KONTEXT:Wochenzeitung
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Auf gute Nachbarschaft

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 Fotos: Martin Storz 

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Datum:

Stuttgart ist Dreh- und Angelpunkt für Spione und Drohnenkrieger, so Medienberichte. In den schwäbischen Kasernen der U.S. Army hat der Geheimdienst NSA sein Europa-Hauptquartier, Spezialeinsätze in Afrika werden von hier aus organisiert. Kontext interviewte den Standortkommandeur der Stuttgarter US-Garnison, Colonel John P. Stack: "Wir wollen gute Nachbarn sein, das können Sie glauben."

"Von deutschem Boden soll nie wieder ein Krieg ausgehen", postulierte einst SPD-Kanzler Willy Brandt. Doch offenbar spielt Deutschland längst eine Rolle in weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen, wie die Journalisten Christian Fuchs und John Goetz in ihrem Bestseller "Geheimer Krieg" beschreiben. Demnach führen die Amerikaner von hiesigen Armee-Standorten aus Militärschläge im Ausland durch. Eine zentrale Rolle fällt dabei offenbar der "United States Army Garrison Stuttgart" zu, das  mit dem Oberkommando der US-Streitkräfte in Europa (U.S. European Command, in den Patch Barracks im Stuttgarter Vorort Vaihingen) und dem US-Afrika-Kommando (Africacom, in den Kelley Barracks in Stuttgart-Möhringen) zwei von insgesamt neun Oberkommandos (Combatant Commands) der US-Streitkräfte weltweit verwaltet.

Nach Recherchen von Fuchs und Goetz sollen die Ziele der Drohnenangriffe auf Terroristen in Afrika in der 1500 Mann starken Africom-Zentrale bestimmt werden. Stuttgarts U.S. Army Garrison, inzwischen die letzte verbliebene amerikanische Militärbasis im Südwesten, ist auch Europasitz der umstrittenen National Security Agency (NSA). Offiziell bestätigte die Bundesregierung dies erst im vergangenen Dezember. Kontext berichtete als erstes Medium darüber.

Kontext hatte die Gelegenheit, Oberst John P. Stack zu interviewen, der seit Juli 2012 Kommandeur der United States Army Garrison Stuttgart ist. 

 

Colonel Stack, was genau ist Ihr Job als Standortkommandeur in Stuttgart?

Ich bin wie ein Oberbürgermeister. Die Infrastruktur der fünf hiesigen U.S.-Army-Kasernen liegt in meiner Verantwortung. Auch bin ich dafür verantwortlich, dass es den in diesen Kasernen stationierten Soldaten und deren Familien gut geht. Ich achte darauf, wie die Angehörigen des US-Militärs wohnen und wie sie leben. Die meisten meiner Landsleute sprechen leider kein Deutsch. Wenn sie in eine Bücherei wollen, müssen sie in die gehen, die wir hier in der Kaserne haben. Wenn sie im Kino einen Film in englischer Sprache sehen wollen oder in eine Kirche gehen, in der der Pfarrer auf Englisch predigt, können sie das ebenfalls hier tun. Wir haben Kino und Kapelle auf dem Kasernengelände. Kurz: Ich kümmere mich um die Lebensqualität auf unseren Stützpunkten.

Sie leben hinter Stacheldraht, überwacht von Kameras, in streng abgeschotteten Kasernen ...

... für meine Begriffe haben wir keine abgeschlossene Stadt hier, wir verschanzen uns nicht hinter unseren Zäunen. Die Armeestützpunkte in Deutschland schützen wir auf genau die gleiche Art und Weise, wie wir Stützpunkte in den USA schützen. Nach den Anschlägen des 11. September wurden Militärbasen eine Art Symbol für solche Leute, die uns schaden wollen. Deshalb hat die Politik vorgegeben, Zäune um unsere Einrichtungen zu ziehen. Dennoch: Innerhalb der Stuttgarter Kasernen lebt weniger als ein Drittel der Armeeangehörigen. Über 70 Prozent unsere Leute wohnen in Stuttgart oder den umliegenden Gemeinden. Sie pflegen Kontakte zu ihren Nachbarn, zur deutschen Bevölkerung. Wir tragen draußen eben keine Militärkleidung, da sieht man uns vielleicht nur nicht.

Tatsache ist, dass es keinen freien Zutritt gibt.

Aus Sicherheitsgründen können wir nicht jeden in unsere Einrichtungen hineinlassen. Wir feiern auch in unseren Stuttgarter Kasernen am 4. Juli den amerikanischen Unabhängigkeitstag. Zu der Veranstaltung bringen viele Amerikaner auch deutsche Gäste mit, das geht mit Anmeldung. Oder Sie sollten mal Halloween in den Patch Barracks erleben. Da sind auch viele deutsche Kinder dabei. Wir mögen das. Das gibt uns das Gefühl, gute Nachbarn zu sein. Und wir wollen gute Nachbarn sein, das können Sie glauben. Wir legen viel Wert auf die Freundschaft mit den Deutschen und die Partnerschaft mit Ihnen.

Sehen Sie keine Defizite im Kontakt zu den Deutschen?

Wir haben hier auf der Basis natürlich viele Kontakte auf dienstlicher Ebene. Alle Bauprojekte werden von deutschen Firmen entworfen und gebaut, alle Gebäude werden von deutschen Firmen gewartet. Doch es beschränkt sich nicht auf die Dienstebene. Wir haben in Kornwestheim einen amerikanischen Golfclub, und der hat allein 900 deutsche Mitglieder. Amerikaner schätzen die Deutschen. Wer nach seinem Militärdienst in Deutschland zurück nach Amerika kommt, ist der beste Werbeträger für Deutschland. Die Heimkehrer fahren Porsche, BMW oder Mercedes, nehmen Kuckucksuhren nach Hause mit. Auf der anderen Seite ist es so: Für die meisten Amerikaner ist es eine einmalige Gelegenheit, ein paar Jahre hier zu sein. Die Soldaten, die hier für zwei, drei Jahre, vielleicht für vier stationiert sind, sind im Schnitt älter und höher im Rang als auf einem amerikanischen Stützpunkt. Sie haben mehr Geld zur Verfügung als jüngere Soldaten und sind an den Wochenenden oft auf Reisen. Sie wollen so viel von Europa sehen, wie es geht, bevor sie zurück in die Staaten müssen. Ich selbst war bereits in ganz Süddeutschland unterwegs. Skifahren im Schwarzwald, Weihnachten in Nürnberg, davor in Berlin für ein Wochenende mit meiner Familie.

Momentan ist die deutsch-amerikanische Freundschaft aber eher eingetrübt. Die Deutschen misstrauen dem großen Verbündeten.

Nach meiner Erfahrung ist das Interesse an uns Amerikanern in Deutschland gestiegen. Die Leute sind interessiert, sie fragen, wie uns Deutschland gefällt. Ich bin bisher immer freundlich behandelt worden und bin noch nie einem begegnet, der mich schief angeschaut hätte. In Pakistan, wo ich zuvor stationiert war, wird jeder, der aus dem Westen kommt, wie ein Außenseiter behandelt. Hier ist das anders.

Sie spüren keine Ressentiments? Auch nicht nach den Enthüllungen über die NSA-Abhörpraktiken?

Nein. Aber ich weiß, dass es eine Menge Vorbehalte wegen der NSA-Affäre gibt. Tatsächlich gibt es die gleichen Vorbehalte aber auch in den USA. Dort gibt es eine Menge Bürger mit denselben Sorgen, und die drücken das auch gegenüber unserer Regierung aus. Da geht es um Programme, über die die Leute viel zu wenig wissen. Wir müssen unseren gewählten politischen Vertretern vertrauen, damit richtig umzugehen. Und die Regierung muss zeigen, wie sie das managt. Sie muss die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit für die Bürger finden. Alle Regierungen, egal ob in Deutschland, China oder Indien, suchen diese Balance. So ist die Welt, in der wir heute leben. Aber meine Aufgabe ist es nicht, das zu beurteilen, ich nehme es nur wahr. Aber als Mensch weiß ich, dass diese Sorge alle plagt.

In den Patch Barracks hat die NSA ihr Europa-Hauptquartier, in den Kelley Barracks sitzt Africom. Vor Ort bereitet das Bauchschmerzen. Die Linke-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat fragt: Dürfen die Amerikaner von hiesiger Gemarkung aus einen Drohnenkrieg führen?

Die Kommandostruktur von Eucom und Africom ist ähnlich wie die des deutschen Militärs. Sie untersteht der Politik. Wir haben Diplomaten, Zuarbeiter, die unsere Militärführung über politische Strukturen informieren. Wenn wir nur Generäle in den Hauptquartieren hätten, nur Militär, dann wären wir nicht informiert über die Gesetze der Länder und die Einstellung der jeweiligen Regierung. Diese hochrangigen Kommandos hier erfordern Expertisen aus anderen Teilen unserer Regierung. Und ich denke, das ist gut so. Diplomatie ist ein wichtiger Faktor von Präsident Obamas Herangehensweise an Probleme.

Mancher Lokalpolitiker beklagt, dass Sie nicht nur militärische Aktionen geheim halten. Informieren Sie die deutschen Partner darüber, was Sie in den Stuttgarter Kasernen tun?

Wenn wir etwas bauen, stehen wir mit dem deutschen Bauamt in Verbindung. Wir können keine Schaufel in den Boden stechen, bevor wir nicht die deutschen Stellen informiert haben. Auch wir müssen die Umweltverträglichkeit prüfen, bevor wir ein größeres Projekt beginnen. Schauen sie sich die Tierarten an, die geschützt werden müssen, das braucht wissenschaftliche Expertise. Wenn du kein Experte bist, kennst du den Wert dieser Arten nicht. Ich möchte damit sagen, dass US-Stützpunkte in Deutschland in allem, was sie tun, auf die deutsche Seite angewiesen sind. Wir können hier nicht einfach so unsere eigenen Entscheidungen fällen. Nichts von dem, was wir hier tun, passiert ohne deutsche Zustimmung.

Die U.S. Army gibt Stützpunkte in Deutschland auf. In Baden-Württemberg haben die amerikanischen Soldaten vor kurzem Mannheim und Heidelberg verlassen. Wie sieht die Zukunft des Stuttgarter Standorts aus?

Wir unterstützen in Stuttgart die NATO. Die NATO ist vermutlich einer der bedeutendsten Allianzen für die USA und ich meine auch für die Welt. Das ist eine wichtige Aufgabe, und wir haben nicht vor, unsere Stützpunkte hier zu schließen.

                                                                  ***

Zur Person

 

 

Oberst John P. Stack wurde 1966 in Newark im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Er begann seine militärische Laufbahn 1990 als Infanterieoffizier in Fort Stewart, Georgia. Stack diente während der "Operation Wüstensturm" im zweiten Golfkrieg.

1994 bis 1998 wurde er der 7.  Spezialeinheit der US-Armee zugeordnet. Nach militärischen Tätigkeiten unter anderem als Chef auf Planungsebene im multinationalen Übungszentrum in Fort Polk (Louisiana) und Einsätzen im Rahmen der "Operation Enduring Freedom" in Afghanistan war Stack von 2005 bis 2007 als Einsatzoffizier für das Center for Special Operations auf der MacDill Air Force Base in Florida tätig. Im Rahmen dieser Aufgabe diente er auch im Irak.

2007 bis 2010 war Stack Standortkommandeur von Picatinny Arsenal in New Jersey. Danach besuchte er die Universität für Nationale Verteidigung in Pakistan. Vor seiner Amtseinführung als Standortkommandeur für die United States Army Garrison Stuttgart war Stack als stellvertretender Kommandeur der Aufklärungstruppe des Special Operations Command in Pakistan im Einsatz.

In Stuttgart ist Stack nicht für Kampfeinsätze zuständig, vielmehr kümmert er sich um die 25 000 US-Amerikaner (Soldaten im aktiven Dienst, Zivilangestellte, vertraglich befristete Angestellte sowie deren Familien), die im Großraum Stuttgart stationiert sind. In seinen Tätigkeitsbereich fallen insgesamt fünf Militärstandorte: neben den  Kelley Barracks und den Patch Barracks auch die Robinson Barracks in den Stuttgarter Stadtteilen Zuffenhausen und Bad Cannstatt, die Panzerkaserne in Böblingen sowie das Stuttgart Army Airfield am Flughafen der Landeshauptstadt. Stack hat in seinem direkten Geschäftsbereich der Standortverwaltung über 700 Mitarbeiter.


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9 Kommentare verfügbar

  • CharlotteRath
    am 01.03.2014
    Antworten
    <>
    So wird der Bundeswehr-Luftwaffenchef Generalleutnant Karl Müllner in der Stuttgarter Zeitung vom…
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