Im Einsatz auf dem Pforzheimer Wartberg am 23. Februar 2018.

Im Einsatz auf dem Pforzheimer Wartberg am 23. Februar 2018.

Ausgabe 363
Gesellschaft

Hilfe im Gepäck

Von Minh Schredle
Fotos: Jens Volle
Datum: 14.03.2018
Wie überall, wo große Menschenmengen zusammenkommen, kann auf Demos schnell was schief gehen. Demosanitäter arbeiten ehrenamtlich, mit großem Einsatz. Ein Gerichtsurteil aus dem Dezember befördert Befürchtungen, dass diese Hilfe kriminalisiert wird. Eine Fotoreportage über die Arbeit der Sanitätsgruppe Südwest.

Der knallig rote Riesenrucksack wiegt voll beladen 30 Kilo, fast doppelt so viel wie Bundeswehrsoldaten auf ihren Leistungsmärschen zu schleppen haben. Demosanitäter Peer Vlatten ist dankbar für den Tipp seiner Kollegin, Katharina Vater, das Mordspaket ein paar Minuten auf der Polizeiabsperrung abzustützen, für eine kurze Verschnaufpause.

Hier, oben auf dem Pforzheimer Wartberg, treffen sich wie jedes Jahr am 23. Februar eine Handvoll Rechtsradikaler und Neonazis zum Fackelmarsch – in einem umzäunten Bereich und geschützt durch 800 Polizisten, Auf der Gegenseite und ein paar hundert Meter hinter einer Absperrung: etwa 200 Gegendemonstranten, antifaschistische Transparente, rote Fahnen im gleißenden Flutlicht der Staatsmacht.

In Pforzheim im Einsatz: Peer Vlatten und Katharina Vater
Peer Vlatten und Katharina Vater.

Vater und Vlatten beobachten die Lage. Aktuell scheint alles ruhig. Den Einsatz haben sie ausführlich geplant und für den Fall, dass jemand die Orientierung verliert und der Handyakku schlapp macht, haben sie sogar kleine Karten von der Gegend ausgedruckt und laminiert, "dann kann man die nächstes Jahr wiederverwenden, wir sind ja immer hier".

Zu jeder Einsatzvorbereitung gehört auch eine Gefahrenprognose. Und erfahrungsgemäß kann es beim Pforzheimer Fackelmarsch zu Verletzten kommen, das haben die Vorjahre gezeigt. Eigentlich hätten die Demosanitäter Südwest mit Sitz in Stuttgart mit sechs Leuten vor Ort sein wollen, gut ein Dutzend Aktive gibt es in der Ortsgruppe. Aber weil an diesem Abend einige arbeiten müssen und andere krank sind, mussten Vlatten und Vater zu zweit losziehen. Mehr wären besser gewesen, als Absicherung für den Ernstfall, sagt Vlatten. Meistens bleibe es aber ruhig, das ist ihm wichtig zu betonen.

Denn die beiden kennen das Gerücht nur zu gut: Wer auf eine Demonstration Sanitäter mitbringt, könne ja nur auf Krawall aus sein. Vlatten bezeichnet das als totalen Schwachsinn. Neben Vater ist er einer von drei Vorständen der gemeinnützigen Demosanitäter Süd-West, einem eingetragenen Verein, und erklärt: "Egal, worum es geht: Wenn viele Menschen zusammenkommen, ist es immer gut, wenn auch medizinische Hilfe vor Ort ist."

Die Sanitätsgruppe Südwest hilft in Frankfurt aus.

Normalerweise ist das sogar gesetzlich vorgeschrieben, etwa bei Fußballspielen oder Konzerten. Demonstrationen unterliegen jedoch einer anderen Rechtslage. Zum einen gelten hier theoretisch alle anwesenden Polizisten als Ersthelfer (auch wenn es in der Praxis eher selten vorkommt, dass sie verletzten Demonstranten Pfefferspray aus den Augen spülen). Und zum anderen stellen das Rote Kreuz, Johanniter und Co. ihre Arbeit in Rechnung. Weil sich ein Veranstalter das erst einmal leisten können muss, würde der Zwang, jemanden zu engagieren, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit einschränken. Demosanitäter arbeiten hingegen ehrenamtlich.

Einer von ihnen wurde im vergangenen Dezember vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten zu einer Strafe von 50 Tagessätzen verurteilt. Neben Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte legten ihm Richterin und Staatsanwaltschaft zur Last, auf einer "Merkel muss Weg"-Demo gegen das Vermummungs- und das Schutzwaffenverbot verstoßen zu haben – weil er eine Atemmaske und einen Helm trug. Die Richterin wertete seine Anwesenheit als Demonstrationsteilnahme, daher sei passive Bewaffnung, also auch das Tragen von Schutzkleidung, verboten.

Vlatten nennt diese Begründung absurd. "Journalisten und Fotografen sind ja auch nicht automatisch Demoteilnehmer, nur weil sie sich für ihre Arbeit in der Nähe einer Versammlung aufhalten." In brenzligen Situationen sei die Schutzkleidung notwendig, um sich nicht selbst zu gefährden und bei einem Verbot wäre Hilfe dort nicht mehr zu leisten, wo die Bedrohung für Leib und Leben am größten ist. Er ärgert sich über ein Zerrbild, das über Demosanitäter vorherrsche. "Meistens wird über unsere Arbeit erst berichtet, wenn es knallt." Dadurch entstünde der Eindruck, bei der Ausnahme handle es sich um die Regel.

Für einen besseren Überblick halten sich die Sanis meist am Rand der Versammlung auf.
Für einen besseren Überblick halten sich die Sanis meist am Rand der Versammlung auf.

Natürlich gibt es auch solche Tage wie den 28. Februar 2016, als die homophobe "Demo für Alle" in Stuttgart auflief. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, die mit Reiterstaffel vorging und Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzte. Die Demosanitäter Südwest sind zu dritt im Einsatz und behandeln an diesem Tag mehr als 100 Verletzte. Die Lage ist chaotisch, unübersichtlich, Vlatten muss sich allein um Dutzende Patienten kümmern, "ich war vollständig überfordert", sagt er. Dann ist ihm Katharina Vater zu Hilfe gekommen. Die war damals noch gar keine Demo-, aber ausgebildete Einsatzsanitäterin, sah die Not und half. Seitdem ist sie dabei. "Das war heftig", sagt sie heute.

Ein typischer Einsatz läuft allerdings eher so ab, wie am 23. Februar in Pforzheim: Ein Demonstrant rutscht auf dem Weg nach oben aus und fängt sich eine blutige Hand ein. Kein besonders tiefer Schnitt, kein großes Drama, aber der Verband tut gut und beugt einer Entzündung vor. Später feuern Vermummte aus einem Pulk Pyrotechnik in Richtung der rechtsradikalen Fackelträger. Die Polizei hält Hunde bereit. "Das ist jetzt noch so ein Fall, in dem die Lage leicht eskalieren kann", kommentiert Vater, die Atmosphäre ist angespannt. Doch letztlich verletzt sich niemand dabei und an dem Abend bleibt es, nach gut zwei Stunden im Einsatz (plus Vorbereitungszeit und Anfahrt auf eigene Kosten), bei dieser einen verarzteten Hand.

Die Handverletzung bleibt die einzige Verletzung, die die beiden in Pforzheim behandeln.
Die Handverletzung bleibt die einzige Verletzung, die die beiden in Pforzheim behandeln.

Gelohnt hat es sich trotzdem, finden beide. "Fast immer geht es nur um Kleinigkeiten", betont Vlatten. Dabei würden nicht nur linke Demonstranten von ihrer Anwesenheit profitieren, sondern bei Bedarf auch Polizisten und sogar Nazis. Nicht nur ein humanitäres Gebot, sagt Vlatten. Sondern auch Pflicht: Als ausgebildete Sanitäter müssen sie helfen, sonst wäre das eine Straftat. "Meistens brauchen Polizisten nur ein Pflästerchen oder eine Kopfschmerz-Tablette", erzählt er von seinen Erfahrungen. Einmal hat sich ein Kopfhörer schmerzhaft im Gehörgang eines Gesetzeshüter verkeilt. "Wir haben ihn dann mit einer Pinzette von seinem Leiden erlöst", kichert er.

Manchmal läuft es weniger spaßig mit der Staatsmacht. Etwa im März 2015, als ein Pegida-Ableger in Karlsruhe aufmarschierte. Wieder kracht es, nach Schlagstockeinsatz verliert ein Demonstrant mehrere Schneidezähne. Vlatten will ihn behandeln, die Polizei lässt ihn nicht durch und nachdem Vlatten hartnäckig bleibt, nehmen ihn die Ordnungshüter in Gewahrsam und er verbringt die Nacht auf der Wache. "Meistens läuft die Zusammenarbeit besser", kommentiert er trocken.

Um als Demosanitäter zu arbeiten, braucht es eine ordentliche Portion Idealismus. Sie arbeiten nicht nur ohne jede Aufwandsentschädigung, meistens zahlen sie sogar noch obendrauf. Als Verein ohne eigene Einnahmen sind sie dabei auf Spenden angewiesen, denn gutes Equipment geht ins Geld. "Allein so ein Rucksack", sagt Vlatten und zeigt auf das 30-Kilo-Monster, "kostet voll ausgestattet mehrere tausend Euro." Neben hohen Anschaffungskosten, beispielsweise für das Sauerstoffgerät, muss ersetzt werden, was verwendet wurde oder verfällt. Die Checkliste, was reinmuss, sei mehrere Din-A4-Seiten lang und die Standards hoch. In der Selbstbeschreibung der Sanitätsgruppe Südwest heißt es: "Für sie gibt es nur eine Methode Medizin zu betreiben, und zwar so professionell wie nur möglich. Dabei erkennt sie sowohl naturheilkundliche, konservative, ganzheitliche, als auch traditionelle Verfahren an und beurteilt sie streng nach ihrer Evidenz."

Der Blick in den 30-Kilo-Rucksack.
Der Blick in den 30-Kilo-Rucksack.

Dabei gibt es im breitgefächerten linken Spektrum durchaus Meinungsverschiedenheiten, welcher Grad an zertifizierter Professionalisierung tatsächlich notwendig ist, um ordentlich helfen zu können. Einen einheitlichen Bundesverband der Demosanitäter oder ähnliches gibt es nicht. Die Ortsgruppen, von denen es deutschlandweit nur ein knappes Dutzend gibt, legen ihre Regeln selbst fest, also auch, wie sie sich kleiden und welche Ausstattung zum Einsatz kommt. Im Südwesten setzt der Verein eine medizinische Ausbildung für seine HelferInnen voraus.

Die Demosanitäter Südwest sind die bundesweit älteste Gruppe, die sich professionell organisiert. 1997 gegründet, erwachsen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung. Nach Demo-Toten in den 80er-Jahren, auch durch asthmatische Reaktionen nach Reizgaseinsätzen der Polizei, sei deutlich geworden, wie wichtig eine medizinische Erstversorgung bei politischen Protesten sei, erzählt Vlatten.

Welche Bedeutung das Berliner Gerichtsurteil für ihn und seine KollegInnen hat, wird sich erst noch zeigen. Zum einen steht ein Revisionsverfahren aus. Zum anderen ist unklar, ob der Richterinnenspruch überhaupt als Präzedenzfall taugt, da die verschiedenen Demosanitäter-Gruppen deutschlandweit sehr unterschiedlich strukturiert sind. Wenn er und seine KollegInnen in Zukunft verurteilt würden, weil sie die Schutzkleidung tragen, fände Vlatten das nicht nur absurd, sondern gefährlich. Akute Lebensgefahr auf Demonstrationen in Deutschland sei selten, aber eben nicht auszuschließen.

Manche befürchten – vor allem nach den repressiven Reaktionen der Politik auf die G 20-Proteste – ein Sanitäterverbot auf Demonstrationen mit hohem Konflikt- und Verletzungspotenzial soll von der Teilnahme abschrecken. Vlatten hingegen vertraut darauf, dass vor höheren Gerichtsinstanzen im Sinne der Sicherheit für Leib und Leben entschieden wird: "Bei einer unvoreingenommenen Prüfung sollte der Fall klar sein", sagt er.

Job getan.

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