KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Friedensdemo vor dem US Africa Command (Africom) in Stuttgart, 2015. Foto: Joachim E. Röttgers

Friedensdemo vor dem US Africa Command (Africom) in Stuttgart, 2015. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 346
Politik

Töten mit deutscher Hilfe

Von Minh Schredle
Datum: 15.11.2017
Drohnenangriffe der USA töten auch tausende Zivilisten. Der Stuttgarter Journalist Emran Feroz hat in Afghanistan mit Hinterbliebenen geredet. Und er fragt, wo beim außergerichtlichen Todesurteil per Tastendruck die Trennlinie zum Terrorismus verläuft. Der Bundesrepublik wirft Feroz Beihilfe zum Massenmord vor.

Wenn der Himmel aufklart, wächst in Khost die Angst. Im Osten Afghanistans, an der Grenze zu Pakistan, ist der Krieg so alltäglich geworden ist, dass schon Kinder wissen, was eine Predator-Drohne und was ein Apache-Hubschrauber ist. "Wenn die am Horizont auftauchen", berichtet der Journalist Emran Feroz, "fangen die Kleinen panisch an zu schreien, rennen zu ihren Eltern. Viele trauen sich überhaupt nicht mehr, draußen zu spielen." Und diese Furcht, sagt er und stockt, sei leider durchaus berechtigt.

Emran Feroz in Afghanistan. Foto: privat
Emran Feroz in Afghanistan. Foto: privat

Denn während die Drohnenangriffe im US-amerikanischen Militärjargon als "surgical strikes" (Angriffe mit chirurgischer Präzision) dargestellt werden, töten sie regelmäßig Zivilisten, teilweise sogar ausschließlich. All das erwähnt Feroz ruhig und sachlich in einem Stuttgarter Café. Seinen Cappuccino ziert ein Herz aus Milchschaum, das große Stück Schokokuchen vor ihm rührt er eine halbe Stunde nicht an. "Manchmal ist es schon schwer, mit diesem krassen Kontrast klarzukommen", sagt der 26-Jährige schließlich, schweigt kurz, zuckt mit den Schultern. "Aber jemand muss sich ja mit dem Thema beschäftigen." Und das sind nicht besonders viele.

"Als Journalist", erzählt Feroz über seine letzte Reise, "bist du hier inkognito unterwegs." Kaum ein Land sei für Medien unsicherer als Afghanistan. Für seine Recherchen war er zuletzt im vergangenen Mai im Herkunftsland seiner Eltern. Ihnen hat er zu verdanken, dass er neben Deutsch und Englisch die beiden afghanischen Amstssprachen Dari und Pashto beherrscht. Ein großer Vorteil, gerade für seine Recherchen in Khost. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz wird von der paramilitärischen Khost Protection Force (KPF) kontrolliert. "Da verdienst du doppelt so viel wie bei der Armee", berichtet Feroz. Finanziert und ausgebildet wird die Kampfeinheit von der CIA – wobei sich der Geheimdienst nicht scheut, Menschen mit krimineller Vergangenheit zu engagieren und auszurüsten. Diese werden meist vor Ort rekrutiert, sprechen häufig nur den regionalen Dialekt, eine Variante des Pashto, und "merken sofort, wenn du nicht von hier bist", erzählt Feroz. Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er den Grenzposten jedoch glaubhaft versichern, dass er Verwandtschaft besuchen wolle, und ungehindert einreisen.

Feroz: 6000 Zivilopfer durch Drohenangriffe in Afghanistan

Hier spricht Feroz vier Wochen lang mit Menschen wie Abdul Hadi, der sich zunächst verwundert zeigt, dass sich überhaupt jemand um sein Schicksal schert. Hadis Vater, Haiji Delays, Taxifahrer, wurde 2014 durch einen Drohnenangriff getötet, gemeinsam mit vier Weiteren, die in seinem Wagen saßen, als sie die Hellfire-Rakete traf. Abdul Hadi ist 22 Jahre alt, als er die Leiche seines Vaters anhand verbrannter Körperteile identifizieren soll. Später wird er die vage Auskunft erhalten, im Taxi habe "ein Verdächtiger" gesessen. Nach drei Jahren ist Emran Feroz der erste, der an die Haustür seiner Lehmhütte klopft, nur um mit ihm über seinen Vater zu sprechen. Eine psychologische Betreuung erhalten die traumatisierten Opfer so gut wie nie.

Der Tod von Haiji Delays hat es nicht einmal bis in die regionalen Nachrichten geschafft, erzählt Feroz, der gefasst wirkt und dessen Trauer dennoch unverkennbar ist: "Wie viele Menschen den Drohnen zum Opfer fallen, kann niemand mit Gewissheit sagen." Der offizielle Bericht der UN nennt im Jahr mindestens 250 afghanische Zivilopfer durch NATO-Luftangriffe. "In Wahrheit sind es aber deutlich mehr", sagt Feroz. Denn im Bericht aufgelistet werden nur diejenigen Opfer, die in mindestens drei verschiedenen Quellen als solche aufgeführt werden. In vielen Fällen, gerade in provinziellen Gebieten, sei das Militär jedoch die einzige Quelle und spreche meist pauschal von Aufständischen oder Terrorverdächtigen. Feroz rechnet seit Kriegsbeginn 2002 mit 6000 Zivilopfern durch Drohnenangriffe, "mindestens" – also deutlich mehr, als die Terroristen, die getroffen werden sollten.

Blick auf die Stadt Khost. Foto: gemeinfrei
Blick auf die Stadt Khost. Foto: gemeinfrei

Zudem gestaltet sich die kritische Berichterstattung generell als schwierig. Auch für Feroz wird es brenzlig. Als er in Khost ausreisen will, gerät er in eine Grenzkontrolle der KPF. In seinem Auto befinden sich Tonband-Aufnahmen und Notizen über seine Gespräche mit Betroffenen. Genug, um hier in Schwierigkeiten zu kommen. Doch Feroz hat Glück. Diesmal tut er so, als spreche er nur das persische Dari, das in weiten Teilen Afghanistans als Muttersprache erlernt wird, jedoch nicht im Osten. Wegen Verständnisproblemen überträgt der KPFler die Kontrolle einem echten Soldaten, der beide Sprachen beherrscht und Feroz schnell freie Fahrt gibt. Zurück in Deutschland fasst er seine Recherchen in einem Buch zusammen. "Tod per Knopfdruck – Das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte" ist der programmatische Titel. Gerade einmal zwei Monate braucht er, um die 254 Seiten zu verfassen. Doch geht diesem Prozess jahrelange Vorarbeit voraus. Als freier Autor bestückte er bereits verschiedenste Medien, von den "Nachdenkseiten" bis zur "FAZ". Obwohl er in Innsbruck geboren und aufgewachsen ist und in Tübingen Politikwissenschaften und Philosophie studiert hat, ist der gebürtige Österreicher für viele Nachrichtenportale nur "der Afghane", wie er mit dem Hauch eines Grinsens erzählt. "Was mir insofern zugute kommt, dass es nicht viele Journalisten in Deutschland gibt, die aus Afghanistan tatsächlich etwas von vor Ort erzählen können."

Grausame Gleichgültigkeit gegenüber Drohnentötungen

Es ist einer der wenigen Momente im Stuttgarter Café, in denen Feroz länger als ein paar Sekunden lächelt. An keinem geht es spurlos vorbei, wenn er es sich zur Lebensaufgabe macht, über Drohnenkriege aufzuklären und dafür das eigene Wohlergehen aufs Spiel setzt. Doch viel schlimmer als die persönliche Belastung empfindet der Aufklärer die grausame Gleichgültigkeit, mit der westliche Zivilgesellschaften die Perversion der "außergerichtlichen Hinrichtungen", wie er die Drohnentötungen nennt, ignorieren und damit dulden. Es gibt keine Anklage, kein Verfahren. Auf Basis unzuverlässiger Informationen verhängen Piloten aus tausenden Kilometern Distanz das Todesurteil per Tastendruck – im Namen von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. "Es ist, als ob man auf Ameisen tritt", beschreibt Michael Haas, der als Drohnenoperator sechs Jahre lang Menschen tötete, den Druck auf den Knopf. "Es ist ganz einfach Mord", zitiert Feroz den Kölner Völkerrechtler Björn Schiffbauer.

Deutsche Gnade

Was die deutsche Justiz für zivile Opfer in Afghanistan übrig hat, verdeutlicht der Fall Georg Klein. Der Bundeswehroberst hatte 2009 unter wissentlichen Falschangaben Tanklaster in Kundus bombardieren lassen, was neben Talibankämpfern mehreren Dutzend Zivilisten den Tod brachte. Die für Kriegsverbrechen zuständige (und weisungsgebundene) Generalbundesanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. Und führte in einem geleakten Abschlussbericht aus: Selbst wenn "mit der Tötung mehrerer Dutzend geschützter Zivilisten hätte gerechnet werden müssen", hätte das "bei taktisch-militärischer Betrachtung nicht außerhalb jeden Verhältnisses zu den erwarteten militärischen Vorteilen gestanden". Oberst Klein blieb im Dienst, wurde vier Jahre später zum General befördert. Die Hinterbliebenen der Zivilopfer erhielten je 5000 Dollar. Nicht als Entschädigungszahlung, sondern freiwillig und „ex gratia“ (aus Gnaden), wie die Bundesregierung damals betonte. Der Geldtransfer sollte nicht als Schuldeingeständnis interpretiert werden. „Solches Verhalten“, kommentiert Feroz trocken, „hilft nicht dabei, dass der Westen hier als Freund und Helfer wahrgenommen wird.“ (min)

Heute lebt Feroz in Stuttgart-Vaihingen – nur wenige hundert Meter entfernt vom US European Command (Eucom). "Keine Absicht", versichert er, "hat sich halt so ergeben." Gemeinsam mit Africom, das im benachbarten Stadtteil Möhrigen beheimatet ist und wo die berüchtigten Todeslisten, die der amtierende US-Präsident jeden Dienstag per Signatur absegnet, mit Namen bestückt werden, handelt es sich um die einzigen US-amerikanischen Oberkommandos mit Sitz außerhalb der Vereinigten Staaten. Die Fakten dazu – Ausstattung, Mitarbeiterzahlen, Zuständigkeiten – kann Feroz aus dem Effeff herunterrattern. "Aus Stuttgart werden alle US-amerikanischen Einsätze in Europa und Afrika koordiniert – also auch die Bombardements in Libyen und Somalia." Noch entscheidender sei aber die Ramstein Air Base, der "Dreh- und Angelpunkt der Drohnenkriege". Sämtliche Videosignale, die die todbringenden Flugapparate übertragen, werden über einen Satelliten in der Pfalz nach Amerika weitergeleitet. "Ohne Beihilfe aus Ramstein", betont Feroz, "wäre weltweit derzeit kein einziger Drohnenangriff möglich." Sein Urteil ist daher eindeutig: "Deutschland hat ganz klar eine Mitschuld am Massenmord."

Über die Entscheidungsfindung der Drohnenpiloten und -operatoren ist nur wenig bekannt. Das einzige öffentliche Protokoll eines Angriffs, das die "Los Angeles Times" 2011 veröffentlichte, nennt Feroz vollständig verstörend. Einer der Beteiligten trägt den Decknamen Slasher03 ("Messerstecher03"), und auch die Kommunikationsabläufe lassen nicht auf gesteigerte geistige Reife schließen. "Ist das ein verficktes Gewehr?", will der Pilot wissen, als er ein vermeintlich verdächtigen Gegenstand identifiziert. Und als ein Aufklärer betont, er könne das nicht bestätigen, zeigt er sich enttäuscht: "Ich habe gehofft, wir würden ein Gewehr erkennen." Später gibt der Pilot zu Protokoll: "Solange ihr jemanden im Sichtfeld behaltet, den wir abknallen können, bin ich glücklich." Nach dem Einsatz sind mehr als 20 Menschen tot – allesamt Zivilisten.

Jedes zivile Opfer bedeutet Radikalisierung

In seinem Buch nennt Feroz zahlreiche weitere Beispiele, in denen ausschließlich Unschuldige ums Leben kommen. Etwa die Bergarbeiter Qasem Daud und Noor Rahman, die in einem Steinbruch im Feuer der Hellfire-Raketen verbrannten. Tode wie diese verdeutlichen für Feroz, dass "die Drohnenpiloten auf ihren Bildschirmen ganz offensichtlich den Unterschied zwischen einer Kalaschnikow und einem Steinschlaghammer nicht erkennen können." Er hält es mit Noam Chomsky, der die Drohnenkriege der USA als "mörderischste Terror-Kampagne der Gegenwart" bezeichnet.

Predatordrohne mit Hellfire-Raketen im Flug über Afghanistan. Foto: gemeinfrei
Predatordrohne mit Hellfire-Raketen im Flug über Afghanistan. Foto: gemeinfrei

Feroz ist überzeugt, dass sich der Westen mit jedem Zivilopfer weitere Terroristen heranzieht. In einigen Regionen würden die Taliban einen regelrechten Heldenstatus genießen, als Freiheitskämpfer, die Widerstand im Namen des eigenen Volkes leisten. Das sagt er keineswegs sympathisierend, sondern sachlich: "Es erklärt jedenfalls besser, wie Terrorismus entsteht, als der oft unterstellte muslimische Hass auf westliche Freiheiten." 

Indessen vermeldet das Pentagon eine neue Strategie, die helfen werde, den Konflikt zu beenden: "Die Vereinigten Staaten werden deutlich mehr Bomben auf Afghanistan abwerfen", fasst das englischsprachige Millitärmagazin "Defense One" die taktische Neuausrichtung unter Donald Trump zusammen. Tatsächlich sind in dessen noch junger Präsidentschaft die militärischen Befugnisse der CIA bereits bedeutend erweitert worden. Allein im August starteten die Vereinigten Staaten mehr Drohnenangriffe im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet als in der achtjährigen Amtszeit von George W. Bush.

Hoffnung, dass sich in den kommenden Monaten oder Jahren in Afghanistan etwas verbessern wird, hat Emran Feroz kaum. Im Gegenteil. "Der Terror findet immer mehr Nachahmer", sagt er. Neben den USA seien es mindestens 26 weitere Staaten, die inzwischen tödliche Drohnen einsetzen würden. Seine düstere Prognose: "Sowohl in Afrika als auch im Nahen Osten und Asien wird der Tod per Knopfdruck ein Teil des Alltages bleiben." Und solange Massenmorde und Kriegsverbrechen nicht als solche benannt und belangt werden, werde sich daran auch nichts ändern.


Emran Feroz: "Tod per Knopfdruck", Westend, 2017, 254 Seiten, 18 Euro.


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