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Zugedrohnt

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Kurz vor der heißen Phase des Weihnachtsgeschäfts kündigt der Online-Händler Amazon an, Pakete irgendwann mal mit Drohnen auszuliefern – und fast alle Medien fallen auf die PR-Luftnummer rein. Damit dürfte das US-Unternehmen auch sein Image in Deutschland verbessert haben, das zuletzt durch fragwürdige Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne Kratzer bekommen hatte.

Da dürfte der Champagner im Amazon-Hauptquartier in Seattle im US-Bundesstaat Washington in Strömen geflossen sein. So einen PR-Coup, wie ihn Unternehmensgründer Jeff Bezos am vergangenen Sonntag (1. Dezember) lancierte, landet man nicht jeden Tag. Selbst die Vermarktungs-Gottheiten von Apple und Microsoft sehen da ganz schön alt aus.

Was war geschehen? Kurz vor Beginn der heißen Phase des weltweiten Weihnachtsgeschäfts hatte Jeff Bezos in einer Show des amerikanischen TV-Senders CBS verraten, dass der Konzern an eigenen kleinen Fluggeräten arbeite. Mit den automatischen Mini-Drohnen wolle der Online-Händler in einigen Jahren Bestellungen zustellen. Die Idee sei, dass die "Octocopter" bestellte Ware binnen 30 Minuten zum Käufer zu bringen, plauderte der Amazon-Chef in der Sendung aus. Bezos schränkte zwar ein, dass noch weitere Tests und Zulassungen der Luftfahrt-Behörde FAA nötig seien. Er rechne allerdings damit, die Zustell-Option in vier bis fünf Jahren anbieten zu können. Einen Namen für den Service hat er bereits: "Prime Air".

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht vom revolutionären Drohnen-Paketdienst über den Globus. Nachrichtenagenturen vertickerten sie weltweit an Fernseh- und Radiosender, Zeitungen, Zeitschriften und Internetportale weiter. In Deutschland berichteten am Montag (2. Dezember) von der "Augsburger Allgemeinen" bis zum  "Spiegel" fast alle Medien ausführlich darüber. Der Amazon-Luftikus wurde über Stunden in Radio- und TV-Nachrichten vermeldet. Computer- und Logistik-Spezialisten meldeten sich zu Wort, die mit ernster Miene Chancen und Risiken des Luftlieferdienstes abwogen. Börsenanalysten analysierten die wirtschaftlichen Aussichten für den Versandhändler. Innerhalb von zwei Tages hatten bereits über sieben Millionen Menschen das knapp einminütige Youtube-Video vom Amazon-"Octocopter" gesehen, auf das fast alle Online-Nachrichtenportale wie selbstverständlich verlinkt hatten.

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Kaum eine Redaktion weltweit kam auf die Idee, Jeff Bezos Aussagen näher zu hinterfragen. Warum plauderte der Amazon-Chef ausgerechnet am ersten Advent die Neuigkeit aus? Und wie realistisch ist eigentlich ein Drohnen-Dienst? Müssen wir uns alle bald einen Landeplatz im Vorgarten oder auf dem Balkon anlegen? Und was passiert, wenn am Heiligen Abend die Last-Minute-Drohnen von Amazon, Otto-Versand und DHL über dem heimischen Luftraum kollidieren – und die heiß ersehnten Weihnachtsgeschenke (Krawatte für ihn, Negligé für sie, Smartphones für den Nachwuchs) in einem Feuerball verglühen? Als passende Antwort auf diese unbeantworteten Fragen fiel uns nur Folgendes ein:

Jeff Bezos selbst und/oder seine PR-Berater sind ganz gerissene Werbe- und Marketing-Schlitzohren. Schließlich läuft gerade das Weihnachtsgeschäft weltweit an, und dies ist bekanntlich die umsatzstärkste Zeit im stationären wie im Online-Handel. Da sorgt die inflationäre Verbreitung des eigenen Unternehmensnamens mitunter für einige Hundert Millionen Euro Umsatzzuwachs. Auszahlen tut sich die gigantisch geile Marketingstrategie gerade auch in Deutschland, wo der Online-Händler wegen mieser Löhne und Arbeitsbedingungen zuletzt keine gute Figur abgab.

So beschäftigt der Online-Händler in seinen neun deutschen Logistikzentren etwa 9000 Mitarbeiter und zusätzlich 14 000 Saisonarbeiter. Jüngst legten rund 1000 Mitarbeiter in Bad Hersfeld und Leipzig die Arbeit nieder, um eine Bezahlung durchzusetzen, wie sie im Einzel- und Versandhandel üblich ist. Amazon lehnte jedoch Tarifgespräche ab und zieht es vor, sich an der geringeren Bezahlung in der Logistikbranche zu orientieren.

Der Erfolg des Drohnen-Märchens ist zugleich aber auch ein Armutszeugnis für viele Medien. So wie sie inzwischen mit angeblichen Nachrichten oder Testberichten ungeniert kostenlos Werbung für Smartphones und Tablets genauso wie für Autos machen, verbreiten sie ungeprüft auch den neuesten Drohnen-Quatsch. Hauptsache, die Meldung ist hip.

Die Kontext-Redaktion hat daraus die Konsequenzen gezogen. Wir bieten im neuen Kontext-Shop in wenigen Jahren einen exklusiven 3-D-Drucker samt leistungsfähiger Software an, der selbst Krawatten, Negligés und Smartphones am Heiligen Abend drucken kann. Und damit aufsehenerregende Drohnen-Paketbomber für immer überflüssig macht. Fehlt nur, dass "Tagesschau" und "Spiegel online" darüber berichten.


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2 Kommentare verfügbar

  • gerd
    am 05.12.2013
    Antworten
    Da Kriegs-Drohnen / Killer-Drohnen bereits dröge dröhnen ... eine

    US Drohnen in Deutschland: MQ-5B “Hunter” werden ab Montag Übungsflüge in Bayern absolvieren
    https://netzpolitik.org/2013/us-drohnen-in-deutschland-mq-5b-hunter-werden-ab-montag-uebungsfluege-in-bayern-absolvieren/

    Somalia:…
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