2016: "Schlussakkord dem Drohnenmord", Afrikom Stuttgart. Zur Fotoreportage auf das Bild klicken.

2016: "Schlussakkord dem Drohnenmord", Afrikom Stuttgart. Zur Fotoreportage auf das Bild klicken.

Ausgabe 283
Schaubühne

Mozart gegen Drohnenmord

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 31.08.2016
Seit 30 Jahren gibt es das Orchester Lebenslaute. Ein Zusammenschluss von Musikerinnen und Musikern, die ihre Kunst zur Protestform erhoben haben. Jedes Jahr einmal spielen sie ein großes Konzert mit Chor, immer dort, wo Unrecht geschieht. Ein Jubiläumskonzert vor der US-Kommandozentrale für Afrika, in den Stuttgarter Kelley Barracks. Dort werden Todeslisten für Drohneneinsätze erstellt. Eine Fotoreportage.

"Ooooch!" macht eine Frau, als der Polizist mit dem Anti-Konfliktteam-Westchen über das Transparent am Boden latscht. Der hebt verschreckt den Fuß von der gemalten Geige, die da eine schwarze Drohne in zwei Hälften zerbricht. "Entschuldigung", sagt er "hab ich gar nicht gesehen." Die Frau lächelt verzeihend, der Polizist zerknirscht, im Hintergrund steigt eine Tonleiter aus einem Fagott in den Himmel, die Montagmorgen-Sonne schiebt ein paar störende Wolken zur Seite und schickt leuchtende Lichtreflexe auf den Stacheldraht, der sich da über den Zaun vor der US-Militärbasis spannt und deutschen Asphalt von amerikanischer Wiese trennt.

Nahezu romantische Stimmung vor den Kelley Barracks in Stuttgart-Möhringen zum "Schlussakkord dem Drohnenmord", das Jubiläumskonzert des Orchesters Lebenslaute. Das sind rund 300 Laien- und Profimusiker aus ganz Deutschland, die ihre Musik nicht nur dem Amüsement verschrieben, sondern sie zur Protestform erhoben haben. 80 davon sind nach Stuttgart gekommen.

2010: "Geigentöne statt Kriegsgedröhne". Truppenübungsplatz in Colbitz. Foto: Lebenslaute
2010: "Geigentöne statt Kriegsgedröhne". Truppenübungsplatz in Colbitz. Foto: Lebenslaute

Ulrich Klan ist 63, ein kompakter Mann aus Wuppertal mit langer Widerstandsgeschichte und einer kleinen blauen Geige, die an seinem Ohr baumelt. Die trägt er, seit er vor 30 Jahren mit einer Gruppe Musiker vor den Toren der Mutlanger Heide gegen die Stationierung von Pershing-Raketen angespielt hat. Er ist Musik- und Politiklehrer, freier Musiker mit diversen Bands, Geiger, seit er sechs Jahre alt ist, und einer der Gründungsmitglieder dieses besonderen Orchesters. "Klassische Musik ist die feinste und edelste, die es gibt", sagt er. "Sozusagen eine schönheitsorientierte Widerstandsform." Er lächelt. Damen und Herren mit Strohhüten, Transparenten und Friedensfahnen formen sich währenddessen auf Bierbänken zu einem adäquaten Publikum. Etwa 200 Menschen sind zum Konzert gekommen. 

Musikalische Vollblockade seit sechs Uhr morgens

Seit 1986 setzen sich Ulrich Klan und die Lebenslaute jedes Jahr einmal mit großem Ensemble und Chor für Umweltschutz ein, für Menschenrechte, gegen Krieg und für Frieden, überall dort, wo Ersterer geführt und Letzterer vergessen wird. 2013 haben sie vor dem Abschiebegefängnis in Eisenhüttenstadt gespielt, 2012 in Oberdorf vor dem Heckler-&-Koch-Werk, sie waren in Wackersdorf und Gorleben, haben vor Truppenübungsplätzen und Frontex Konzerte gegeben, in Brandenburg vor Maisfeldern "lieber wild musiziert als genmanipuliert!" und 1999 vor dem AKW Biblis die "Abschiedssymphonie an die Atomenergie" gespielt, immer in Zusammenarbeit mit lokalen Aktionsgruppen. In Stuttgart mit dem "Aktionsbündnis Africom und Eucom schließen", dem "Friedensbündnis Esslingen", "Ohne Rüstung Leben", den "Anstiftern" und der "Volxküche München". Das Motto: "klassische Musik – politische Aktion".

Schon seit sechs Uhr sind die Aktivisten rund um die Kaserne unterwegs. Sie haben alle Eingänge blockiert, bis kein Soldat mehr hineinkonnte, haben sich wegtragen lassen, Platzverweise kassiert. Nun sitzen sie hier, stimmen in schicken Blusen und Röcken, in schwarzen Anzügen und weißen Hemden ihre Waffen gegen das anonyme Morden, das nur wenige Meter hinter ihnen geplant wird. Eine Demonstrantin geht vorbei und reckt ihr Transparent in die Höhe: "No more Murder by Drones!", steht drauf.

Zwei Soldatinnen und ein Soldat in sandfarbenem Tarnfleck stehen hinterm Zaun, amüsiert und neugierig. Überall auf der Welt demonstrieren Leute vor US-Basen, sagt der Soldat. Aber hier, vor den Toren seiner Kaserne, seien es sonst nur eine Handvoll. Eine Frau schiebt den dreien das Programmheft durch den Zaun. "Die spielen gleich ein Konzert?", fragt der Soldat. "Really?" So was habe er ja noch nie erlebt. Ja, really, sogar eines mit Chor.

2013: "Aufspielen statt abschieben", Bundesinnenministerium in Berlin. Foto: Lebenslaute
2013: "Aufspielen statt abschieben", Bundesinnenministerium in Berlin. Foto: Lebenslaute

Kirsten singt mit. Sie ist 51, kommt aus Bremen und ist seit sechs Jahren dabei. Letztes Jahr, erzählt sie, bei "Andante an der Kante", der Blockade des Braunkohletagebaus in Hambach, seien sie über eine selbst gebaute Rutsche über eine Böschung aufs abgesperrte und nahezu lückenlos polizeibewachte Gelände gerutscht. Die Krankenschwester grinst breit: "Es war supertoll, da reinzukommen und da drin Musik zu machen", sagt sie. Kein Radau-Protest, keine Chaoten, kein Geschrei, stattdessen Beethoven, 1. Satz, Allegro ma non troppo, der 6. Sinfonie op. 68 F-Dur. Sie klemmt ihr pinkfarbenes Notenheft unter den Arm und verschwindet in der Reihe der Choristen, die sich hinter den Musikern aufgestellt haben.

Geigen säuseln leise, ein Kontrabass bumpert, Susanne, 20, demnächst Bio-Studentin aus Tübingen und zum ersten Mal bei den Lebenslauten dabei, bläst einen kehligen, hellen Ton aus ihrer Klarinette. "Ich find's toll, dass man Musik so einsetzen kann", sagt sie. "Es ist wichtig um jedes Menschenleben, deshalb ist es wichtig, dass ich hier sitze und gegen den Drohnenkrieg demonstriere." 

"Ladys and Gentlemen behind this fence!" 

"Hinter uns in den Kelley Barracks werden Todeslisten erstellt und Morde geplant!", ruft die Rednerin ins Mikrofon. "Wir fordern: Afrikom schließen, Ende der Exekutionen durch Drohnen!" Die Musiker setzen Bögen und Finger an, holen Luft zu Mozarts Requiem, der Totenmusik der katholischen Liturgie, untermalt durch das Klappern und Rücken von Hamburger Gittern, die Polizisten im Eingang zur Kaserne aufbauen.

"Ladys and Gentlemen behind these fence!", übersetzt ein Mann die Rede seiner Vorgängerin. Man möchte sich doch einmal Gedanken darüber machen, was in der eigenen Kaserne so los sei. Nicht als Soldat, sondern als Mensch! "Denken Sie einmal darüber nach." Weiter geht's mit Wolfgang Pasquay: "Über den vier Städten / kreisen die Jagdflieger / der Verteidigung / in großer Höhe / damit der Gestank der Gier und des Elends / nicht bis zu ihnen hinaufdringt."

2015: "Andante an der Kante", Braunkohlerevier Rheinland. Foto: Lebenslaute
2015: "Andante an der Kante", Braunkohlerevier Rheinland. Foto: Lebenslaute

Fotografen schießen klickend Bilder, Kameras zeichnen Gesang und Musik auf, RedakteurInnen schreiben Steno, Radio-Macher halten Mikrofone hin – Sommerloch-Thema in Möhringen. Einer rollt ein verspätetes "Drohnenkrieg stoppen"-Plakat auf dem Boden aus, Vögel zwitschern im Wald auf der anderen Straßenseite, eine bunte Friedensfahne flattert durch die Luft, das Publikum lauscht, selbst die vielen Polizisten gucken ein wenig gerührt. "Mal was anderes", sagt auch Polizeisprecher Tomaszewski und diktiert einer Redakteurin in den Block, wie friedlich die KollegInnen die Blockierenden samt Geigen und Blockflöten am frühen Morgen davongetragen haben.

"Ordnungshüter haben ein Riesenproblem mit uns", sagt Ulrich Klan, der Musiker mit der Geige am Ohr und lächelt. "Denn so etwas Schönes knüppelt man nicht." Dann erzählt er, wie sie einmal gegen den mittlerweile gekippten Truppenübungsplatz Wittstock, das Bombodrom, in Brandenburg angespielt hatten. Mitten auf dem Gelände. Und wie die Cellistin damals die vielen Demonstranten, das Publikum, aufrief, doch auch auf das Gelände zu kommen. "Und plötzlich kletterten bestimmt 2000 Menschen über die Zäune. Das war toll", sagt Klan. "Da sieht man: Mit unserer Musik können wir manchmal Zäune überwinden." Die kleine blaue Geige baumelt an seinem Ohr, als würde sie nicken.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!