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Land der Widersprüche

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Während die NSA im Ausland in Computer und Telefone kriecht, warnen die US-Regierung und die Heimatschutzbehörde ihre Bevölkerung jedes Jahr im Oktober den ganzen Monat lang vor Computerkriminalität: Der "National Cyber Security Awareness Month" feierte 2013 sogar seinen zehnten Geburtstag. Auch Stuttgart hat mitgemacht.

Am 30. September, dem Tag, als in Deutschland gerade bekannt wurde, dass der Geheimdienst NSA nicht nur im Netz spioniert und Telefone abhört, sondern all das Gefundene mit Bank-, Flug- und Versicherungsinformationen zu Personenprofilen verknüpft, eröffnete Barack Obama in den USA den "National Cyber Security Awareness Month" – den "Nationalen Internet-Sicherheits-Bewusstseins-Monat".

Das Internet, steht in der dazugehörigen Presseerklärung des Weißen Hauses, würde der Mensch ja mittlerweile überall und immer nutzen: "From communicating with colleagues, friends, and family across the globe to banking and shopping without leaving our homes" – von Kommunikation mit Kollegen, Freunden, Familien weltweit bis zum Online-Banking und Einkaufen von zu Hause, die Welt würde immer digitaler, der digitale Fortschritt sei kaum aufzuhalten. Aber: Online-Sein sei gefährlich, wenn man nicht aufpasst, meint Obama, und deshalb sei es besonders wichtig, den Cyberspace sicherer zu machen – "im Jahre des Herrn 2013 und im 238. Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit". 

Der "National Cyber Security Awareness Month" ist seit 2004 immer im Oktober, gesponsert unter anderem von den Super-Datenkraken Google und Facebook, organisiert vom Department of Homeland Security.

Er soll, so die Heimatschutzbehörde, Zivilbevölkerung und Wirtschaft gegenüber Computer-Kriminalität sensibilisieren und sie befähigen, sich gegen Identitätsbetrug im Netz zu schützten. Gegen Ideenklau, jedwede Hackerangriffe im Allgemeinen und Besonderen, gegen Wirtschaftsspionage, Diebstahl geistigen Eigentums, natürlich gegen Ausspähung und cyberkriminelle Handlungen in sozialen Netzwerken, Bankdatenklau, Viren, und gegen jegliche Form des Terrorismus. Für die, die sich immer noch nicht bewusst sind, wie das Internet das Leben beeinflusst, hat die Homeland Security sogar eine interaktive Grafik zusammengestellt.

Die Kampagne heißt "Stop.Think.Connect.", beworben mit Videos wie dem "Cyberspace Rap" für Kinder oder mit solchen, in denen sprechende Zeigefinger mit aufgemalten Gesichtern nochmal gründlich überlegen, bevor sie auf eine App niedersinken. Sie ist mit Events und Vorträgen überall unterwegs, an Grundschulen und Unis, in Firmen, installiert Anti-Virus-Programme, Anti-Späh-Programme, Online-Banking-Sicherheitssoftware. Die Homeland Security hat ein Quiz zum Thema ausgelobt, am Campus des polytechnischen Instituts der New York University fand "das weltweit größte Cyber-Security-Event" überhaupt statt, die "Cyber Security Awareness Week" im "Cyber Security Awareness Month", die Studenten vom ganzen Kontinent vereinte in Spielen, Forschung und Lehre zum Sicherheitsthema. Das FBI macht mit bei der Kampagne, eine Reihe Unternehmen und nicht zuletzt die US-Militärstandorte, auch die in Deutschland. Der Kommandeur der Kasernen in Stuttgart und Böblingen, Colonel John P. Stack, hat ein Video produzieren lassen, in dem er erklärt, wie wichtig es ist, sein Smartphone vor Zugriffen von außen zu schützen (siehe Angela Merkel).

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Das FBI, das waren übrigens die, die den Betreiber des Mailanbieters Lavabit Monate lang bedrängten, den Generalschlüssel zur Überwachung aller dort gelisteten Email-Konten rauszurücken. Natürlich wollten sie in erster Linie den Zugang zu Edward Snowdens Mail-Account. Der Betreiber gab irgendwann auf, hat seinen Dienst mittlerweile eingestellt und ist pleite.

Wie auch immer, der Nationale Internet-Sicherheits-Bewusstseins-Monat dauerte sogar fünf Wochen. Und er hatte ein straffes Programm:

Woche eins: Ausblick auf die Sicherheit und Entwicklung in den kommenden zehn Jahren.

Woche zwei: mobile Online-Sicherheit, Hot-Spots, Smartphones, Tablets. 

Woche drei: nächste Online-Generation zur Aufmerksamkeit gegenüber Computer-Kriminalität erziehen.

Woche vier: Was ist eigentlich Computer-Kriminalität? Und wovor muss man sich schützen? "Gegen Diebstahl, Betrug und Missbrauch online!", twitterten die Abhörspezialisten von der NSA in einem Werbe-Tweet für die Aktion am 22. Oktober, kurz nachdem bekannt wurde, das selbige ihr Ohr auch an französische Netz-Knotenpunkte halten.

Woche fünf: Zum Abschluss gab's noch eine Konferenz samt Diskussion, hochkarätig besetzt, unter anderem mit dem Vizedirektor von Booz Allen Hamilton, der Firma, bei der Edward Snowden angestellt gewesen war, und General Keith Alexander, dem Director der NSA.

Das alles war im Oktober. Am 28. Januar geht's weiter mit der amerikanischen Online-Sicherheit, da ist nämlich "Data Privacy Day" – Untertitel: "Respecting privacy, safeguarding data, enabling trust".

Die "Washington Post" hat übrigens Anfang November herausgefunden, dass die Homeland Security wohl die eigenen Sicherheitstipps nicht befolgt. Eine Evaluation innerhalb der Behörde hat gezeigt, dass ihre Sicherheitssysteme marode, zumindest schon lange nicht mehr upgedatet wurden. Selbst die Top-Secret-Abteilung war nur zweifelhaft geschützt gegen Spionage und Terror. Als hätte man in den vergangenen paar Monaten nicht in aller Ausführlichkeit demonstriert bekommen, wie wichtig es ist, sich gegen Netzzugriffe von außen zu schützen.


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