthetischem Kerosin und Elektroflugzeugen. Ob's auch klappt? Keine Ahnung, aber der Ansatz ist ein guter.

Kasernen zu Wohnraum

Der vielleicht aktivste Aktivist in Stuttgart und Umgebung hat viele Visionen: ein "kleines Woodstöckle" in Möhringen, Wohnraum, wo heute Kasernen sind, und Drohnen, die Ertrinkende auf dem Mittelmeer ausfindig machen, statt Zivilisten zu bombardieren. Beinahe eine Stunde lang redet Henning Zierock bei tropischer Hitze bemerkenswert energetisch. Anlass ist ein Besuch von Mark Esper: Der US-Verteidigungsminister hat sich am Freitag das Militärkommando Africom im schönen Stuttgart-Möhringen angeschaut. Von hier aus werden die mutmaßlich völkerrechtswidrigen Drohnenkriege der USA in Afrika koordiniert, die mehr zivile Opfer fordern als Terroristen töten.

Nur etwa 30 Leute kommen, um dagegen zu protestieren. Ein bisschen traurig, dass es nicht mehr sind. Zumal es sich durchaus lohnen würde, eine Anregung von Zierock weiterzuverfolgen: Die Stützpunkte der US-Streitkräfte nehmen in Stuttgart eine Fläche von 90 Hektar ein. Würde man die Drohnenkriegs-Kooperation beenden, könnten hier einmal tausende Wohnungen entstehen – in einer Stadt, die dringend Bauland sucht.

Auch in Stuttgart gibt's jetzt eine "Seebrücke"

Vielleicht waren manche aber auch schon ein wenig erschöpft vom Protest der Tage zuvor, insbesondere vom Donnerstag, als sich viele Interessen vor dem Stuttgarter Rathaus versammelten: S-21-Gegner (die auch am Montag wieder fleißig waren), Mieterinitiativen, Rüstungsgegner, Friedens- und Klimabewegte, Befürworter des Nicht-Ertrinken-Lassens schutzsuchender Menschen. Sie gaben dem neuen Gemeinderat, der vergangene Woche den Dienst antrat, ihre Wünsche mit auf dem Weg.

Und dann kommt ein Reutlinger (!) daher und sagt: "Super, dass hier auch mal was passiert." Markus Groda (36) heißt der Mann, der am Donnerstagabend für die "Seebrücke" spricht. Die hat sich seit einem Jahr der Rettung Geflüchteter verschrieben und ist inzwischen in mehr als 30 deutschen Städten präsent. Groda ist im Hauptberuf Photovoltaikunternehmer und als Aktivist so eine Art Regionalleiter für Baden-Württemberg und Bayern. In Stuttgart gab es bisher keine Ortsgruppe, was sich seit jenem Donnerstagabend geändert hat – mit Erfolg. Nahezu 50 junge Menschen hatten sich zur Gründung eingefunden, und niemand war dabei, den man als Observierungsobjekt für den Verfassungsschutz identifiziert hätte. Nicht einmal die MLPD. Bloß nicht vereinnahmen lassen, diese Botschaft war überdeutlich.

Für die "Seebrücke" geworben haben: Der bereits erwähnte Markus Groda, der auch noch bei der Freiwilligen Feuerwehr ist und bei der Caritas Vorträge hält, zusammen mit einer Asylpfarrerin. Skipper Thomas Nuding (53), der in Meßkirch eine Firma für Versorgungstechnik hat und für die Freien Wähler im Gemeinderat sitzt. Er berichtet von seinen Einsätzen im Mittelmeer, wo er mit seinen Mitteln für ein "humanes Europa" kämpft. Als Kapitän von Schiffen, die flüchtende Menschen vor dem Ertrinken retten.

Und da ist noch Dennis Klora (27), einer der Stuttgarter Organisatoren, der ebenfalls einem gutbürgerlichen Beruf nachgeht. Der junge Mann ist Entwicklungsingenieur bei Zeiss, und, Obacht Verfassungsschutz, als Unterzeichner einer Solidaritätserklärung für den linken Journalisten Alfred Denzinger ("Beobachter News") aufgefallen, welchem Morddrohungen von rechts ins Haus geschickt wurden. Beim "Umsonst & Draußen"-Festival am kommenden Wochenende in Vaihingen steht die Stuttgarter "Seebrücke" zum ersten Mal in der Öffentlichkeit.

Wenigstens der CSD ist nicht mehr extrem

Während nun die verschiedenen Strömungen emanzipatorischer und sozialer Bewegungen gerne mal an den Rand der Gesellschaft und in die Nähe des Extremismus gerückt werden, ist es auch mal schön zu sehen, dass sich Umgangsformen wandeln können. Das zeigt sich, auch wenn es bis zur diskriminierungsfreien Gesellschaft noch ein weiter Weg ist, eindrucksvoll am Umgang mit dem Christopher Street Day. Bessere Stimmung war in Stuttgart lange nicht zu erleben. "Homophobie ist Sünde", steht auf einem der unzähligen Plakate. Und auf einem anderen: "Lieber an der Hundeleine als mit Hundekrawatte." Amen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Waldemar Grytz
    am 05.08.2019
    Nur ein kleines Detail, aber gut zu wissen: wenn die "Schlapphüte" was zu melden oder zu verbreiten haben, können sie sich vermutlich immer dankbar an einen Kollegen (ist es nur eine/r?) aus den Stuttgarter Nachrichten wenden.
    "Das Böses ist immer und überall!" (wusste schon die Erste Allgemeine Verunsicherung 1985). Das sichert manchen Gestalten, mit denen engagierte Menschen nicht mal ein Bier trinken würden oder sie in der Verwandtschaft haben möchten, den Job.
  • Philippe Ressing
    am 03.08.2019
    Ja ja, alles von Kommunischte gesteuert. Ach wie langweilig, mit demselben Repertoire hetzte einst die Presse gegen die Anti-AKW-Bewegung (Politchaoten) und gegen Friedenasaktivisten (von Moskau gesetuert), heute gegen Kohlegegner und Flüchtlingshelfer - alles Radikalinskis. Seit Adenauers Zeiten wurde bei Bewegungen immer der - aus braunen Zeiten stammende - antilinke Reflex genutzt. Spannend ist, dass just zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichtung des neuen Verfassungsschutzberichtes aus dem Hause Seehofer, nun die Stuttgarter Presse das Thema IL aufgreift - findet sich doch im Bericht eine Passage dazu. Die Schlapphüte im Ländle, die sich im Zusammenhang mit den NSU Morden und rechten Seilschaften - schlapp verhalten haben, wittern gute Presse. Deutrsche Kontinuitäten - siehe Artikel zur Geschichte des VS......

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