Ende-Gelände-AktivistInnen klettern über den Zaun. Alle Bilder lassen sich per Klick vergrößern.

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Ausgabe 410
Gesellschaft

Knüppel bleibt im Sack

Von Minh Schredle
Fotos: Jens Volle
Datum: 06.02.2019
Kaum zu glauben: AktivistInnen von "Ende Gelände" besetzen ein Kohlekraftwerk in Karlsruhe. Die Polizei lässt sie gewähren und die Betreiberin EnBW erstattet keine Anzeige. Kontext hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Der Mann auf der anderen Seite des Zauns runzelt die Stirn und schaut hinauf zu den Schornsteinen, die den eisblauen Himmel mit aschgrauen Rauchschwaden verdunkeln. "Eigentlich habt ihr schon recht", sagt er, der EnBW-Mitarbeiter, hier am Rheinhafen-Dampfkraftwerk in Karlsruhe. Er gehe auch "gerne in die Natur", und es könne nicht sein, "dass wir uns die Lebensgrundlage kaputt machen", gibt er zu bedenken. Dann schaut er noch einmal zum Himmel hinauf und seufzt: "Aber noch dampft der Schlot eben." 

Es ist ein offener Austausch ganz ohne Feindseligkeit, zwischen einem, der seinen Lebensunterhalt mit der Kohle verdient, und Klima-Aktivisten, die sofort mit ihr Schluss machen wollen. In Vielem sind sie sich verblüffend einig.

Ein netter Plausch am Werkzaun.

Fünf Stunden zuvor, um halb sieben in der Früh, ist das Hafenviertel im Westen von Karlsruhe noch in diesigen Nebel gehüllt. Siebzig Menschen sind mucksmäuschen still. Ein Späher gibt per Walkie-Talkie durch: "Gerade war hier ein Auto, das umgedreht hat." Ein anderer: "Kein einziges Bullenauto. Die wissen von nichts."

An einem unbeleuchteten Radweg halten die Aktivisten an und legen die weiße Staubfänger-Anzüge mit dem "Ende-Gelände"-Logo an. Es stellt das Schlägel und Eisen – die Symbole des Bergbaus – auf den Kopf. Geräuschlos nähert sich der Trupp dem Kohlekraftwerk, erst kurz vor dem Zaun beginnen die Sprechchöre: "Auf geht's, ab geht's! Ende Gelände!" Dann dauert es nur wenige Sekunden. Zentimeter dicke Gummimatten werden über die spitzen Zacken geworfen. Augenblicke später sind gut drei Dutzend junge Leute über den Zaun geklettert, bald haben sie einen Bagger und ein Lieferband besetzt, und es dauert nicht lange, bis auf dem Gelände Banner und Transparente mit Parolen wie "Up with trees – down with capitalism" oder "Think global, block local" hängen.

Der Abend zuvor: An einem geheimen Ort kommen etwa 140 Jugendliche zusammen, überwiegend aus dem Süden Deutschlands, um sich "gegen die Klimazerstörung durch Kohlekraftwerke zu wehren", wie ein Mensch sagt, der für den Pressekontakt zuständig ist. Er zieht es, wie fast alle Beteiligten, vor, anonym zu bleiben. Kaum jemand hier ist über 30, viele Studierende und BerufseinsteigerInnnen, etwa die Hälfte ist weiblich. Bevor strategische Details besprochen werden, geben alle Anwesenden ihre Handys ab. Sie werden in ein Nebenzimmer verfrachtet. In einer Sofa-Ecke reichen die besonders Entschlossenen Rasierklingen herum, um sich die oberen Hautschichten an den Fingerkuppen abzuschaben und so erkennungsdienstliche Maßnahmen der Polizei zu verhindern oder wenigstens in die Länge zu ziehen.

Die klandestine Maniküre verläuft mit einer Selbstverständlichkeit, mit der sich andere die Nägel lackieren würden. "Weh tut das eigentlich nicht", sagt einer, "außer man schneidet zu tief." Ein anderer stöhnt entnervt auf. "Noaaah, jetzt hab ich mich blutig gemacht." Seine Sitznachbarin tätschelt ihm den Kopf: "Das wird wieder."

Die Rasierklinge soll verhindern, dass Fingerabdrücke verwertbar sind.

Die Blockade des EnBW-Kraftwerks am frühen Samstag morgen soll den Auftakt einer bundesweiten Aktionswoche von "Ende Gelände" markieren. In Karlsruhe gibt es drei Möglichkeiten, mitzumachen: Eine Mahnwache vor dem Betriebsgelände (legal), die Besetzung der Gleisanlagen und Schiffzufahrten für den Kohletransport und zuletzt das Betreten des Werkgeländes mit dem Ziel, die Produktionsleistung des Kraftwerks zu reduzieren (beides illegal). Zudem gliedern sich die Aktivisten in kleinere Bezugsgruppen, die sich umeinander kümmern sollen und Namen wie "Zwiebel", "Karies" und "Alpaca" trugen. Der einst beliebte "Mettigel", der sich bei Bedarf in die Untergruppen "Mett" und "Igel" aufspalten konnte, war diesmal nicht mehrheitsfähig.

Mit dem Kohle-Kompromiss der Klimakommission, der jüngst beschlossen wurde, sind sie hier nicht so zufrieden? "Um Himmels willen, nein!", schreit einer und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: "2038 ist viel zu spät." Er erzählt, wie das Fraunhofer-Institut berechnet hat, dass auch bei einem Kohleausstieg bis 2030 die Versorgungssicherheit mit Strom gewährleistet wäre. Ein Sprecher von "Ende Gelände" geht noch weiter und fordert: "System change statt climate change." Er hält es für wichtiger, "langfristig unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, als noch ein paar Jahre Profit zu machen."

Eine junge Frau, keine 20 Jahre alt, trägt sich eine Extraschicht goldenen Glitter auf, um ihre Fingerabdrücke unbrauchbar zu machen. Sie grinst eine Freundin an und imitiert Bibi Blocksberg: "Hex! Hex!" Nur ein paar Minuten danach erzählt sie: "Wenn es Stress gibt, will ich mich vorne anstellen – ich habe am wenigsten zu verlieren." Sie plant zum Beispiel keine Karriere im öffentlichen Dienst. Die "Ende Gelände"-Aktionen sind zwar strikt pazifistisch, dennoch können Hausfriedensbruch und Störungen eines Betriebsablaufs zu mehrjährigen Haftstrafen führen. Ein Risiko, das offen thematisiert wird und das die Beteiligten billigend in Kauf nehmen. Sie meinen es ernst.

Im Vorfeld der Kraftwerk-Blockade wird der Aktionskonsens beschworen: "Angesichts der Dringlichkeit des Klimaproblems, halten wir es für notwendig und angemessen, einen Schritt weiter zu gehen: vom öffentlichen Protest zum zivilen Ungehorsam." Unmissverständlich wird dabei betont: "Wir werden uns ruhig und besonnen verhalten, von uns wird keine Eskalation ausgehen und wir gefährden keine Menschen." Ebenso werde man "keine Infrastruktur zerstören oder beschädigen", sich "nicht von baulichen Hindernissen aufhalten lassen" und Polizei-Absperrungen wolle man nicht durchbrechen, sondern "umfließen". Sie werden ihr Wort halten, alle 140.

Die Klima-Aktivisten schlafen an verschiedenen Orten, darunter auch in Privatwohnungen von Personen, die nicht eingeweiht sind, was am nächsten Tag geplant ist. "Je weniger wir wissen, desto besser", grinst einer, der seine Zimmer zur Verfügung stellt und am nächsten Morgen um fünf Uhr aufstehen will, um noch ein kleines Frühstücks-Buffet vorzubereiten. Eine andere, die nicht zuhause ist, hat einen Schlüssel für ein halbes Dutzend Unbekannte hinterlegt. Nach der Übernachtung ist die Wohnung weder verwüstet noch ist irgendwas abhanden gekommen. "Whoaa, es gibt ja wirklich Kaffee!", freut sich eine dann am frühen Samstag morgen und hüpft von einem Bein aufs andere: "Ich dachte, das wäre nur ein Gerücht." Am Buffet gibt es obendrein zwei Sorten Brot mit vielen Körnern, eine kleine Käseauswahl. Auberginen-Aufstrich, Paprika-Cashew-Creme, ein selbstgemachtes Quitten-Gelee, das der Renner ist, und eine Rote-Beete-mit-Meerrettich-Konfitüre, die niemand anrühren mag. Und als wäre das nicht genug: auch noch sieben Packungen Doppelkeks mit Schokolade, natürlich die Bio-Variante. Nebenbei amüsieren sie sich über manche Zerrbilder, die über linke Aktivisten im Umlauf sind: "Neulich habe ich 'nen Text über 'ne Hausbesetzung gelesen. Da stand drin, dass sich diese Leute sogar die Zähne putzen. Das muss den Reporter schwer verwundert haben."

AktivistInnen spielen "Kraftwerke besetzen", eine pazifistische Alternative zum Brettspiel "Risiko"
AktivistInnen spielen "Kraftwerke besetzen", eine pazifistische Alternative zum Brettspiel "Risiko".

Während sich die muntere Truppe auf eine Konfrontation mit der Polizei vorbereitet hat, reagiert diese ganz anders als erwartet. Es dauert eine gute halbe Stunde, nachdem die ersten über den Werkszaun geklettert sind, bis sich herumspricht: vier Streifenwagen sind unterwegs. "Wie süß", kommentiert eine spöttisch, die fest entschlossen ist, die Gleise weiterhin zu blockieren. Als die ersten Beamten eintreffen, ist die Situation chaotisch und widersprüchliche Aussagen sind zu hören. Ein Polizist murmelt: "Da brauchen wir das SEK." Ein anderer teilt fast zeitgleich mit: "Wir wollen auf keinen Fall eskalieren". Dann, nach einer knappen Stunde, ziehen die Beamten wieder ab und teilen den verdutzten 50 Menschen auf dem Gleisbett lapidar mit: "Ihr könnt erst einmal hier bleiben."

Alle sind verwirrt. Dann steigt eine kleine Gleisparty: Auf den Schienen spielen ein paar das Gesellschaftsspiel "Kraftwerke besetzen". Es ist an den Klassiker "Risiko" angelehnt, bloß, dass man hier keine fremden Länder überfällt, sondern Energiekonzerne ärgert. Ein protesterprobter Animateur bringt einem kleineren Grüppchen eine Tanz-Choreografie bei: Nach dem Sidestep mit Wellenbewegung kommen Handspiegel und Schulterblick, Klatschen und Tüten packen, gefolgt von "Rainbow" und "Airplane" und schließlich der "Run!": Mit vorgehaltenem Zeigefinger gehen sie in die Hocke und bewegen sich in krabbenähnlichen Trippelschritten seitwärts. Das sorgt für viel Gelächter. Der linke Bundestagsabgeordnete aus Karlsruhe, Michel Brandt, ist als parlamentarischer Beobachter vor Ort und findet die Aktion sensationell: "Schön, dass 'Ende Gelände' uns hier in Baden-Württemberg beehrt."

... uuuuuuuuuuuund "Run!"
... uuuuuuuuuuuund "Run!"

An der Mahnwache gibt es einen Lautsprecher, zuerst läuft Feine Sahne Fischfilet. Daneben sitzt ein verstrubbelter Lockenkopf auf dem Boden und blättert angeregt im Grundgesetz. Er überlegt, ob man den Artikel 20 Absatz 4, das Recht auf Widerstand, auf den Klimaschutz übertragen kann: Denn eine nachhaltige Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, argumentiert er, sei eine notwendige Grundvoraussetzung dafür, dass eine verfassungsmäßige Ordnung überhaupt längerfristig existieren kann. Das klingt nicht unplausibel, ist juristisch aber wahrscheinlich nicht wasserdicht. Ein paar Meter weiter und einige Minuten später singt ein heiterer Trupp mit Flöte, Gitarre und pinken Perücken: "Gesetzestreue lohnt sich nicht, my Darling. Schade um den Spaß, den du verpasst."

Einer steht ein bisschen abseits und traut sich kaum, es laut auszusprechen: "Ich glaube, wir haben die Cops massiv überschätzt." In Stuttgart, vermutet einer, der von unangenehmen Konfrontationen berichten kann, "wären jetzt Wasserwerfer unterwegs und in Hamburg hätten sie uns längst niedergeknüppelt."

Nicht in Karlsruhe. Am Nachmittag ist der Polizeisprecher Ralf Minet vor Ort und betont in bemerkenswerter Wortwahl: "Wir haben kein Interesse, hier Unfrieden zu stiften." Stattdessen hoffe man darauf, dass "sich das hier demnächst auflöst, nachdem die ihre Plattform bekommen haben". "Demnächst" stellt sich dabei als ein dehnbarer Begriff heraus: Acht Stunden lang sind die Gleisanlagen, die Schiffzufahrten und ein Förderband blockiert. Von der EnBW wird es dazu keine Strafanzeige geben, schließlich sei die Aktion "friedlich verlaufen", teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Ihre Kollegen hätten die AktivistInnen angesichts niedriger Temperaturen mit frischem Kaffee versorgt und das Gespräch gesucht. Eine interessante Strategie – im Unterschied zur Konkurrenz RWE im Hambacher Forst.

So kann entspannt geplauscht werden. Der EnBW-Mitarbeiter am Werkszaun meint, er habe schon vor einer Weile erkannt, dass ein sterbender Industriezweig, dessen Existenzgrundlage abhängig von der Verwertung begrenzter Ressourcen abhängig ist, keine Ewigkeit am Leben erhalten werden kann. Ein zu frühes Ende, da sind sich im Grunde alle einig, wäre das kleinere Übel als ein zu spätes.


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