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Besetztes Böblingen

Besetztes Böblingen
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Seit der Ausspäh-Affäre der NSA rücken die US-Stützpunkte in Deutschland wieder ins Blickfeld. Auch in Böblingen, 20 Kilometer südwestlich von Stuttgart, gibt es einen. Was dort passiert, wissen die wenigsten, weil sich die Amerikaner wie ein Staat im Staate aufführen. Wie lebt eine Stadt mit 46.000 Einwohnern mit kilometerlangen Stacheldrahtzäunen und einer paranoiden Supermacht in der Nachbarschaft?

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Iannelli Dobrita, Italiener, 43 Jahre alt, in sauberer schwarzer Koch-Uniform, ist gemessen an allen anderen Böblingern am nächsten dran: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten beginnt nur einen Steinwurf entfernt von seinem Restaurant. 80 Prozent seiner Gäste kommen aus der benachbarten Panzerkaserne, er liefert Pizza in das Gelände, das die wenigsten Böblinger je von innen gesehen haben, und auf dem Flyer, der den US-Streitkräften empfiehlt, wo man gut essen kann, steht er an erster Stelle. Dobrita ist so etwas wie ein selbst ernannter Diplomat, ein Vermittler zwischen Böblingern und US-Soldaten, die sich, so sagt er, über die letzten zehn Jahre in seiner Pizzeria grenzübergreifend angefreundet hätten.

Die Landesgrenze in Böblingen verläuft zwischen einer Waldorfschule, der Müllverbrennungsanlage und einer Kleingartenanlage mit Gamsgeweihen an den Holzhäuschen. Von unten drückt sich Böblingen den Berg hinauf, oben auf dem Hügel liegen insgesamt mehr als 800 Hektar USA. Bei gutem Wetter und etwas erhöhtem Stand hat man von Amerika aus einen herrlichen Blick auf die Schwäbische Alb. For Americans only, denn um das ganze Areal sind kilometerweit Zäune gespannt, nur durchbrochen von zwei Straßen, zwei scharf bewachten Eingängen und ein paar geheimen Schlammlöchern, damit zumindest die Böblinger Wildschweine sich ungehindert zwischen dem In- und Ausland bewegen können. Die Panzerkaserne Böblingen ist ein weißer Fleck auf der Landkarte dieser Kleinstadt. Nicht alle sind damit so glücklich wie Pizzabäcker Iannelli Dobrita.

Willi-Reinhard Braumann, Arzt und seit Jahrzehnten CDU-Gemeinderat, sieht keine Berge, wenn er aus dem Fenster schaut. Dafür über die ganze Stadt und, wenn es um die Amerikaner geht, ab und zu schon mal rot. Er sitzt in bester Böblinger Wohnlage einen Kilometer Luftlinie vom US-Zaun entfernt an einem schweren Tisch aus dunklem Holz. Manche sagen, er sei ein Populist, andere finden, er habe recht mit dem, was er sagt, und momentan sagt er: "Wir sind schlicht und einfach einer Besatzungsmacht ausgeliefert. Die machen hier, was sie wollen."

Zwei Welten einer Kreisstadt

Zwei Männer, zwei Meinungen. Und wenn man das auf das Böblinger Stadtgebiet und das der Nachbargemeinde Schönaich ausweiten würde, wären es zwei gespaltene Orte. Da gibt es die einen, die von den Amerikanern auf dem Hügel profitieren, als Zulieferer, Gastronomen oder Vermieter für die Offiziere, die außerhalb der Kaserne leben und satte Mieten zahlen. Und die anderen, die sich mit Kontinente übergreifendem Heckmeck auseinandersetzen müssen.

Bis vor Kurzem waren die US-Streitkräfte in der öffentlichen Wahrnehmung wenig von Belang und die Amerikaner in Böblingen eher Gewohnheit. Erst vor wenigen Wochen gerieten sie in die Schlagzeilen, weil die "Süddeutsche Zeitung" und der NDR aufgedeckt hatten, dass die Amerikaner auf deutschem Boden oft genug an deutschem Recht vorbeiagieren, teils unterstützt von deutschen Behörden. Für die Region besonders brisant: Zwei von fünf weltweit wichtigen US-Oberkommandos sitzen in Stuttgart. In den Kelly Barracks das Afrika Command (Africom), von dort werden unter anderem Drohneneinsätze geplant, bei denen in Afrika Menschen ermordet werden. In den Patch Barracks in Vaihingen das European Command EUCOM und die NSA-Zentrale für Europa.

In der Böblinger Panzerkaserne ist das US-Marine Corps Forces Europe and Africa stationiert, abgekürzt MARFOREUR, und das 1. Batallion der 10th Special Forces Group, die "Green Berets", ein Sondereinsatzkommando, das in Afghanistan und im Irak gekämpft hat. Die Panzerkaserne ist Ausbildungsstätte für Nahkampf und Schießübungen, auch für andere Einheiten von anderen Stützpunkten; zudem die US-Standortverwaltung Stuttgart und zentraler Anlaufpunkt der Angehörigen der US Army in der Region, eine Stadt in der Stadt mit Partnervermittlung, Fitnesscenter, Bowlingbahn. Nebenan im Wald unterhält das Militär ein Übungsgelände mit Nahkampfdorf, um Häuserkampf, Abseilen aus Hubschraubern und Sprengungen zu üben, fünf Schießbahnen und zwei Funk-Sendemasten, mit denen die US-Armee Kontakt mit anderen Standorten hält.

Die Amerikaner seien freundliche Leute, gebildete Offiziere, sagt Iannelli Dobrita, der Wirt aus der Pizzeria. Er hat sein Restaurant Monte Cassino genannt, da kommt er her, und es ist der Berg in Italien, von dem aus die Alliierten den Einzug nach Mitteleuropa begannen, um es von den Nationalsozialisten zu befreien. Es gebe keinen Amerikaner, der diese Schlacht nicht kenne, sagt er. Aus seinem Fenster sieht man die Shopping-Mall "Panzer Exchange", eine der größten in Deutschland, 13 200 Quadratmeter Pizza Hut, Burger King, eine Filiale der Bäckerkette "Sehne" – "authentic German baked goods", Klamottenläden, einer von Käthe Wohlfahrt: Holzdeko aus dem Ergebirge. Drum herum stehen Verwaltungsgebäude, die meisten noch aus dem Zweiten Weltkrieg.

Jeder Böblinger kann ein Spion sein oder ein Terrorist

Die Panzerkaserne gibt es seit 1938, nachdem das Heeresbauamt Stuttgart für das Panzerregiment 8 den halben Böblinger Wald gefällt hatte. Seit Juli 1945 sind dort US-Streitkräfte stationiert. "Aus Feinden waren trotz mancher – auch zukünftiger – Reibungen und Konflikte endlich Partner und Freunde geworden", schreibt die Stadt auf ihrer Homepage. Heute sind es bestenfalls noch Nachbarn, seit dem 11. September abgeschottet und hochgerüstet, mit großen, weißen Zelten vor den Eingängen, bewaffnetem Wachpersonal, das Autos durchsucht, die durch das Tor fahren, und "Top Secret Clearence", was so viel bedeutet wie Unterhaltungssperre, weil, sagt ein US-Soldat, jeder Böblinger auch ein Spion sein könne oder ein Terrorist. Für Sicherheitsmaßnahmen müsse man Verständnis haben. "Immerhin verteidigen wir hier Europa."

Die meisten Böblinger kennen die Kaserne nur von "draußen", den Amerikaner nur als muskelbepackten Jogger oder als einen, der beim Spaziergang plötzlich gut getarnt aus dem Gebüsch auftaucht. Die Böblinger kennen viele Geschichten über ihre "Amis", sie werden skeptisch erzählt, manchmal stolz.

Die Schlägereien in Böblingens ehemaliger Kultdisco Seestudio sind beinahe legendär. Geprügelt wurde im Suff und, so sagt man, weil die Soldaten immer die deutschen Frauen angegraben hätten. Manche erzählen, wie sie die Amerikaner im Klo oder unter den Tischen versteckten, wenn die Militärpolizei kam, um die zu suchen, die nicht dort sein durften. Man erzählt von LSD-Partys in verbotenen Kellern und illegalen Garagenbars, von wildesten Exzessen und gemeinsamen Weihnachtsfesten, als die Böblinger angehalten waren, je einen amerikanischen Freund einzuladen, damit der zum Fest nicht so alleine war. Das war in den Sechzigern und Siebzigern. Die Soldaten damals waren Bodentruppen, Häftlinge - entweder Knast daheim oder Vietnam via Böblingen.

Die alten Böblinger berichten von Waffenschauen in den Fünfzigerjahren, die jüngeren von Bowlingabenden im Offizierskasino, Tagen der offenen Tür, an denen Böblinger Kinder auf US-Panzer kletterten und Böblinger Eltern gut gelaunt Getränke aus Super-Size-Bechern tranken. Aber Bowling im Kasino gibt es nicht mehr, ebenso wenig gemeinsame Feste. 

Entscheidungen fallen in Berlin, Bonn oder im Pentagon

"Die Beziehung zwischen Böblingern, auch Schönaichern, und US-Army nach 9/11", schreibt die Lokalzeitung, "ist geprägt von harten Alleingängen auf der einen und hilflosen Abwehrversuchen auf der anderen Seite." Hubschrauber flögen nachts donnernd übers Wohngebiet, Bäume würden abgeholzt für ein Hotel, die Mall, eine neue Schule. 

Da hat keiner Mitspracherecht, weder der Böblinger noch der Schönaicher Gemeinderat, auf deren Gemarkung die Kaserne liegt. Das Grundstück gehört dem Bund und wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) verwaltet. Zuständig sind je nach Aufgabe Karlsruhe, Wiesbaden, Reutlingen, Bonn, Berlin, Heidelberg, das Pentagon, mit zig Ansprechpartnern, die rasant wechseln und über die Gemeinden hinwegentscheiden. Der jeweilige Gemeinderat wird von Bau- oder sonstigen Vorhaben bestenfalls "in Kenntnis gesetzt", sagt Willi-Reinhard Braumann von der CDU. "Freundschaft geht anders." 

Wenn die Amerikaner bauen wollten, sei die Stadt eben nicht zuständig, sagt Wolfgang Lützner, Böblingens Oberbürgermeister, schlank und sportlich und ein großer Fan der Kaserne in seiner Stadt. Das sei Militärgebiet und da wäre kein Platz für Demokratie. Dafür gebe es enge Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Rettungskräften, sagt er, bei Benefizkonzerten seien die Amerikaner immer die Ersten, die umsonst spielten, die Soldaten und Zivilisten essen und trinken in Böblingens Gastronomie, besuchen die Mineraltherme. Die Amerikaner, sagt Lützner, seien positive Mitmenschen. Er sei erst kürzlich mit seiner Familie für eine Feier auf dem Gelände gewesen. Manchmal fährt er nach Vaihingen, um auf der Schießbahn der Amerikaner zu schießen. In der Panzerkaserne herrsche ein strenges Regiment, weiß er, es müsse ja im Notfall funktionieren. Wobei der Notfall ein Manko ist, sagt sein Pressesprecher, einen gemeinsamen Katastrophenschutzplan gebe es nicht.

Trotz Munitionslager auf dem Gelände. Seit 2005 zieht sich ein Schutzgürtel bis weit über die Schönaicher Ortsgrenze. Wer innerhalb des Gürtels bauen will, braucht – wenn die Wehrverwaltung ihn überhaupt bauen lässt – Splitterschutzwände. "Das Depot muss weg", sagte schon 2004 der heutige Verkehrsminister Winfried Hermann. Wenig später reichte die Gemeinde Klage gegen die Bundesrepublik ein, erst beim Verwaltungsgericht, dann beim Verwaltungsgerichtshof. Erfolglos. Was genau da in welcher Menge gelagert wird, weiß bis heute keiner. Es seien mit Sicherheit keine Atomsprengköpfe, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Lützner und sieht genervt aus.

1000 Böblinger leben im Krieg

Ulrich Durst auch. Er kämpft seit 1995 für ein bisschen Frieden im Wohngebiet Rauher Kapf, rund 1000 Einwohner, erhabene Wohnlage, viel Stille. Durst sitzt in seinem Haus am Waldrand, ein eloquenter Rentner, der viel Zeit hat. Er zeigt auf den Garten mit den sauber gestutzten Hecken und einem weißen Pavillon. Da könne man nicht mehr sitzen, sagt er. Im Hintergrund tut es einen dumpfen Schlag – whummm. "Das ist wie Krieg hier." Am schlimmsten, sagt Durst, seien stundenlange Maschinengewehrsalven. Auch Clemens Binninger, der Böblinger CDU-Bundestagsabgeordnete, hat sich eingeschaltet für ein wenig Ruhe auf dem Rauhen Kapf. Erfolg gleich null. "US-Mühlen mahlen langsam", sagt Binninger und kann eigentlich auch nichts tun außer Briefe schreiben an den Botschafter oder General Breedlove, den ranghöchsten amerikanischen General in Europa. Wolfgang Lützner meint dazu, die Streitkräfte trainierten dort ja aufgrund der Weltlage und nicht aus Jux und Dollerei. Außerdem wäre eben die Frage, was zuerst dagewesen sei: der Schießplatz oder das Wohngebiet, und in diesem Falle sei's halt der Schießplatz gewesen.

Aber eigentlich geht es gar nicht mehr um den Lärm. Über einen notwendigen Schallschutz herrscht seit 2011 Konsens. Die Frage ist nur, wer die drei Millionen zahlt, die die Kassettendecken kosten würden. Für die Deutschen gilt das Verursacherprinzip, die Amerikaner finden, die beiden Gemeinden sollten sich beteiligen, vor allem jetzt, wo der Senat den Wehretat gedrosselt hat und die Verteidigung Europas nur noch an vier statt an fünf Tagen passiert. 

"Aber 60 Millionen für eine Schule ausgeben", ätzt CDU-Gemeinderat Braumann und meint das neue Schulzentrum mit Grundschule und Highschool, das im Böblinger Wald entsteht. Mit der Gründung von Africom ist auch die Personaldecke gewachsen, und die Schulen an anderen Standorten sind überlastet. 1260 Kinder soll sie aufnehmen. 300 Autos täglich mehr werden erwartet, 28 Schulbusse jeden Tag. Die Schule wird einen Sportplatz bekommen, eine Mensa, einen Busbahnhof. Damit die Busse nicht über die Landesstraße fahren müssen, haben die Amerikaner extra einen Tunnel unter ihr hindurchgegraben, all das trotz ausgewiesenem Fauna-Flora-Habitat-Gebiet und einem archäologischen Grabhügel.

Fünf Hektar Wald wurden für die Schule gerodet. Sie müssen bei Horb auf einem alten Bundeswehrgelände als Ausgleich wieder angepflanzt werden. "Kasernenflächen-Rochade", sagt man in Horb dazu, denn die Stadt am Neckar war etwas überrascht, als ein Gemeinderat im November 2012 in der "Böblinger Zeitung" über den neuen Horber Baumsegen las. Gewusst hatte dort keiner etwas, und eigentlich war die Ausgleichsfläche schon anderweitig verplant. Aber warum soll es den Horbern in Sachen Mitsprache anders gehen als den Böblingern? Willi-Reinhard Braumann sagt: "Die zeigen uns hier, dass sie die Macht über ganz Europa haben."

Iannelli Dobrita, der Wirt aus dem Monte Cassino, freut sich, dass die Eltern der 1200 neuen Schüler womöglich auch zu ihm zum Essen kommen.


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12 Kommentare verfügbar

  • Felix Kauffmann
    am 04.10.2014
    Antworten
    Schade wie man gegenüber den Amerikanern, nur weil sie keinen Tag der offenen Tür mehr veranstalten oder im allgemeinen wegen Schießlärm ablästern kann. Es sieht doch so aus, wäre der Amerikaner nicht hier dann wäre es immer noch der Russe und wie es in der DDR aussah wissen ja wohl viele. Fanden…
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